Interview mit...

...Hilke Lorenz


...zur Kritik von "Heimat aus dem Koffer"

"Deutsche durften keine Opfer sein."

Mit Booksection im Gespräch: Autorin Hilke Lorenz.

Booksection: Welche Motivation hatten Sie, dieses Buch zu schreiben, wie entstand die Idee zu einem solchen Projekt?
Hilke Lorenz: Als ich vor sechs Jahren „Kriegskinder“ geschrieben habe, habe ich mich schon damit beschäftigt, wie sich Krieg mit all seinen Auswüchsen, also mit Gewalterfahrung, Heimatverlust, verunsicherten Eltern, Angst, auf das Leben von Kindern und Erwachsenen auswirkt. Als ich mich dann im zweiten Schritt intensiv mit dem Komplex Flucht und Vertreibung beschäftigt habe, war mir klar, dass man das als Angehörige der nächsten Generation nicht einfach so beschreiben kann und habe mich gefragt, wie ich selber als Kind von Vertriebenen in meinem Leben und meiner Sozialisation gemerkt habe, dass ich keine Schwäbin bin. Als ich mich auf diese Spurensuche begeben und in meiner eigenen Erinnerung gekramt habe, ist mir natürlich ganz viel aufgefallen, was ich im Moment des Erlebens nicht richtig registriert habe. Ich war ein Paradebeispiel:
Mich hat lange Jahre nicht interessiert, was meine Eltern über die Heimat erzählt haben, eine Heimat, die in irgendeiner Ecke der Welt stattgefunden hat, die für mich als Kind nicht richtig zu orten war.
Dann habe ich festgestellt, dass es ein gesellschaftliches Tabu gab, ein politisches Tabu, über Heimat zu reden, ich nenne das auch „Sperrzone des Erzählens – Tabuzone Kindheit“, weil das nicht in die politische Landschaft gepasst hat. Mir wurde klar, dass es um das Seelenheil einer Generation geht, die jetzt in ein Alter kommt, in dem dieses Thema wieder eine enorme Bedeutung im Leben einnimmt. Das ist ein biographischer Abschnitt, den man nicht einfach auszieht wie ein Stück Kleidung. Der bleibt!

Booksection: Glauben Sie, dass wir als nachfolgende Generation diesen Schmerz bewusst oder unbewusst weiter in uns tragen, dass wir spüren, dass ein Stück Heimat fehlt?
Hilke Lorenz: Ich habe in meinem Buch immer zwei Protagonisten einer Familie zu Wort kommen lassen, weil mich genau die Frage interessiert hat, wie es in der nächsten Generation ist. Ich glaube, es ist wie bei allen furchtbaren Einschnitten im Leben - und Heimatverlust unter Gewalt, der unfreiwillig ist, ist sicher einer der schlimmsten Einschnitte im Leben. Da gibt es die glücklichen Weichenstellungen, die ja auch in meinem Buch Erwähnung finden, wo man das Ostpreußentum und die willensstarken Frauen dort als Bereicherung empfinden kann. Man kann sich auf solchen Wurzeln besinnen, indem man sagt: „Ich bin auch eine starke Frau, die im Leben steht.“ Es gibt aber auch Menschen, denen eine solch krude Familienkonstellation auferlegt ist, dass sie wie in einer Zeitschleife leben. Im Buch ist ein Beispiel dafür die Familie, in der immer von Heimat und von „uns“ geredet wird und die Tochter, die mit am Tisch sitzt, denkt: „Das bin nicht ich, sie reden von ihrem Zuhause und ich gehöre gar nicht dazu.“ Sie hat keine Chance, in das Leben ihrer Mutter und Tante hineinzukommen. Das sind die Extreme, die es gibt. Ich persönlich würde nicht sagen, dass ich das als Defizit erlebe, sondern eher als andere Form der Sozialisation. Jetzt, wo ich dort war, finde ich es eher spannend, dass es dort noch eine Landschaft mit ihren kulturellen Prägungen gibt, die ich mir genauer anschauen könnte.
Deshalb bin ich kein Beispiel für ein Trauma. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Verunsicherung und Angst, die Frauen ja immer hatten, sich auch in einer Grundalarmiertheit bei mir zeigt. Meine Mutter und meine Großmutter waren zusammen mit einem Leiterwagen unterwegs und vielleicht achte ich dadurch auch mehr darauf, ob irgendwo eine Gefahr lauern könnte. Aber das habe ich im Griff, es ist nichts, was mich bewegungsunfähig machen würde.

