Interview mit...

...Jason Lethcoe


"Wings" erschien im Juli 2010

"In gewisser Weise bin ich nie erwachsen geworden."

Mit Booksection im Gespräch: Jugendbuch-Autor Jason Lethcoe über "Der mysteriöse Mr. Spines. Wings".

Booksection.de: Du hast in den vergangenen Jahren viele Jugendbücher geschrieben. Wenn viele Kids mit Deinen Geschichten aufwachsen, spürt man da als Autor ein gewisses Maß an Verantwortung? Auch wegen der vielen dunklen Szenen, die für diese Art Geschichten sicherlich nicht unwichtig sind.
Jason Lethcoe: Wenn ich schreibe, schreibe ich die Art Bücher, die ich selbst gern in einem Buchladen finden würde... diese Art Bücher, die mein inneres Kind ansprechen. In gewisser Weise bin ich nie erwachsen geworden. Einer meiner Lieblingsautoren ist Michael Ende. Seine Bücher fangen die Wunder der Kindheit perfekt ein. Das Lesen von „Die unendliche Geschichte“ und „Momo“ haben mein Leben verändert. Ja, ich spüre eine gewisse Verantwortung für beide Seiten. Für mich und für den Leser. Ich biete den Kids eine solide Geschichte und Figuren, die sie an einen Ort mitnehmen, der neu und ideenreich ist. Dunkle Szenen sind da nötig. Man muss das Dunkle verstehen. Es bringt uns weiter und lässt uns das Licht finden. Meine Hoffnung ist, meinen Lesern den Mut zu verleihen, sich ihren Ängsten zu stellen – egal ob sie real oder irreal sind. Ein Hauptmerkmal meiner Arbeit ist, dass das Gute immer triumphiert, es aber enorme innere Kraft bedeutet, sich seinen Ängsten zu stellen.

Booksection.de: Gute Figuren sind in jedem Genre unheimlich wichtig. Du hast mit Benjamin Piff und Edward gleich zwei großartige Charaktere erschaffen. Wenn Du schreibst, werden Deine Helden dann real? Auch wenn es nur für eine Weile ist?
Jason Lethcoe: Das ist eine wirklich gute Frage. Ich hatte Träume, in denen ich mich mit meinen Figuren unterhalten habe. Ich glaube, dass das die Zeit ist, in der sie am meisten real sind. Wenn ich viele Stunden geschrieben habe, habe ich das Gefühl, sie wirklich zu kennen. Das traf vor allem für Edward und Mr. Spines zu. Wenn ich meine Augen schließe, kann ich sie fast sehen. Als ich über die Zeit schrieb, als sie in Woodbine waren, schrieb ich eine Jenseits-Version, die ich gerne selbst irgendwann sehen würde. Solange niemand weiß, wie dieser Ort tatsächlich aussieht, habe ich die geheime Hoffnung, dass ein Ort, wie „The Dancing Faun“ tatsächlich existiert.

Booksection.de: Edward ist eine großartige Figur. Es macht Spaß seine Geschichte und das, was mit ihm geschieht, zu verfolgen. Wie kamst Du auf die Idee zu „Wings“?
Jason Lethcoe: Eigentlich begann alles mir Mr. Spines, der, halb Mensch, halb Stachelschwein, durch die Zeit reist. Ich habe irgendwo eine Zeichnung davon rumliegen. Egal. Ich habe jedenfalls einige Jahre nichts mit der Idee angefangen, doch eines Tages wollte ich die Geschichte eines gefallenen Sohnes eines Engels schreiben. Ich fertigte einige Zeichnungen an, einfach so aus Spaß. Ernst wurde es, als meine Mutter unerwartet an einem Gehirntumor starb. Plötzlich fügte sich alles zusammen. Ich musste eine Geschichte schreiben, die von einem Sohn handelt, der seine Mutter im Jenseits finden muss. Diese Geschichte zu erzählen wurde so wichtig für mich, dass ich Angst bekam, sie niemals beenden zu können. Ich machte mir Sorgen, dass ich vielleicht bei einem schrecklichen Unfall sterben würde, bevor das Buch fertig ist. Dieser Gedanke hielt mich viele Nächte wach. Als ich über Edwards Reise schrieb, fühlte ich mich meiner Mutter näher. Es war eine sehr wichtige Zeit für mich.
Glücklicherweise bin ich immer noch da (lacht) und ich habe noch viele Märchen zu erzählen.

Booksection.de: Das zweite Abenteuer um Edward wird 2011 erscheinen, ein drittes ist angekündigt. Wie viele Bücher wird die Reihe umfassen?
Jason Lethcoe: Obwohl die Serie als Trilogie geplant war, plane ich bereits mehr Geschichten. Ich will eigentlich die weiteren Ereignisse als ebooks veröffentlichen. Ich freue mich richtig über diese Möglichkeit der Veröffentlichung. Ich habe dadurch die Möglichkeit, meine Geschichten direkt an den Leser zu übermitteln und so Edwards Reise am Leben zu erhalten. Weil „Wings“ in Deutschland so gut ankommt, hoffe ich einen guten Übersetzer zu finden, der mich bei diesen Anstrengungen unterstützt. Ich liebe meine deutschen Leser und würde ihnen gerne auch die neuen Geschichten zugänglich machen.

Booksection.de: Du hast bei erfolgreichen Filmen, wie „Könige der Wellen“ und „Arielle, die Meerjungfrau“ mitgearbeitet. Kannst Du Dir vorstellen, wie Edward auf der großen Leinwand zum Leben erwacht?
Jason Lethcoe: Absolut! Durch meinen Background als Storyboard-Artist und Animation-Director, kann ich den Film in meinem Kopf Wirklichkeit werden lassen. Ich habe zugestimmt, die Geschichte selbst zu überarbeiten, komme aber wegen anderen Büchern nicht dazu.

Booksection.de: Wenn Du ein Buch schreibst, was ist zuerst da: Die Figuren oder das, was sie tun?
Jason Lethcoe: Die Figuren kommen üblicherweise zuerst, aber nicht immer. Das letzte Buch, das ich schrieb, zum Beispiel („No Place Like Holmes“) entstand aus der Frage heraus, wer eigentlich Sherlock Holmes’ Nachbarn waren. Je länger ich darüber nachdachte, desto faszinierter wurde ich. Wir alle wissen, dass Sherlock Holmes in der Baker Street 221A lebte, aber wer lebte in B? Dann kreierte ich den Charakter Rupert Snodgrass, ein Mann, der ebenfalls Detektiv war und der neben dem größten Ermittler lebte. Es wurde ein Buch über einen Mann in der zweiten Reihe und wie schwer es sein kann, neben einem Genie zu leben. Es hat sehr viel Spaß gemacht, das zu schreiben. Als dann noch Griffin Sharpe, Rupert Snodgrass' Neffe entstand, war es wundervoll zu sehen, wie zwei unterschiedliche Figuren lernen mussten, zusammenzuarbeiten. Nicht nur das, sie wurden ein exzellentes Ermittlerteam.

Booksection.de: Welche Art Bücher liest Du? Und: Welche Filme magst Du?
Jason Lethcoe: Ich bin ein großer Fan von Jonathan Carroll. Seine Bücher sind immer mit interessanten Verwicklungen und jeder Menge Fantasie gefüllt. So weit Filme gehen können, mag ich die Filme von Luc Besson sehr gerne und auch Disney’s frühe Cartoons finde ich toll.

Booksection.de: Vielen Dank für dieses Interview, Jason!



Das Interview wurde am 13.12.2010 durch Thomas Ays geführt und auch von ihm übersetzt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 15.12.2010

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