Wie jedes Jahr haben sich am Mittwoch wieder die Tore zur Buchmesse in Frankfurt geöffnet und für drei Tage konnte zuerst alles, was sich Presse nennt in die Hallen strömen. Auch Booksection.de war wieder dabei. Wir haben viel gesehen und gehört und einige Interviews mit bekannten Autoren geführt. All das wollen wir Euch nun präsentieren und hoffen, Ihr habt Spaß dabei, unsere Berichte und Gespräche mit den Autoren zu lesen.

Überschattet wurde die Buchmesse vom Tod eines der größten Autoren der letzten Jahrzehnte – Siegfried Lenz, Autor der „Deutschstunde“ und guter Freund von Helmut Schmidt und Marcel Reich-Ranicki. Ein großer Schriftsteller ist nicht mehr da, der unser Leben über so lange Zeit mit wertvoller Literatur bereichert hat. Dennoch lebt auch in dieser Buchmesse der Geist seines Schaffens weiter.

Wie gewohnt reihen sich Verlag an Verlag, Stand an Stand, Bücherstapel an Bücherstapel – ein nicht enden wollendes Paradies für Bücherfans. Es ist wie immer alles vertreten, was der Lesehimmel hergibt, der Bestand ist schier unerschöpflich.

Aber auch Neues hat die Buchmesse 2014 zu bieten. Da hätten wir im dritten Stock der Halle 3 eine Live Kochshow – genannt Gourmet Gallery - mit vielen bekannten Starköchen, wie beispielsweise Lafer und Lichter. Wir biegen um die Ecke und laufen schon in einen Menschenstau – alle bestaunen die virtuosen Kochkünste des Herrn Lafer. Aber nicht nur gut kochen kann der Herr, nein, er fühlt sich auch im Medienrummel rundum wohl. Charismatisch und witzig erklärt er gerade, dass man Kräuter bitte nicht waschen soll, denn dann entstünde auf dem Schneidbrett so eine „Pampe“, die einfach nicht mehr schmeckt, auch solle man diese nicht zu lange dünsten, sonst werden sie schwarz und – und hier wird der Starkoch geradezu verzweifelt – das Schlimmste seien getrocknete Kräuter. Solche eventuell in den Küchenschränken stehenden Dosen solle man möglichst schnell von diesem ketzerischen Inhalt befreien. Höchstenfalls eigenen sich diese laut Herrn Lafer für ein Kräuterbad. Das Publikum lacht artig und der Herr des Verlages, der das neueste Buch in der Hand hält, versucht hin und wieder auch mal zu Wort zu kommen, lässt es dann aber mit einem Grinsen auf den Lippen sein. Was soll’s – bei solch einer Vorführung guckt jetzt eh keiner auf das Buch. Aber sicherlich macht der Starkoch durch seine Vorführung neugierig und Lust auf mehr und die Verkaufszahlen stimmen auch so.

Großes Thema in diesem Jahr ist – auch im dritten Stock angesiedelt – das „Self-Publishing“ – hier gibt es auf einer extra Bühne Interviews mit Autoren, die ihre Bücher selbst herausgeben und sich nicht an Verlage binden und vielleicht auch – böse Zungen behaupten dies – keinen Verlag gefunden haben und nun zu diesem Mittel greifen. Das Interesse für diesen Bereich hält sich jedoch in Grenzen.
 
Ein anderer neuer Bereich nennt sich „Books On Demand“ – wie das Wort schon sagt, werden hier Bücher nur nach Bedarf gedruckt – das heißt erst, wenn die Bestellungen vorliegen. Vielleicht ein ganz interessantes Vorgehen, aber wo bleiben da die geliebten Bücherregale und –stapel, die das Schmökern in einer Buchhandlung ja erst zu einer sinnlichen Erfahrung machen?

Ehrengast ist dieses Jahr Finnland und wird mit einer ansprechenden Ausstellung präsentiert. Ein Rondell ist in der Mitte aufgebaut; hier stapeln sich rundherum Bücher finnischer Autoren. Im Innenkreis kann man sitzen und irgendwie wissen wir gar nicht, wie uns geschieht – dieses Rondell strahlt eine unglaubliche Ruhe aus – über uns und um uns herum schweben Leinwände, auf denen Eiskristalle illuminiert sind. Eigentlich würden wir noch gerne hier sitzenbleiben und diesen Zauber noch genießen, aber es geht weiter mit den Interviews. Diese und weitere Berichte findet Ihr nun hier.

Melanie Frommholz & Angelika Koch
Booksection.de




















"Jedes Buch bringt seine eigenen Schwierigkeiten und Probleme mit sich, die gelöst werden müssen."

Tom Rachman sprach mit uns über seinen zweiten Roman „Aufstieg und Fall großer Mächte“.

Booksection.de: Als wir uns 2010 getroffen haben und über Ihr Debüt „Die Unperfekten“ sprachen, haben Sie uns erzählt, dass Sie einfach Barkeeper werden, wenn es als Autor nicht klappt und die Menschen Ihr Buch nicht mögen. So wie es aussieht, mögen die Leser Ihre Bücher. Was hat sich durch den Erfolg für Sie verändert?
Tom Rachman: Also die bedeutendste Veränderung ist, dass ich jetzt in der Lage bin in Vollzeit zu schreiben. Das ist das, was ich eigentlich schon immer wollte. Als ich noch als Journalist gearbeitet habe, war es sehr schwierig, neben der Arbeit noch zu schreiben. Schon den ganzen Tag saß ich wegen meiner Arbeit am Computer und dann kam ich heim und es ging weiter. Oft musste ich das dann auf das Wochenende verlegen. Wenn man Geschichten schreibt, sollte man eigentlich längere Zeit dranbleiben können oder es fällt einem plötzlich etwas Wichtiges nachts um zwei Uhr ein und wenn man am nächsten Morgen arbeiten muss, kann man nicht mitten in der Nacht aufstehen und das niederschreiben. Das ist also die größte Entwicklung, die es für mich gab. Es gibt aber auch andere, wie zum Beispiel den Umstand, dass ich viel unterwegs sein kann und mit Leuten sprechen, die genauso von Büchern angetan sind wie ich.

Booksection.de: War denn die Arbeit an Ihrem zweiten Buch einfacher oder schwerer als bei Ihrem Debüt?
Tom Rachman: In einigen Aspekten war es schwieriger, aber teilweise auch leichter: Die Techniken des Schreibens waren mir geläufiger, ich wusste jetzt, was es bedeutet, ein Buch zu schreiben und ich habe nicht so oft die Hoffnung verloren wie beim ersten Mal. Ich weiß jetzt, dass es nicht unbedingt bedeutet, dass mein ganzes Buch schrecklich ist, nur weil ich mal etwas geschrieben habe, was nicht so gut ist, sondern, dass es einfach noch nicht fertig ist. Ich war beim zweiten Mal nicht so schnell enttäuscht und das war eine gute Entwicklung. Außerdem hatte ich ja noch beim ersten Mal große Zweifel, ob mein Buch überhaupt veröffentlicht werden würde und ob die Leute es mögen. Das ist eine riesige Belastung, weil man sich nicht sicher ist, ob man da gerade seine Lebenszeit verschwendet und dann doch alles im Papierkorb landet oder vom Computer gelöscht wird. Die Leute sagen oft, dass es schwieriger ist, ein zweites Buch zu schreiben, weil dann viel von einem erwartet wird. Ich fand es schwieriger zu schreiben, als ich noch nicht wusste, was die Leute überhaupt erwarten. Aber natürlich ist auch jedes neue Buch mit neuen Herausforderungen verbunden, egal auf welcher Stufe der Karriere man sich befindet. Jedes Buch bringt seine eigenen Schwierigkeiten und Probleme mit sich, die gelöst werden müssen. Es ist immer schwierig, die richtigen Protagonisten und den richtigen Rahmen zu finden. Man will ja nicht immer und immer wieder dasselbe Buch schreiben. Ich möchte etwas Neues entwerfen und benötige dafür viel Recherche. Das ist eine Menge Arbeit. Ich wusste zwar, was für eine Art von Buch es werden sollte, aber trotzdem hat es sich beim Schreiben entwickelt und es musste ja doch immer weitergehen und das war – wie gesagt – eine Menge Arbeit. Also insgesamt gibt es da Gutes und Schlechtes.

Booksection.de: Ja, Ihr Buch ist wirklich unglaublich, man kann es nicht anders sagen. Sehr berührend und emotional. Ein Knäuel aus skurrilen Figuren, verschiedenen Zeitebenen und verrückten Begebenheiten. Wie entwickelt man eine solche Geschichte? Und wie behält man den Überblick?
Tom Rachman: Vielen Dank, das ist sehr nett, das freut mich. Anfangs hatte ich zwei „Fixpunkte“. Zum einen, worum es in diesem Buch geht und zum anderen, welche Gefühle es vermitteln soll. Aber alle Details weiß ich natürlich nicht am Anfang, dafür ist mein Gehirn zu klein (lacht). Deshalb entwickelt sich vieles beim Schreiben, und plötzlich sitze ich da und es geht einfach weiter …

Booksection.de:…. fast schon wie in einem Film?
Tom Rachman: Ja, ich habe tatsächlich Bilder vor Augen, vielleicht, weil ich in meinem Leben auch schon so viele Filme angeschaut habe. Aber es geht etwas tiefer, man existiert praktisch selbst in der Geschichte, man kann sie betrachten, aber auf der anderen Seite verändert sie sich auch, man ist ja „Herr“ des Geschehens. Man ist also in die Geschichte einerseits involviert und muss sie andererseits erschaffen. Da sitzt man beispielsweise in einem Zimmer und gegenüber ist eine Tür und man weiß, dass da gleich jemand reinkommt, aber Du weißt erst gar nicht, wer das sein wird und dann kommt jemand durch diese Tür …

Booksection.de: … und dann sind Sie vielleicht sogar selbst überrascht davon, wer das ist, der da durch die Tür kommt?
Tom Rachman: Ja, genau. Es sollte einen noch überraschen, damit es den Leser auch überrascht. Überraschen nicht in dem Sinn von „seltsam“, sondern im Sinne von „interessant“. Wenn jemand durch diese Tür käme, den man kennt, würde das irgendwie gekünstelt wirken. Ich mag beim Schreiben diese Momente, wenn Dinge plötzlich in die Geschichte hineinplatzen oder plötzlich wieder verschwinden. Das ist dann wirklich spannend. Es passiert immer wieder viel Überraschendes beim Schreiben und manchmal kann man gar nicht klar sagen, dass etwas so oder so ist. Man sitzt manchmal geradezu zwischen zwei Stühlen. Schreiben und Lesen wiederum liegen sehr nahe beieinander. Lesen bekommt eine ganz andere Tiefe, wenn Du erfolgreich schreiben kannst. Ich habe auch gemerkt, dass ich emotionale Szenen weitaus besser schreibe, wenn ich nicht in einer gleichmütigen Stimmung bin, sondern etwas aufgebracht. Natürlich nicht im Sinne von randalierend, aber ich habe festgestellt, dass es der Qualität des Schreibens gut tut, wenn man dabei Gefühle empfindet, auch wenn das sogar Wut ist.
 
Booksection.de: Haben Sie jede Zeitebene für sich geschrieben?
Tom Rachman: Ich habe die Geschichte chronologisch geschrieben, um eine Struktur zu haben, sonst wäre ich mit Sicherheit durcheinander gekommen und dann hätte ich Fehler gemacht. Ich habe diese Arbeit gerne gemacht, auch weil ich dachte, dass diese Zeitebenen für den Leser interessant sein könnten und da musste ich sorgfältig arbeiten. Ich hatte gehofft, dass ich das hinbekomme und schlussendlich war ich zufrieden mit dem, was ich da erarbeitet habe.

Booksection.de: Ihr Buch ist bevölkert von Menschen, die überwiegend außerhalb dessen leben, was man ein normales, gut bürgerliches Leben nennt. Tooly selbst lebt über viele Jahre entwurzelt und ausgerichtet auf Venn, den sie vergöttert. Was hat Sie an dieser Konstellation fasziniert?
Tom Rachman: Ja, „Konstellation“ ist ein gutes Wort dafür. Darum geht es und darum, wie sich diese Konstellationen verschieben. Venn ist ein sehr starker Part, zumindest in Toolys Augen, und Tooly richtet praktisch ihr ganzes Leben darauf aus, sein Leben, seine Lebensphilosophie für sich anzunehmen und praktisch zu kopieren und sie glaubt an der Oberfläche, dass sie das geschafft hat, ist aber tief im Innern unzufrieden. Ich hoffte damit zeigen zu können, welche Mächte es gibt, die Menschen in ihrem Leben beeinflussen und wie diese sich aufbauen und dann wieder zusammenfallen. Es ist ja auch so, dass man oftmals denkt, man hätte einen ganz tollen Menschen in seinem Leben gehabt, egal ob Bruder, Tochter oder Onkel oder was auch immer und wenn man dann älter wird merkt man, dass dieser Mensch eigentlich ganz anders ist und man vieles falsch interpretiert hat. Ich denke, jeder kennt so einen Mensch in seinem Leben. Es kann aber auch anders herum sein. Es gibt ja auch Menschen, bei denen man dachte, dass sie einem gar nichts bringen und dann merkt man, dass das gar nicht stimmte und sie doch ziemlich wichtig für einen waren.
 
Booksection.de: Ja, man kann die Menschen eben nur von außen betrachten und nicht in sie hineinsehen.
Tom Rachman: Ja, so ist es. Man sieht zwar, wie sie sich benehmen und was sie tun, aber man weiß nichts über ihre innere Verfassung. Ich wollte, dass diese Verschiebung der Wahrnehmung, von der ich gerade gesprochen habe, durch Toolys Verhalten dargestellt wird. Sie hat sich immer zweitrangig gefühlt und gedacht, dass er weitaus mehr wert wäre, bis sie merkte, dass er ihr in vielerlei Hinsicht gar nicht gut getan hat.

Booksection.de: Warum haben Sie eine weibliche Protagonistin gewählt?
Tom Rachman: Das werde ich oft gefragt. Aber ich dachte, ich würde 50% des Menschseins außen vor lassen, wenn ich nicht eine Frau für diese Rolle nehmen würde. Wenn man über das eigene Geschlecht schreibt, vernachlässigt man zu viel und man sollte darüber hinausgehen. Sonst wird das geradezu autobiographisch, und ich bin nicht so sehr an mir selbst interessiert, sondern eher an anderen Mensch. Das Wunderbare am Lesen ist ja, dass man in Erlebnisse eintauchen kann, die man im Leben nie hätte. So kann man auch beim Schreiben ganz andere Bereiche betreten. Es gibt viele Schriftsteller, die gerne aus der Sicht ihrer eigenen Erfahrungen heraus schreiben. Das Problem ist dann nur, dass man irgendwann immer wieder dasselbe Buch schreibt. Und ich möchte einfach unterschiedliche Bücher schreiben.

Booksection.de: Ich habe mich beim Lesen oft gefragt, warum Tooly die „Ungereimtheiten“ in ihrem Leben erst so spät hinterfragt?
Tom Rachman: Ich glaube der Hauptgrund ist, dass sie einfach keinen Zugang zu den Antworten hat und sie hängt sozusagen fest. Ich wüsste nicht, wie sie früher die Antworten finden sollte. Venn ist sehr an sich selbst interessiert und denkt, dass die Welt für ihn da ist und dann tut er noch so, als wären seine Charaktereigenschaften höchst ehrbar, und Tooly denkt das tatsächlich auch. Und erst später merkt sie, dass sein Verhalten alles andere als ehrbar war.

Booksection.de: „Der Aufstieg und Fall großer Mächte“ beschreibt die Liebe als große Macht im Leben der Menschen. Im Guten wie im Schlechten. Ist sie die größte Macht von allen?
Tom Rachman: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass es viele große Mächte gibt, Hass zum Beispiel. Natürlich kann man sich darüber streiten, welche nun die größere Macht ist. Früher habe ich oft gedacht, dass es auch in der Musik immer nur um Liebe geht und dabei ist Liebe oft nur ein Synonym für „nett“ oder „gut“. Bei der Beziehung der Protagonisten in meinem Buch zueinander könnte man denken, dass es um Liebe geht, aber ich finde, es ist viel komplexer und das fand ich interessant. Ich habe auch versucht, andere Worte wie „Zuneigung“ oder „Hingabe“ zu gebrauchen, weil ich finde, dass das Wort Liebe überstrapaziert wird und man schlussendlich gar nicht mehr die wahre Bedeutung kennt. So gesehen ist Liebe eine große Macht, die aufsteigen und auch wieder herabfallen kann.

