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Interview mit...
...Harro von Senger
"Die Blicke werden sich auf China richten."
Mit Booksection im Gespräch: Herr Prof. Dr. Dr. Harro von Senger über sein neues Buch "Supraplanung“.
Booksection: Sehr geehrter Herr Prof. von Senger, im April 2008 haben Sie die Bundesministerin
für Bildung und Forschung Frau Dr. Annette Schavan auf
einer Reise nach China begleitet. Welche aktuellen Eindrücke bringen Sie
mit?
Harro von Senger: Der Anlass der fünftägigen China-Reise
(13.-18. April 2008) war das 30jährige Bestehen des chinesisch-deutschen
Abkommens über wissenschaftlich-technologische
Zusammenarbeit (WTZ).
Wir besuchten Institutionen, die mir eher fremd sind, wie das Forschungslabor
der Siemens Corporate Technologies, das Institut für Hochenergiephysik
der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und das chinesisch-deutsche
Zentrum der National Natural Science Foundation of China (NSFC). In Shanghai
waren Schwerpunkte der Delegationsreise ein Besuch des "China-Las" (des
Laserlabors) an der Jiaotong-Universität, die Kooperationsprojekte zwischen
der Max Planck-Gesellschaft und der Chinesischen Akademie der Wissenschaftensowie
die Chinesisch-Deutsche Hochschule für Angewandte Wissenschaften (CDHAW).
Das war für mich neu. Von Haus
aus habe ich in der VR China eher mit geisteswissenschaftlichen Personen
und Stätten zu tun. Während der Reise von Frau Bundesministerin
Dr.Schavan sah ich, wie in China versucht wird, im naturwissenschaftlich-technischen
Bereich der Polaritätsnorm „In erster Linie Wiedergeburt aus eigener
Kraft, Streben nach ausländischer Hilfe als Ergänzung“ nachzuleben.
Auf die „Polaritätsnormen“ der Volksrepublik China,
die im Westen nicht wahrgenommen werden, gehe ich in meinem Buch „Supraplanung“ ein,
auf das wir noch zu sprechen kommen werden. Während der Reise
gab es eine geisteswissenschaftliche Veranstaltung an der Peking Universität.
Angeregt hatte sie der deutsche Professor für Philosophie
Otfried Höffe. Interessant war, dass ein
chinesischerReferent die Aufklärung etwas anders einschätzte
als dies bei uns üblich ist.Nach
der Reise mit Frau Ministerin Dr. Schavan ergriff ich die Gelegenheit, eine Tagung über
Menschenrechte in Beijing zu besuchen. Kein anderer Teilnehmer der Delegation
von Frau Ministerin nahm an diesem Anlass teil. Noch nie hatte ich an einer Tagung über Menschenrechte in China teilgenommen. Das war also auch eine Premiere für mich. Aber wirklich Neues erfahren habe ich dort nicht. Chinesischerseits wurden meist UNO-Standpunkte zur Menschenrechtsfrage vertreten. Diese waren mir aus der Lektüre chinesischer Periodika und Fachbücher bereits vertraut.
Direkt vor Ort gehört habe ich es an dieser Beijinger Tagung zum
ersten Mal.
BS: China und die Menschenrechte.
Auch ein eher schwieriges Thema. Es blitzt ja immer einmal wieder
in den Nachrichten auf. Es gibt hier
sicherlich von uns Europäern noch eine Menge zu lernen über
die
chinesische Sichtweise und den chinesischen Standpunkt.
HvS: Zur Kenntnis zu nehmen haben wir eher die UNO-Sichtweise
bezüglich
der Menschenrechte. Bei uns herrscht die Meinung vor, es gebe auf der
Welt voneinander abgeschiedene Kulturblöcke. Hier sitzt der
Westen, oder
Deutschland, dort sitzen Chinesen ganz für sich. Hie und da
begibt sich
jemand aus dem westlichen Kulturblock nach China und klärt Chinesen,
die
noch nie etwas von Menschenrechten gehört haben, darüber
auf, dass es im
Westen Menschenrechte gebe, und er muss sich alle Mühe geben,
um
beispielsweise im Konfuzianismus Argumente zu finden, gestützt
auf die
er Chinesen gegenüber die Menschenrechte begründen kann.
