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Kommende Buchkritiken
Interview mit...
...Jörg Rohleder
Cool:
Autor Jörg Harlan Rohleder
"Ich komme daher, wo die Fahrspuren einspurig, die Nummernschilder zweistellig und die Telefonnummern dreiziffrig sind – das ist Vorstadt!"
Mit Booksection im Gespräch: Roman-Autor Jörg Rohleder über "Lokalhelden".
Booksection.de: Wundert es dich ein wenig, dass dir nun eine
Frau gegenüber sitzt, die dein Buch gelesen hat?
Jörg Rohleder: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte
nicht explizit ein Jungsbuch schreiben, aber „Lokalhelden“ ist eben
ein Coming-of-Age-Roman aus männlicher Sicht. Wenn ich über das Erwachsenwerden
eines männlichen Protagonisten schreibe, dann kommen eben eher Jungsthemen
drin vor. Naturgemäß interessieren sich also auch Frauen dafür.
(lacht)
Booksection.de: Wen soll dein Buch ansprechen?
Jörg Rohleder: Die Zielgruppe sind Leute, die jetzt jung
sind oder Leute, die in den 90er Jahren jung waren und sich jetzt wieder an
ihre Jugend erinnern wollen. Ich glaub, das schafft dieses Buch. Ich glaube
auch, dass der Ort relativ egal ist. Echterdingen steht stellvertretend für
irgendeine Vorstadt – das könnte auch bei Hamburg oder Köln
sein. Ich glaube fast, dass jeder diese Jugend in der Vorstadt kennt: Man sitzt
im Bus, fährt irgendwo hin, geht auf eine schlechte Party, aber es ist
eben die Einzige, die ist... "Lokalhelden" funktioniert universell
für die Westdeutsche Jugend. Wie es im Osten lief, kann man wunderbar in
"Als wir träumten" nachlesen.
Booksection.de: Würde man MTV gegen YouTube austauschen,
könnte „Lokalhelden“ dann auch im neuen Jahrzehnt funktionieren?
Oder erzählt „Lokalhelden“ eine Geschichte, die nur auf die
Jugend in den 90er Jahren zugeschnitten ist?
Jörg Rohleder: Nein, überhaupt nicht. 17-Jährige
werden heute mit den gleichen Problemen konfrontiert wie wir damals. Deshalb
habe ich versucht, die Geschichte möglichst universell zu halten. Ich wollte,
dass „Lokalhelden“ nicht nur für Leute aus den 90ern und aus
dem Großraum Stuttgart interessant ist. Dennoch hat das Buch einen bestimmten
Soundtrack und der ist typisch 90er.
Booksection.de: Was macht das Heranwachsen eines Jugendlichen
in den 90er Jahre so besonders? Oder anders gefragt: Was hat dich dazu bewogen
deinen Debütroman in dieser Zeit spielen zu lassen?
Jörg Rohleder: Weil ich in der Zeit groß geworden
bin. Es ist einfacher über etwas zu schreiben, das man kennt. Die 90er
Jahre sind für mich nicht gleichbedeutend mit den Jahren 1990 bis 2000.
Sie beginnen meiner Meinung nach mit dem Mauerfall und enden mit dem Sturz der
Zwillingstürme.
Was die 90er Jahre ausmacht? Zum einen natürlich die Tatsache, dass es
zwar ein politisches Jahrzehnt war. Es gab den Golfkrieg, den Balkankrieg. Dennoch
war der amerikanische Präsident wegen eines Blow-Jobs wochenlang in der
Presse. Irgendwie war Popkultur in den 90er Jahren wichtiger als Politik. Das
soll jetzt nicht so klingen, als ob wir eine desinteressierte Generation gewesen.
Aber es war definitiv ein Jahrzehnt, der relativen Entspannung. Die großen
Fragen hatte die Generation vor uns geklärt. Gegen Atomkraft zu demonstrieren
war nicht das Thema der 90er Jahre. Wir haben gegen Mölln und Rostock,
gegen Nazis demonstriert. Aber die großen Kämpfe, die Generationen
vor uns ausgezeichnet oder definiert habe, die gab es für uns nicht.
Rückblickend werden die 90er Jahre wohl als ein sehr hedonistisches Jahrzehnt
in die Geschichte eingehen und auch als eines, das der Welt und meiner Generation
deutlich mehr Chancen geboten hat. Ich erinnere mich noch an die Abiturrede
unseres Direktors. Damals meinte er, dass wir alles werden können: Astronauten,
Kanzler oder Nobelpreisträger. Wer heute Abitur macht, weiß, wie
man Bewerbungen schreibt.
Booksection.de: Hattet ihr es damals einfacher, als die Jugend
heute?
Jörg Rohleder: Mit dem echten Leben wurden wir in der
Schule nicht belangt. Wir haben tatsächlich nie gelernt Bewerbungen zu
schreiben, wir haben keine Praktika gemacht, wir hatten keine Zukunftsangst.