Booksection: Diese Heimat war für die nachfolgende Generation etwas Diffuses, nicht Greifbares. Man wusste, es war Ostpreußen oder das Sudetenland, aber das gab es auf keiner Landkarte. Es war etwas, das es so nicht mehr gab.
Hilke Lorenz: Es war halb Polen, halb Ukraine, aber wo sind die Grenzen?
Wie war das eigentlich, wenn man einen deutschen Vater hat – wie konnte er aus dieser Gegend kommen, wenn er nicht einmal die Sprache spricht?
Ich habe als Kind nie genau gewusst, ob wir nun Spätaussiedler sind oder eher etwas anderes. Das hat mich in keine Identitätskrise gestürzt, aber es war nicht so klar, wie bei den Schwaben, die seit Generationen ihr Grundstück auf der Alb hatten – es war schwieriger zu orten.

Booksection: Für die Menschen, die heimatlos wurden, war die Heimat wie ein Ideal, das hochgehalten wurde. Glauben Sie, dass sich im Bewusstsein der Vertriebenen etwas verändert hätte, wenn sie nach einigen Jahren die Chance bekommen hätten, wieder in die alte Heimat zurückzukehren?
Hilke Lorenz: Das ist natürlich eine „Was wäre wenn-Frage“, die gefährlich ist. Lange haben die Menschen gar nicht akzeptiert, dass der Ort, an dem sie gelandet waren, tatsächlich der Endpunkt ihres Lebens sein sollte. „Heimat aus dem Koffer“ ist nicht ohne Grund der Titel dieses Buches. Irgendwann mussten sie dann durch die Realpolitik und die Grenzziehung, durch den Eisernen Vorhang akzeptieren, dass eine Rückkehr unmöglich war. Viele haben aber auch gesagt, dass sie nie mehr zurückgehen würden. Diese ungelebten Wünsche sind ja oft viel bestimmender als das, was man wirklich tut. Es gibt da einen Ort, an dem es Geborgenheit gibt, die Vorkriegsgeborgenheit, ein Bezugssystem, das gut war. Ob das jetzt noch den Realitäten entspricht und ob es heute noch so gut tun würde, das steht dabei außer Frage. Ich glaube, das war ein Fluchtpunkt namens Heimat, der quälend sein kann, der beruhigend sein kann, der aber unerreichbar war. Das changiert zwischen dem Wohltuenden und dem immer noch Schrecken- und Angsteinflößenden. Die Frage nach dem „Was wäre wenn“ zu beantworten würde ich mir aber nicht anmaßen, denn dann wäre die Historie ja auch ganz anders abgelaufen.

Booksection:Was glauben Sie, ist der Grund dafür, dass das Schicksal der Vertriebenen und Flüchtlinge nach 1945 im deutschen Geschichtsunterricht keine Erwähnung findet?
Hilke Lorenz: Der Holocaust war ein Menschheitsverbrechen, das berechtigterweise intensiv aufgearbeitet worden ist. Bei allen Altnazis und bei allen neuen Nazis, die immer noch glauben, sich zu Wort melden zu müssen, ist es uns trotzdem gelungen, ein Verhältnis zu NS-Deutschland zu entwickeln und wir wissen eigentlich, wo wir stehen.
Deswegen war es aber auch notwendig, nicht über diese Geschichte zu sprechen, denn Deutsche durften keine Opfer sein. Wenn Deutsche aber Opfer sind, heißt das noch lange nicht, dass es keine anderen Opfer gab.
Diese Unterscheidung, dass das eine nicht das andere aufwiegt, können wir erst heute machen. Hinzu kam aber auch der enorme Aufbauwille. Die Menschen wollten dieses Land neu aufbauen und daran hatten 12 Millionen Vertriebene, die überlebt haben, ihren Anteil. Wenn es aufwärts geht, ist die Blickrichtung in die Zukunft angenehmer, als die in die Vergangenheit, als sich mit dem zu beschäftigen, was schmerzt. Ich bin mir ganz sicher, dass Verdrängen für eine gewisse Zeit eine akzeptable Strategie ist. Verdrängung ist nicht nur schlimm, phasenweise kann man durch sie überleben. Im dritten Abschnitt des Lebens wird Kindheit und Jugend wieder enorm wichtig im Bewusstsein und viele holt wieder ein, was damals geschehen ist. Jetzt ist es wieder da und es ist Herausforderung an eine Gesellschaft, das zum Teil einer Erinnerungskultur werden zu lassen, die nichts anderes negiert, indem sie das Geschehene akzeptiert. Ich glaube, dass das Zentrum gegen Vertreibungen nicht so emotional diskutiert werden würde, wenn wir dazu schon ein Verhältnis entwickelt hätten. Das ist meiner Meinung nach überfällig.