Booksection.de: Sarah ist eine Figur, die mich beim Lesen wahnsinnig aufgeregt hat, die aber auch eine sehr traurige Figur ist. Toolys Verhalten ihr gegenüber wird so noch griffiger, nachvollziehbarer, weil man quasi mit ihr zusammen von Sarah genervt ist. Wie im Grunde bei allen Figuren legen Sie Sarahs Wesen Schicht um Schicht mit Fortschreiten der Geschichte frei. Nähern Sie sich auch so Ihren Charakteren?
Tom Rachman: Das ist eine gute Frage! Ja, ich glaube so ist es. Anfangs habe ich eine Vorstellung von ihnen, aber während ich schreibe, kommt immer mehr und mehr heraus und ich mag es, wenn dabei überraschende Dinge auftauchen. Manchmal denke ich beispielsweise, dass ein Protagonist das oder jenes nicht tun würde und dann ist es aber doch so. Rückblickend verändert das dann auch das Bild, das ich von dieser Person habe. Diesen Umstand mag ich und ich finde ihn auch im Leben faszinierend. Wie oft hat man schon ein Urteil gefällt über jemanden und später erkennt man, dass das falsch war. Aber es kann dann auch sein, dass man nicht nur damit falsch lag, sondern dass auch somit vieles, was einen mit dieser Person verbunden hat dann auch nicht so war, wie man es wahrgenommen hatte. Oftmals ist es doch auch so, dass man jemanden trifft, den man lange nicht gesehen hat und dann feststellt, wie sehr sich derjenige verändert hat und man dabei aber gar nicht bedenkt, dass man selbst sich für den anderen auch verändert hat. Es stimmt ja nicht, dass man selbst gleichbleibt und die Welt um einen herum sich komplett verändert. Auch die eigene Wahrnehmung ändert sich, und man muss sich immer selbst hinterfragen. Diesen Umstand wollte ich auch in mein Buch aufnehmen.
Auch Tooly stellt fest, dass der Mann, den sie wiedertrifft, in ihrer Erinnerung ganz anders war, als er dann in Wirklichkeit ist. Wenn wir Kinder sind, empfinden wir ja auch beispielsweise Menschen als besonders groß und sind dann ganz überrascht, wenn wir sie später wiedersehen, weil sie gar nicht so groß sind. Aber sie konnte ihn ja auch nicht anders sehen, als sie jünger war, eben weil sie jünger war. Und das war etwas, was ich in diesem Buch herausarbeiten wollte.

Booksection.de: Ihr Roman beschreibt über die verschiedenen Zeitebenen (1988 /2001/2011) eindrücklich auch das Zusammenrücken der Welt, den Wandel in der Kommunikation, in Politik und Wirtschaft. Wollten Sie historische Veränderungen bewusst herausarbeiten?
Tom Rachman: Ja, definitiv. Eins, was ich in meinem Buch herausstellen wollte, waren diese Veränderungen, so wie bei „Die Unperfekten“ auch. Ich mag es, wenn Fiktion sich mit tatsächlichen Gegebenheiten vermischt. Ich möchte, dass sie sich zusammenfügt mit Dingen, die wirklich in der Welt passieren oder passiert sind. Ich wollte etwas über heute schreiben und habe gemerkt, dass ich dann die letzten 25 Jahre mit einbeziehen muss. Was in dieser Zeit passiert ist, hängt untrennbar mit dem zusammen, was wir heute sind. Ich habe mir diese Zeitebenen sehr sorgfältig ausgesucht. Es sind Zeitspannen, in denen wirklich Signifikantes passiert ist und in denen die Menschen festgestellt haben, dass gewisse Mächte weitaus zerbrechlicher sind, als bis dahin angenommen. Ich war mir dessen sehr bewusst und habe gehofft, ein bisschen Geschichte mit einbringen zu können.

Booksection.de: „Wenn man sich den „blinden Flecken“/ den Rätseln in seiner Vergangenheit stellt, ist Hoffnung möglich“ war für mich nach dem Lesen ein Hauptthema Ihres Buches. Welches ist Ihres?
Tom Rachman: Ich finde, dass es da mehrere Themen gibt und nicht nur ein Hauptthema. Meine Leser haben auch verschiedene Punkte aufgezählt. Auf einer Lesereise sagte einmal ein Leser, dass es seines Erachtens in beiden Büchern um Heimatlosigkeit ging. Ich weiß zwar nicht, ob das so stimmt, aber es gibt da so viele Wahrnehmungen. Das ist, als ob sechs Leute in einem Raum sind und miteinander reden, und Du musst die wichtigsten Sätze herausfiltern. So könnte vielleicht auch der Leser es schwierig finden, da einen Oberbegriff zu benennen. Mir ist es wichtig, dass man sich von der Geschichte angezogen fühlt. Wie man Unterhaltungsliteratur empfindet, ist ja auch abhängig vom eigenen Charakter und davon, wo man aufgewachsen ist, welche Religion man hat und von vielen anderen Dingen. So ist mir klar, dass die Menschen und auch meine Protagonisten die Dinge völlig unterschiedlich wahrnehmen.

Booksection.de: Schreiben Sie schon an einem neuen Buch?
Tom Rachman: Ja, das tue ich. Ich bin schon mit viel Spaß dabei. Allerdings muss ich momentan aufpassen, wenn ich dauernd über das jetzige spreche und schon an dem neuen schreibe, dass ich da nicht durcheinanderkomme (lacht).

Booksection.de: Vielen Dank für das Interview.
Tom Rachman: Sehr gerne, es war mir wirklich ein Vergnügen. Das Gespräch hat mir Spaß gemacht.




















"Ich bin eher der Mensch, der in jeder Situation einen positiven Aspekt sucht und meistens auch findet."

Im Booksection.de-Interview: Rita Falk über "Funkenflieger".

Booksection.de: Ihr Buch ist einfach unglaublich flüssig zu lesen, ich finde, das zeichnet es ganz besonders aus. Das Lesen macht großen Spaß. Wie ich in meiner Kritik geschrieben habe, erweckt es den Eindruck, als hätten Sie das gerade so aus dem Ärmel geschüttelt. Das ist aber sicherlich nicht der Fall. Wie sieht es denn in Wahrheit aus? Wie arbeiten Sie?
Rita Falk: Ja, ich habe wirklich das Glück, dass mir das Schreiben wahnsinnig leichtfällt. Ich habe einfach so einen Spaß an dieser Arbeit. Es ist wirklich so, dass wenn ich so einen Schreibtag habe, nach acht oder neun Stunden Schreiben mein Mann kommt und sagt: „Jetzt klapp’ aber mal die Kiste zu“ und dann mache ich mir noch ganz schnell ein paar Notizen für den nächsten Tag. Ich muss mich dann richtig losreißen, weil ich in der Geschichte so drin bin. Speziell jetzt in diesem Buch, da gibt es das Casino, in dem ich mich selbst so wohl gefühlt habe, dass ich gar nicht wegwollte. Ich denke mal, dass man das auch „rausliest“. Wenn man gerne schreibt, vermittelt man auch dem Leser, dass man sich da wohlfühlt.

Booksection.de: Also acht/neun Stunden ist schon viel – ein paar Pausen werden Sie ja hoffentlich schon machen?
Rita Falk: Ja, eine Kaffeepause natürlich schon oder ich gehe mit dem Hund raus. Aber ich komme wirklich schwer los davon. Ich bin dann mehr in der Geschichte als zu Hause.

Booksection.de: Sie haben selbst drei Kinder. Wie groß war die Versuchung, gewisse Charaktereigenschaften der eigenen Kinder auf die Protagonisten zu projizieren?
Rita Falk: Ja, das war hier so und auch beim „Hannes“ war das so. Als die Jungs in der Pubertät waren, war ihre ganze Clique immer bei uns zu Hause, wir hatten immer offene Türen und ich glaube, da habe ich mir schon sehr viel abgeschaut und rausgehört und deswegen glaube ich auch, dass es so authentisch geworden ist.

Booksection.de: Weil Sie gerade „rausgehört“ sagen – gerade bei Marvin habe ich mir gedacht, dass Sie sich da sicherlich was abgehört haben.
Rita Falk: Das ist auch bei meinen Eberhofer-Krimis so – ich glaube, dass meine Sprache immer sehr authentisch ist.

Booksection.de: Sie sagen ja, dass viel bei Ihnen zu Hause abgelaufen ist. Sind Ihnen da auch Vorkommnisse begegnet, die sie im „Funkenflieger“ verwendet haben?
Rita Falk: Ja, es gibt ja auch in allen sozialen Schichten Probleme und ich musste die einfach aufschreiben.

Booksection.de: Trotzdem habe ich das Gefühle gehabt, Sie schreiben diese Probleme zwar auf, Sie benennen sie, aber es kommt einem so vor als würden Sie sagen: „Jetzt mach mal nicht so ein Drama daraus, sonst wird es immer noch schlimmer“.
Rita Falk: Ja, das ist auch meine Lebenseinstellung. Ich finde, man kann wirklich alles dramatisch sehen und ich habe da auch in meiner Verwandtschaft eine Frau, bei der ist immer alles eine Katastrophe. Und ich bin eher der Mensch, der in jeder Situation einen positiven Aspekt sucht und meistens auch findet.

Booksection.de: Ja, es stellt sich bei „Funkenflieger“ so eine Leichtigkeit beim Lesen ein, obwohl die Dinge, die in diesem Buch passieren ja wirklich kein Spaß sind.
Rita Falk: Ja, das haben mir viele Leser schon so gesagt und dass sie dann sehr beflügelt aus dem Buch „herausgegangen“ sind.

Booksection.de: Die Menschen, die sich da in Ihrer Geschichte kennenlernen, würden sich unter normalen Umständen sicher nicht kennenlernen. Zum Beispiel Schwester Annemarie und Marvin, das ist schon eine lustige Kombination. Aber eigentlich würden sie ja sonst im Leben nie zusammenkommen.
Rita Falk: Ich weiß nicht, es kommt immer darauf an. Ich finde, die Menschen müssten sich mehr öffnen. Für andere Situationen und für andere Leute und ich glaube, es gäbe viel mehr solche Situationen und auch Freundschaften, wenn die Leute nicht immer so blocken würden. Und der Marvin hätte ja auch genauso gut diese Anfangsstimmung „Was will die Alte hier“ durchziehen können. Aber das hat er nicht getan. Die Frau ist ja auch – obwohl sie so tough und so streng ist – ganz liebenswert. Und das durchschaut er auch schnell. Und so würde es funktionieren, wenn jeder in dem anderen mal das Positive suchen würde.

Booksection.de: Das Casino fand ich übrigens auch sehr schön, so wie Sie vorhin selbst auch sagten. Schade, dass es dann abgerissen wurde, aber irgendwie war ja dann auch die Zeit vorbei, oder?
Rita Falk: Das will ich auch damit ausdrücken. Es hat alles seine Zeit und auch wenn man irgendwo mit einer tiefen Traurigkeit rausgeht aus einem Lebensabschnitt, es kommt dann eine neue Situation und die hat wieder neue schöne Seiten.

Booksection.de: Sie haben ja die Provinzkrimis geschrieben und jetzt den zweiten Roman. Fühlen Sie sich in beiden Genres wohl?
Rita Falk: Ja, sehr. Ich liebe meinen Eberhofer sehr und ich bin sehr gerne in Niederkaltenkirchen, aber ich brauche auch mal so eine Auszeit. Ich möchte mal wieder an einen anderen Schauplatz, ich möchte andere Protagonisten erfinden. Ich glaube, der Eberhofer funktioniert nur immer wieder so gut, weil ich hin und wieder eine Pause suche. Ich liebe Niederkaltenkirchen, kann aber nicht immer dort sein. Vieles ist entstanden durch diese wahnsinnige Anteilnahme der Leser. Ich habe einen ganzen Schuhkarton von Post zu Hause, da sind die ganzen Mails noch gar nicht dabei, von Leuten, die sich Gedanken machen über den „Hannes“. Da sind sowohl Leute dabei, die mit Todkranken leben oder arbeiten als auch Leute, die selbst Verluste hatten in der Vergangenheit und die sagen alle das Gleiche, nämlich, dass ihnen das Buch trotz aller Trauer so viel gegeben hat und auch wieder neue Lebensfreude, und für diese Leser hauptsächlich ist der „Funkenflieger“ da.

Booksection.de: Ja, ich glaube, den „Hannes“ muss ich jetzt auch unbedingt lesen. „Funkenflieger“ ist ja auch ein toller Titel für ein Buch und es ist auch in der Geschichte klar, wo der Name herkommt, aber sind Sie darauf gekommen, das als Buchtitel zu nehmen?
Rita Falk: Ja, aber der Titel hat sich genau aus dieser Situation ergeben.

Booksection.de: Das heißt, Sie haben erst geschrieben und dann erst später entdeckt, welchen Titel Sie dem Buch geben?
Rita Falk: Ja, das ist aber bei all meinen Büchern so. Ich schreibe erst das Buch und dann kommt der Titel.

Booksection.de: Sie haben gerade von der Auszeit von den Krimis durch die Romane gesprochen, Gibt es aber auch eine absolute Auszeit, in der Sie gar nicht schreiben?
Rita Falk: Ja, zum Beispiel durch die Dreharbeiten für „Winterkartoffelknödel“ bin ich auch ganz viel am Set und habe das Drehbuch überarbeitet und wenn ich auf Lesereise bin, schaffe ich es auch fast gar nicht zu schreiben. Also ich mache schon so meine Schreib-Auszeiten, wobei mich das nicht wirklich glücklich macht. So eine Woche ganz ohne Text, das ist ziemlich anstrengend.

Booksection.de: Also heißt das – für andere Hobbys keine Zeit?
Rita Falk: Doch, natürlich. Wir ziehen jetzt zum Beispiel aufs Land. Wir haben uns gerade ein altes Schulhaus gekauft und da wird jetzt die Waschküche umgebaut zu einem Stall – wir kriegen nämlich zwei Esel. Das ist jetzt zum Beispiel ein neues Hobby.

Booksection.de: Warum gerade Esel?
Rita Falk: Wir haben enge Freunde, die einen Esel haben. Mein Mann sitzt dann immer bei den Erwachsenen am Tisch und die Frau Falk ist bei dem Esel. Und dann war es so, dass mein Mann beim Nachhausefahren immer gesagt hast: „Du schaust aus, als kämst aus dem Urlaub“. Und da ist mir das aufgefallen, dass mir diese Tiere so gut tun. Die sind so absolut klug und sensibel und wenn sie dann kommen und drücken mir den Kopf an den Arm, das ist als würden sie sagen: „Es ist ja alles gut, komm wieder runter.“ Und das beruhigt mich sehr. Und darum habe ich beschlossen, dass ich die selbst haben willen. Darauf freue ich mich – die kommen am ersten November.

Booksection.de: Könnten Sie sich vorstellen, eine Fortsetzung vom Funkenflieger zu schreiben, so wie bei den Krimis auch?
Rita Falk: Ich glaube, das ist eine abgeschlossene Geschichte. Es bleibt dem Leser offen, wie das weitergeht und jeder kann sich da seine eigenen Gedanken machen. Und das finde ich schön.

Booksection.de: Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Interview.
Rita Falk: Ich habe zu danken. Schön war’s.




















"Ich glaube, wenn ich mit „Erebos“ irgendetwas vermitteln wollte, dann das, dass man das eigene Denken nicht abschalten sollte."

Ursula Poznanski sprach mit uns über ihre Trilogie „Die Verratenen“, „Die Verschworenen“, „Die Vernichteten“ und ihren anderen großen Erfolg „Erebos“.