Vergessen wird
bei solchen hiesigen Annahmen, dass es eine Weltorganisation namens
UNO
gibt. Sie fungiert als eine Mittlerin, als ein Medium zwischen den
Kulturkreisen. Die UNO verfügt eigens über ein Gremium
für
die
Menschenrechte. Bis 2006 hieß es „Menschenrechtskommission“,
seither
heißt es „Menschenrechtsrat“. Dieses Gremium hat
seit jeher seinen Sitz
in Genf. Ferner gibt es die UNO-Generalversammlung. Jeden Herbst
tagt
sie in New York, und immer wieder verabschiedet sie Resolutionen
zum
Thema Menschenrechte. Womit wir in der Volksrepublik China
konfrontiert
sind, ist weniger eine spezifisch chinesische als vielmehr die
UNO-Menschenrechtskonzeption, wie sie in vielen UNO-Resolutionen
zum
Ausdruck kommt und von Chinesen weitgehend übernommen
wird. Es trifft
also nicht zu, dass sich Chinesen heutzutage völlig unabhängig
von
anderen Kulturkreisen eine Meinung bilden. Es gibt vielmehr eine
gemeinsame Plattform, auf der sich beispielsweise Deutschland und
die VR
China in der Menschenrechtsfrage regelmässig treffen und Gedanken
miteinander austauschen – die UNO. In der UNO redet man seit
1945
ständig global über die Menschenrechte und verabschiedet diesbezügliche
Resolutionen. Alle Staaten haben hier ihre Vertreter, und alle Staaten
sind bei der Verabschiedung von UNO-Menschenrechtsresolutionen
beteiligt, die Volksrepublik China bemerkenswerterweise meist auf
der
Seite siegreicher Mehrheiten, und Deutschland meist auf der Seite
derüberstimmten Minderheiten. Das sollte man zur Kenntnis nehmen.
Man weiss zwar verschwommen, dass es eine UNO gibt, aber die Meinung
der UNO zum
Thema Menschenrechte ist hierzulande weitgehend unbekannt. Hier glauben
viele Menschen, China vertrete eine ganz eigene Sichtweise betreffend
die Menschenrechte. Aber dem ist nicht so. In Stellungnahmen der
VR
China zu praktischen Menschenrechtsfragen wird meist nur aus
UNO-Resolutionen zitiert.
BS: In Ihren Seminaren an der
Universität Freiburg
lehren Sie die
Funktionsweise der UNO.
HvS: Ja, im Zusammenhang mit der Volksrepublik China.
Im Sommersemester 2008 planen wir eine Reise zum Menschenrechtsrat
nach Genf.
BS: In China ist im Moment ja viel in Bewegung.
Sowohl im Negativen, wie zum Beispiel durch die verheerenden Erdbeben,
aber auch durch die
Olympischen Spiele. Denken Sie, dass die Olympischen Spiele auch
eine Chance für die Volksrepublik sind, sich weiter zu öffnen,
sich positiv zu
präsentieren? Oder glauben Sie, dass die Chinesen dies gar nicht
so
wahrnehmen? Das dies für sie auch gar nicht so wichtig ist und
tatsächlich nur der Sport im Vordergrund steht?
HvS: Im Vordergrund dürfte die Möglichkeit
stehen, sich der Welt zu
präsentieren. Die Blicke werden sich auf China richten, aber
vor allem
mit der Fragestellung: Werden sie die Spiele erfolgreich über die Bühne
bringen? Es wird für die Chinesen wichtig sein, dass die Spiele
unter
den Augen der vielen ausländischen Journalisten vor Ort ohne
Pannen
abgewickelt werden.
BS: Aber Sie sehen China schon
auf einem Weg der langsamen Öffnung?
