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Kommende Buchkritiken
Interview mit...
...Heide Solveig Göttner
...zu "Der Herr der Dunkelheit"
"Den roten Faden hab ich schon gern in der Hand!"
Mit Booksection im Gespräch: Fantasy-Autorin Heide Solveig Göttner über "Der Herr der Dunkelheit".
Booksection: Liebe
Frau Göttner, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses
Interview genommen haben. Wir freuen uns sehr.
Sie gehen ja demnächst auf Lesereise. Aufgeregt?
Heide
Solveig Göttner: Dieses Mal bin ich ein bisschen
aufgeregt. Mittlerweile habe ich mich schon an die Lese-Events gewöhnt,
denn im letzten Jahr war ich ziemlich viel unterwegs. Dieses Mal ist es aber
etwas besonderes, weil ich in meine alte Heimatstadt zurückgehe, nach München.
Einige alte Schulkameraden haben sich schon gemeldet, und ich lese in der Bibliothek,
in der ich früher selbst Bücher ausgeliehen habe. Es wird bestimmt
ganz toll.
Booksection: Sind
Sie dann nur im Süden mit
ihrer Lesereise unterwegs oder fahren Sie durch ganz Deutschland?
Heide
Solveig Göttner: Diese Reise führt
nur nach München und wieder zurück. Im März habe
ich eine Lesereise durch ganz Bayern unternommen, sie endete dann
in Heidelberg. Der nächste Termin ist der Nordcon, der am
ersten Juniwochenende in Hamburg stattfindet. Dort trifft sich
die ganze Fantasy- und Rollenspielergemeinde für ein farbenfrohes
Spektakel. Nein, stimmt gar nicht – vorher kommt noch ein
anderer Termin: Am 4. Mai steht ein Auftritt im „Szenario“ in
Marburg auf dem Programm, eine Fantasy-Lesenacht mit Christoph
Hardebusch, Thomas Finn und mir. Wir treten zum ersten Mal gemeinsam
auf, und jeder von uns liest aus den neusten Werken.
Booksection: Das
könnte Freiburg doch auch
mal gebrauchen…?
Heide
Solveig Göttner: Ja, wir sind schon
dabei, so etwas Ähnliches zu organisieren. Das ist aber alles
noch inoffiziell. Den genauen Termin werde ich dann auf meiner
Homepage ankündigen. (Heide
Solveig Göttner's Homepage)
Booksection: >Haben
Sie die Arbeit an Ihrem zweiten Buch, „Der Herr der Dunkelheit“,
nun wesentlich anders empfunden, als am ersten, „Die Priesterin
der Türme“?
War der Druck größer, oder weniger groß?
Heide
Solveig Göttner: Es war ein anderer
Druck. Beim ersten Buch habe ich mir den Druck selber gemacht,
und der Druck beim zweiten Roman kam plötzlich durch den Abgabetermin.
Das war neu. Zusätzlich kamen Rückmeldungen von Lesern,
bei Leserunden im Internet zum Beispiel, per Email, oder aber man
begegnet sich live auf Lesungen. Dann hört man plötzlich,
wie das Buch ankommt, auf welche Weise die Geschichte funktioniert,
wie den Leuten die Figuren gefallen haben, und das beeinflusst
einen schon, klar. Es ist nicht so, dass ich dann mein Konzept über
den Haufen werfe, aber man hört, was die Leser interessiert.
Booksection: Also
sind die Figuren nicht fertig bis zum Schluss, sie entwickeln sich
quasi mit Ihnen, von Buch zu Buch?
Heide
Solveig Göttner: Ich habe das Konzept
für die Trilogie schon recht früh erstellt. Es ist für
mich wichtig zu wissen, auf welches Ende die Geschichte hinauslaufen
soll, wie sich die Figuren im Lauf ihres Abenteuers entwickeln
usw. Das steht alles schon relativ bald fest, aber die Planung
verändert sich beim Schreiben natürlich immer wieder,
weil die Geschichte eine eigene Dynamik entwickelt. Ich glaube,
es gibt nichts Schlimmeres, als sich erbarmungslos ans Konzept
zu klammern. Der Text wirkt dann nicht lebendig.