Booksection.de: Seit dem Erfolg von „Erebos“ arbeiten Sie als Vollzeit-Autorin, hat sich das Schreiben seither für Sie verändert?
Ursula Poznanski: Als Autorin ganz in Vollzeit arbeite ich seit nun zwei Jahren. Davor habe ich immer noch ein wenig journalistisch gearbeitet. Zu „Veränderung“ würde ich „jein“ sagen. Es ist angenehmer geworden, weil ich mich um nichts anderes mehr gedanklich kümmern muss. Am Schreiben selbst hat sich nicht unbedingt etwas verändert. Es hat mir vorher Spaß gemacht und es macht mir nach wie vor Spaß. Aber es ist einfacher geworden, weil ich mir die Zeit freier einteilen kann.

Booksection.de: Sind Sie über den Journalismus erst zum Schreiben gekommen?
Ursula Poznanski: Nein, ich habe auch schon geschrieben, bevor ich Journalistin geworden bin. Aber eher nur für mich. Ich war lange der Auffassung, dass Journalismus die bessere Form für mich ist, weil ich nichts Langes schreiben konnte. Nach 20, 30 Seiten habe ich immer wieder aufgehört. Das hat sich dann erst entwickelt, aber nicht durch den Journalismus. Sondern es hat sich eher meine Einstellung geändert, denke ich. Und auch meine Schreibtechnik.

Booksection.de: Die Geschichte von Ria und den anderen „Verratenen“ ist Ihre erste Trilogie. Eine besondere Herausforderung im Gegensatz zu einem Einzelband?
Ursula Poznanski: Ich wollte unbedingt einmal eine Trilogie schreiben. Das war etwas, was mich gereizt hat. Eine lange Geschichte, die mit drei Bögen und einem großen Bogen funktioniert.

Booksection.de: Wo und wie finden Sie die Inspiration für Ihre Geschichten?
Ursula Poznanski: Für die Trilogie war der Basisgedanke, dass ich etwas schreiben wollte, was sich mit dem Thema „Gut und Böse“ auseinandersetzt. Und ob es das denn gibt. Wie weit es uns beeinflusst, auf welcher Seite wir stehen in einem Konflikt. Und was passiert, wenn wir diese Seiten wechseln. Und ob es Gut und Böse überhaupt gibt, oder alles eine Frage der Perspektive ist.

Booksection.de: Bewusst dann auch als Jugendbuch konzipiert?
Ursula Poznanski: Ja, da ja feststand, für welchen Verlag ich diese Trilogie schreibe. Damit ist für mich im Kopf auch klar, dass es ein Jugendbuch wird.

Booksection.de: Was ist bei Ihnen zuerst da, die Figuren oder die Geschichte, das Setting?
Ursula Poznanski: Das bedingt sich so ein bisschen gegenseitig. Aber es ist immer unterschiedlich, meist ist der Kern, die Idee der Geschichte zuerst da. Die Figuren kommen dann allmählich dazu, eigentlich wie von selbst. Ich setze mich nicht hin und frage mich: So, was für eine Hauptfigur brauchst Du jetzt? Sondern das entwickelt sich so nebenbei, sehr langsam und unbewusst. Oft auch, wenn ich noch mit einem anderen Buch beschäftigt bin. Es passiert da mehr auf einer Gefühls- als auf einer gedanklichen Ebene.

Booksection.de: Viele Autoren berichten, dass ihre Figuren während dem Schreiben ein Eigenleben entwickeln. Sich zuweilen auch einmal gegen Entwicklungen „sträuben“. Wie ist das bei Ihnen?
Ursula Poznanski: Vom Basisplot her machen sie das, was sie sollen (lacht). Sie richten sich schon nach der Geschichte, dankenswerterweise. Aber es stimmt, dass es diese Momente gibt, in denen zwei Figuren, von denen ich denke, dass sie gut miteinander auskommen, sich plötzlich nicht vertragen. Das ist mir schon passiert. Und dann denke ich: „Super, nun könnt ihr euch nicht leiden. Warum eigentlich nicht?“ (lacht). Das war eigentlich nicht so gedacht, ist dann aber trotzdem so. Und meistens komme ich 50, 60 Seiten später darauf, dass es einen guten Grund hatte. Ich glaube, da spielt das Unterbewusstsein eine große Rolle. Und diese Gefühlsebene für die Geschichte, die man noch gar nicht so unbedingt für sich selbst in Worte übersetzt hat. 

Booksection.de: Schreiben Sie chronologisch? Manche Autoren haben uns schon erzählt, sie beginnen mit dem Schluss und entwickeln die Geschichte dann quasi rückwärts. Für mich als Leser eine komisch Vorstellung.
Ursula Poznanski: Ich schreibe chronologisch. Mit dem Schluss anfangen könnte ich auch nicht. Natürlich hat man manche Szenen schon unglaublich plastisch im Kopf. Das müssen nicht unbedingt die nächsten  sein, sondern vielleicht ist es eine, von der ich weiß, die kommt so ungefähr in 100 Seiten. Dass man die dann gleich aufschreibt, ist natürlich eine Möglichkeit. Wäre für mich aber trotzdem keine gute Idee, weil sich eben auf diesen 100 Seiten noch sehr, sehr viel tun kann. Es können Elemente auftauchen, die in der späteren Szene eine große Rolle spielen, dann müsste ich umschreiben und das würde einfach mehr Arbeit machen. Daher schreibe ich chronologisch. Wahrscheinlich also aus Faulheit (lacht).

Booksection.de: Sie schreiben bislang vornehmlich spannende Geschichten. Thriller für Heranwachsende, auch zwei Krimis für Erwachsene. Ist es so, dass das Spannende Ihr Metier ist?
Ursula Poznanski: Spannung mag ich schon sehr gerne an Büchern. Ein dahinplätschernder Roman wäre wahrscheinlich schon gar nicht meines. Daher ist der Thriller bis zu einem gewissen Grad naheliegend. Ich bin aber auch ein großer Fan von Plot-Twists, wo die Dinge sich dann noch einmal von einer ganz anderen Seite zeigen, als man das gedacht hatte. Und auch dafür ist ein Thriller einfach ein gutes Medium, ein gutes Genre. Krimi, Thriller, alles wo es ein bisschen um das Lösen eines Geheimnisses geht. Das spielt mir sehr in die Hände. Wobei damit nicht gesagt ist, dass ich nie etwas anderes machen würde oder machen möchte. Aber für den Moment ist es das, von dem ich glaube, dass es mir am meisten liegt.

Booksection.de: Nach der Lektüre Ihrer Trilogie kann ich das nur bestätigen. Gerade die Art, wie Sie Figuren zeichnen ist sehr ansprechend und es entstehen griffige Charaktere. Haben Sie immer einen bestimmten Liebling in Ihren Büchern?
Ursula Poznanski: In der Trilogie ist es natürlich Ria, weil sie meine Ich-Erzählerin ist. Ich erzähle die ganze Geschichte ja wirklich aus ihrer Sicht. Aber sonst…. Es gibt immer wieder auch andere Figuren, die mir nahe sind. Ich mag sie alle, bis zu einem gewissen Grad. Auch die Bösen. Wobei wir dann wieder beim Thema sind, sind die Bösen wirklich immer die Bösen? Figuren, die mir ganz egal sind, gibt es in meinen Büchern nicht. Aber natürlich gibt es immer solche, die einem näher sind, in die man auch eigene Gedanken hineinpackt.

Booksection.de: … oder wo man im eigenen Umfeld vielleicht auch auf Dinge stößt, die man dann einbaut? Geht Ihnen das manchmal so, dass Sie Menschen treffen, wo Sie sagen, das ist ein Zug oder eine Eigenschaft, die ich gerne einmal verwenden würde?
Ursula Poznanski: Das habe ich bisher noch nicht gemacht. Es ist eher so, dass, wenn ich etwas brauche für eine Figur, das ich bei mir so gar nicht finde, ich dann meine Umgebung scanne und mich frage, wer würde denn hier passend reagieren. Aber das sind Einzelaspekte. Nie der ganze Mensch. Und selbst diese eine Eigenschaft übernehme ich nicht zu 100%. Ich bin zum Beispiel gar nicht cholerisch. Aber ich kann mir überlegen, kenne ich jemanden, der beim geringsten Anlass in die Luft geht? Und wie würde er hier reagieren, was würde er machen?

Booksection.de: Ich fand Ihre düstere Zukunftstrilogie sehr spannend und auch glaubwürdig. Eine packende Lektüre und das über alle drei Bände hinweg. Wie viel Recherchearbeit steckt dahinter?
Ursula Poznanski: Für das Setting der Trilogie habe ich viel aus meiner eigenen Fantasie geschöpft. Natürlich habe ich aber, was Klimaveränderungen angeht, recherchiert. Und auch was ein solcher Vulkanausbruch bewirken würde, gemeinsam mit der damit zusammenhängenden Verdunkelung. Was würde das mit dem Klima machen, mit der Vegetation? Wohin rutscht unsere Schneegrenze? Und wie lange würde es dauern, bis die Bedingungen dann wieder etwas besser werden würden? Genau das war wichtig, weil ich die Phase beschreiben wollte, in der es draußen wieder besser wird. Für das Leben in den Sphären, viele Leute auf beengtem Raum, habe ich wiederum an Japan gedacht. Hier leben viele Menschen auf engem Raum. Was macht das mit ihnen? Sie müssen ihre Emotionen sehr gut kontrollieren, damit das funktioniert. Emotionskontrolle ist also ein wichtiges Thema. Dass da einfach einer ausflippt, weil ihm der Tee zu heißt ist, geht nicht (lacht). Was mir auch wichtig war, ist das Thema Manipulation. Witzigerweise ein wiederkehrendes Motiv in meinen Büchern. In der Geschichte stecken auch viele politische Fragen. Daher fand ich es wichtig zu schauen, wie ist es denn bei uns? Wo bekommen wir unsere Information her? Über die Medien. Aber wie funktionieren die Medien? Erfahren wir immer die ganze Wahrheit? Natürlich beziehen sie irgendwie Stellung, selbst durch Auslassungen. Auch Ria glaubt ja zu Beginn, sie sei bei den „Guten“. Dass die Wirklichkeit eine ganz andere ist, kann sie überhaupt nicht wissen. Und genauso geht es uns doch auch. Wir können ganz vieles überhaupt nicht wissen.

Booksection.de: Hierzu passt der Aspekt der Rhetorik in der Geschichte. Wie beeinflusse ich die Menschen mit meiner Stimme, mit meinem Auftreten, mit meiner Gestik und Mimik? Alles Dinge, die Ria ja lernt. Ein Aspekt, der mich nachdenklich gemacht hat. Ist es so, dass Sie solche Botschaften auch ganz gezielt vermitteln wollen?
Ursula Poznanski: Diesen missionarischen Gedanken habe ich überhaupt nicht. Ich will eine Geschichte erzählen und in die packe ich die Sachen, die mich interessieren. Von denen ich denke, sie sind wichtig, aber in erster Linie wichtig für die Geschichte. Es ist nicht so, dass ich sage: Lest dieses Buch, Leute! Und dann denkt doch bitte einmal intensiv drüber nach (lacht). Ich finde es super, wenn das, was mich in dem Buch beschäftigt, auch meine Leser beschäftigt. Aber ich sage nicht: Na toll, wenn Du Dir diese Frage anschließend nicht gestellt hast, dann lies es doch bitte nochmal.

Booksection.de: Gerade bei „Erebos“ ist ja dann aber genau das passiert. Dort haben Sie den Nerv zu einer bestimmten Zeit genau getroffen.
Ursula Poznanski: Ja, wobei ich „Erebos“ nie als Buch betrachtet habe, das sich gegen Computerspiele wendet. Computerspiele waren hier Mittel zum Zweck, weil es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Es geht darum, dass man einem Ding folgt, das man nicht kapiert und das etwas von einem verlangt. Mache ich das dann? Und bis wohin mache ich es? Dafür war das Computerspiel ein perfektes Mittel. Aber es ging mir nicht darum zu sagen: Computerspiele sind böse.

Booksection.de: Waren Sie erstaunt von der Dynamik, die das Buch ausgelöst hat?
Ursula Poznanski: Ja, das war ganz verblüffend. Ich habe „Erebos“ sehr viel in Schulen gelesen und habe es immer sehr genossen, wenn ein Lehrer dann festgestellt hat, dass wir es mit einem Buch zu tun haben, das sich gegen Computerspiele wendet. Ich habe jedes Mal widersprochen, denn meiner Ansicht nach kommt es immer auf die Dosis an, wie bei allem anderen auch. Auch Fernsehen ist gefährlich oder sogar Sport, wenn man nichts anderes mehr tut. Ich glaube, wenn ich mit "Erebos" irgendetwas vermitteln wollte, dann das, dass man das eigene Denken nicht abschalten sollte.
Booksection.de: „Erebos“ ist mittlerweile auch ausgezeichnet worden. Wie wichtig ist Ihnen diese Bestätigung von außen?
Ursula Poznanski: Ich habe mich sehr gefreut. Besonders toll fand ich, dass es die Jugendjury war, die mich ausgezeichnet hat. Es hat mich enorm gefreut. Bedeuten? Es ist eine besonders schöne Form der Bestätigung von der Zielgruppe.

Booksection.de: Welche Resonanz gab es bislang auf die Trilogie?
Ursula Poznanski: Eigentlich durchweg positive, was ich natürlich toll finde. Ich finde es schön, dass sich viele Menschen über die richtigen Sachen den Kopf zerbrechen. Oft werde ich gefragt, ob es noch einen vierten Band geben wird, oder ein Spinn-Off. Aber das werde ich voraussichtlich nicht machen. Wenn eine Geschichte fertig ist, ist sie fertig.

Booksection.de: Ich persönlich fand die Geschichte schön abgeschlossen. Eine runde Sache.
Ursula Poznanski: Natürlich ist es nicht so, dass alle Probleme am Schluss gelöst sind, aber die Situation hat sich verändert und nun geht es weiter. Das muss ich nun nicht unbedingt weiter erzählen. Jeder darf sich seine eigene Wirklichkeit weiterdenken.

Booksection.de: Schreiben Sie gerade an etwas Neuem?
Ursula Poznanski: Ich schreibe immer an etwas Neuem (lacht).

Booksection.de: Es gibt also bald „Nachschub“…
Ursula Poznanski: Ja, ich schreibe gerade an einem neuen Titel für Loewe. Über den darf ich allerdings noch nicht so viel verraten. Nur so viel: Es wird ein Einzelband, keine Trilogie, und es gibt einen männlichen Protagonisten.

Booksection.de: Haben Sie literarische Vorbilder?
Ursula Poznanski: Was mich tatsächlich beeinflusst hat, war die „Harry Potter“-Serie, weil sie mir gezeigt hat, dass man für junge Menschen, sogar für die 10jährigen, eine komplizierte, komplexe, anspruchsvolle Geschichte schreiben kann und es funktioniert. Die Jugendlichen steigen nicht aus und sagen: Äh, das ist mir zu schwierig. Das hat mich sehr ermutigt. Weil es auch meine Art des Schreibens ist. Gerade, dass die Dinge nicht immer ganz durchsichtig sind, macht meiner Ansicht nach für alle Altersgruppen den Reiz aus. Das hat mich für „Erebos“ enorm ermutigt. Zu sagen: Nein, es ist jetzt nicht einfach zu verstehen. Ja, man muss aufpassen. Und nein, es ist auch nicht eindimensional, sondern ganz, ganz vielschichtig. Da bin ich der Frau Rowling durchaus sehr dankbar, dass sie mir das quasi „vorgetanzt“ hat.

Booksection.de: Sie haben also durchaus den Anspruch Ihre Leser zu fordern…
Ursula Poznanski: Ja, ich mag keine Bücher, die die Leser für dumm halten. Die alles sieben Mal erklären, nach dem Motto: Hast Du es jetzt auch verstanden? Das finde ich ganz schlimm. Ich finde gerade die Auslassungen spannend. Anders als bei einem Film, wo man fast alles vor Augen geführt bekommt, vervollständigt man beim Lesen die Dinge im Kopf, die nur angerissen werden, die man nicht ganz erzählt bekommt. Man dreht quasi seinen eigenen Film und der ist umso spannender, je mehr man selbst „arbeiten“ muss. Desto mehr ist man auch drin in der Geschichte und desto toller ist das Leseerlebnis.

