Interview mit Jens Henrik Jensen

"Ich kann diese Figur einfach noch nicht loslassen, seine Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt."

Der dänische Autor Jens Henrik Jensen spricht mit uns über den ersten Teil seiner „Oxen“-Trilogie, Kriegstraumata und die Verantwortung, die er für seine Hauptfigur spürt.

Der erste Teil Deiner „Oxen“-Trilogie hat mich sehr beeindruckt – vor allem wegen Niels Oxen, der Hauptfigur. Die Idee, einen schwer traumatisierten Ex-Elitesoldaten als Ermittler in einem Kriminalfall zu wählen, ist eher ungewöhnlich. Wie kamst Du auf diese Idee? Ich habe ja bereits zwei Trilogien mit eher „normalen“ Hauptfiguren geschrieben und wollte diesmal eine Kombination machen: eine gesellschaftskritische Geschichte über Kriegsveteranen erzählen und die aber wieder in das Format eines Thrillers verpacken. Aber das wirklich Besondere war es, eine ganz und gar unübliche Hauptfigur zu erschaffen: Oxen. Wir alle haben schon so viele Thriller oder Krimis gelesen, bei denen wir schon eine Woche später nichts mehr über die Hauptfigur wussten – das sollte mit Oxen nicht passieren.

 Du schilderst Oxen mit großer Empathie und viel Einfühlungsvermögen, seine Seelenqual kommt direkt beim Leser an. Wie nah ist Dir dieser Niels Oxen? Oxen ist mir sehr nah. Ich lebe jetzt schon sieben Jahre mit ihm, was nicht außergewöhnlich ist, weil ich in der Regel zwei Jahre brauche, um ein Buch zu schreiben. Aber er ist mir näher, als es einer meiner anderen Hauptfiguren je war. Das mag jetzt seltsam klingen, aber ich verspüre eine große Verantwortung für Oxen. Er ist ein Held und kann so viele außergewöhnlich und großartige Dinge – und er ist krank und müde und schafft es nicht, die einfachsten Dinge in seinem Leben zu bewältigen. Ich muss auf ihn Acht geben – er ist meine Figur.

Es gelingt Dir sehr gut, die Besonderheiten einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) am Schicksal Niels Oxens deutlich zu machen. Wie hast Du zu diesem Thema recherchiert? Mein Interesse an Kriegsveteranen und PTBS geht weit zurück in die Vergangenheit. In einem meiner Bücher aus dem Jahr 1999 gab es eine Nebenfigur – einen russischen Kriegsveteranen mit PTBS, und in einem anderen Buch aus dem Jahr 2010 kam eine wichtige Figur vor, die ebenfalls Kriegsveteran war. Ich habe über die Jahre hinweg viel zu dem Thema gelesen, und als Redakteur wirkte ich bei einem Zeitungsprojekt mit, das sich mit Kriegsveteranen beschäftigte.

Niels Oxen hat ja im Balkankrieg gedient. Wenn wir von Kriegstraumata reden, denken wir meistens an Afghanistan oder den Irak oder auch an frühere Kriegsschauplätze wie Vietnam oder Korea. Wie kam es zu der Entscheidung, den Blick auf die Gräuel im Balkan zu richten? Das hat einen ganz einfachen Grund: Von allen Blauhelmeinsätzen, auf die dänische Soldaten geschickt werden, leiden die Balkansoldaten am meisten – hier gibt es die meisten Fälle von PTBS. Das kommt daher, dass die Soldaten auf Balkaneinsätzen nicht eingreifen dürfen – sie dürfen nur beobachten und Berichte schreiben. Es ist ja bekannt, dass vor allem das Gefühl der Machtlosigkeit posttraumatischen Stress verursacht. Es ist das Gefühl, nur zuschauen zu können, während andere Menschen in Not sind und Hilfe brauchen, das für die Soldaten dort so traumatisierend ist.

Hunde spielen ja in dem ersten Teil der „Oxen“-Reihe eine wichtige Rolle. Wie kamst Du auf diese Idee? Welche Bedeutung haben Hunde für Dich persönlich? Es ist diese Geschichte von den „gehängten Hunden“ in Spanien, die mich dazu inspiriert hat. Dort wird viel mit Hunden gejagt, und wenn ein Hund nicht die Ansprüche seines Jägers erfüllt, weil er nicht mit den anderen Hunden mithalten kann, wird er mit einem Strick an einem Baum aufgehängt. Das hat dort eine lange Tradition. Dieses brutale Ritual wird dort noch heute praktiziert und findet im ersten Teil der „Oxen“-Trilogie Erwähnung.
Als wir Kinder waren, hatte mein bester Freund einen Hund… ich nicht. (lacht) Heute betteln meine beiden Kinder immer, weil sie so gerne einen Hund hätten. (lacht) Ich selber mag Hunde… nicht alle… aber manche… (lacht)