Booksection: Wie
sieht denn so ein Arbeitstag bei Ihnen aus, wenn Sie an einem Buch
arbeiten? Nach dem Motto: 9 to Five?
Heide
Solveig Göttner: Neun Uhr morgens ist
für mich der ideale Zeitpunkt, mit dem Schreiben anzufangen,
denn um diese Zeit bin ich am produktivsten. Da geht’s los,
und das muss auch wirklich regelmäßig sein, wie ein
regulärer Arbeitstag, weil eine Trilogie von drei dicken Büchern
nun mal ein Riesenprojekt ist, das auch eine gewisse Kontinuität
haben soll. Natürlich entwickelt man sich von Buch zu Buch
weiter, und das Projekt entwickelt sich mit mir, aber es sollen
keine Brüche entstehen, an denen man merkt: Da ist viel Zeit
vergangen, der Autor hat sich in eine ganz andere Richtung entwickelt.
Es soll eine runde Sache sein.
Ich schreibe von morgens bis mittags, wenn es irgend geht auch noch
länger. Es ist nicht so, dass ich nach einer bestimmten Seitenzahl
aufhöre, um am nächsten Tag mitten in einer Szene einsteigen
zu können. Manche Kollegen machen das, aber diese Herangehensweise
liegt mir nicht so sehr. Ich versuche eher, am Tag ein Kapitel zu
schreiben. Wenn ich total unkreativ bin, überarbeite ich das,
was schon geschrieben ist.
Booksection: „Die
Priesterin der Türme“ war
ihr erstes, langes Buch. Ich habe jetzt gelesen, dass Sie auch vorher
schon ein paar Geschichten veröffentlicht haben?
Heide
Solveig Göttner: Ja, das waren kleinere
Sachen, Kurzgeschichten und Gedichte, die nichts mit Fantasy zu
tun haben. Teilweise liegen diese Veröffentlichungen 10, 15
Jahre zurück. Dann kam eine Phase, in der ich mit meinem Berufsaufbau
beschäftigt war und mich an verschiedenen Formen und Themen
versucht habe. Für mich war diese Phase des Ausprobierens
wichtig, um meinen eigenen Schreibstil zu entwickeln. „Die
Priesterin der Türme“ war dann der erste Roman, der
veröffentlicht wurde.
Booksection: Was
war das für ein Gefühl,
als Sie vom Verlag das OKAY bekommen haben?
Heide
Solveig Göttner: Dazu gibt es eine
lustige Geschichte. Man wartet häufig relativ lange auf eine
Antwort seitens des Verlags, besonders in meinem Fall, weil ich
den Text selbst eingereicht hatte und dann erst einmal auf dem
Stapel unverlangt eingesendeter Manuskripte gelandet bin. Als dann
endlich die Zusage kam, hatte ich gerade einen Computercrash und
die Email erreichte mich nicht. Meine Lektorin hat sich natürlich
gewundert: „Jetzt schreiben wir der Frau Göttner, und
sie reagiert überhaupt nicht darauf!“ Zum Glück
habe ich dann noch mal nachgefragt, und der Kontakt kam zustande.
Das Gefühl war einfach großartig, weil man so lange
an dem Text sitzt und dann natürlich hofft und gespannt ist,
ob es klappt und das Buch den Vorstellungen des Verlags entspricht.
Anfangs hat man keinen echten Vergleich, was die Qualität
des Texts angeht, denn die „Testleser“ aus dem Familien-
und Freundeskreis sind alle befangen, sie kennen mich und schonen
mich, anders als die Profi-Leser.
Booksection:
Das erste Buch "Die Priesterin der Türme" war dann auch sehr erfolgreich.
Heide
Solveig Göttner: Auf jeden Fall. Es ist
ein superschönes
Buch geworden, auch von der Aufmachung her. Da hat sich der Verlag sehr viel
Mühe gemacht – es gibt sogar eine Karte von meiner Insel! Für
mich war es sehr schön, das Echo von den Rezensenten und Lesern zu bekommen
und von vielen Seiten zu hören: „Das Konzept geht auf!“. Klar,
man hat seine Ideen im Kopf, doch ob der Plan dann auch funktioniert, ob man
die eigenen Vorstellungen und Bilderwelten sprachlich vermitteln kann, steht
auf einem anderen Blatt. Es war für mich das Wichtigste zu sehen,
dass es funktioniert hat.