Booksection.de: Ein Aspekt, der auch bei Ihrer Trilogie, wie ich finde, ganz wunderbar funktioniert und die Geschichte spannend über drei Bände trägt. Ist das alles Handwerk? Oder entwickelt so eine Geschichte für Sie als Autorin auch eine Dynamik, die Sie mitreißt?
Ursula Poznanski: Ja. Und an dem Punkt tue ich mich als Autorin auch schwer zu erklären, woran es liegt. Natürlich überlege ich mir die grobe Geschichte vorher, aber die Details passieren einfach beim Schreiben. Und das,  was auch hoffentlich beim Lesen spannend ist, entsteht häufig aus dem Moment heraus. Es ist beim Schreiben aber häufig schwer zu beurteilen, was funktioniert und wirklich spannend ist, da ich ja genau weiß, wie die Auflösung aussieht. Ich kann mich nicht unwissend stellen (lacht).

Booksection.de: Sind Sie eigentlich ein „disziplinierter“ Schreiber, der sich morgens an den Schreibtisch setzt und dann losarbeitet?
Ursula Poznanski: Das wäre schön (lacht). Nein, ich bin ein Chaosschreiber. Ich setze mich morgens hin und versuche zu schreiben, aber meistens bleibe ich irgendwo im Internet hängen und fange dann oft erst am späten Vormittag an zu schreiben. Es hat aber auch so ein bisschen damit zu tun, sich auf das Buch „einzuschwingen“. Dass ich mich hinsetze und sofort schreibe, das passiert dann, wenn die Deadline näher rückt und ich weiß, dass ich noch sehr weit vom Ende entfernt bin (lacht). Wobei ich schon einen grundsätzlichen Schreibplan habe. Das sind 1300 Worte am Tag. Die zu erreichen gelingt mir mal mehr, mal weniger gut.

Booksection.de: Sie haben ja mittlerweile auch zwei Krimis für Erwachsene geschrieben. Haben sich diese Bücher „anders“ als die Jugendbücher geschrieben?
Ursula Poznanski: Es gibt Unterschiede. Alleine von der Sprache. Da nehme ich mich gar nicht zurück. In einem Jugendbuch vermeide ich gewisse Ausdrücke und auch Gedanken. In einem Jugendbuch habe ich es auch bisher vermieden, etwas hoffnungslos enden zu lassen. Oder wirklich dunkel. Auch da gibt es natürlich schlimme Entwicklungen, aber der Ausklang hat immer eine positive Perspektive. Und das muss man für Erwachsene nicht unbedingt so anlegen, da kann es schon mal richtig schlimm werden, ohne dass ich ein schlechtes Gewissen habe.

Booksection.de: In jedem Fall freuen wir uns auf die nächste Lektüre von Ihnen. Herzlichen Dank für dieses spannende Interview.
Ursula Poznanski: Ich hoffe Sie haben Spaß!




















"Ich glaube, dass die jüngeren Geschwister deswegen im Leben lockerer sind. Ich bin da doch noch ein bisschen angestrengter und denke, dass ich tun muss, was man von mir erwartet."

Im Booksection.de-Interview: Dora Heldt über "Wind aus West mit starken Böen".

Booksection.de: Ich hatte recherchiert, dass Sie selbst ja gar nicht Dora Heldt heißen, sondern Ihre Oma, die auf Sylt lebte. Diesen Namen haben Sie sich als Pseudonym ausgesucht. Steht das dafür, dass Sie noch immer eine große Verbindung mit Sylt haben? Sie sind ja in Sylt aufgewachsen und leben in Hamburg. Würden Sie nicht gerne wieder nach Sylt zurück?
Dora Heldt: Ich bin auf Sylt geboren, aber nicht dort aufgewachsen. Meine Mutter ist Sylterin, mein Vater war bei der Bundeswehr und wir sind viel herumgekommen. Deswegen war Sylt für mich immer die einzige Konstante. Heute leben meine Eltern wieder auf Sylt und ich bin immer wieder gerne dort, weil das auch der Ort ist, an dem die Familie lebt. Und ich merke schon, dass mir immer ein bisschen komisch wird, wenn ich lange nicht mehr da war.

Booksection.de: Aber Sie leben trotzdem in Hamburg und wollen nicht wieder auf Sylt leben?
Dora Heldt: Nein, ich habe in Hamburg ja noch meinen Job und nach Sylt hin und her – das wäre zu weit, da muss ich schon in Hamburg bleiben. Ich würde schon mal gerne längere Zeit dort sein, aber so lange ich beide Jobs mache, geht das nicht.

Booksection.de: Aber Ihr Herz hängt schon an Sylt, oder? Das merkt man in diesem Buch besonders, wie ich finde.
Dora Heldt: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte schon beim Schreiben ein bisschen Heimweh.

Booksection.de: Ich hatte zuvor schon drei Bücher von Ihnen gelesen, zuletzt „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen“. Und bei diesem Buch jetzt dachte ich: „Wo sind denn Heinz und Walter abgeblieben, die wohnen doch auch auf Sylt?“. Hatten Sie nicht den Gedanken, die beiden kurz „auftauchen“ zu lassen. Sie hätten ja zum Beispiel einen Segelkurs bei Inken machen können…
Dora Heldt: Ja, das hatte ich schon bei „Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt“ gedacht. Erst kamen ja die „Papa“ – Bücher und dann die „Hitze“ und da wollte ich über etwas schreiben, was mich gerade selbst umtreibt und worüber ich gerade nachgedacht habe. Es war die Zeit, als ich selbst 50 wurde und das war schon ein bisschen seltsam und ich habe viel darüber nachgedacht. Egal, mit wem ich gesprochen habe, alle sagten dasselbe: 50 ist einfach komisch. Dann habe ich gedacht, ich fange mal an darüber zu schreiben. Das konnte ich aber nicht mit der Figur „Christine“ machen, über die ich ja zuvor geschrieben hatte. Also habe ich drei Frauen in dem Alter genommen für dieses Buch. Eine von ihnen wird 50 und sie beschließt, mit ihren beiden besten Freundinnen diesen Geburtstag auf Sylt zu feiern. Aber ich habe dann Christine wenigstens als Hotelgast eingeführt. Diese Verbindung haben natürlich nur die Leser verstanden, die Christine schon kannten. Bei den beiden Rentnern – Heinz und Walter – habe ich aber gedacht, dass sie einfach eine zu starke Präsenz haben, um sie in den jetzigen Roman einzubauen. Das Buch hat ja eine melancholisch – sentimentale Grundstimmung. Natürlich hätten Heinz und Walter schon einen Kurs bei Inken machen können, aber irgendwie hätte das nicht gepasst, mit den beiden wäre zu viel Lustiges in die Geschichte gekommen. Ich rutsche dann sofort in die alten Dialoge rein und das würde dann stören.

Booksection.de: Das mit der magischen Zahl 50 ist schon immer so ein Thema, auch Katharina ist in diesem Buch Ende 40 und hat mit bestimmten Problemen dieses Alters zu kämpfen.
Dora Heldt: Es geht dabei nicht nur um die Zahl, sondern auch um die ganzen, auch körperlichen, Veränderungen, das ist bei anderen runden Geburtstagen nicht so. Ich bin auf die Idee mit dem Buch gekommen, als ich mit einer Freundin in der Sauna war und die erzählte mir, dass sie völlig geschockt war, als sie eine frühere Freundin getroffen hatte, die nach 22 Jahren Ehe auf einem Kongress ihre Jugendliebe wiedergesehen hatte und sich beide nach sechs Wochen von ihren Familien getrennt hatten. Ich habe dann aber auch überlegt, dass ich heute, wenn ich mich noch mal verlieben würde, nie mehr auf den Gedanken käme, dass das für ewig wäre. Mit Anfang 20 denkt man noch, dass das ein Leben lang hält und dass man lauter tolle Sachen mit dem Partner erleben wird, davon war man voll überzeugt. Das ist heute anders. Ich habe auch noch ein paar alte Freundinnen, mit denen ich schon Abi gemacht habe und das ist was ganz anderes, als eine Freundschaft, die man erst ein paar Jahre hat. Und wir haben auch über dieses Thema diskutiert, dass man in unserem Alter schon ganz anders an solche Dinge herangeht oder herangehen würde.

Booksection.de: Ja, das spiegelt sich ja auch bei der Protagonistin „Katharina“ wider. Sie reagiert ja auf das erneute Zusammentreffen mit ihrer Jugendliebe nicht mehr so blauäugig und naiv, sondern schon sehr viel reifer.
Dora Heldt: Dieses „Alte Liebe rostet nicht“ kommt da nicht von mir. Ich kenne so einige Frauen, die verlassen wurden und die jetzt immer denken: „Wäre der nur mal bei mir geblieben, dann wäre alles besser geworden“. Ich denke, dass man sich da schon etwas „schön redet“. In meinem Buch gibt es für die Liebe einfach auch unterschiedliche Konstellationen. Zum einen Inken, die mit ihrem eigenen Ex-Mann wieder eine Beziehung hat und dann wiederum Katharina, die immer so „geordnet“ war, die ihre alte Jugendliebe wiedertrifft, und da sieht man wie eben verschiedene Frauen mit verschiedenen Erfahrungen mit solchen Situationen unterschiedlich umgehen – was machen die daraus? Das ist ganz spannend.

Booksection.de: Ja die beiden gehen so unterschiedlich mit ihrem Leben und den Situationen um, obwohl sie aus demselben Elternhaus stammen. Sie haben ja auch eine Schwester. Sind Sie auch so unterschiedlich?
Dora Heldt: Ja, wir sind ganz anders in unserer Herangehensweise. Wir sind auch sieben Jahre auseinander. Meine Schwester war zum Beispiel immer mutiger als ich. Ich war die Älteste und musste um genau festgelegte Uhrzeiten zu Hause sein oder ich wurde überall abgeholt und mein Vater stand schon um viertel nach neun mit laufendem Motor vor der Tür …

Booksection.de: … das ist ja schon ein bisschen wie „Heinz“. Der würde doch auch so was machen oder?
Dora Heldt: „Heinz“ ist schon wie mein Vater, ja. Meine Eltern waren auch noch sehr jung, als ich kam, und da denkt man wahrscheinlich als Eltern schon, dass man alles richtig machen muss. Ich bin aber noch in einer Generation aufgewachsen, in der man zum Beispiel gesagt hat: „Kinder darf man sehen, aber nicht hören“. Aber in der Erziehung gab es hinsichtlich meiner Schwester dann schon Unterschiede. Während ich genau berichten musste, warum ich ein bisschen zu spät nach Hause kam (man hätte sich ja auch darüber Sorgen machen können, ob irgendwas passiert war), ist in derselben Zeit meine Schwester zurückgekommen, lief vorbei und rief einfach „Gute Nacht!“. Und das war’s. Das konnte ich manchmal gar nicht glauben. Ich glaube auch nicht, dass meine Eltern mehr Vertrauen zu meiner Schwester hatten als zu mir. Sie waren wahrscheinlich einfach nur mürbe und wollten den ganzen Kram nicht noch mal durchkauen. Ich glaube, dass die jüngeren Geschwister deswegen im Leben lockerer sind. Ich bin da doch noch ein bisschen angestrengter und denke, dass ich tun muss, was man von mir erwartet. Gewisse Dinge, die meine Schwester z.B. Lehrern gesagt hat, hätte ich mich nie getraut zu tun oder zu sagen.

Booksection.de: Ja, das ist bei Inken und Katharina auch so.
Dora Heldt: Genau, Inken ist die mutigere.

Booksection.de: Sie haben auch sehr viele lebhafte, unterschiedliche Charaktere. Ich hatte das Gefühl, sie schöpfen da schon aus ihrem Bekanntenkreis, oder sind diese Charaktere Erfindungen? Wobei gerade bei Heinz – er erinnert ja wohl an Ihren Vater ….
Dora Heldt: Ja, und Charlotte an meine Mutter. Ja, sie sind schon aus dem Leben. Ich finde zum Beispiel kennt jeder so eine Gertrud wie sie in meinem Buch vorkommt. Eine ältere Frau, die einen ordentlichen Beruf gemacht hat und nun den Gemeindekaffee organisiert und einfach gerne arbeitet. Ich finde, jeder kennt solche Menschen wie sie in meinem Buch vorkommen. Auch Piet und Knut – die zwei Brüder – gibt es tatsächlich so ähnlich auf Sylt. Manchmal sind es aber auch einfach Leute, die bei mir durch ihr Verhalten irgendwas ausgelöst haben, die ich dann als Vorbilder für meine Protagonisten nehme.

Booksection.de: Also eine Figur ist mir zeitweise ein bisschen „auf den Wecker“ gegangen. Das ist Dr. Martha
Dora Heldt: Ach so!

Booksection.de: Was haben Sie jetzt gedacht?
Dora Heldt: Bastian de Jong.

Booksection.de: Ja, der ist auch speziell, aber der ist mir nicht auf den Wecker gegangen. Das war eher Dr. Martha, bei der ich das Gefühl hatte, sie müsste so um die 70 sein. Ist das richtig?
Dora Heldt: Ja.

Booksection.de: Eben. Und da dachte ich, dass sie schon ihre eigene Lebensweisheit, die sie auch durch ihr Alter hat, der Katharina sozusagen „aufstülpt“.
Dora Heldt: Ich finde Dr. Martha ist der Katalysator für das, was Katharina sowieso im Kopf hat. Ich hatte auch so eine ähnliche Deutschlehrerin, die alles so mitgeteilt hat, wie sie es gedacht hat, die ich auch zufällig vor vier Wochen wieder getroffen habe. Wie gesagt, für mich war das bei Dr. Martha kein „Aufpfropfen“, sondern ihre Aussagen waren mehr als Katalysator gedacht. Das waren Dinge, die Katharina so nie gemacht hätte und dann spricht jemand das für sie aus. Jemand, den sie mag und deswegen geht Katharina noch mal einen Schritt zurück und denkt darüber nach. Und sie sagt auch Dinge, die Katharina ihr gar nicht zutraut. Das war mehr so die Idee dabei.

Booksection.de:Bei Bastian de Jong dachte ich schon, dass er Alzheimer bekommt, aber dass er dann so drastische Schritte unternimmt, das hat mich geschockt. Er ist ja wirklich ein kreativer Kopf und deswegen auch ein bisschen durchgeknallt. Aber dann dachte ich doch, dass das wohl eher die Ausnahme ist, oder?
Dora Heldt: In meinen Gedanken sah Bastian de Jong aus wie Mario Adorf und ich musste an Gunther Sachs denken, mit dem ich mich mal ausführlich beschäftigt hatte vor längerer Zeit und dann hatte der sich umgebracht, weil er dachte, er bekommt Alzheimer. Das fand ich schockierend. Er hat es ja noch nicht einmal gewusst, sondern nur selbst vermutet. Und man denkt, dass solche kreativen Menschen dann so damit umgehen ist doch drastisch. Das ist schon sicherlich die Angst vor dem Kontrollverlust.

Booksection.de: Noch eine Frage, die ich immer wieder stelle, weil es mich wirklich interessiert: Was lesen Sie selbst?
Dora Heldt: Das ist schwierig, weil ich ja auch noch für den Verlag arbeite und deswegen lese ich ja schon beruflich wahnsinnig viel. Ich kann eher sagen, welche Genres ich nicht lese. Ich lese kein Fantasy und keine Sachbücher. Ich lese aber sehr gerne Krimis, aber auch mal außergewöhnliche Romane. Aber es gibt natürlich auch in allen Genres immer wieder Überraschungen.

Booksection.de: Wird es mit Heinz und Walter weitergehen?
Dora Heldt: Nein, ich denke eher an Charlotte und Inge, die Ehefrauen. Die wollte ich eigentlich schon bei „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen“ nehmen. Dann sind mir aber doch Heinz und Walter dazwischengekommen, die sprengen einfach jede Geschichte (lacht). Die drängen sich auch beim Schreiben ganz schön in den Vordergrund.

Booksection.de: Figuren entwickeln schon ihr Eigenleben, das hören wir von Autoren immer wieder.
Dora Heldt: Ja, so ist es.

Booksection.de: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview.
Dora Heldt: Sehr gerne.




