Ich glaube, dass sich junge Leute heute nach dem Abitur deutlich mehr Gedanken
machen, als wir es mussten. Wir studierten, weil man das eben machte. Und zwar
das, worauf wir Bock hatten. Und es war wirklich scheißegal, dass es in
dem Bereich vielleicht gar keine Jobs gibt. Heute ist die Jugend viel disziplinierter
und auch viel zielgerichteter, damit am Ende auch wirklich ein Job dabei herauskommt.
Oder eben wieder nur ein Praktikum. Wir kannten solche Sorgen nicht. Meine Eltern
waren damals schon froh, dass ich nie verhaftet wurde (lacht) und nie eine Klasse
wiederholen musste. Heute sorgen sich Eltern permanent um die Zukunft der Kinder
und das spüren die natürlich.
Booksection.de: Diese Schwerelosigkeit der 90er Jahre drückt
sich auch in der Sprache des Romans aus...
Jörg Rohleder: Beim Schreiben habe ich versucht, komplizierte
Konstruktionen weitgehend zu vermeiden. In „Lokalhelden“ gibt es
keine tiefen inneren Monologe, auch keine Landschafsbeschreibungen. Außerdem
habe ich erst gar nicht versucht, die Sprache zu treffen, die wir damals gesprochen
haben. Am wichtigsten war mir, dass die Protagonisten des Buches nicht all zu
schlau rüberkommen. Ich wollte keinen 17-Jährigen, der die Lebenserfahrung,
was auch immer diese sein könnte, eines Mittdreißigers raushaut.
Das ist unglaubwürdig und passt nicht zu der Geschichte. Ich wollte eine
Sprache, die ohne mundgeblasene Adjektive und mit kurzen Sätzen das sagt,
was sie sagen will. Vielleicht wirkt die Sprache von „Lokalhelden“
auch wie aus einem Guss, da ich nur dreieinhalb Monate Zeit hatte, das Buch
zu schreiben.
Booksection.de: Dinge, die man irgendwann zum ersten Mal
erlebt, prägen und verfolgen einen häufig das ganze Leben. Schmall,
Ennie, Wolle und Konsorten erleben viele Dinge zum ersten Mal. Was glaubst du,
prägt deine Protagonisten unter dem Strich am Meisten?
Jörg Rohleder: Als ich 13 oder 14 war, bin ich von der
Schule nach Hause gekommen und bin erst mal mit meinen Kumpels skaten gegangen.
Irgendwie haben wir uns selbst erzogen. Die Eltern waren nicht so wichtig. Sie
spielen daher auch in meinem Buch nur eine Nebenrolle. Ich glaube, dass mich
das Netzwerk aus Freundschaften damals tatsächlich am Meisten geprägt
hat. Natürlich war auch Musik für uns prägend. MTV war unser
Marshallplan: Deshalb wollten wir Englisch lernen. Durch MTV wurde Fernsehen
plötzlich cool. Davor war es mir relativ egal, dass wir zuhause nie einen
Fernseher hatten. Das Tolle an MTV war, dass es Zapping überflüssig
gemacht hat. Normalerweise ist es doch so, dass man sich durch alle langweiligen
oder halb-langweiligen Programme zappt, bis man endlich etwas viertellangweiliges
findet. Bei MTV kann man Céline Dion aushalten, weil man weiß,
dass in drei Minuten wieder etwas anderes kommt.
Im Endeffekt war Popkultur die Möglichkeit auch in einer Vorstadt den Anschluss
zur Welt nicht zu verlieren
Booksection.de: Es gibt ein paar spezielle Dinge in deinem
Roman, die eine besondere Rolle spielen und innerhalb der Geschichte auch immer
wieder auftauchen: Nirvana, MTV, eine Aral Tankstelle....
Jörg Rohleder: Ich bin auch heute noch froh darüber,
dass wir überhaupt eine Aral hatten. Bier, Papers, Tabak... Es gibt Vorstädte,
die nur Bushaltestellen haben an denen man abhängt, oder einen Bahnhof.
Da ist die Aral Tankstelle doch ganz weit vorne. Ich mag bis heute das Blau
der Aral – es ist so schön obszön!
Vor kurzem war ich in Stuttgart bei einer Lesung. Meine Frau war dabei. Bei
der Heimfahrt habe ich den Taxifahrer gebeten, uns an der Aral rauszulassen.
Wir wollten einen Vodka-Redbull kaufen und auf meinem alten Schleichweg nach
Hause gehen. Aber die Aral hatte zu. Das war natürlich ein Schock. Ich
weiß nicht wie meine Jugend verlaufen wäre, wenn das bei uns schon
so gewesen wäre. Mittlerweile kann man in ganz Baden-Württemberg ab
22Uhr kein Alkohol mehr kaufen – Ein Skandal! Meine Jugend wäre sicherlich
anders verlaufen. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass es jetzt eine Lounge
in Echterdingen gibt. Eine echte Lounge! Heute schenken sie Whiskey Sour aus,
wo ich früher in einem kleinen Laden Überraschungseier geklaut habe.
