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Kommende Buchkritiken
Interview mit...
...Friedrich Schorb
...zur
Buchkritik "Dick, doof und arm?"
"Niemand sollte gezwungen werden etwas Bestimmtes zu essen."
Mit Booksection im Gespräch: Sachbuchautor Friedrich Schorb.
Booksection: Sie gehören offensichtlich nicht zur Gruppe
der Betroffenen. Wie kamen Sie dazu, sich dennoch mit dem Thema ´Übergewicht´
auseinanderzusetzen?
Friedrich Schorb: Es war eher eine wissenschaftliche Auseinandersetzung.
Zunächst schrieb ich meine Magisterarbeit zu dem Thema und dann brachte
ich mit meinem Doktorvater Henning Schmidt-Semisch den Sammelband „Kreuzzug
gegen Fette. Sozialwissenschaftliche Aspekte des gesellschaftlichen Umgangs
mit Übergewicht und Adipositas“ heraus. Danach durfte ich einen Gastbeitrag
für die Süddeutsche Zeitung schreiben. Das Thema stieß auf großes
Interesse und somit hat sich das Buch dann angeboten.
Booksection: Sind Sie direkt mit den Menschen in Kontakt
getreten oder haben Sie eher am Schreibtisch recherchiert?
Friedrich Schorb: "Dick Doof und Arm" ist ein Buch,
bei dem nur Literatur gewälzt wurde. Es gibt Zitate, aber keine Interviews
und es geht auch nicht so sehr darum wie die Befindlichkeit von übergewichtigen
Menschen ist. In erster Linie geht es darum, wie das Thema in den Medien dargestellt
wird und was daran meiner Ansicht nach falsch ist.
Booksection: Wie lang haben Sie mit dem Thema beschäftigt?
Friedrich Schorb: Seit 2005. Auslöser für die Beschäftigung
mit dem Thema war das Buch von Frau Künast "Die Dickmacher".
Ich war erstaunt, wie reißerisch und dramatisierend dort das „Übergewichts-Problem“
beschrieben wurde. In Vorbereitung meiner Magisterarbeit habe ich mich dann
persönlich und intensiver damit beschäftigt.
Booksection: Warum haben Sie diesen provokanten Titel
gewählt?
Friedrich Schorb: Zunächst ging es mir darum zu zeigen,
dass eben dieses Bild besteht. In Magazinen wie dem "Stern" finden
sich reihenweise Überschriften wie "Die dicke Unterschicht" oder
"Dick und Doof". Aus der Tatsache, dass Ärmere prozentual stärker
von Übergewicht betroffen sind, wird einfach der Rückschluss gezogen,
Einkommensarmut, Bildungsferne und das Übergewicht mit seinen Folgekrankheiten
seien kein gesellschaftliches Problem, sondern das Verschulden des Einzelnen.
So entsteht ein scheinbar zwangsläufiger Teufelskreis, aus dem man nicht
mehr rauskommt.
Genau das kritisiere ich in meinem Buch, deshalb das Fragenzeichen im Titel.
Denn diese gesellschaftliche Zuschreibung trifft überhaupt nicht zu. Aus
Übergewicht resultiert eben nicht zwangsläufig Armut und Bildungsferne,
ebenso wenig ist das Übergewicht selbstverschuldet. In Wahrheit gibt es
unterschiedlichste Gründe für Übergewicht. Zum einen sind es
die Gene, zum anderen sicher auch die Ernährung. Aber auch diese Gründe
sind nicht selbstverschuldet. Die Gene spielen ebenso eine Rolle wie das Verhalten
und das Verhalten wiederum ist nicht immer frei gewählt. Da spielen kulturelle
Prägungen ebenso eine Rolle wie materielle Grundlagen. So sind, um nur
ein Beispiel zu nennen, hochkalorische Lebensmittel eben um ein Vielfaches günstiger
als frisches Obst und Gemüse.
Booksection: Sie gehen diesbezüglich auf das "Menü
Sarazzin" ein. Ist das Vorrechnen von Lebensmitteln schon der Gipfel der
Demütigung von Hartz IV Empfängern?
Friedrich Schorb: Sein Vorrechnen von Essen ist heftig gewesen.
Obwohl sein damaliger Chef der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit diese
Äußerung kritisierte, zwingst sich hier einfach die Frage auf: Warum
gibt man den Leuten so wenig Geld? Man muss doch in einem so reichen Land wie
Deutschland jedem die Möglichkeit einräumen, sich seine Ernährung
frei auszuwählen. Niemand sollte gezwungen werden etwas Bestimmtes zu essen,
jeder sollte essen können, was er möchte. Doch das kann man mit den
entsprechenden Hartz IV-Sätzen und Niedriglöhnen nicht. Ich befürchte,
das wird sich nach der Bundestagswahl eher noch verschlimmern, da es zu weiteren
Kürzungen im Sozialbereich kommen wird.
Booksection: Wie realistisch ist die "neue Seuche"?
Friedrich Schorb: Ich bin der Meinung, dass sie keine reelle
Grundlage hat. Die Behauptungen von einer "Epidemie", die also ähnliche
Konsequenzen hätte wie früher die Infektionskrankheiten, halte ich
für völligen Humbug. Es mag ja sein, dass die Menschen etwas dicker
geworden sind, aber dass daraus dermaßen schlimme Gesundheitsschäden
resultieren halte ich für Quatsch.
Booksection: Sie beschreiben in Ihrem Buch direkt das Phänomen
der "Übergewichts-Epidemie". Spitzen Sie das bewusst zu?