"Meine Unterlagen über die Erdwelt sind mittlerweile ordnerfüllend."

Fantasyautor Michael Peinkofer sprach mit uns über „Kampf der Könige“ und seine spannenden Kinderbuchprojekte

Booksection.de: Mit „Die Sternenritter“ und „Gryphony 1: Im Bann des Greifen“ zwei Kinderbücher, ein historischer Roman – „Das Vermächtnis der Runen“ - und mit „Kampf der Könige“ Neues aus Erdwelt. Was für ein Wahnsinns Pensum! Woher nimmst Du die Inspiration für so viele Geschichten?
Michael Peinkofer: Die Bücher wurden natürlich nicht alle gleichzeitig geschrieben, sondern im Verlauf des vergangenen Jahres. Es ist immer so, dass, wenn ich Fantasy mache, ich danach so richtig Lust habe, ein Jugendbuch zu machen oder ein Kinderbuch. „Sternenritter“ ist Science-Fiction für Kinder. Es hat mich total gereizt, auch sowas mal zu machen. Es ist tatsächlich immer so, dass sich die einzelnen Projekte gegenseitig befruchten. Wenn ich aus dem einen Projekt rauskomme, habe ich immer viele Ideen für das nächste.

Booksection.de: Du schreibst also nicht parallel?
Michael Peinkofer: Ich schreibe immer hintereinander. Ich bin nicht in der Lage, zwei Sachen gleichzeitig zu machen (schmunzelt). Auch deswegen, weil jeder Roman, jedes Buch seine ganz eigene Sprache hat. Ein Kinderbuch klingt natürlich anders, als ein Erwachsenenroman. Am Vormittag das eine zu tun und dann am Nachmittag das andere, da käme, ich glaube ich, durcheinander. Und niemand will, dass die Orks so sprechen wie in einem Kinderbuch …

Booksection.de: .. obwohl Du sie in „Kampf der Könige“ ja nun zu Babysittern gemacht hast…
Michael Peinkofer: Richtig (lacht). Die Orks sind jetzt Babysitter.

Booksection.de: Dein neuer Erdwelt-Roman ist wieder sehr spannend und lustig geworden.
Michael Peinkofer: Dankeschön, das freut mich…

Booksection.de: Liegen Dir die Orks und überhaupt Erdwelt immer noch besonders am Herzen?
Michael Peinkofer: Ich habe einfach wahnsinnig Spaß daran, meine Orks in neue Situationen zu bringen, in denen sie sich dann bewähren müssen. In diesem Fall war es natürlich schon fies, ihnen ein Kind unterzujubeln, um das sie sich kümmern müssen. Erdwelt mag ich natürlich total gerne, weil es mittlerweile ein richtig großer Kosmos ist, der viele Völker hat. Viele Schauplätze. Der seine eigene Geschichte hat, mittlerweile. Alleine die Bücher, die schon erschienen sind umspannen einen Zeitrahmen von 1500 Jahren!

Booksection.de: Wenn ich richtig gezählt habe, sind es mittlerweile neun Bücher…
Michael Peinkofer: Ja, genau. Von daher liegt es mit natürlich auch am Herzen, die Geschichte weiterzuspinnen. Aber die Orks haben es tatsächlich nicht so ganz leicht bei mir (lacht).

Booksection.de: Rammar und Balbok standen dieses Mal auch nicht ganz so im Fokus.
Michael Peinkofer: Das war Absicht. Daher steht auch auf dem Buch nicht „Orks“ drauf. Sie sind aber einfach ein ganz wichtiger Bestandteil von Erdwelt. Sie haben auch in der Geschichte von Erdwelt Entscheidendes bewirkt.

Booksection.de: Auch wenn sie das im Grunde eigentlich gar nicht wollten…
Michael Peinkofer: Genau! Sie wollten sich auch nicht um dieses Kind kümmern. Sie stolpern einfach immer so in diese Abenteuer. Aber sie gehören zu diesem Kosmos. Der Fokus liegt bei den „Königen“ aber auf anderen Figuren. Wie der Titel schon sagt.

Booksection.de: Hast Du in dieser neuen Trilogie von Erdwelt einen Lieblingscharakter? Zum Beispiel sind die Zwerge stark im Fokus.
Michael Peinkofer: Man hat eigentlich immer mehrere Figuren, an denen man bestimmte Aspekte mag. Dag ist eine totale Herausforderung zu schreiben. Er ist ein junger Herzogssohn, der geblendet wurde und seither blind ist. Da er eine der Hauptfiguren ist, kommt er häufig vor, und die Kapitel sind oft aus seiner Perspektive geschrieben. Das ist sehr, sehr schwer, denn ich kann ja keine visuellen Eindrücke schildern. Ich muss mir also alles über andere Sinne erschließen. Und das ist eine echte Herausforderung. Bei den Orks macht es wie gesagt einfach Spaß, sie in aberwitzige Situationen zu schicken. Dann haben wir da noch Vigor, diesen überaus intriganten Zwerg, der mal Chef einer Geheimpolizei war.

Booksection.de: … und mit dem es eine überaus interessante Wendung gibt…
Michael Peinkofer: Es gibt einen ganz fiesen Twist mit ihm, genau.

Booksection.de: Ein überaus blutiger Twist…
Michael Peinkofer: Ja, ich wollte aus der Figur noch etwas rauskitzeln. Genau das mache ich so gerne. Meine Figuren in Situationen bringen, in denen sie sich bewähren müssen. Das betrifft die Bösewichte genauso wie die Guten.

Booksection.de: Sitzt Du dann manchmal auch blind in der Wohnung und versuchst Dir so einen Zugang zu Dag zu schaffen? Um Dich zu fühlen, wie er sich fühlt?
Michael Peinkofer: Ja schon. Wenn Du die Augen geschlossen hast, dann nimmst Du die Dinge anders wahr. Man konzentriert sich auf die anderen Sinne. Dag hat das unter der Anleitung des Druiden Dwethan ja zur Meisterschaft entwickelt. Er ist mittlerweile ziemlich gut darin, seine Umgebung zu erkennen. Er kann nun sogar kämpfen und beginnt seine Umgebung zu erahnen. Was fast schon an übernatürliche Fähigkeiten grenzt.

Booksection.de: Es kommen neue Talente zum Vorschein…
Michael Peinkofer: Genau, er entwickelt andere Talente. Aber das greift auch schon ein wenig in den dritten Band.

Booksection.de: Ich persönlich bin ja versucht, alle anderen Bücher noch einmal zu lesen, um herauszufinden, welcher Zauberer der Druide denn nun war.
Michael Peinkofer: Was die Identität des Druiden betrifft, ist im Internet mittlerweile ein heftiges Rätselraten entbrannt (lacht). Das ist natürlich sehr schön so.

Booksection.de: Die Geschichten aus Erdwelt umfassen mittlerweile neun Bücher. Musst Du schon bei Dir selbst recherchieren? Oder hast Du noch alle Details im Kopf?
Michael Peinkofer: Ich habe ein nicht gerade kleines Nachschlagewerk. Meine Unterlagen über die Erdwelt sind mittlerweile ordnerfüllend. Ich bin immer noch ein analoger Typ. Es sind ja schon elf Jahre her, seit ich begonnen habe, den ersten Orks-Band zu schreiben. Die Zeit vergeht. Ich bin immer noch analog organisiert, mit viel Papier und Pinnwänden. Ich versuche immer alles, was schon passiert ist, zu berücksichtigen. Aber es wird immer komplizierter!

Booksection.de: Macht man sich bei so vielen Büchern auch Gedanken darüber, sich zu wiederholen?
Michael Peinkofer: Weniger sich zu wiederholen, sondern sich zu widersprechen. Das ist die Herausforderung. Es passiert ab und zu. Aber da habe ich auch das Glück, ganz aufmerksame Leser zu haben, die mich dann darauf hinweisen. So kann ich das dann auch relativ schnell wieder korrigieren.

Booksection.de: Wann dürfen wir uns denn auf den dritten Band der Könige-Trilogie freuen?
Michael Peinkofer: Der dritte Band ist demnächst in Arbeit. Ich befinde mich gerade in der Vorbereitungsphase. Er wird ca. in einem Jahr erscheinen.

Booksection.de: Deine zweite große „Baustelle“ sind ja die Kinderbücher. Wenn man so die letzten Jahre betrachtet, schon auch ein neuer fester Schwerpunkt von Dir, oder? Hat Dich diese Zielgruppe schon immer auch interessiert?
Michael Peinkofer: Kinderbücher haben mich schon immer interessiert. Aber es war zunächst nicht so ganz einfach, die Art von Kinderbüchern zu machen, die ich mir vorgestellt habe. Ich orientiere mich ziemlich genau an dem, was ich gerne gelesene hätte in dem Alter, was es aber nicht zu lesen gab. Gerade so etwas wie „Sternenritter“ hätte ich gerne gelesen. Eine Science-Fiction-Geschichte mit Kindern in den Hauptrollen, die dann tolle Abenteuer auf anderen Planeten erleben. Mit Aliens, Laserstrahlen, Robotern, und allem, was dazu gehört, die sich aber doch ernst nimmt. Es gibt ja auch viel Parodistisches in dieser Richtung. Ich habe hier wieder mit dem Graphiker Daniel Erle zusammengearbeitet. Wir haben uns wahnsinnig viel Mühe gegeben. Auch beim Design der Raumschiffe. Das ist alles ziemlich gut durchdacht.

Booksection.de: Die Zeichnungen haben mir sehr gut gefallen.
Michael Peinkofer: Wir haben sogar Risszeichnungen. Man sieht, wie unsere Raumschiffe funktionieren. Das trägt einfach zur Geschlossenheit von so einem Universum bei und auch zur Glaubwürdigkeit. Es macht mir großen Spaß, mich auch in solche Zeichnungen einzufuchsen. Bei uns wird sogar die Frage beantwortet: Wo gehen die Astronauten aufs Klo (lacht).

Booksection.de: Eine ganz wichtige Frage für Kinder!
Michael Peinkofer: Absolut. Ich habe einen der Raumschiff-Entwürfe meiner Tochter gezeigt und die hat gesagt: Papa, wo gehen die aufs Klo? Und dann hab ich zu Daniel gesagt: Wir brauchen ein Klo.

Booksection.de: Mit Daniel Erle hat Du ja auch schon für „Die Piratten“ zusammen gearbeitet. Setzt er „nur“ Deine Ideen optisch um, oder arbeitet ihr auch zusammen an den Geschichten?
Michael Peinkofer: Daniel und ich verstehen uns fast blind. Ich muss ihm nur ein bisschen was erzählen, und er fängt zu zeichnen an. Das sieht dann zu 99,9% genauso aus, wie das. was ich mir vorgestellt habe. Das ist sehr schwer zu finden. Es ist ein großes Privileg, mit einem solchen Talent arbeiten zu dürfen.

Booksection.de: Wie kommen die „Sternritter“ denn an? Du hattest ja bestimmt bestimmte Erwartungen?
Michael Peinkofer: Bis jetzt sind die Reaktionen sehr gut, auch hier auf der Buchmesse. Nun muss man sehen, ob die Kinder dabei bleiben und weiterhin Spaß an den Abenteuern haben.

Booksection.de: Ist Deine Tochter eigentlich die Testleserin für alle Deine Kinderbücher?
Michael Peinkofer: Ja, ist sie! „Gryphony“, das Projekt, das bei Ravensburger erscheint, habe ich auch ein bisschen für meine Tochter geschrieben.

Booksection.de: Würdest Du sagen, dass Mädchen und Jungen schon unterschiedliche Sachen lesen?
Michael Peinkofer: Meine Tochter ist ziemlich abenteuerlustig. Ihr gefallen die „Sternenritter“ auch. Aber ich wollte auch einmal etwas schreiben mit einem Mädchen in der Hauptrolle.

Booksection.de: Ist das für Dich als Mann eine besondere Herausforderung? Oder als Vater dann doch wieder nicht so?
Michael Peinkofer: Man hat ja das Anschauungsmaterial quasi direkt vor Augen (lacht). Von daher geht das schon sehr gut. Letztlich ist es ja auch eine Fantasygeschichte, die vom Kampf des Guten gegen das Böse handelt. Gewisse Parameter bleiben also gleich.

Booksection.de: Gibt es bei den aktuellen Kinderbuchprojekten beim Umfang schon konkrete Pläne?
Michael Peinkofer: Also „Gryphony“ wird eine Trilogie. Der zweite Band ist bereits geschrieben und erscheint voraussichtlich 2015 im Spätsommer. Bei den „Sternrittern“ sind auch schon die kommenden zwei Bände fertig, die erscheinen im Frühjahr.

Booksection.de: Ich persönlich warte ja auch auf eine Fortsetzung der „Splitterwelten“.
Michael Peinkofer: Das ist auch ein Thema, das immer wieder zur Sprache kommt (lacht). Die Reihe wird aber wohl nicht in der bisherigen Form fortgeführt. Wir denken uns gerade etwas Neues aus. Die Splitterwelten sind ja ein ganzer Kosmos, und ich habe ein dickes Notizbuch voll mit Ideen.

Booksection.de: Hast Du da eine Schublade, in die Du immer fleißig Deine Ideen sammelst und in die Du dann greifst, wenn Du ein neues Buch schreiben willst?
Michael Peinkofer: Ich hab ein kleines schwarzes Notizbuch. Hier mache ich mir Anmerkungen, Ideenskizzen oder sammle auch Namen. Manchmal begegnen einem Namen, die man cool findet. Namen zu finden ist nicht so ganz einfach. Mittlerweile habe ich schon einige dieser Büchlein gefüllt.

Booksection.de: Was liest Du eigentlich selbst für Bücher? Oder anders gefragt: Liest Du überhaupt selbst noch?
Michael Peinkofer: Ich lese schon, aber vorwiegend im Urlaub. Und dann eigentlich keine Fantasy. Ganz gerne einmal ein anderes Genre, Thriller oder Sachbuch. Ich lese auch gerne Comics und Graphic Novels.

Booksection.de: Morgen findet ja noch ein kleines Gipfeltreffen der deutschen Fantasyautoren hier auf der Buchmesse statt. Welche Erwartungen hast Du an die Veranstaltung? Ist das eine Premiere?
Michael Peinkofer: Ich freue mich schon auf die Veranstaltung. Letztes Jahr hatten wir das auch schon, da hatte ich die Ehre mit Wolfgang Hohlbein und Markus Heitz zusammen zu lesen. Diesmal werden es Wolfgang Hohlbein und Thomas Finn sein. Anschließend gibt es noch eine Signierstunde, wo Markus auch wieder dazu stößt. Das ist einfach klasse. Es verbindet beide Dinge, die man als Autor gerne macht: Man trifft die Kollegen gerne und man trifft seine Leser gerne. Da hat man nun beides in einem, das ist wunderbar.

Booksection.de: Thomas Finn hat uns auch erzählt, dass er sich schon freut. Da merkt man, dass zwischen den Autoren doch immer noch ein schönes Miteinander ist.
Michael Peinkofer: Das stimmt. Man freut sich total, auf der Messe die Kollegen zu treffen.

Booksection.de: In den letzten Jahren hat der Fantasymarkt einen wahnsinnigen Boom erlebt. Die Verlage haben den Markt teilweise auch überschwemmt. Hat man da als Autor die Besorgnis, dass der Markt irgendwann gesättigt ist?
Michael Peinkofer: Das sind Marktprozesse, die natürlich ablaufen und auf die man als Autor auch keinen Einfluss hat. Wenn die Verlage merken, das etwas gut läuft, dann wird mehr veröffentlicht. Aber das ist ja nicht nur bei Büchern so, sondern betrifft jegliches Produkt. Aber gerade bei Büchern denke ich immer, dass sich gute Geschichten immer verkaufen werden. Man merkt ihnen an, ob sie mit Liebe gemacht wurden, ob Herzblut drin steckt oder ob es eben auf den Markt geworfen wurde, um schnell mitzuverdienen. Die Leser merken den Unterschied, denke ich, ziemlich deutlich.