Booksection.de: Dein Buch beginnt mit dem Satz „Heimat
ist immer etwas Verlorenes, hat irgendjemand mal behauptet.“ Welches Gefühl
von Heimat steckt denn nun in dem Roman?
Jörg Rohleder: Nachdem ich aus Echterdingen weggezogen
bin, wurde ich häufig gefragt, ob es in Schwabylon denn schlimm war. Es
war überhaupt nicht schlimm. In „Lokalhelden“ ist das 'raus
und weg' ein zentrales Motiv. Man ist jung und man will etwas erleben. Der Punkt
ist ja auch, dass man sich die Heimat erst später raussucht. Wenn man aber
jung ist, dann wird man an einem Ort geboren und bleibt mit den Eltern in der
Regel auch erst mal dort. Das ist Schicksalsfügung und die ersten Freunde
sind eine Schicksalsgemeinschaft. Letztendich war mein Abi die Ausreisegenehmigung
aus Schwabylon.
Booksection.de: Von Echterdingen bist du nach London gezogen.
Heute lebst du in Berlin. Ist man in der großen Stadt immer der Typ vom
Land?
Jörg Rohleder: Darunter habe ich nie gelitten. Das liegt
aber daran, dass ganz Berlin Mitte nicht aus Berlin stammt. Alle tun so, als
wären sie Berliner, kommen in Wirklichkeit aber aus Bad Homburg, Nürnberg,
Konstanz, Bonn oder Recklinghausen. Mir ist es nie peinlich gewesen, dass ich
aus Echterdingen bin. Ich komme daher, wo die Fahrspuren einspurig, die Nummernschilder
zweistellig und die Telefonnummern dreiziffrig sind – das ist Vorstadt!
Dazu stehe ich. Ich finde es eher peinlich, wenn Menschen ihre Herkunft verleugnen.
Booksection.de: Du arbeitest seit vielen Jahren als Journalist.
Wie war es, als du damit begonnen hast einen Roman zu schreiben?
Jörg Rohleder: Der Antrieb zum Journalismus war für
mich nicht die Lust am Schreiben, sondern die Neugier. Man ist Kurzstreckenläufer.
Selbst wenn man 30.000 Zeichen für eine Titelgeschichte schreibt, ist man,
wenn es schnell gehen muss, in zwei Tagen fertig. Es ist jederzeit überschaubar.
18.000 Zeichen für einen Artikel schafft man in einer Nacht. Wenn man in
einer Nacht aber 18.000 Zeichen für einen Roman schreibt, dann ist das
nur ein sehr kleiner Anteil des Gesamtwerkes. Das war für mich auch mit
das spannendste an der Arbeit an „Lokalhelden“: Ich wollte ausprobieren,
ob ich eine Langstrecke durchhalte.
Booksection.de: Wie fühlt es sich für dich an, nun
auch mal auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen?
Jörg Rohleder: Ganz ehrlich: davor hatte ich mit am meisten
Schiss. Meine erste Sorge war, dass mir das Buch peinlich sein könnte.
Meine zweite Sorge war, dass der Roman von anderen Journalisten zerpflückt
werden würde. Unter Journalisten gibt es gewisse Gesetze: Möglicherweise
schreibt ein befreundeter Journalist einen schlecht recherchierten und peinlichen
Artikel für DIE ZEIT. Man redet dann zwar untereinander darüber, aber
man würde niemals eine Geschichte darüber schreiben. Wenn man aber
die Seite des Schreibtisches wechselt, dann muss man sich natürlich gefallen
lassen, dass ein Journalist wie jeder andere Autor behandelt wird. Natürlich
gelten dann andere Regeln, die durchaus auch legitim sind. Warum sollten Bücher
von Journalisten auch anders als andere Bücher behandelt werden?
Booksection.de: Ein Buch zu schreiben ist natürlich auch
sehr viel persönlicher, als einen Artikel über Thema xy...
Jörg Rohleder:Ein Coming-Of-Age-Roman durchaus, ein Kochbuch
eher weniger.
Booksection.de: Kommt irgendwann mal wieder ein Roman aus
dem Hause Rohleder?
Jörg Rohleder: Der Verlag hat daran Interesse und ich
habe durchaus auch Ideen für weitere Romane, aber ich glaube, dass ich
in absehbarer Zeit keine Zeit dafür finden werde. Wir müssen jeden
Monat ein Heft fertigstellen und ich bin einfach nicht strebsam genug, nebenher
einen Roman zu schreiben. Wenn, dann müsste ich mir erst einmal eine Auszeit
nehmen. Jetzt sollen die Leute erst einmal „Lokalhelden“ lesen.
Das Interview wurde am 07.10.2010 durch Kathrin Lang geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 15.10.2010