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Interview mit...
...Jan Weiler
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Buchkritik "Drachensaat"
"Diese lustigen Dinge sind trojanische Pferde, um die Dinge zu erzählen, die wirklich erschütternd sind."
Mit Booksection im Gespräch: Romanautor Jan Weiler.
Booksection: Um „Maria, ihm schmeckt´s nicht“
ist mittlerweile ein regelrechter Hype entstanden. Selbst Leute, die normalerweise
gar nicht lesen, sind verrückt nach Ihrem Buch.
Jan Weiler: Nicht unbedingt ein Kompliment für das Buch…(lacht)
Booksection: Das würde ich nicht sagen. Wenn ein Buch
es schafft, Leute zum Lesen zu animieren, ist das doch in jedem Fall ein gutes
Zeichen.
Jan Weiler: Ja, okay.
Booksection: Hätten Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet
und können Sie sich die Faszination dieses Buches erklären?
Jan Weiler: Ich glaube, rechnen kann man damit nicht, zumal,
wenn es das erste Buch ist, das man schreibt. Das war eben ein Volltreffer,
ich bin unheimlich überrascht darüber gewesen. Es gibt drei Dinge
an dem Buch, die glaube ich sehr zu dessen Popularität beigetragen haben.
Das eine ist, dass die Deutschen Italien sehr mögen. Es gibt diesen berühmten
„Isch abe gar kein Auto-Italiener“ – Giovanni Trapattoni war
hier unglaublich populär als Fußballtrainer – und es existiert
eben dieses Sehnsuchtsland-Thema. Das gibt es nur mit Italien. Belgien ist kein
Sehnsuchtsland, Costa Rica ist kein Sehnsuchtsland. Zum zweiten stellten wir
fest, dass die Migrationsgeschichte der Italiener gar nicht so oft erzählt
worden war, wie man vielleicht glaubt. Es gibt kaum Romane zu diesem Thema,
jeder kennt aber einen italienischen Restaurant-Besitzer in seiner Nachbarschaft.
Dieser Umstand spielt auch deswegen eine Rolle, weil dadurch ein so großes
Publikum da ist. Menschen wie meine Frau, die Migranten-Kinder sind, machen
einen großen Anteil unserer Bevölkerung aus und es ist deren Geschichte.
Der dritte Grund ist, glaube ich, dass die Geschichten stilistisch so geschrieben
sind, dass die Leute das gerne gelesen haben. Sie sind komisch, haben aber auch
melancholische Anteile, was Leser gerne mögen. Damit kann man aber auch
nicht reißbrettartig umgehen, indem man sagt: „So, jetzt schreibe
ich mal einen Bestseller!“ Da hat sich niemand hingesetzt und gesagt:
Es gibt diese Nische von Leuten, über die man noch nicht so viele Romane
geschrieben hat und außerdem machen wir´s jetzt mal lustig und dann
wird das ein Erfolg. So war das nicht. Das war einfach meine Geschichte.?
Booksection: Was war dann Ihre Motivation, ein Buch über
genau dieses Thema zu schreiben?
Jan Weiler: Ich bin überredet worden von meiner Lektorin,
damals noch bei Ullstein. Sie ist dann zu Rowohlt gegangen und ich bin mit ihr
gewechselt. Sie hat mich dazu überredet, ein Buch zu schreiben. Ich hatte
eigentlich gar keine Zeit dazu. Ich bin darüber natürlich sehr froh,
ich verdanke ihr sehr, sehr viel.
Booksection: Mir selber ging es auch so, dass ich ganz viele Freunde
und Bekannte vor mir gesehen habe, als ich Ihr Buch las. Haben Sie selber auch
Reaktionen von italienischen Menschen auf Ihr Buch bekommen?