Booksection.de: Du hast ja sicherlich nun schon einen kleinen Interview-Marathon hinter Dir. Und vielleicht auch noch vor Dir. Gibt es Fragen, die Dich keiner fragt und Du denkst: Dazu möchte ich unbedingt einmal etwas sagen?
Michael Peinkofer: Da würde ich meinen Lesern danken. Dafür, dass sie mir bereits so lange die Treue halten und sich auch immer wieder auf Neues einlassen.

Booksection.de: Dann lassen wir das doch als Schlusswort so stehen. Vielen Dank für Deine Zeit!
Michael Peinkofer: Sehr gerne!




















"Ich muss an einem Platz sein, an dem ich mich ein bisschen einsam fühle. Und wenn ich mich einsam fühle, muss ich mir eine Geschichte erzählen."

Der italienische Autor Andra Bajani sprach mit uns über „Erkennst Du mich“ und seine Art zu schreiben.

Booksection.de: In „Erkennst Du mich“ nehmen Sie auf eine sehr persönliche Art und Weise Abschied von Ihrem Freund Antonio Tabucchi. War es als Autor nur folgerichtig, dies auf diesem Weg zu tun?
Andrea Bajani: Ja, wissen Sie, Logik ist etwas Fiktives, womit wir besser leben können. Aber wir wissen ganz genau, dass das Leben nicht logisch ist. Geschichten zu erzählen ist ein guter Weg, einer Sache, die wir nicht akzeptieren können, einen Sinn zu geben. Aber dennoch ist es klar, dass Worte allein hier keinen Sinn stiften werden. Man erfindet eine Geschichte vom Punkt A zum Punkt B und sie ergibt keinen Sinn und so erfindet man eine Linie, die sich durch die Geschichte zieht. Man erzählt die Geschichte von jemandem, den man verloren hat, der verschwunden ist. Es ist die einzige Möglichkeit, auf etwas, das nicht menschlich ist, auf menschliche Art und Weise zu antworten. Wir wissen, dass der Tod das Ende unseres Leben ist, aber wir können es einfach nicht hinnehmen. Es ist schlicht unmöglich, der Sache einen Sinn zu geben, dass jemand einfach verschwindet. Alle – nicht nur Autoren – können nur damit klarkommen, wenn sie so tun, als wären diese Menschen noch da. Nur so kann man akzeptieren, dass jemand verschwunden ist, und nicht nur das, sondern auch, dass dieser Mensch beim Verschwinden etwas von uns mitgenommen hat. Wir empfinden nicht nur Schmerz, sondern auch Wut, wenn Menschen sterben. Wir finden, dass sie einfach nicht verschwinden durften zusammen mit einem großen Teil von uns. Also erfinden wir Geschichten, die es uns leichter machen. Es ist ein Weg, damit klarzukommen und weiterzumachen.

Booksection.de: Ist das „sich gegenseitig Erkennen“ für Sie der Kern einer guten Freundschaft?
Andrea Bajani: Ich weiß nicht so genau, was der Kern einer guten Freundschaft ist. Aber, wenn es solch einen Kern in einer Beziehung gibt, dann wäre es der, dass man sich selbst erkennt, wenn man jemandem sehr nahe steht. Eine Beziehung ist sehr wichtig, wenn wir innerhalb dieser Beziehung uns selbst erkennen. Ja, es ist wichtig, sich gegenseitig zu erkennen, aber es ist auch wichtig dankbar zu sein, weil man sich dadurch selbst erkennen kann. Also wenn sich zwei Menschen in einer Beziehung selbst erkennen, ist der Kern dieser Beziehung die Wahrheit, auch wenn wir böse Menschen sind (lacht).

Booksection.de: „Erkennst Du mich“ gibt einen kleinen Einblick in den „fachlichen“ Austausch, den Sie mit Antonio Tabucchi hatten. Ist es für Sie wichtig, sich mit einem befreundeten Kollegen austauschen zu können? Oder ist das Schriftsteller sein des Gegenübers dabei gar nicht so wichtig?
Andrea Bajani: Jede Beziehung ist etwas Besonderes und wenn man die Geschichte einer Freundschaft erzählt, erzählt man auch die Geschichte aller Freundschaften auf der Welt. Aber die Freundschaft zwischen zwei Menschen, die beruflich Geschichten erfinden, ist auf eine gewisse Art „tiefer“, weil es wie ein Spiel ist – wir sind auf einer Bühne. Vielleicht ist dies auch eine Freundschaft zwischen Menschen, die mehr Angst haben als andere und die deswegen auf einer Bühne stehen. Und dann verschwindet einfach jemand, der mit auf dieser Bühne stand. Und nun musst Du auch seinen Part erfinden – das passiert auch bei anderen Menschen genauso, aber bei einem Autor musst Du auch noch diesen Part auf SEINE Art und Weise erfinden. Als ich also dieses Buch geschrieben habe, war es die Geschichte einer Freundschaft und ich wusste, dass ich seinen Teil erfinden musste, aber auf seine eigene stilistische Art. 

Booksection.de: Sie erzählen in „Erkennst Du mich“ von einer Romanfigur, die nicht nach Russland gehen will. Sind Ihre Figuren immer so eigenständig und störrisch?
Andrea Bajani: Ja, weil diese Charaktere immer ein Teil unserer Selbst sind. Wir müssen akzeptieren, dass immer ein Teil in uns ist, der sich unterscheidet von dem, was wir gerne wären. Das ist etwas, das wir nicht zum Schweigen bringen können. Wir versuchen immer, ein Gleichgewicht zu erhalten, aber wir müssen erkennen, dass das nicht immer möglich ist. Wir stellen oftmals etwas dar, was wir nicht sind und somit erfinden wir uns selbst.
Booksection.de: Sowohl „Liebe und andere Versprechen“ als auch „Lorenzos Reise“ sind geprägt vom Thema Familie bzw. Familiengeheimnisse. Was fasziniert Sie daran?
Andrea Bajani: Ich weiß nicht – also wenn Sie einem Seemann sagen, er soll etwas über sein Leben erzählen, wird er Ihnen vom Meer erzählen, wenn Sie einem Fußballspieler sagen, er soll Ihnen etwas aus seinem Leben erzählen, erzählt er Ihnen vom Fußball und wenn Sie einem italienischen Schriftsteller sagen, er soll Ihnen etwas über sein Leben erzählen …. (fängt an zu lachen)  ... dann wird er Ihnen etwas über Familie und Familienleben erzählen.

Booksection.de:  … eigentlich so einfach ….
Andrea Bajani:  … genau!

Booksection.de: Für mich leben Ihre Bücher immer von ihren starken sprachlichen Bildern. Sie bringen das Ungesagte oft so treffend auf den Punkt. Ist es das, was Sie beim Schreiben besonders antreibt? Das Ungesagte (die gefühlte Realität) greifbar zu machen?
Andrea Bajani: Ich glaube nicht, dass wir uns selbst mit Worten erklären können. Worte werden uns gegeben, wenn wir ungefähr zwei Jahre alt sind und ab da sollen wir uns selbst mit diesen Worten erklären. Mit Worten können wir besser leben und können uns selbst besser anlügen. Wir können dann sagen, dass wir sind, wer wir mit Worten behaupten zu sein. Ich kann alles Mögliche über mich selbst sagen, aber das sind nur Worte. Kinder zum Beispiel verstehen ohne Worte. Wenn Sie etwas zu ihnen sagen, das nicht der Wahrheit entspricht, merken sie es. Worte sind wichtig, damit wir uns verständigen können, aber die Wahrheit hat keine Worte.

Booksection.de: In Pieke Biermann haben Sie eine großartige „deutsche Stimme“. Tauschen Sie sich mit Ihren Übersetzern intensiv aus, damit der Geist Ihrer Sprache nicht verloren geht?
Andrea Bajani: Ich hoffe, dass der Übersetzer bei meinen Worten bleibt, aber ich glaube, es ist fast unmöglich, ganz dabei zu bleiben, denn schließlich ist der Übersetzer ganz anders als man selbst. Es kann ja eine 60-jährige Frau sein, die eine ganz andere Persönlichkeit als man selbst hat. Aber gleichzeitig denke ich, dass sie ihre eigene Biographie anbieten, um Worte zu übersetzen, die gar nicht ihre sind. Das ist so großzügig und gleichzeitig kann sich der Übersetzer schützen, weil er immer sagen kann, dass es gar nicht seine Worte waren.

Booksection.de: Es ist aber doch schwierig, etwas von einer in die andere Sprache zu übersetzen, denn dabei geht doch immer etwas verloren …
Andrea Bajani: Ja, aber es kann auch etwas Gutes hinzugefügt werden. Ich lese immer die Übersetzungen auf Englisch, Französisch und Spanisch und ein bisschen in Deutsch (lacht)  - wobei Deutsch und Italienisch einfach zu unterschiedlich sind ….

Booksection.de: Ja, unterschiedliche Sprache, unterschiedliche Charaktere.
Andrea Bajani: Ja, genau! Das ist manchmal schwierig für uns (lacht).

Booksection.de: Ihre Bücher sind mittlerweile in vielen Ländern erschienen. Reagieren die Menschen je nach Nationalität unterschiedlich, oder gibt es eine Art universelles Verstehen?
Andrea Bajani: Das ist ein spezielles Buch, weil einer der Protagonisten auch ein Autor ist, also reagieren die Menschen auch anders auf den Grundgedanken des Buches. Aber dann gibt es eine Reaktion der Leser, die sehr gleich ist, weil es eben auch ein Buch ist über jemanden, der gestorben ist. In solchen Dingen sind Menschen sich ähnlich.

Booksection.de: Sie sind für Ihre Bücher bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Wie wichtig ist Ihnen diese Form der Anerkennung?
Andrea Bajani: Darauf gibt es mehrere Antworten. Diese Preise zu gewinnen war für mich als Schriftsteller wichtig. Ich bin älter geworden und heute ist es mir nicht mehr so wichtig. Anfangs war es gut, damit ich mich einordnen konnte, jetzt kenne ich mich selbst ganz gut und es ist auch so okay.

Booksection.de: Sie leben derzeit in Berlin. Nur eine von etlichen Lebensstationen, wie ich gelesen habe. Welche Bedeutung hat das „wo“ für Ihr Schreiben?
Andrea Bajani: Ich habe meine Bücher immer in den Häusern anderer Leute geschrieben. Vor ein paar Jahren habe ich das mehrfach öffentlich so gesagt und von da an fing man an darum zu wetteifern, mir Wohnungen zum Schreiben anzubieten. Ich fand, dass das auch ein guter Deal wäre: Ich biete mich an, in Ihrer Wohnung zu schreiben. Und Sie zahlen dafür (lacht). Aber es ist wirklich so – ich muss sozusagen ein Fremder sein. Ich muss an einem Platz sein, an dem ich mich ein bisschen einsam fühle. Und wenn ich mich einsam fühle, muss ich mir eine Geschichte erzählen.

Booksection.de: So etwas hat uns noch niemand zuvor erzählt.
Andrea Bajani (lacht): Ja, das ist schon ein bisschen psychiatrisch.

Booksection.de: Für mich sind Bücher immer einer kleine Reise – zu fremden Orten, neuen Erkenntnissen, unverhofften Glücksmomenten. Was bedeuten Bücher für Sie?
Andrea Bajani: Also das ist jetzt auch psychiatrisch (lacht): Sie sind für mich die einzige Möglichkeit, mir vorzumachen, dass ich ein normaler Mensch bin. Es ist die einzige Möglichkeit, glücklich zu sein. Ich weiß, dieser Satz hört sich kindisch an, aber ich glaube, dass Künstler – und somit auch Schriftsteller - am „Nichtexistieren“ leiden. Eine Geschichte zu erzählen ist somit der einzige Weg sich selbst zu zeigen, dass man existiert. Ich denke beim Schreiben, dass es doch einen Sinn in der Welt gibt. Ich glaube, dass viele Menschen an derselben Sache leiden, aber sie befinden sich nicht in der glücklichen Lage, das aufzuarbeiten. Sie leben einfach und warten darauf zu sterben. Für mich ist das Schreiben der einzige Weg.

Booksection.de: In den vielen Interviews, die Sie mit Sicherheit schon gegeben haben, was hätten Sie gerne erzählt, sind es aber nie gefragt worden?
Andrea Bajani: Wenn ich etwas sagen will, sage ich es auch, wenn mich niemand danach fragt.

Booksection.de: Danke für Ihre Zeit.
Andrea Bajani: Ich danke für das Interview.




















"Was die amerikanischen Kollegen können, sprich ihr eigenes Land als Bühne zu verwenden, versuche ich mit großer Selbstverständlichkeit für Deutschland zu machen. "

Der Fantasyautor Thomas Finn sprach mit uns über „Aquarius“ und „Schwarze Tränen“.

Booksection.de: Mit „Schwarze Tränen“ und „Aquarius“ hast Du 2014 gleich zwei spannende Thriller am Start. Liegt Dir ein Buch mehr am Herzen?
Thomas Finn: Nein. Ich mag alle meine Bücher immer gleichermaßen. „Schwarze Tränen“ ist Urban Fantasy. Hier habe ich mir einen Traum erfüllt, den ich eigentlich schon seit meiner Schulzeit hatte, als ich „Faust“ kennen lernte. „Aquarius“ ist eher wieder aus meinem Interesse für Mystery-Storys entstanden. Tatsächlich habe ich noch nie so lange an einer Story gebaut, wie an „Aquarius“. Kurz, ich mag beide Geschichten sehr gerne!

Booksection.de: Beide Male hast Du alte Mythen, Sagen oder Figuren als Grundlage verwendet. Ist das mittlerweile „Dein Ding“, Dein Markenzeichen?
Thomas Finn: Ich kann natürlich nicht versprechen, dass es auch in Zukunft immer so weitergeht, aber ich habe schon eine deutliche Neigung zu Deutschland als Schauplatz und Bühne. Was die amerikanischen Kollegen können, sprich ihr eigenes Land als Bühne zu verwenden, versuche ich mit großer Selbstverständlichkeit für Deutschland zu machen. Wenn ich in den letzten 10 Jahren meines Schaffens mit dazu beigetragen habe, Deutschland als Bühne für fantastische Geschichten salonfähig zu machen, dann würde mich das sehr freuen.

Booksection.de: Das ist ja auch ein Stück weit etwas Einzigartiges in der hiesigen Szene.
Thomas Finn: Nicht unbedingt. Markus Heitz macht das mittlerweile auch. Er siedelt zum Beispiel Geschichten in Leipzig an. Aber es stimmt, ich mache das schon mit großer Leidenschaft und über fast alles meine Bücher hinweg. Ich glaube nur „Justifiers 3: Mind Control“ spielt nicht in Deutschland (lacht).

Booksection.de: Reizt es Dich besonders, in alten Stoffen neue Facetten bzw. etwas Fantastisches zu finden?
Thomas Finn: Definitiv! Man darf nicht vergessen, dass die meisten Mythen, auf die wir Fantastik-Autoren uns beziehen, ja letztlich aus Sagenstoffen stammen, die aus Zentraleuropa kommen. Man denke nur an die Grimmschen Märchen und dergleichen. Es war mir immer ein Anliegen, das ernst zu nehmen. Warum also nicht auch das Land, das dahinter steht als Schauplatz verwenden? Viele Kollegen sagen, ihnen ist Deutschland „zu eng“. Natürlich hat zum Beispiel Amerika diese Weite, die Prärie. Natürlich muss man da in Deutschland ein wenig tricksen, aber mir macht das einen unglaublichen Spaß.

Booksection.de: Deine Figuren krabbeln in beiden Büchern ja gerne mal in alten Höhlen herum, in vergessenen Bunkern oder auch verschollenen Gräbern. Bist Du selbst auch Schatz- bzw. Geheimnissucher?
Thomas Finn: Nicht dass ich selbst ein Schatzsucher bin, aber ich war in der Kindheit ein Fan der Abenteuergeschichten von Enid Blyton. Und ich komme aus dem Rollenspiel-Bereich. Hier werden Handlungen auf eine andere Art und Weise konstruiert. Dazu gehört auch eine Indiana Jones-artige Schatzsuche eigentlich immer mit dazu. So etwas macht zum Beispiel auch Bücher wie „Illuminati“ oder „Sakrileg“ aus. Ich liebe das! Daher gib es bei mir eigentlich immer mindestens ein Rätsel, das es zu lösen gilt (schmunzelt).

