Interview mit...

...Harro von Senger


Meister Suns Kriegskanon

"Ständig muss man sich davor hüten, moderne Gedanken in den Text zu projizieren."

Harro von Senger im Gespräch mit Booksection.de über seine Übersetzung des historischen Textes „Sun Zi Bingfa“.

Booksection.de: Was war Ihre Intention sich mit diesem Text zu befassen?
Harro von Senger: Mitte Juli 2006 fragte mich der Reclam-Verlag, ob ich bereit sei, Sun Zi Bingfa zu übersetzen. Da ich die gelbe Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags seit meiner Schulzeit immer geschätzt hatte, habe ich mich über die Anfrage gefreut und dem Reclam-Verlag nach einigem Zögern zugesagt. Hinsichtlich der Ablieferung meiner Übersetzung vertröstete ich ihn allerdings auf die Zeit nach meinem Eintritt in den Ruhestand (1. April 2009). Meine Intention, den Text zu übersetzen, erwuchs also aus dem Bestreben, den Reclam-Verlag nicht zu enttäuschen und einen Beitrag zu dessen Universal-Bibliothek zu leisten. Abgesehen davon war aber meine Intention, mich „mit diesem Text zu befassen“, schon vor Jahrzehnten entstanden, und zwar, weil dieser Text zum Verständnis der „36 Strategeme“ unentbehrlich ist. Über diese veröffentlichte ich 1988 mein erstes Buch (Strategeme Band 1), weitere vier Bücher folgten 1999 (Die List), 2000 (Strategeme Band 2), 2001 (Die Kunst der List) und 2004 (36 Strategeme für Manager), s. hierzu www.36strategeme.de . Zudem ist der Text auch eine Grundlage der chinesischen „Supraplanung“, der ich 2008 ein Buch widmete (www.supraplanung.eu).

Booksection.de: Wie lange haben Sie an der Übersetzung gearbeitet?
Harro von Senger: Nicht so lange, denn ich kam erst nach meinen Eintritt in den Ruhestand dazu, die Übersetzung an die Hand zu nehmen. Der mit dem Verlag vereinbarte Ablieferungstermin war der 1. April 2010. Allerdings ist die Vorbereitungszeit in Rechnung zu stellen. Mit Meister Suns Kriegskanon beschäftigte ich mich im Zusammenhang mit meiner Strategem-Forschung seit Jahrzehnten. Zur unmittelbaren Vorbereitung meiner Übersetzung befasste ich mich in meinem Abschiedssemester (WS 2008/09) in einem Hauptseminar an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i.Br. ganz intensiv mit Sun Zi Bingfa (s. http://www.sino-archiv.36strategeme.ch/vvz/ws0809.html)

Booksection.de: Sie gelten in Fachkreisen als exzellenter Kenner Chinas und sprechen fließend chinesisch. Welche Stellen dieses uralten Textes würden Sie als besonders schwierig zu übersetzen bezeichnen?
Harro von Senger: Der gesamte Text ist schwierig, denn er ist über 2000 Jahre alt. Ständig muss man sich davor hüten, moderne Gedanken in den Text zu projizieren. So kommt das Wort „Strategie“ in meiner Übersetzung nie vor. Die entsprechende Vorstellung findet sich aber in dem Text, aber sie wird anschaulich-sinnenhaft umschrieben und nicht abstrakt wiedergegeben. Ich behalte diese urtümliche Aussageweise bei und benutze nur in diesbezüglichen Fussnoten das Wort „Strategie“. Am heikelsten sind Schriftzeichen, die aus Reimgründen eingesetzt worden sind und bei denen man erst herausfinden muss, welches die eigentlich passenden Schriftzeichen sein könnten.

Booksection.de: Der Originaltext weist Lücken auf, die Sie sinngebend gefüllt haben. Ergibt sich der Sinn als logische Schlussfolgerung aus der Beschäftigung mit dem Text oder verlangt dies weitreichende Recherchearbeiten?
Harro von Senger: Beides kommt vor. Die Lücken sind ein Kapitel für sich. Wie ich damit umgehe, schildere ich im Reclam-Band ausführlich. Ich verweise darauf. Hier möchte ich etwas über meinen übersetzerischen Umgang mit dem Text mitteilen. Beispielsweise übersetze ich „Ohne einen Waffengang die Streitmacht der Männer der Gegenseite gefügig machen ist erst das Gute vom Guten.“ Sämtliche mir bekannten Übersetzungen lauten: Ohne einen Waffengang die Streitmacht des Feindes gefügig machen ist erst das Gute vom Guten.“ (Meister Suns Kriegskanon, 3.2). Meine Übersetzung ergibt sich aus meiner Beschäftigung mit dem Text, in dem ausdrücklich „Mann (ren)“ und nicht „Feind (di)“ steht. Durch meine wörtliche Übersetzung „Männer der Gegenseite“ komme ich dem supraplanerischen Gehalt des Satzes auf die Spur. Dieser geht bei der Übersetzung „Feind“ verloren. Das erläutere ich in einer Fussnote. Noch zu Ihrer vorhergehenden Frage: Das Schriftzeichen „ren“ für „Mann“ ist eigentlich ein sogenanntes „einfaches“ Schriftzeichen. Aber dessen Übersetzung scheint enorm schwierig zu sein. Habe ich recht, indem ich es wörtlich mit „Mann“ übersetze? Oder haben alle anderen Übersetzer recht, die es als „Feind“ interpretieren? Über einzelne Wörter, auch z.B. das Wort „ren“ im oben genannten Beispiel, habe ich mich bei Reisen in die Volksrepublik China in Fachgesprächen mit dortigen Meister-Sun-Kennern kundig gemacht. Zum Verständnis vieler im Text vorkommender Fachwörter aus dem Bereich der reichhaltigen antiken chinesischen Militärterminologie habe ich einschlägige chinesischsprachige und auch japanische sowie westliche Werke der Sekundärliteratur zu Rate gezogen.