Jan Weiler: Ja, zum Teil sehr schöne, weil es tatsächlich
so ist, dass diese Väter, diese Gastarbeiter, die 1960 mit zwanzig hier
angekommen sind – heute alles Opas – deutsche Frauen kennen gelernt
haben. Sie haben geheiratet und Kinder bekommen und diesen Kindern haben sie
nie viel von sich erzählt. Das war auch bei meiner Frau so. Nachdem sie
das Buch gelesen hat, sagte sie: „Das hat mein Vater mir alles nie erzählt.“
Für die zählen häufig nur die Erfolgsstorys des Lebens: „Und
dann habe ich mir 1969 das erste Auto gekauft!“ Aber die ganzen Widrigkeiten
und die ganzen sehr bitteren Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit oder
Fremdenangst, die haben sie nicht geschildert. Oder die deprimierenden Erfahrungen,
wenn man z. B. 1970 als Italiener in einen deutschen Supermarkt ging und es
gab nur zwei Sorten Nudeln – erstens Eiernudeln und die zweite Sorte Buchstabensuppe.
Dieses Sich-Durchkämpfen in einer Kultur war nicht immer nur Spaß
für sie, das erzählen sie aber ihren Kindern nicht. Deswegen habe
ich sehr viele, sehr warme Reaktionen bekommen von Menschen, die in der Lebenssituation
meiner Frau sind, die Gastarbeiterkinder sind, und die sagen: „Jetzt verstehen
wir unsere Eltern sehr viel besser.“
Booksection: Was mir an Ihrem Buch so gefallen hat war, dass
es einerseits witzig war, dass aber auch die ernsten Untertöne da waren,
was für diese Leute bestimmt besonders wichtig war.
Jan Weiler: Diese lustigen Dinge, dieser Witz, sind trojanische
Pferde, um die ernsten Dinge zu erzählen, die wirklich erschütternd
sind. Damals wurde in Wolfsburg am VW-Werk ein Ghetto gebaut für die Portugiesen
und Italiener. Die wurden in Sechs-Bett-Zimmer gesteckt und rundherum wurde
ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun gebaut. Aus dieser Siedlung führte
genau eine Straße heraus und die endete im VW-Werk. Sie haben immer behauptet,
sie wollten die ausländischen Mitarbeiter vor dem Zugriff der Deutschen
schützen aber in Wirklichkeit wollten sie nicht, dass die in die Stadt
gehen. Irgendwann wurde das dann abgerissen und heute steht da das Fußballstadion
von Wolfsburg. Wenn Sie Bilder sehen, wie die Leute dort mit dem Gaskocher auf
dem Fußboden sitzen und sich ihre Nudeln kochen, dann kommen Ihnen die
Tränen. Diese Geschichte zu erzählen war das eigentliche Anliegen.
Mein Schwiegervater und ich saßen wirklich in seinem Heimatort in einem
Café und er hat mir sein Leben erzählt. Auch die bitteren Episoden,
was ein großer vertrauensbeweis war. Er erzählte zum Beispiel, wie
sein erster Vermieter immer wieder seinen Namen vom Klingelschild abgerissen
hat, weil er nicht wollte, dass die Nachbarn wissen, dass bei ihm ein Ausländer
wohnt. Heute ist das unvorstellbar, aber damals war das wirklich so. Darum geht
es in bei „Maria, ihm schmeckt´s nicht“. Das ist wie bei einer
Schluckimpfung, da bekommen Sie das bittere Zeug ja auch auf einem Zuckerwürfel,
und der Humor und die leichten Passagen sind eben der Zucker.
Booksection: Wie hat Ihre Familie auf das Buch reagiert?
Jan Weiler: Mein Schwiegervater hat es erstmal gar nicht gelesen,
weil er gesagt hat: „Das ist ja mein Leben, das brauch ich ja nicht zu
lesen.“ Die Italiener in Italien haben es nie gelesen, weil sie nicht
deutsch sprechen und es das Buch nicht in Italienisch gibt. Aber sie werden
jetzt alle in den Kinofilm, der eine deutsch-italienische Co-Produktion ist,
gehen, denn der soll in Italien auch irgendwann in die Kinos kommen.
Booksection: Ich habe gelesen, dass der Hauptdarsteller Lino
Banfi gar nicht deutsch spricht.
Jan Weiler: Lino Banfi ist in Italien ein riesengroßer
Star und kann kein Wort deutsch. Er hat seinen Text von Tafeln abgelesen, auf
denen alles in einer Art Lautschrift stand. Er hat also nicht wirklich verstanden,
was er da gesagt hat. D. h. er hat es natürlich schon gewusst, weil er
ja eine italienische Übersetzung dazu bekommen hat. Diese Tafeln hat er
immer hinter die Kameraposition gehalten bekommen, bei kürzeren Sequenzen
hat er seinen Text natürlich auch auswendig gekonnt. Es war ein großer
Spaß, ihm bei der Arbeit zuzusehen, vor allem, weil er ein richtig guter
Schauspieler ist – ein wirklich toller Typ!