Booksection.de: Fangen wir mit „Schwarze Tränen“ an. Hier hast Du Dich bei Goethes Faust „bedient“ und ihn etwas entrümpelt? Spürt man da so etwas wie eine Hemmschwelle oder auch Ehrfurcht?
Thomas Finn: Das gab es auf jeden Fall! Mir war natürlich klar, dass dem Buch bis heute der Ruf vorauseilt: Uh, das ist schwerer Stoff. Und dass ich eventuell auch belächelt werden würde nach dem Motto: Der versucht jetzt in die Fußstapfen von Goethe zu treten. Das war natürlich eine schwere Last und ich habe daher auch lange an der Umsetzung der Geschichte getüftelt. Mir war es wichtig, aus dem Buch einen witzigen und spritzigen Urban Fantasy Roman zu machen. Außerdem war mir klar, wenn ich schon so ein „Erbe“ antrete, muss ich dem Roman auch eine gewisse Tiefe verleihen. Ich hoffe, das habe ich durch eine profunde Recherche und die Verbindung mit den vielen historischen Schauplätzen geschafft. Der Roman fängt an in Staufen, ein unglaubliches Erlebnis…

Booksection.de: .. mit den vielen kaputten Häusern…
Thomas Finn: Ja, genau. Dann ging es nach Karlsruhe, wir haben Heidelberg, Dresden und so weiter. Ich glaube auch durch die Schauplätze bekommt das Buch Tiefe und Glaubwürdigkeit, was zu dem literarisch-historischen Hintergrund passt. Ich freue mich natürlich, dass das Ergebnis so gut angekommen ist. Ich bin einer der wenigen Fantastik-Autoren, die im Feuilleton der FAZ besprochen wurde (lacht). Das konnte ich zuerst gar nicht glauben.

Booksection.de: „Schwarze Tränen“ ist überhaupt überwiegend sehr gut angekommen…
Thomas Finn: Ich hoffe es. Ich kann mir natürlich vorstellen, dass es wegen des Themas den einen oder anderen gibt, der sich an das Buch nicht heranwagt. Mich fragen die Leute dann und wann: Muss ich davor „Faust“ gelesen haben? Natürlich nicht! Es ist natürlich schön, wenn man ihn gelesen hat und wenn man Dinge somit wiedererkennt. Ich habe mich auch beim Aufbau des Buches daran gehalten. Aber es ist ein Unterhaltungsroman. Ich bin Belletristik-Autor.

Booksection.de: Mir hat besonders Mephisto viel Spaß gemacht. Sein „Gekabbel“ mit Lukas ist oft sehr witzig.
Thomas Finn: Mephisto hast viel Fingerspitzengefühl verlangt. In der ganzen Entstehungszeit des Buches, bis hin zum Lektorat, habe ich immer, wenn mir noch coole Sprüche eingefallen sind, einen drauf gegeben (lacht).Es war ganz klar: Da wo Mephisto ist, ist Mitte. Man konnte hier auch so herrlich politisch inkorrekt sein (lacht). Schließlich ist er der Teufel.

Booksection.de: Ist er Deine Lieblingsfigur? Hast Du als Autor so etwas überhaupt in Deinen Geschichten?
Thomas Finn: Es kommt darauf an. Ich mag eigentlich immer die Figur, an der ich gerade arbeite. Aber natürlich war Mephisto ein ganz besonderer Liebling.

Booksection.de: Lukas Faust reist besonders durch Süddeutschland. Staufen, Baden-Baden, Karlsruhe… Recherchierst Du immer vor Ort oder in Zeiten von Google Earth auch schon mal nur via PC?
Thomas Finn: Nein, ich kannte einige Orte Gott sei Dank. Ich habe Freunde in Karlsruhe. Hier taucht im Buch ja auch eine sehr bekannte Band auf. Das sollte ursprünglich einmal „Saltatio Mortis“ sein. Aber der Verlag hatte letztlich Bedenken wegen der Nennung. Aus Staufen stammt mein ehemaliger Drehbuchpartner. Ich kenne Heidelberg, sprich ich kannte viele Plätze bereits. Aber vieles mache ich auch über Google-Recherche. Oder ich frage Menschen, die die Schauplätze kennen oder schon einmal dort waren.

Booksection.de: Verschwimmen für Dich die Grenzen zwischen Fiktion und Fakt auch schon einmal?
Thomas Finn: Als Autor muss ich die Grenzen schon kennen. Bei „Schwarze Tränen“ habe ich alle Mythen vor dem Hintergrund eingebaut, dass es Himmel und Hölle tatsächlich gibt. Das war nicht so wie bei „Weisser Schrecken“. Hier sind die Grenzen schon auch mal verschwommen, da es während des Schreibens durch die parallele Recherche immer glaubhafter wurde.

Booksection.de: Die Interpretation des Stoffes in „Schwarze Tränen“ fand ich unglaublich frisch!
Thomas Finn: Das freut mich, man müht sich als Autor (lacht).

Booksection.de: … und das ist ja auch die große Kunst…
Thomas Finn: (lacht) Das müssen andere beurteilen. Man hat doch immer Bedenken, weil man sich ja auch bemüht, das erreichte Niveau beizubehalten, damit die Leser nicht enttäuscht sind. Was ich versuche, ist unterschiedliche Genres zu bedienen, weil ich doch eine blühende Fantasie habe. Ich habe nicht nur ein Interesse, ich interessiere mich für High Fantasy, Harry Potter, Mystery und Science-Fiction gleichermaßen. Ich empfinde es als unglaubliche Gnade, bislang in all diesen Bereichen tätig sein zu dürfen, während andere Kollegen oft auf ein Themengebiet festgenagelt sind.

Booksection.de: Gibt es ein Genre, das Du Dir noch weiter erschließen möchtest?
Thomas Finn: Nein (lacht). Dank Markus Heitz durfte ich sogar nun schon Science-Fiction schreiben. Wobei… High Fantasy für Erwachsene würde mich schon noch reizen. Aber ich habe ja hoffentlich noch ein paar Jahre als Autor vor mir.

Booksection.de: „Aquarius“, Dein zweiter phantastischer Thriller, erscheint am 13.10.2014. Ich durfte ihn schon lesen und mich hat die Story sehr schnell gepackt. Im Gegensatz zu „Schwarze Tränen“ sind wir hier nun an der Nordsee. Du wohnst ja selbst in Hamburg. Hast Du eine besondere Verbundenheit mit dem Meer?
Thomas Finn: Ich fühle mich letztlich ganz Deutschland verbunden, aber natürlich bin ich Norddeutscher (lacht). Auf der Suche nach Stoffen, die man in Deutschland ansiedeln kann, war ich für meinen letzten Roman bei Piper „Weisser Schrecken“ im tiefen Süden, in Berchtesgaden. Aber schon immer habe ich auch nach einem Stoff gesucht, der im hohen Norden angesiedelt werden kann. Dass es gerade jetzt etwas im Norden wurde, ist aber Zufall. Ich hatte quasi zur richtigen Zeit den richtigen Stoff.

Booksection.de: Gab es eine bestimmte Ausgangsgeschichte, die Dich für „Aquarius“ inspiriert hat?
Thomas Finn: Als ich für den Ravensburger Verlag „Der silberne Traum“ geschrieben habe, das Prequel zur „Chroniken der Nebelkriege“, bin ich auf Meerjungfrauen und Meermänner aufmerksam geworden. Im Zuge dessen bin ich bei den Recherchen auf die Melusinen-Sage gestoßen. Melusine ist eine Sagengestalt aus dem Mittelalter, damals unglaublich populär, es gab drei oder vier Romane über sie. Sie ist eine Nymphe, die einem Ritter begegnet. Sie verlieben sich und er will sie heiraten. Sie stimmt unter der Bedingung zu, dass er folgendes Tabu nicht bricht: An jedem sechsten Tag darf er sie nicht sehen, wenn sie im Bad ist. Das hält er 2-3 Jahre durch, doch dann ist die Neugierde stärker und er reißt die Tür auf und sieht sie, wie sie mit einem Fischschwanz in der Badewanne sitzt. Manche sagen auch, sie hatte einen Echsenschwanz. Wenn ich bis dahin an Nixen gedacht habe, hatte ich immer Teiche oder Staudämme im Kopf und das hat mir die Sache schwer gemacht. Bis ein Freund mir sagte: Tom, wenn Du eine Meerjungfrau hast, würde ich das Meer sehen. Und in dem Moment hat es klick gemacht und ich dachte nur: Bin ich vernagelt! Und dann kamen schnell die Bilder der deutschen Küste und die Geschichte von Rungholt in meinen Kopf. Damit bekam die ganze Geschichte eine neue Ausrichtung.

Booksection.de: Wie in „schwarze Tränen“ fällt ins Auge, wie detailreich die Hintergrundgeschichte aufgebaut ist, mit den vielen Bezügen zu Sagenstoffen und Mythen. Wie lange hast Du hier recherchiert?
Thomas Finn: Natürlich steckt viel Recherche in so einer Geschichte, auch über Satellitenbilder, und einige Orte wie Husum kenne ich auch. Was ich aber nicht mag, ist der Umberto Ecco-Effekt: Schaut her, wie klug ich bin. Es spricht natürlich nichts dagegen, etwas aus einem Roman zu lernen, aber ich bin Belletristik-Autor und will den Leser unterhalten. Daher versuche ich, die Information innerhalb der Handlung einzubauen.

Booksection.de: Tatsächlich habe ich mir nach dem Lesen auch bei Google Earth die Landschaft und Küste angeschaut (lacht).
Thomas Finn: Frei nach dem Motto, was stimmt denn da nun alles?

Booksection.de: Ja, genau! Welche Orte gibt es, welche nicht.
Thomas Finn: Egirsholm musste ich mir natürlich ausdenken. Hier musste ich aber eben aufpassen, dass die geographischen Distanzen auch stimmen.

Booksection.de: Der Ort mit seinen Frauen und ihre „Gilde“ waren wirklich faszinierend. Man hatte sie quasi vor dem inneren Auge. Zum Beispiel die Bürgermeisterin.
Thomas Finn: Das alles hat sich natürlich auch entwickelt. Ich hatte eine Mischung aus Husum und Tönning im Kopf. Schauplätze müssen einfach glaubwürdig klingen, und gerade Kunstorte müssen richtig eingebettet werden. Mein Ziel ist es immer, dass man denkt: Ja, der Ort könnte existieren.

Booksection.de: Ausgangspunkt von „Aquarius“ ist eine Art moderne Schatzsuche in den Gewässern der Nordsee. Alles reine Fiktion oder gibt es Deines Wissens tatsächlich auch hierzulande eine Art Industrie, die nach versunkenen Frachtern taucht?
Thomas Finn: Ja, das gibt es tatsächlich. Nicht nur dort. Da geht es in der Regel aber nicht um Schätze im klassischen Sinne, sondern häufig um Kupfer. Sobald die Genehmigung vorliegt, dass man an diese Wracks ran darf, werden diese regelrecht abmontiert. Ich habe im Buch allerdings Kabeltrommeln gewählt, weil hier die Bergung einfacher ist.

Booksection.de: Du beschreibst dort unter Wasser wirklich eine andere Welt. Gehst Du selbst auch tauchen?
Thomas Finn: Tauchen ist nicht so meins. Ein Freund von mir war früher Tauchlehrer und mit ihm war ich einmal tauchen, mit ganzer Montur und Sauerstoffflasche in einem Schwimmbad in fünf Meter tiefe. Mehr habe ich noch nicht gewagt (lacht). Unter Wasser atmen und sich bewegen zu können ist schon ein unglaubliches Gefühl. Aber letztlich geht es mir wie einer Protagonistin aus „Aquarius“: Da unten ist es einfach so dunkel.

Booksection.de: Ich fand den Aspekt sehr spannend, dass es tatsächlich eine andere Welt ist, dort unter Wasser. Wir reisen zum Mond, streben zum Mars und kennen nicht das, was vor unserer Haustüre liegt.
Thomas Finn: Ja, dort unten ist noch viel unerforscht. Aber man braucht oft einfach einen Anlass, um nach dort unten zu gehen. Oft ist es ein medizinischer oder es sind Bodenschätze. Das Interessante ist ja, dass man immer wieder neue Sachen findet. Kaventsmänner zum Beispiel sind auch erst seit 15 Jahren als solche verifiziert. Vor ein paar Jahren fand man einen Riesenkalmar und konnte ihn filmen.

Booksection.de: Gab es einen Aspekt, der Dich an der Sagen der Melusinen, der Nixen besonders fasziniert hat?
Thomas Finn: Eigentlich die Grausamkeit. Überraschend war aber auch, dass es im Norden nicht viele Sagen zu finden gab. Eher dann wieder in Kopenhagen. Anleihen an Sirenen, Meerjungfrauen, Nixen oder wie man sie auch immer nennen will, gibt es tatsächlich an der Nordseeküste eher wenig. Es ist nicht so populär wie ich dachte.

Booksection.de: Die Geschichte von „Aquarius“ hat eine ungeheure Dynamik. Man ist schnell „drin“ in der Geschichte, und dann will man das Buch auch nicht mehr aus der Hand legen...
Thomas Finn: ...toll, so hatte ich mir das erhofft…

Booksection.de: …und obwohl es dann doch ein paar irre Wendungen nimmt, wird es nicht so unglaubwürdig, dass man gedanklich aussteigen würde…
Thomas Finn: Das ist auch das Wichtige! Ein guter Mystery- oder auch Horror-Thriller lebt davon, dass es glaubwürdig ist. Ich hatte zu Anfang aber doch Bedenken, gerade weil es relativ „normal“ anfängt und sich erst dann immer weiter zuspitzt, dass es vielleicht nicht genug Mystery sein könnte. Ich hoffe, ich habe ein gutes Mittelmaß gefunden und etwas thematisiert, was es so noch nicht gab. Ich hoffe, das ist das Originelle bei diesem Roman.

Booksection.de: Irgendwann ist man auch einfach so gefangen in der Geschichte, dass man nicht mehr wirklich nach der Logik fragt.
Thomas Finn: Wobei innere Logik ganz wichtig ist. Natürlich vor einem fantastischen Hintergrund. Wenn man eben akzeptiert, dass Meerjungfrauen existieren.

Booksection.de: „Plottest“ Du Deine Geschichten eigentlich stark im Vorfeld?
Thomas Finn: Ja, das mache ich eigentlich immer. Auch wenn ich mich bei einem Verlag beworben habe, waren das immer Treatments. Ca. zehn Seiten stark. So weiß der Verlag auch, was auf ihn zukommt. Und mir hilft es. In diesem Stadium kann man einen Plot noch stark verändern. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich 2-3 Monate am Stück und auch chronologisch. Ich muss von vorne nach hinten schreiben. Es gibt Kollegen, die machen das anders, damit dann zumindest der Schluss cool ist, wenn sie am Ende zum Beispiel unter Zeitdruck geraten (lacht), aber ich kann das nicht. Ich plotte hingegen viel, das ist wie Pfeiler einrammen. Es gibt dann aber noch genügend Momente, wo sich die Handlung dann auch wieder ändert. Es gibt kein Exposé, was die Praxis ungerupft übersteht (lacht).

Booksection.de: Hast Du schon etwas Neues im Auge, was Du für uns Leser aus dem deutschen Mythen- und Sagenschatz ausgräbst?
Thomas Finn: Aktuell tüftle ich gerade neue Exposés aus. Es wird wohl etwas aus dem Horrorgenre werden.

Booksection.de: 2015 wird es also den nächsten Finn geben?
Thomas Finn: Ich hoffe es!

Booksection.de: Dann freuen wir uns doch auf kommendes Jahr und sagen vielen Dank für das tolle Gespräch!
Thomas Finn: Danke!




















"Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass Jugendliche lesen, weil es so eine extreme Prägephase ist. Wenn man ein Buch in dieser Zeit liebt, dann kann es einem sehr, sehr viel bringen und geben. Auch Orientierung. Und es verlässt einen nie ganz."

Eva Siegmund sprach mit uns über Ihr Debüt „Lúm – Zwei wie Licht und Dunkel

Booksection.de: Sie haben eine Ausbildung zur Kirchenmalerin gemacht, um dann Jura zu studieren…
Eva Siegmund: Ja, das war eine meiner schlechteren Ideen (lacht).