Booksection.de: Was ist für Sie die Kernaussage des Textes?
Harro von Senger: Aus meiner Sicht ist es die folgende Aussage: Am besten ist es, Konflikte ohne Blutvergiessen, durch weitsichtige nicht kriegerische, "supraplanerische" Vorgehensweisen im Keimzustand zu lösen, sodass derjenige, der den Konflikt auf diese Weise löst, namenlos bleibt und gar nicht als „Held“ hervortritt. Konkret beziehe ich mich hier etwa auf folgende Stelle: „In einem spektakulären Waffengang einen Sieg erringen und dann deswegen von den Leuten unter dem Himmel für gut befunden werden, ist nicht das Gute vom Guten, optimal ist es vielmehr, eine Auseinandersetzung mittels Strategemen oder diplomatischen Mitteln ohne Waffengang zu gewinnen, sodass die Menschen einen solchen Sieg ohne Gewehrfeuer gar nicht wahrnehmen und natürlich auch kein Lob spenden.“ (Meister Suns Kriegskanon, 4.2)

Booksection.de: Wäre SUNZI ein Zeitgenosse, wäre er Ihrer Meinung nach ein Kandidat für den Friedensnobelpreis?
Harro von Senger: Gesetzt der Fall, er habe tatsächlich gelebt und das von mir übersetzte Buch verfasst - beides ist umstritten - dann hätte er für seine These, die beste Lösung von Konflikten bestehe darin, den Gegner ohne Waffeneinsatz, also ohne Krieg, ohne Tote und Verwundete sowie ohne Sachzerstörung, gefügig zu machen, diesen Preis mindestens ebenso sehr wie Präsident Obama verdient.

Booksection.de: Würde SUNZI zum charismatischen Feldherren taugen?
Harro von Senger: Gemäss den „Geschichtlichen Aufzeichnungen“ von Sima Qian (gest. um 145 v.u.Z.) soll er ein erfolgreicher Feldherr gewesen ein. Wie indes aus den Antworten auf die Fragen 5 und 6 zu ersehen ist, war das Hauptanliegen, den Gegner ohne Krieg, also ohne jede Feldherrentätigkeit im üblichen Sinne des Wortes, gefügig zu machen. Insofern besteht das Hauptziel nicht darin, als charismatischer Feldherr zu glänzen.

Booksection.de: Würden Sie in „Meister Suns Kriegskanon“ über die martialische Ausrichtung hinaus auch den philosophischen Ansatz sehen?
Harro von Senger: Man kann in dem Buch philosophische Ansätze sehen. So besticht es durch die Diesseitigkeit. Irgendeine Transzendenz scheint keine Rolle zu spielen. Der Herrscher und sein Feldherr sind allein auf sich und ihre Weisheit und sonstige Tugendhaftigkeit gestellt. Man könnte das Buch also als „aufklärerisch“ bezeichnen. Das ist ein „philosophischer“ Aspekt des Buches, der schon oft hervorgehoben und selten bezweifelt worden ist. Mich fesselt aber ein bisher meines Erachtens unerkannter Aspekt des Buches, nämlich der „supraplanerische“ Ansatz. Dieser beinhaltet idealtypischerweise ein Zweifaches, nämlich a) ein sehr langfristiges Konfliktregelungsbestreben (dauerhafte Konfliktlösung möglichst ohne Krieg) und b) das Betonen der ständigen simultanen Berücksichtigung nicht nur konventioneller, sondern auch unkonventionell-strategemischer Konfliktlösungsoptionen, und zwar auf der supraplanerischen Ebene beim Umgang mit dem Keimzustand eines Konfliktes, dann aber auch auf der strategischen, operativen und taktischen Ebene beim Umgang mit einem bereits offen ausgebrochenen und allenfalls militärischen Konflikt.

Booksection.de: Herr von Senger vielen Dank für dieses Interview.



Das Interview wurde durch Gabriele Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 30.03.2011

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