Booksection:Denken Sie, dass sich für die betroffenen Menschen etwas in ihrer Vergangenheitsbewältigung ändern würde, wenn sie eine Anerkennung für das Erlebte erfahren würden?
Hilke Lorenz: Der Ausspruch „Das war schlimm, was Ihr da erlebt hat“ kann Berge versetzten. Dieser Ausspruch kam aber nie. Wenn man beispielsweise Goldene Hochzeiten besucht hat, wurden die Geschehnisse der Flucht oder Vertreibung nie genau erzählt. Es waren nur Bruchstücke eines doch einschneidenden Lebensabschnittes. Das konnte ich anfangs auch bei mir selber beobachten, ich wollte immer nur wissen, wie es dann weiterging, diese Zeit der Flucht wurde dabei immer ausgespart, weil es einen nicht wirklich interessiert hat. Vor lauter politisch-korrektem Denken hat man nie weitergefragt. Auch für die Betroffenen selber ist das nicht gerade das leichteste Thema und wer getraut sich schon, die Großmutter zu fragen: „Bist du eigentlich auch vergewaltigt worden?“ Das schwebt aber über dem Thema Flucht, das ist die weibliche Angst.

Booksection:War es für Sie schwierig, Betroffene zu finden, die bereit waren, mit Ihnen über ihre Erlebnisse zu sprechen?
Hilke Lorenz:Nein, gar nicht. Irgendwo fängt man an und bekommt dann eine Art selektiver Wahrnehmung für die Lebensgeschichten. Dann ist es aber eher wie ein Schneeballprinzip, weil eine große Bereitwilligkeit da ist, zu erzählen. Ich wurde mit Königsberger Klopsen bekocht (lacht), das waren alles sehr herzliche Begegnungen. Ich habe einfach neugierig gefragt und diese vorbehaltslose Neugierde, die nicht in eine bestimmt Richtung lenken will, ist glaube ich nicht so verbreitet.

Booksection:Haben Sie durch Ihre eigene Familiengeschichte ein verstärktes Gespür dafür, wie wichtig es ist, einfühlsam und behutsam mit dem Schicksal dieser Menschen umzugehen?
Hilke Lorenz: Es ist sowieso meine journalistische Maxime, respektvoll, offen interessiert und fair mit Menschen umzugehen. Durch meine jahrelange Beschäftigung mit Geschichte und was sie im Weiterleben bedeutet, entwickeln sich solche Gespräche relativ einfach. Ich habe mich auf Situationen eingelassen, erstmal abgewartet, wie der Gesprächspartner sich öffnet, nachgefragt. So, wie man in einem Gespräch intuitiv reagiert. Es waren gute Gespräche, auch mit der nächsten Generation.

Booksection:Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Hilke Lorenz: Die Arbeit daran hat sich über zwei Jahre erstreckt. Für die Recherche bin ich etwa ein halbes Jahr lang herumgefahren und habe Interviews geführt.

Booksection:Berufsbedingt stellen Sie normalerweise die Fragen, jetzt werden Sie befragt. Was ist Ihnen denn lieber?
Hilke Lorenz: Natürlich Fragen zu stellen, weil man bei sich selbst immer das Gefühl hat, dass man gar nichts zu erzählen hat. (lacht) Aber diese inhaltlichen Gespräche, in denen man vermitteln kann, was man mit dem Buch zum Ausdruck bringen wollte, sind spannend. An den Fragen, die mir gestellt werden, wird mir auch klar, was ich zu meiner eigenen Geschichte noch zu erzählen habe. Das wird einem im Dialog immer deutlicher, als im stillen Kämmerlein. Ich finde Fragenstellen gut, aber ich ertrage es jetzt auch, befragt zu werden. (lacht)

Booksection:Irgendwann in Ihrem Buch erwähnen Sie selbst, dass dieses Erleben der Flucht vor allem die Frauen und die alten Menschen betraf.
Glauben Sie, dass Männer anders mit dem Aufarbeiten dieser Erlebnisse umgegangen wären?
Hilke Lorenz: Das glaube ich nicht unbedingt, denn auch Männer haben im Krieg Dinge erlebt, die nicht zu den positiven Erlebnissen in ihren Biographien gehören. Auch sie haben geschwiegen über Taten, über Schuld und selbst erlebte Grausamkeiten. Ich glaube, die Angst und das, was man in der Seele mit sich herumträgt, haben bei Männern und Frauen sicher eine unterschiedliche Ausprägung. Aber dass Frauen immer über alles sprechen, stimmt eben auch nicht. Ich denke, das ist eine Generation, in der sowohl Frauen wie Männer ganz gut in ihren Herzen vergraben haben, was ihnen zugestoßen ist.

Booksection:Was bedeutet Ihnen persönlich und Ihrer Familie dieses Buch?
Hilke Lorenz:Ja, als Widmung steht da ja auch „Meiner Familie“. Mir ist das Buch wichtig, weil es möglicherweise ein „Geradebiegen“ meines Verhaltens in der Vergangenheit ist, ein Anerkennen der Spuren, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Daraus schöpfe ich in einer Art und Weise und es war mir wichtig, dem gerecht zu werden. Ich hoffe, dass es meiner Familie genauso viel bedeutet wie mir, aber ich glaube, meinen Eltern bedeutet es ziemlich viel.

Booksection: Frau Lorenz, vielen Dank für das interessante Gespräch.



Das Interview wurde am 14.10.2009 durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 20.10.2009

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