HvS: Ja, aber es ist eine marxistisch-dialektische Öffnung gegenüber
den ausländischen Dingen, welche als für China gut
befunden werden.
BS: Also nicht einfach das europäischen Modell übergestülpt
zu bekommen…
HvS: Der in der Volksrepublik China als Staatsdoktrin
anerkannte Marxismus ist ein europäisches Modell! Das aber will
man hierzulande nicht thematisieren.
BS: Das stimmt. Sie beschäftigen sich nun schon
viele Jahre mit China.
Mit der Kultur, mit den Menschen, der Sprache. Ist es für Sie
immer noch
faszinierend?
HvS: Natürlich!
BS: Entdecken Sie immer noch etwas Neues?
HvS: Die chinesische Sprache überrascht mich
immer wieder mit Wendungen,
die ich noch nicht gekannt hatte. Immer wieder lese ich Anekdoten,
die
mir noch nie begegnet sind. Bei einer Sprache, die es schon seit
ungefähr 1500 v. Ch. gibt, hat sich so vieles aufgehäuft,
dass jederzeit
etwas Neues ins Blickfeld treten kann. Die Sprache ist zudem die
Brücke
zu chinesischen Sichtweisen von der Welt. Diese kennenzulernen ist
ebenfalls bereichernd. Denn aus chinesischer Sicht sieht die Welt
manchmal unversehens anders aus, als man von der europäischen
Perspektive her gewohnt ist.
BS: Sicherlich eine interessante Erfahrung zu sehen,
wie Deutschland von seiner Umwelt wahrgenommen wird.
HvS: Genau. Eine zusätzliche Perspektive ist
immer gut und auch spannend.
BS: Wie sind Sie eigentlich
auf China gestoßen?
Sind Sie einfach an das
Thema „rangelaufen“?
HvS: „Rangelaufen“ kann man sagen,
ja. Bei Berliner Bekannten meiner
Eltern in Willerzell am Schweizerischen Sihlsee. Meine Eltern waren
zum
Nachmittagstee eingeladen, und ich bin zufällig mitgegangen.
Dort habe
ich mir die Bücher angeschaut und bin auf ein Buch gestoßen
mit dem
Titel „Chinesische Konversationsgrammatik“. Ich habe
es mir ausgeliehen.
Die fremdartigen Schriftzeichen, die ich darin fand, wirkten wie
eine
Initialzündung.
BS: Chinesisch ist ja eine sehr spezielle Sprache. Man muss
nicht nur eine neue Spreche lernen, sondern auch völlig fremde
Schriftzeichen. Es
gibt die alten chinesischen Schriftzeichen, die lateinische Lautschrift
Pinyin und die unterschiedlichen Betonungen der Schriftzeichen. Hier
hängt
die Meßlatte sicherlich höher?
HvS: Das wusste ich damals
ja alles noch nicht. Am Anfang waren da
einfach diese faszinierenden Schriftzeichen. Es war für mich
eine
Herausforderung, so etwas zu erlernen. Allein die Schrift weckte
mein
Interesse, und zwar nicht für China im allgemeinen oder für
dessen
Kultur im besonderen, sondern einzig und allein für die chinesische
Sprache als solche. Die chinesische Kultur entdeckte ich erst später.
BS: Faszination ist sicherlich eine gute Grundvoraussetzung,
um eine neue Sprache zu lernen.
HvS: Ich besuchte das katholische Gymnasium des
Benediktinerklosters Einsiedeln. Wir hatten acht Jahre Latein, sechs
Jahre Altgriechisch und sieben Jahre Französisch, dazu zwei Jahre Englisch, natürlich
auch acht
Jahre Deutschunterricht. Meine Schulausbildung hatte also bereits
eine
sprachliche Prägung.
BS: Man benötigt also schon eine Begabung für
Sprachen, um sich das
Chinesisch zu erschließen?
HvS: Ich glaube schon. Aber es braucht auch einen
sehr großen Fleiß.
Blosse Begabung allein reicht nicht.