Booksection: Man merkt im Film auch gar nicht, dass er kein
deutsch kann.
Jan Weiler: Es gibt im Film zwei drei Sätze, wo man merkt,
dass es Verständigungsschwierigkeiten gibt
Booksection: Mit „Maria, ihm schmeckt´s nicht“
erzählen Sie eine sehr persönliche Geschichte. Sie haben mit dem Buch
sehr viele Leute erreicht und mit dem Film noch mal eine ganze Menge mehr. Wie
geht man damit um, wenn man einen Teil seines Lebens einem so großen Publikum
öffnet?
Jan Weiler: Das denken Sie nur. Sie erfahren von mir eigentlich
nichts, sondern nur das, von dem ich entschieden habe, dass Sie es erfahren.
Und auch da können sie nicht wissen, ob das auch wirklich stimmt. Ich habe
mich größtenteils erfunden.
Booksection: Hatten Sie beim Dreh des Films große Entscheidungsfreiheit,
durften Sie etwa mitentscheiden, welche Schauspieler gecastet wurden?
Jan Weiler: Ja. Christian Ulmen hatte ich mir von Anfang an
gewünscht. Wir hatten uns vor fünf Jahren getroffen, um darüber
zu diskutieren, ob wir die Rechte für den Film bekommen würden und
fragten uns dann, wer die Rolle übernehmen sollte. Ich fand damals Christian
aus einem ganz einfachen Grund sofort perfekt: Wenn Sie sich vorstellen, jemand
wie Matthias Schweighöfer oder Til Schweiger würde eine solche Rolle
spielen – das würde nie funktionieren. Denn das sind solche Selbstbewusstsein
ausstrahlenden Männerfiguren, dass man sich sofort denken würde: „Was
hat denn der für ein Problem?“ Man brauchte jemanden, der das Gefühl
von Unzulänglichkeit, Unsicherheit, Ängstlichkeit gut vermitteln kann.
Und das kann Christian Ulmen, er kann das gut ausstrahlen! Deswegen war er von
vornherein bei mir die erste Wahl. Wir haben aber trotzdem ein Casting gemacht
und das hat er dann gewonnen. (lacht) Weil dann auch allen anderen in der Produktion
klar war, dass das genau der richtige Typ ist.
Booksection: Haben Sie die anderen Schauspieler nach dem Kriterium
ausgewählt, dass Sie den Menschen in Ihrer Familie entsprechen sollten?
Jan Weiler: Nein, das geht auch nicht. Das ist ja kein „Look-Alike“-Wettbewerb,
Christian Ulmen sieht mir ja auch nicht besonders ähnlich. Die wurden wirklich
danach ausgewählt, ob sie im Casting am Besten performt haben. Lino z.
B. kannten wir alle nicht, obwohl er in Italien eine Bekanntheit hat, wie hier
vielleicht Heinz Rühmann. Er ist einer der bekanntesten Menschen in Italien
- sie kennen den Papst, sie kennen Michael Schuhmacher und Lino Banfi. Das ist
total irre. Bei der Auswahl der anderen Schauspieler ging das Drehbuch an Casting-Firmen,
die dann Leute vorschlugen, die wir uns auf DVD angeschaut haben. Wichtig war
dabei auch, dass die Paare gut zusammenpassen, ob etwa Peter Prager und Gundi
Ellert, die meine Eltern spielen, gut harmonieren, ob man die sich als Paar
vorstellen kann. Mit so etwas geht viel Zeit drauf.
Booksection: Sind Sie zufrieden mit den Schauspielern, die
Sie ausgewählt haben?
Jan Weiler: Ja, ich finde den Cast super, der Film ist toll
besetzt. Da sind klasse Leute dabei.
Booksection: Immer, wenn ein Buch verfilmt wird, muss man auch
Abstriche machen, einiges streichen. Hatten Sie da auch Mitspracherecht?