Friedrich Schorb: Diese dramatische Haltung gibt es tatsächlich.
In Großbritannien beispielsweise ist das noch viel extremer als in Deutschland.
Dort wird Übergewicht zum Teil schon mit dem Klimawandel verglichen. Auch
die Äußerung "Die nächste Generation stirbt vor ihren Eltern"
ist dort häufiger zu hören. Ähnliche Töne sind aber auch
in Deutschland zu vernehmen. Das mit den Kindern, die vor ihren Eltern sterben
hat etwa Frau Künast in ihrer Regierungserklärung ebenfalls behauptet.
Sie hatte diese Behauptung von der britischen Regierungserklärung, die
ein paar Monate früher erschien, direkt abgeschrieben.
Auch in den USA gibt es extreme Statements. Dort ist davon die Rede, Fettleibigkeit
sei der neue "Terror im Inneren und schlimmer als der 11. September".
Ähnlich verhält es sich mit der WHO (Anm. d. R.: World Health Organisation),
die seit mittlerweile zwölf Jahren von der "neuen Seuche" spricht.
Das habe ich mir also nicht ausgedacht, die Dramatisierung des Problems ist
schon so wie ich das in meinem Buch dargestellt habe. Bei dieser Diskussion
ist wirklich jedes Maß verloren gegangen.
Booksection: Ihr Beispiel von Afrika, wo die neue Wohlstandsgesellschaft
an Diabetes stirbt, wird gern als Beweis für die weltweiten Auswirkungen
des Übergewichts genommen.
Friedrich Schorb: Das heute tatsächlich in Afrika Menschen
an Diabetes sterben ist schlimm. Doch das liegt nicht daran, dass die Menschen
dort auf einmal zu viel essen, sondern daran, dass es kein Insulin gibt. Aber
es ist immer noch besser, wenn die Leute mit 60 an Diabetes sterben, anstatt
mit 30 an Hunger.
Booksection: Sie sprechen die Möglichkeit der Früherkennung
von "Adipositas" bei Föten an und dass es hier eine Welle von
Abtreibungen geben könnte.
Friedrich Schorb: Das war nur Zukunftsmusik, soweit ist es
noch nicht. Aber in den USA gibt es Umfragen, dass Eltern schon bei einer 50-prozentigen
Wahrscheinlichkeit für ein adipöses Kind eine Abtreibung vornehmen
würden, weil es eben ein so starkes Stigma gibt, das die Eltern unter Druck
setzt.
Booksection: Wie hängen für Sie die Leistungsgesellschaft
und das Schlankheitsideal zusammen?
Friedrich Schorb: Sie bedingen sich in gewisser Weise. Es gibt
dieses Bild des aktiven Managers, mit sportlichem athletischen Körper,
der symbolisch für Leistung steht. Damit steht aber gleichzeitig jeder,
der diesem Bild nicht entspricht, automatisch unter Verdacht, eben nichts zu
leisten.
Ich denke, es hat viel damit zu tun, dass das, was relativ schwer zu erreichen
ist, letztlich als Ideal gilt. In den 1950er Jahren war zum Beispiel der dicke
Bauch der Manager keine Selbstverständlichkeit. Damals hat ein Kugelbauch
bedeutet, dass man nicht körperlich arbeiten musste. Und es hat auch bedeutet,
dass man sich viele Nahrungsmittel leisten konnte. Heute ist es weitaus schwieriger
dünn zu bleiben, weil körperliche Arbeit zur Ausnahme geworden ist
und so viele hochkalorische Lebensmittel günstig zur Verfügung stehen.
Nachträglich wurde der kulturellen Veränderung des "dicken Bauches"
das Totschlagargument "Es ist ungesund" entgegengesetzt. So ist jede
Diskussion über die kulturelle Dimension des Übergewichts schon im
Keim erstickt. Denn wenn man sagt "Es ist ungesund", dann ist es ganz
klar böse und es erübrigt sich jede Debatte. Damit wird völlig
negiert, dass es sich vielmehr um eine ästhetische Frage handelt.
Booksection: Was hoffen Sie mit Ihrem Buch zu erreichen?
Friedrich Schorb: Zunächst, dass es viele lesen und dass
sich vor allem Dicke oder diejenigen, die sich zumindest so fühlen, entspannt
zurücklehnen und gute Argumente haben, um anschließend sagen zu können:
"Lasst mich in Ruhe mit meinem Gewicht!"
Zum anderen aber auch, dass vor allem Lehrer und auch Ärzte mein Buch lesen.
Denn das sind Multiplikatoren, die auch mal einen anderen Blick auf das Thema
bekommen sollten.
Schließlich geht es mir nicht zuletzt um die dicken Kinder. Bei denen
sehe ich ganz stark die Gefahr, dass man mit diesem gutgemeinten Aktionismus
genau das Gegenteil erreicht wird. Sie werden stigmatisiert und schon im Kindergarten
gibt man ihnen mit: "Ihr seid nicht in Ordnung, so wie ihr seid!"
Dabei hat man überhaupt keine erfolgreichen Möglichkeiten zur Prävention.
Man macht diesen Kindern unglaublichen Stress, ohne dass man ihnen eine Lösung
anbieten kann, wie sie wieder dünn werden können. Hier muss ganz dringend
ein Umdenken einsetzen.
Booksection: Herzlichen Dank für dieses Gespräch!
Das Interview wurde am 15.10.2009 durch Jane Fritsche geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.10.2009