BS: „Supraplanung“ ist Ihr neues Buch. Wie viele Bücher
haben Sie
bereits veröffentlicht?
HvS: Das ist schwer zu sagen? Zusammen mit kleinen Bänden
universitärer
Reihen etwa. 12 Bücher.
BS: Wie lange haben Sie an „Supraplanung“ gearbeitet?
HvS: Das Abfassen des Buches musste ich in meine jetzige Tätigkeit
richtiggehend „hineinzwängen“. Von September bis Oktober 2007 habe ich an „Supraplanung“ geschrieben. Noch bis in die
Weihnachtsferien
2007/08 hinein habe ich Ergänzungen einfügen können.
Material gesammelt
für dieses Buch habe ich natürlich viel länger.
BS: Das Buch entsteht praktisch
Stück für Stück im
Kopf?
HvS: Genau, das Buch war eigentlich schon da. Ich
musste es nur noch zu
Papier bringen.
BS: „Supraplanung“ – Ein ungewöhnlicher
Titel.
HvS: Das ist ein Wort, das ich erfunden habe. Ende
November 2007 gab es
im Suchprogramm Google unter diesem Suchwort null Treffer. Stattdessen
hiess es: „Suchten Sie Sparplanung?“
BS: Das hat nun wirklich gar
nichts miteinander zu tun.
HvS: Es gibt Wörter in China mit Bedeutungen, für
die wir keine
entsprechenden Wörter haben. Es sind dies Wortbedeutungen, die
sich
einem nicht gleich erschließen. Der Sinn erschließt sich
zwar, wenn man
Quellen liest, aber man stellt sich die Frage, mit welchem Wort man
diese ganz spezifische Bedeutung im Deutschen wiedergeben soll. In
solchen Fällen muss man – und mit der äusserst leistungsfähigen,
für die
Welterfassung sehr geeigneten deutschen Sprache kann man das
auch -
ein neues Wort bilden, das die Bedeutung deutschsprachigen Menschen
nahezubringen vermag.
BS: Man kann also nicht einfach
für das Wort
im Chinesischen im
Wörterbuch das passende deutsche Wort finden?
HvS: Nein. „Supraplanung“ ist eine Erklärungsübersetzung
des zugrunde
liegenden chinesischen Wortes „Moulüe“. Ich habe
nicht dieses
chinesische Wort an sich übersetzt, sondern ich habe versucht,
den
speziellen Sinn, der diesem Wort in der chinesischen„Moulüe“-Fachliteratur
gegeben wird, zu erfassen. Sie können
natürlich
das chinesische Wort in einem chinesisch-deutschen Wörterbuch
nachschlagen. Dort wird aber nicht „Supraplanung“ stehen. „Supra“ heißt„Top“.
Es ist ein lateinisches Wort für „über“. Über
allem anderen. Zum
einen prägte ich „Supraplanung“ wegen der
riesigen Zeitdimensionen, in
denen laut der Moulüe-Fachliteratur im Extremfall gedacht wird.
Die
Moulüe-Planung geht hinsichtlich Langfristigkeit weit über
das hinaus,
was westliche Strategien in zeitlicher Hinsicht abdecken. Verglichen
mit
einer chinesischen Supraplanung erstrecken sich diese auf viel kürzere
Zeiträume. Zum anderen steht die Supraplanung über der
listigen und der
nichtlistigen Planungsebene. Es gibt das berühmte Yin Yang
Symbol. Die
eine Hälfte ist schwarz, die andere weiß. Das „Supra“ im
Wort„Supraplanung“ soll besagen, dass diese Art von Planung über
beiden
Hälften, der schwarzen und der weissen, steht und ständig
zwischen ihnen
hin und her oszilliert. Weiss steht für Nicht-List, Schwarz
für
List.