Jan Weiler: Ich habe das Drehbuch mit einem Partner geschrieben
und dabei entscheidet man, sich von bestimmten Dingen zu verabschieden oder
andere wichtiger zu machen. Bei dem Film kam dazu, dass das Buch keine richtige
Dramaturgie hat. Die beiden heiraten sofort und dann fährt man eben mal
nach Italien. Eigentlich ist es für einen Roman der Todesstoß, wenn
die Dramaturgie darin besteht, dass einer anruft und sagt: „Komm wir fahren
da hin“ und dann fährt man da hin. Im zweiten Buch „Antonio
im Wunderland“ gibt es richtige Konflikte, ernsthafte Themen zwischen
den Leuten, was hier aber kaum der Fall ist. Das mussten wir alles erfinden
und deswegen mussten andere Dinge dafür auf der Strecke bleiben. Das ist
schmerzhaft aber ziemlich unabdingbar – das geht nicht anders.
Booksection: Bei „Maria, ihm schmeckt´s nicht“
haben Sie vertraute Personen beschrieben, bei Ihrem Roman „Drachensaat“
hingegen waren das fiktive Personen. Was fällt Ihnen leichter?
Jan Weiler: Bei den vertrauten, wirklich lebenden Personen
hast du eine gewisse Verantwortung, du musst denen irgendwie gerecht werden,
du kannst nicht jeden Zirkus damit veranstalten. Wenn du dir wie bei „Drachensaat“
die Figuren ausdenkst, dann kannst du mit denen machen, was du willst. Du kannst
sie foltern, du kannst sie umbringen, du kannst sie ungestraft durchkitzeln,
die können von Hochhäusern fallen… Das macht es natürlich
in gewisser Hinsicht einfacher. „Drachensaat“ ist mein wichtigstes
Buch, an dem ich sehr lange gearbeitet habe – zehn Jahre.
Booksection: „Drachensaat“ begeistert vor allem
durch die Figuren. Wie kommen Sie auf solche Ideen, wie z. B. auf die Frau,
die Luft isst und dadurch immer dünner wird?
Jan Weiler: Das ist eine umgebaute Kurzgeschichte. Auch die
Geschichte mit dem Architekten, der mit seinem Sohn ins Bordell geht, war ursprünglich
eine Kurzgeschichte. Auf meiner Website habe ich das alles erklärt, da
können Sie die ganze Entstehungsgeschichte nachlesen. Kurz gesagt ist es
so, dass die Idee zu dem Buch schon sehr alt ist und sich dann puzzleartig zusammengefügt
hat. Die Geschichte erzählt von Leuten, die sozusagen in den Medien versinken,
die dort quasi eine riesige Bedeutung erlangen, aber eigentlich gar keine haben.
Die Erfahrung habe ich als Journalist oft gemacht. Ich hatte eine Geschichte
gemacht über die Frau, die den Maschendrahtzaun-Hit hatte, die habe ich
mal zu Hause besucht. Sie hat bis zum Schluss nicht richtig kapiert, was da
eigentlich passiert ist. Ich habe auch mal eine Reportage gemacht über
einen Mann, dessen Bruder von einem Polizisten umgebracht wurde. Der Bruder
und der Polizist waren Nachbarn, sie wohnten nur ein paar hundert Meter voneinander
entfernt und waren im selben Sportverein. Während eines Einsatzes hat der
Polizist ihn aus Versehen umgebracht. Sie sind auch ins Fernsehen gegangen mit
dieser Geschichte und saßen dann immer tränenüberströmt
in irgendwelchen Sendungen, wo dann so erzählt wird: „Du Schwein
hast meinen Bruder getötet.“ Daraus kam die Beschäftigung mit
diesen Menschen, die im Grunde nichts getan haben, die nur ihr Leben gedankenlos
leben, plötzlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit kommen und dann
auch wieder verschwinden. Das wird im letzten Teil von „Drachensaat“
geschildert. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, die Geschichte einer
Gruppe erzählen zu wollen, die ähnlich wie bei der RAF, aus einem
Gruppenzwang heraus agiert, vielleicht auch nicht ganz überzeugt ist, von
dem was sie tut. Es gab in Berlin eine Ausstellung über die RAF, wo sie
einen Katalog über die komplette Berichterstattung über die RAF zusammengestellt
haben. Da konnte man die ganzen Bildzeitungs-Berichte und die Spiegel-Titelgeschichten
noch mal nachlesen. Das war eine Inspiration für dieses Buch. Ich wollte
alle Handlungsstränge aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen,
damit man versteht, dass die auch alle ihre Berechtigung haben. Jeder hat recht
im Leben – das ist ganz banal. Jeder hat Gefühle, jeder ist einsam,
jeder ist traurig, und das kann man dann auch aus jeder Sicht erzählen.