Niels Oxen und Margrethe Franck sind ein zugleich etwas seltsames und doch auch sehr gelungenes Ermittlerpaar. Was haben wir von diesen beiden Figuren in den nächsten beiden Bänden zu erwarten? Wir werden mehr über ihre persönliche Geschichte erfahren – vor allem über die von Oxen. Wir werden mehr über seine Familie, seinen Sohn, seine Ex-Frau erfahren…
Und wir können uns darauf gefasst machen, dass sie sich zusammentun und zurückschlagen werden, wenn es so aussieht, als wäre alles verloren.
Für mich war es wichtig zu zeigen, wie wenig es Oxen kümmert, dass Margrethe gehandikapt ist, weil sie ein Bein verloren hat. Für ihn, der im Krieg alles gesehen hat, was es nur an Schrecklichem zu sehen gibt, ist Margrethes Behinderung etwas ganz Normales, das er nicht erwähnenswert findet. Für sie ist das der Punkt, warum sie sich mit ihm so wohl fühlt, denn das letzte, was sie will, ist Mitleid oder Rücksichtnahme.

Wusstest Du schon zu Beginn des Schreibens an dieser Trilogie, wie alles enden würde, oder gab es Wendungen, die auch für Dich selber überraschend waren? Ich wusste nicht mal, dass es eine Trilogie werden würde. (lacht) Zumindest wusste ich nicht, dass es eine so lange, fortlaufende Geschichte werden würde. Als ich etwa bei der Hälfte von „Oxen 1“ war erkannte ich, dass ich es niemals schaffen würde, diese Geschichte in nur einem Buch zu Ende zu erzählen. Auf der anderen Seite wusste ich aber auch nicht viel mehr als das. Also… ergriff ich die Chance und hoffte, dass ich es schaffen würde, drei Bücher zu schreiben. Ich dachte, ich hätte eine richtig gute Geschichte, die auf mehr als nur einer Ebene spielen könnte, und ich wollte mir meinen Wunsch erfüllen, diese eine, richtige Geschichte zu erzählen. Jetzt weiß ich allerdings, dass es nicht bei dieser Trilogie um Oxen bleiben wird, es wird einen vierten Thriller um Niels Oxen geben. Normalerweise plane ich selten weiter, als bis zu drei Büchern im Voraus, aber Oxen ist für mich eine so außergewöhnliche Figur, dass ich ihn noch weiter begleiten muss. Ich kann diese Figur einfach noch nicht loslassen, seine Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt. (lacht)

Durch die „Oxen“-Trilogie wurdest Du zum Shootingstar der skandinavischen Krimiszene. Wie erklärst Du Dir diesen Erfolg? Hmmm… darüber habe ich noch gar nicht wirklich nachgedacht. Aber ich glaube, die Antwort ist die Hauptfigur…Niels Oxen. Er spricht so viele Leser an, egal ob Männer oder Frauen, und er ist ein so starker und ungewöhnlicher Charakter. Er ist jemand, den man bewundert – weil er ein Held ist, der unzählige Menschenleben gerettet hat. Und auf der anderen Seite ist er jemand, den man bedauert, weil er nicht in der Lage ist, die einfachsten Dinge des Lebens zu bewältigen, so wie andere das können. Ich denke, das ist es…Oxen hat diese zwei so unterschiedlichen Seiten…und ich glaube, so viele Leser wünschen ihm nur das Allerbeste. Wenn eine Hauptfigur das schafft, dass die Leser etwas FÜHLEN, dann ist das eine wirklich beständige Figur…ein Erfolg.

Verändert ein solcher Erfolg das eigene Leben und auch die Art, an neue Stoffe heranzugehen? Nein…ich lebe ohnehin schon so, wie es mir gefällt. Ich fühle mich sehr privilegiert, weil ich vom Schreiben leben und mir meine Zeit so einteilen kann, wie ich das will. Ich habe vor etwa drei Jahren meine Stelle als Journalist aufgegeben. Natürlich lässt einen der Erfolg wirtschaftlich sorgloser und angenehmer leben, jetzt, wo die Löhne vom Boss – mir selbst – bezahlt werden müssen… (lacht)

Die Filmrechte zu Deiner „Oxen“-Trilogie liegen ja bei den schwedischen SF Studios. Kannst Du uns schon etwas über die Verfilmungen verraten? SF Studios ist ohne jeden Zweifel genau das Filmstudio, das alle Qualifikationen hat, um dieses Filmprojekt durchzuführen. Aber im Moment muss man sich einfach in Geduld üben und abwarten, weil alles so lange dauert. Im Moment geht es gerade darum, den passenden Drehbuchautor zu finden…und…tja, natürlich geht es auch um die Finanzierung.
SF Films möchten aus „Oxen“ eine TV-Serie machen, und das ist auch mein Wunsch. In einer TV-Serie ist einfach mehr Raum und Zeit, um die Figuren zu entwickeln, als in einem Kinofilm. Was auch wichtig ist: Ich sehe diese drei Bücher als ein Buch pro Folge – und Geschichten in Folgen aufzuteilen ist heutzutage sehr beliebt.

Jens, vielen Dank für dieses spannende und angenehme Gespräch!
Das Interview wurde durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.10.2017

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