Unter „List“ verstehen Chinesen eine unkonventionelle,
verblüffende
Problemlösung. Die Nicht-List ist dementsprechend die konventionelle
Problemlösung im Rahmen des üblichen Routinedenkens. Der
Supraplaner
fragt sich unentwegt: Soll ich nun eine listige Lösung oder
eher eine
konventionelle, nichtlistige Lösung des Problems wählen? Westliches
Denken ist demgegenüber eher immer auf konventionelle Problemlösungswege
fixiert. Auf jeden Fall ist westlichem Denken das flexible, List
und Routine überwölbende, beides simultan in Betracht ziehende
und ständig
gegeneinander abwägende Denken eher fremd.
BS: Hatten Sie auch noch weitere Titel in Ihre Überlegungen
miteinbezogen?
HvS: Hierzu habe ich in der Fußnote 55 des
Buches, auf Seite 254,
Stellung bezogen. Ich hatte auch noch an „Hyperplanung“ gedacht.
BS: Unsere Redakteurin Gaby hat das Buch gelesen
und sagt dazu, dass es
sehr anspruchsvoll ist. Sie schreckten den Leser bereits in der
Einleitung davon ab, Ihr Buch zu Ende zu lesen. Wollen Sie nur einen
bestimmt Leserkreis erreichen oder provozieren?
HvS: Nein, nein, ich will niemanden abschrecken.
Ich schreiben nur, dass wahrscheinlich viele Leser das Buch nicht
zu Ende lesen werden. Das ist
eher eine Prognose oder auch eine Befürchtung. Ich muss damit
rechnen,
dass kaum ein Mensch das Buch beachten wird. Das scheint mir
sehr
wahrscheinlich.
BS: Das wäre aber sehr bedauerlich, da es wirklich
sehr detailgenau und
gut recherchiert ist.
Ein Ansatz in Ihrem Buch zum besseren Verständnis Chinas und
der
Denkungsart von Chinesen ist „Ideologien wie Sprachen lernen“.
Warum?
HvS: Weil Chinesen in ihrer Sprache und darüber
hinaus in ihren
Sichtweisen denken. Wenn man die chinesischen Sichtweisen nicht
versteht, versteht man auch nicht, was Chinesen meinen, wenn sie etwas
sagen, selbst wenn man die Wörter, die sie benutzen, vom oberflächlichen
Wortsinn her versteht. „Ideologien wie Sprachen lernen“ habe
ich nicht
nur in der Volksrepublik China, sondern auch in Taiwan praktiziert.
Dort
habe ich die chinesische Sprache anhand von taiwanesischen Primar-,
Mittelschul- und Oberschullehrbüchern der chinesischen Sprache
erlernt.
Die waren auch voller Ideologie, voller Gedankengut des Konfuzius
und
Chiang Kai-Shek.
Konfuzius begegnete mir dann später wieder in der VR China.
Deshalb war
ich froh, so viel über ihn aus taiwanesischen Schulbüchern
erfahren zu
haben. Sprachen sind ja zunächst nur Wörter. Lernt man nur die Wörter,
hat man noch nicht viel gelernt. Entscheidend ist es zu wissen, was
hinter den Wörtern steckt, welche Inhalte sie umfassen.
BS: Die Ideologie ist also auch immer ein „Kanal“ zu
den Menschen. Wenn
ich nicht weiß, was ihre Lebenswirklichkeit vor Ort ausmacht, erschließt
sich mir auch nicht der Sinn der Sprache?
HvS: Genau. Es geht aber nicht nur um die Lebenswirklichkeit,
sondern um
den geistigen Gehalt von Wörtern. Man sollte nicht nur die pure
Wörterbuch- oder die Sprachlehrbuchbedeutung chinesischer Wörter
erlernen, sondern auch all ihre Begriffsinhalte, Gefühlsfärbungen,
die
damit verknüpften Gedankenassoziationen und bei politischen
Termini in
der Volksrepublik China nicht zuletzt deren politisch-ideologische
Bedeutung.
BS: Aber die Chinesen werden dann doch misstrauisch,
wenn man so genau
nachfragt und alles wissen will, oder?