Booksection: Das
Fantasygenre boomt…
Heide
Solveig Göttner: Absolut! Und das
ist eine tolle Sache. Ich höre immer wieder: Fantasy ist im
Kommen. Ich denke, das hat zwei Gründe. Zum einen ist das
die Verfilmung von „Herr der Ringe“. Das hat natürlich
einen riesigen Boom ausgelöst in der „Erwachsen-Fantasy“,
wenn man das so nennen will. Die andere Richtung ist die „All-Ages-Fantasy“ wie „Harry
Potter“, die hauptsächlich auf ein jugendliches Publikum
zielt, aber von Lesern allen Alters verschlungen wird. Das sind
zwei wichtige Schienen, die in Deutschland laufen, und das ist
toll, denn dadurch bekommt das ganze Genre Schwung.
Booksection:
Das Mittelstück einer Trilogie
ist ja immer so eine haarige Sache. Man möchte den Leser bei
der Stange halten, man möchte aber auch genug zurückbehalten
für das große Finale. Empfinden Sie das auch so?
Heide
Solveig Göttner: Die Hauptaufgabe besteht
immer darin, die Leser nicht zu langweilen, sondern stets mit überraschenden
Wendungen und neuen Erkenntnissen aufzuwarten. Das gilt nicht nur
für den Mittelteil einer Trilogie! Grundsätzlich empfinde
ich es beim Schreiben immer wieder als Herausforderung, die Informationen
so zu streuen, dass es für den Leser spannend bleibt, dass
man der Geschichte folgen kann, ich als Autor aber nicht zuviel
preisgebe. Deshalb kommt im zweiten Teil meiner Trilogie ein weiterer
Erzähler dazu, der einen neuen Blickwinkel auf die Ereignisse
auf der Insel eröffnet. Außerdem erfährt der Leser „häppchenweise“ mehr über
die Hintergründe des magischen Mädchens Lillia, das im
Mittelpunkt des Abenteuers steht.
Booksection: Das erinnert uns an „Harry Potter“ und
J.K. Rowling. Diese Autorin schafft das auch genial gut, die Informationen
detailreich zu streuen.
Heide
Solveig Göttner: Genau. Faszinierend.
Booksection:
Haben Sie die Bücher gelesen?
Heide
Solveig Göttner: Ja.
Booksection: Alle?
Heide
Solveig Göttner: Alle. Klar. Sirius Black ist so
ein Charakter, wo ich sage: „Oooh ja!“
Booksection: Ähnlich
wie bei Rowling sagen auch Sie, dass Sie das Ende bereits im Kopf haben.
Und Sie erzählen sozusagen im Kopf rückwärts.
Heide
Solveig Göttner: Genau. Ich fange immer mit dem
Geheimnis an. Die Auflösung muss mir klar sein, bevor ich mit dem Schreiben
beginne. Ich kenne Kollegen, die sagen: „Ich lass mich von den Figuren
an der Hand nehmen und führen!“ Und sie fahren bestens damit und
schreiben tolle Bücher! Mir persönlich liegt diese Herangehensweise
allerdings überhaupt nicht. Ich muss schon am Anfang wissen, worauf die
Geschichte hinausläuft.
Booksection: … die
Geschichte unter Kontrolle haben…
Heide
Solveig Göttner: So weit es geht. Der Text und
die Figuren verselbständigen sich sowieso irgendwann, aber zumindest diesen
roten Faden, den es in jedem Buch gibt, habe ich schon gern in der Hand.
Booksection:
Im zweiten Buch nimmt der Tod eine zentrale Rolle ein. War das bewusst so,
dass Sie das Thema Tod thematisieren wollten?
Heide
Solveig Göttner: Ich beziehe mich in der Trilogie „Insel
der Stürme“ auf viele alte Mythen, und das Thema Leben und Tod,
die dramatische Konfrontation dieser beiden Gegensätze findet man in vielen
Mythologien rund um den Globus. Ich fand diese Thematik unheimlich spannend,
weil ich auf diese Weise die klassische Gut-und-Böse-Paarung, die sich
oft in Fantasy-Romanen findet, erweitern konnte. Die Trennlinie zwischen Schwarz
und Weiß, zwischen Freund und Feind funktioniert in meiner Trilogie nicht
so einfach, denn es geht um ein zerrissenes Land, um eine zerrissene Welt,
deren Teile ursprünglich zusammengehörten.