Das führte aber dazu, dass der Roman, im Gegensatz zu den ersten Büchern
eine wahnsinnige Zumutung war für die Leute, die ihn sich gekauft haben.
Auf Seite 14 geht der Typ mit seinem Sohn in den Puff und später wird ein
kleines Mädchen mit einer Luftpumpe vergewaltigt. Das war für viele
Leute eine totale Zumutung.
Booksection: Eine Zumutung auch, weil sie so etwas aus Ihrer
Feder nicht erwartet hatten?
Jan Weiler: Ja, aber das wollte ich immer machen. Zu „Maria,
ihm schmeckt´s nicht“ bin ich überredet worden und „Drachensaat“
wollte ich immer machen.
Booksection: Dann war dieser Vergleich mit der RAF beabsichtigt?
Jan Weiler: Der war beabsichtigt. Viele Dinge in diesem Buch
basieren auf den wirklichen Ereignissen bei der Schleyer-Entführung. Da
war es so, dass am zweiten Tag ein Polizist die Wohnung gefunden hatte, in der
Schleyer festsaß. Der Polizist hat ein entsprechendes Telex an das BKA
geschickt, so wie das eben vorgeschrieben war. Dieses Telex wurde nicht weiter
bearbeitet und landete bei irgendwem im Papierkorb. In der „Drachensaat“
ist es analog zu dieser realen Episode so, dass ein Supermarktangestellter einen
Kassiber des Entführten findet und aber aus lächerlichen Gründen
nicht damit zur Polizei geht. Auf diese Art und Weise versiegt diese Befreiungsmeldung
in einem Papierkorb. Das ist im Grunde genommen das Gleiche. Das ist eben im
Leben so, dass solche Dinge passieren. Vieles von dem, was der entführte
Bankier Barghausen seinen Kidnappern sagt ist richtig, aber das wollen die eben
nicht hören. Der Schleyer hat das damals auch mit seinen Entführern
gemacht. Die wussten ganz genau, dass er ihnen hoffnungslos überlegen wahr.
Booksection: Die Zeichnung der Charaktere in „Drachensaat“
ist bewundernswert, weil sie so überzeugend und echt wirken. Nicht nur
in ihren Handlungen, sondern auch in dem, was sie denken und fühlen. Wie
machen Sie das?
Jan Weiler: Indem ich es fühle. Als mein erstes Kind auf
die Welt kam, hatte ich Angst davor, dass es eine Behinderung haben könnte.
Ich habe mich gefragt, wie ich darauf reagieren würde. Könnte ich
es genauso lieben wie ein nicht-behindertes Kind, wenn es das Down-Syndrom hat?
Natürlich sage ich „ja“, aus politisch-korrektem Bewusstsein
und wünsche mir das auch. Aber kann ich da wirklich sicher sein? Und diese
Ängste, die da aufkommen, führen bei dem Mann in der „Drachensaat“
dazu, dass er es nicht kann. Ich habe dann Briefe von Leuten bekommen, die Kinder
mit Down-Syndrom haben, die mich richtig beschimpften. Ich habe dann gesagt:
„Ich kann nichts dafür, ich muss doch das Unheil schildern. Sie können
Ihr Kind lieben, ich bewundere Sie sehr, das ist toll. Der kann das nicht, hat
aber trotzdem als Romanfigur ein Lebensrecht. Ich bin als Autor kein Schwein,
nur weil meine Figur eines ist.“ Es stimmt schon, dieser Bernhard Schade
ist kein Sympathieträger, was für das Buch eine enorme Belastung ist.
Aber da muss man durch: Ein Buch zu lesen muss eben auch manchmal eine Zumutung
sein.
Booksection: Das war ein gutes Abschlusswort. Herr Weiler,
vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde am 16.10.2009 durch Stefanie Rufle und Kathrin Lang geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 03.11.2009