HvS: Ja, schon. Aber dieses Misstrauen kann man sehr leicht
mit dem Hinweis darauf zerstreuen, dass man „Gelehrsamkeit“ anstrebe.
Auf
Chinesisch heisst „Gelehrsamkeit“ „xuewen“.
Wenn ich Chinesen dieses
Wort erkläre, sind sie in der Regel nicht mehr misstrauisch.
Denn „xuewen“ bedeutet, genau übersetzt, „lernen
und fragen“.
BS: Sie sind ein wichtiger Zeitzeuge der
postmaoistischen Zeit. Wird es
hierzu noch weitere Veröffentlichungen von Ihnen geben?
HvS: Sicherlich, aber derzeit bin ich noch
nicht dabei, ein neues Buch
zu schreiben. Allerdings habe ich den Auftrag, Meister Suns „Kunst
des
Krieges“ erstmals auf sinologischer Grundlage ins Deutsche
zu übersetzen.
BS: „Multiperspektivische Herangehensweise“ ist
eines Ihrer Leitmotive.
Bei dem Versuch „Supraplanung“ zu erklären greifen
Sie das Beispiel der
Entsorgung von Atommüll auf. Kann man daraus schließen,
dass Sie sich
auch als Atomkraftgegner verstehen?
HvS: Ich meine mit dem Beispiel etwas anderes. Chinesisches
Moulüe-Denken schwankt stets zwischen den Polen von Yin und
Yang hin und
her, auch bei Krisen. Eine Krise ist natürlich immer etwas Unangenehmes,
aber Chinesen versuchen, aus jeder Krise auch etwas Positives zu
machen. Das leuchtet mir als ein sehr viel besseres Herangehen an
Krisen ein,
als wir das zuweilen tun. Betrachtet man die deutsche Abkehr von
der
Atomkraft bloss strategisch zum Beispiel im Hinblick darauf, dass
hierzulande die Grünen die Abschaltung der Atommeiler betreiben
und die
Franzosen demzufolge den Deutschen auf diesem auf den ersten Blick
nach
wie vor zukunftsträchtig scheinenden Gebiet enteilen, sodass
der
Standort Deutschland wichtige Standortvorteile verliert, dann wird
man
das alles im Hinblick auf die kommenden zehn bis zwanzig Jahre schlimm
finden. Geht man diese Situation aber supraplanerisch an, würde
man
sagen: Ja das ist zwar zunächst einmal eine Katastrophe für
Deutschland.
Aber jetzt machen wir daraus doch etwas Positives! Lasst uns alle
Kräfte
sammeln, über die man in Deutschland verfügt, um eine echte
und
brauchbare Alternative zur Atomenergie zu finden! Ich wollte mit
diesem
Beispiel nicht sagen, dass ich für oder gegen die Atomkraft
bin. Ich
wollte aufzeigen, dass man die Situation auch noch von einem dritten
Standpunkt aus betrachten kann, der über den hierzulande geläufigen
Standpunkten steht.
BS: Wie könnte man der geballten Wirtschaftskraft
Chinas, die auf uns
zurollt, begegnen? Sie schlagen unter anderem vor, sich in punkto
Bildung auf alte humanistische Bildungsideale zu berufen. Wie könnte
dies in der Praxis aussehen?
HvS: Dies ist ja nur ein Punkt, den ich vorschlage.
Und dieser eine
Punkt bezieht sich wiederum bloss auf einen Aspekt der Supraplanung,
nämlich die der Supraplanung eigenen langen historischen Dimensionen.
Die humanistische Bildung kann uns bewusst machen, dass nicht nur
Chinesen, sondern auch wir eine lange geschichtliche, kulturell
reichhaltige Vergangenheit haben. Europäerinnen und Europäer,
die ein
solches humanistisch geprägtes Bewusstsein haben, werden vor
Chinesen
nicht auf die Knie sinken, wenn jene anfangen, von ihrer uralten
Kultur
zu reden.
BS: Herr Professor von Senger
wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview wurde veröffentlicht am: 30.05.2008