Der Totengott Antiles als Gegenspieler stellt für meine Figuren
eine echte Herausforderung dar. Der Tod ist keineswegs angenehm,
aber man kann auch nicht sagen, er sei böse. Ebenso wenig kann
man ihn besiegen, und dann ist er verschwunden. Das geht einfach
nicht, denn es handelt sich um einen Aspekt unserer Wirklichkeit,
der uns alle unweigerlich betrifft.
Booksection:
Haben Sie für Ihre Figuren reale Vorbilder?
Heide
Solveig Göttner: Nein, gar nicht, weil ich die
Klagen der abgebildeten Vorbilder vermeiden will *lacht*. Nein. Es ist so,
dass ich sehr viel beobachte, und dann lasse ich die Eigenschaften, Verhaltensweisen
und Schwächen, bei denen man sich und andere ertappt, in unterschiedlicher
Dosierung in den Text einfließen. Das macht die Figuren kontrastreich
und menschlich.
Booksection:
Haben Sie denn außer Tolkien noch andere
Autoren, von denen Sie sagen: „Die haben mich jetzt beeinflusst?“
Heide
Solveig Göttner: Ich gehöre noch zu der Generation
von Fantasy-Lesern, die vorwiegend anglo-amerikanische Autoren gelesen hat.
Eine, die ich immer gern zitiere, ist C.J. Cherryh, die heute leider fast keiner
mehr kennt. Sie schreibt wirklich großartig.
Booksection:
In Ihre Bücher sind ja Mythologien des Mittelmeerraumes
eingeflossen. Manche Orte hören sich griechisch an.
Heide
Solveig Göttner: Das Vorbild für die Insel
der Stürme ist Sardinien. Dort gibt es sehr alte Steintürme, die
Nuraghen, von denen einige sogar richtige Städte gebildet haben. Als ich
dort war, wurde mir klar: Das ist es! Über diese Kultur aus der Bronzezeit
gibt es wenig Wissen, wenig Literatur. Ich wollte diese Welt – in phantastischer
Form - zum Leben erwecken.
Booksection:
Wenn Sie mit Lesern sprechen, ist das interessant für Sie, was sie in
Ihren Büchern finden?
Heide
Solveig Göttner: Das ist total spannend, weil man
sieht, wie die Story und die Figuren ihr Eigenleben entwickeln und eine eigene
Dynamik. Die Leser zeigen mir als Autorin manchmal Perspektiven auf und machen
mich auf Aspekte aufmerksam, die ich so gar nicht gesehen habe. Das macht mir
großen Spaß. Ich liebe es, stundenlang über meine Bücher
zu diskutieren! Aber wer tut das nicht?
Booksection:
Lesen Sie als Fantasy-Autorin Bücher
unterschiedlicher Genres?
Heide
Solveig Göttner: Ich gehöre zu
den Leuten, die alles lesen - querbeet. Ich habe Literaturwissenschaft
studiert und bin deshalb von ganz verschiedenen Richtungen beeinflusst,
nicht nur von der Fantasy-Lektüre.
Booksection:
Werden Sie nach Abschluss der Trilogie die Insel der Stürme
verlassen?
Heide
Solveig Göttner: Nach diesen drei
Büchern
ist die Geschichte abgeschlossen. Der Roman steuert auf ein bestimmtes
Ende zu, denn ich habe beim Schreiben immer eine Aussage,
ein Thema im Kopf. Wenn die Figuren das Ende ihres Wegs erreicht
haben, ist auch die Geschichte zu Ende.
Booksection:
Vielen Dank für das Interview.
Es hat uns großen Spaß gemacht.
Heide
Solveig Göttner: Ganz meinerseits!
Es war mir ein Vergnügen, und ich hoffe, Ihren Lesern gefällt
der Blick hinter die Kulissen.
Das Interview wurde veröffentlicht am: 30.04.2007