Booksection.de: Nun schreiben Sie Bücher. Ein ungewöhnlicher Weg. Helfen Ihnen Erfahrungen aus Ihren ersten beiden Ausbildungen heute?
Eva Siegmund: Ich weiß nicht, ob ich es schriftstellerisch einbringen werde. Von Jura lasse ich die Finger, jetzt und für immer. (lacht) Wobei man „für immer“ natürlich auch nicht immer sicher sagen kann. Aber die Lebensabschnitte haben mich doch sehr geprägt. Die Ausbildung war zum Beispiel in einem Kaff in Bayern. Dort haben nur 40 Menschen gewohnt. Dort war alles geprägt von einer starken Hierarchie, auch einer stark männlich Hierarchie. Gerade auf der Baustelle. Solche Erfahrungen werden sich bestimmt auch ihren Weg in meine schriftstellerische Arbeit suchen.

Booksection.de: Ist es spannend Kirchen zu restaurieren?
Eva Siegmund: Kirchenmalerin ist der einzige Kirchenrestaurierungs-Ausbildungsberuf den es in Deutschland gibt. Sonst ist ein Studium erforderlich. Tatsächlich dachte ich, es sei spannend. Es war das Langweiligste, was ich in meinen ganzen Leben gemacht habe! Man wird Wochen und Monate auf eine Handbewegung reduziert.

Booksection.de: Hier muss man bestimmt sehr viel Geduld haben…
Eva Siegmund: Genau, und am Abend kann man auch nichts erzählen, außer dass man wieder 10 Quadratzentimeter mehr geschafft hat (lacht). Zum Beispiel Jesus Fuß oder Marias Nase. Mehr ist nicht passiert. Das hatte ich im Vorfeld so alles nicht bedacht und habe es auch stark verklärt.

Booksection.de: Umso schöner ist es doch, wenn man die Chance bekommt, einen Schritt weiter zu gehen und etwas anderes zu machen. Wie sind Sie letztlich zu einer Tätigkeit in einem Verlag gekommen?
Eva Siegmund: Ich habe während meines Studiums schon geschrieben, habe Kurzgeschichten-Wettbewerbe bestritten und bin dann bei meiner jetzigen Agentur unter Vertrag genommen worden. Das war 2010. Da dachte ich mir, wenn ich die Chance habe richtig zu schreiben, professionell zu schreiben – und es gibt scheinbar Leute die glauben, dass ich das kann – möchte ich mein Leben nicht zweigleisig fahren. An diesem Punkt habe ich mich dann doch noch einmal umentschieden und habe – wahrscheinlich zum Leidwesen meiner Eltern – ein unbezahltes Praktikum bei einem Verlag angenommen. Dort bin ich dann auch die letzten drei Jahre sehr glücklich geblieben. Es war eine meiner besten Entscheidungen (lacht). Finanziell vielleicht nicht, aber für mich genau das Richtige.

Booksection.de: Sie haben dort dann als Lektorin gearbeitet, richtig?
Eva Siegmund: Zunächst habe ich im Rechtsbereich begonnen. Das war sozusagen mein Türöffner. Als es dann einen schwangerschaftsbedingten Engpass im Lektorat gab, sickerte durch, dass ich auch bei einer bekannten Agentur bin und das ich schreibe. Ich habe dann probehalber dort angefangen und man war zufrieden und dann wurde ich sozusagen „abgefischt“.  

Booksection.de: Wie ist es plötzlich auf der „anderen Seite“ zu sitzen?
Eva Siegmund: Ja, das stimmt (schmunzelt). Ich war tatsächlich lange zwiegespalten. Im Mai dieses Jahres habe ich mich aber entschieden ganz als freie Autorin zu leben. Der Doppeljob war unglaublich anstrengend. Ich habe jede Minute in meiner Freizeit, jedes Wochenende, jedes Weihnachten, jede Ferien, einfach jeden Moment auf das Schreiben verwendet. Daneben ist ein Lektoren-Job anstrengend. Emotional war es mir aber nicht möglich das Schreiben aufzugeben. Also habe ich jetzt das Risiko gewählt.

Booksection.de: Ein Sprung ins kalte Wasser.
Eva Siegmund: Ja, genau das tue ich gerade (lacht). Aber ich kenne ja die andere Seite. Es gab viele Momente, da dachte ich: Ich werde als Autorin ganz handzahm. Ich werde ganz lieb. Wenn mich ein Autor geärgert hat, habe ich gedacht ich werde netter, unkomplizierter. Nun habe ich als Autorin aber auch Momente, wo ich zum Lektor sage. Das geht gar nicht (lacht). Es hat Vor- und Nachteil beide Seiten zu kennen. Ich glaube ich bin vielleicht auch als Autorin nerviger, gerade weil ich die Abläufe kenne und immer denke, jetzt müsste dies oder jenes passieren.

Booksection.de: „Lúm“, Ihr Debüt, ist ein Jugendbuch geworden. Haben Sie sich bewusst für dieses Genre und junge Protagonisten entschieden, oder brauchen wir in Deutschland einfach immer eine Schublade für unsere Bücher?
Eva Siegmund: Jein. Natürlich ist etwas dran an dem, was Sie gesagt haben. Für mich wäre es nicht so wichtig, da ich weiß, dass es dieses Zwittergenre ist. Man hat irgendwann einfach festgelegt diese Bücher sind 14+. Was für mich wichtig ist, sind die jugendlichen Protagonisten. Ich finde dieses Alter unglaublich wichtig. Es ist das Alter, in dem man am extremsten fühlt. Wo man das erste Mal begreift, dass das Leben für einen auch Autonomie bedeuten kann. Dieses: „Das sind meine Entscheidungen und die haben Konsequenzen.“ Wo man vielleicht auch das erste Mal merkt, was in einem steckt. Für uns Erwachsene sind Extremsituationen oder auch schlimme Erlebnisse leider ja oft schon Gewohnheit. Als Erwachsener ist man etwas abgestumpfter. Als Jugendlicher, da erinnere ich mich selbst noch gut daran, sind die extremsten Gefühle vorhanden. Daher sind mir Protagonisten, die dieses Alter haben, so wichtig. 

Booksection.de: Eine spannende Zielgruppe. Kann man überhaupt für die Zielgruppe 14+ zielgenau schreiben?
Eva Siegmund: Ich glaube nicht, weil es die größte ist. Sie fängt bei 14 an und hört im Prinzip bei 99 auf. Das ist ein Wesen, das sich in den letzten 10 Jahren herauskristallisiert hat und das so eigentlich gar nicht vorgesehen war. Eine Entwicklung, die ich aber sehr schön finde. Früher gab es ja noch „Harry Potter“ mit Erwachsenencover. Jetzt ist ja Eskapismus für Erwachsene wieder „erlaubt“, was ich sehr gut finde. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass Jugendlichte lesen, weil es so eine extreme Prägephase ist. Wenn man ein Buch in dieser Zeit liebt, dann kann es einem sehr, sehr viel bringen und geben. Auch Orientierung. Und es verlässt einen nie ganz, finde ich.

Booksection.de: Ist das auch Ihr Anspruch beim Schreiben? Möchten Sie Ihren Büchern eine bestimmte Botschaft mitgeben?
Eva Siegmund: Ich möchte schon, dass Gedanken zu Ende gedacht werden. Ein Buch ist ein gesicherter Raum. Wo Jugendliche vielleicht auch das erste Mal weiter denken. Kriege zu Ende denken. Seuchen zu Ende denken. Mit dem Tod konfrontiert werden. Das alles zu Ende denken zu dürfen, ohne das in der Realität zu müssen. Ein Buch ist tabulos. Dem entsprechend finde ich es schon wichtig, auch Extreme anzusprechen und durchzuziehen. Weil es die Gedankenwelt vielleicht auch ein wenig „füttert“ und auf das Leben vorbereitet. Ich möchte keine Fabel-Botschaft oder etwas in dieser Richtung, aber ich möchte schon konsequent sein.

Booksection.de: Es geht in Ihrem Buch auch genau um solche Themen. Den Tod der Großmutter, Angst vor dem Anderen, Toleranz, aber auch die Diktatur von Logik und Wissenschaft. Ich fand diese sehr prägend für die Geschichte.
Eva Siegmund: Und dann eben diese traurige Begebenheit, dass Menschen anderen Menschen einfach schon immer etwas angetan haben. Und wahrscheinlich auch nicht damit aufhören werden. Das ist in der Realität ja leider immer zu beobachten.

Booksection.de: Ja, es reicht dafür die Nachrichten anzumachen. Sie mischen in „Lúm“ Fantasy mit Science-Fiction-Elementen…
Eva Siegmund: Ja, da sind sie wieder die Schubladen. Im Grunde ist es einfach mein Buch. (lacht).

Booksection.de: Ist dieser Bereich aber doch Ihre gedankliche Heimat als Autorin? Warum kein historischer Roman oder ein Krimi?
Eva Siegmund: Ich sage mal, unbeabsichtigt hat sich da immer etwas eingeschlichen. Auch schon bei den Kurzgeschichten und bei meinem allersten Buch, dass ich gesprengt wissen möchte (lacht). Das werde ich auch nie jemandem zeigen. Es war ein eher realistischer Roman. Aber auch der driftete ins Absonderliche. Alles was ich schreibe, kommt irgendwann zu dem Punkt, an dem ich mich gedanklich nicht mehr einschränken möchte. Und dann absonderlich werde (lacht). Und das passiert mir einfach immer wieder. Ich finde es schön, wenn man dieses Setting benutzt, dann hat man keine Grenzen. Ich möchte keine politischen Gegebenheiten, ich möchte keine Dinge, an die ich mich halten muss, sondern ich möchte unlimitiert schreiben.

Booksection.de: Mich hat das gesamte Setting von „Lúm“ sehr begeistert. Detailreich und griffig und mit dem richtigen Realitätsbezug. Was entwickeln Sie zuerst, die Welt oder die Figuren, wenn Sie an einer Geschichte schreiben?
Eva Siegmund: Das erste was da ist, ist meist eine Situation. Bis jetzt ist jedes Buch oder jede Geschichte, die ich geschrieben habe, von einer ganz bestimmten Situation ausgegangen. Bei „Lúm“ war es das Ritual der Mantai. Die Idee kam mir in der Zeit, als ich auf meine Jura-Noten gewartet habe. Man schreibt sieben Klausuren a fünf Stunden in einer Zeit von zwei Wochen. Und dann wartet man. So fünf Monate. Und weiß einfach nicht, ob man zur mündlichen Prüfung zugelassen wurde, oder nicht. Und dieses „Nicht Wissen, jeder erwartet es von meinem und dann geht es echt in die Hose“ habe ich aufgegriffen und mit Meleike einmal durchgemacht. Damit ging es los. Meleike war zuerst da, und dann kam Adeva und dann kam Flynn und dann Lúm. Ich glaube schon, dass die Charaktere und die Situation zuerst da sind und da drum herum baut sich alles auf.

Booksection.de: Meleike, eine der Hauptfiguren aus Ihrem Debüt ist ein - gerade für ihr Alter – sehr mutiges Mädchen. Fühlen Sie sich ihr näher oder haben Sie vielleicht einen ganz anderen Liebling?
Eva Siegmund: Ja, doch ich habe eine Lieblingsfigur. Meleike ist mehr „mein Mädchen“. Ihr bin ich emotional sehr nahe. Aber meine Lieblingsfigur, die, die mir am meisten Spaß gemacht hat, ist Nelson. Dieser Hofnarrcharakter. Aber auch die Menschen vom Schwarzmarkt. Zum Beispiel der König, der in einer Szene auftaucht. Es hat einfach Spaß gemacht, diese schrägen Seitenfiguren zu machen. Da konnte ich einmal so richtig aus dem Vollen schöpfen. Aber wahrscheinlich aus deshalb, weil ich sie nicht „durchziehen“ musste. Das wird anstrengend und das will auch keiner lesen. Wenn solche Verrückten dann die ganze Zeit dabei sind. Aber wenn sie so ein bisschen aufblitzen dürfen, ist das das Salz in der Suppe. Und ein bisschen fies sein hat auch Spaß gemacht (lacht).

Booksection.de: Haben Sie literarische Vorbilder, an denen Sie sich vielleicht auch orientieren?
Eva Siegmund: Nein, stilistisch möchte ich das nicht. Daher lese ich auch nicht, wenn ich schreibe. Oder nur auf Englisch, damit es mich sprachlich nicht beeinflusst. Nichtdestotrotz habe ich Autoren, die ich total verehre. Das bleibt gar nicht aus. Aber ich versuche mich nicht an anderen zu orientieren. Das geht unweigerlich in die Hose. Ich glaube aber schon, dass man unweigerlich Elemente in meiner Geschichte wiedererkennt. Vielleicht auch aus Büchern, die ich gar nicht kenne…

Booksection.de: Man erfindet das sprichwörtliche Rad auch schlecht neu…
Eva Siegmund: Ja, genau. Ein Gedanke, der noch nie gedacht wurde, existiert mittlerweile nicht mehr. Weder in der Literatur, noch sonst irgendwo. Aber ich möchte vermeiden zu kopieren. Nichtsdestotrotz finde ich zum Beispiel Kerstin Gier großartig. Sie bringt mich auch immer zum Lachen. Als Kind war es Michael Ende und Roald Dahl. Ich habe einen Bekannten, der total abgefahrene, wundervolle Kinderbücher schreibt – Kai Löfner. Ich finde es toll was er macht und wie er es tut. Juli Zeh gefällt mir sprachlich sehr. Um nur ein paar zu nennen. Ich glaube ein Baukastensystem würde sich rächen bzw. ich klammere mich an den Gedanken. Ich versuche es noch anders (lacht) und bin froh, dass ich einen Verlag habe, der mich lässt. Und Menschen, die an mich glauben.

Booksection.de: Eine tolle Voraussetzung!
Eva Siegmund: Ja, ein schönes Gefühl.

Booksection.de: Ist es richtig, dass Sie bereits an Ihrem zweiten Buch arbeiten? Wollen Sie uns schon etwas darüber verraten?
Eva Siegmund: Ich weiß gar nicht, wie viel ich schon verraten darf. Aber etwas Neues ist in Planung. Nach der Hetzerei bei „Lúm“ habe ich mir auch vorgenommen, dem Text Zeit zu geben. Das ging alles, als ich auch noch als Lektorin gearbeitet habe, leider nur bedingt, was ich sehr schade fand. Es ist alles etwas durchgerauscht.

Booksection.de: War es schwierig für Sie sich von Ihrem ersten Buch zu lösen?
Eva Siegmund: Es ist an den Tagen schwierig, an denen ich etwas für „Lúm“ mache und mich dann an den Schreibtisch setze und an der neuen Geschichte schreiben will. Das ist nicht ohne, da kommt man in so eine Art Schizophrenie rein, weil ich immer aufpassen muss wo ich gerade bin und bei welcher Figur. Ich bewundere Autoren, die parallel schreiben. Ich fange gerade erst an und das ist aufregend genug für mich.

Booksection.de: Wenn Sie heute das fertige Buch sehen, denken Sie daran eventuell etwas anders zu machen?
Eva Siegmund: Ich bin mir nicht sicher. Ich lebe mit dem Buch auch schon so lange. Den Anfang des Textes gibt es schon seit 2011. Natürlich ziehe ich jetzt Lehren, die ich dann mit ins neue Buch nehme. Aber etwas ganz anders machen, würde ich nicht. Es geht dann eher um sprachliche Sachen. Um Aufbau, um Dinge, die ich jetzt als Rückmeldung bekomme.

Booksection.de: Frau Siegmund, vielen Dank für das interessante Interview.
Eva Siegmund: Gerne!




















"Aber wenn man einmal verstanden hat, wo die Wurzeln der Essstörung liegen und wonach man eigentlich wirklich hungert, wenn man lernt, sich selbst auch auf geistiger Ebene gut zu versorgen, mit sich vorsichtig und liebevoll umzugehen, ich glaube, dann kann man wirklich gesund werden."

Jugendbuchautorin Anna S. Höpfner über "Das Lächeln der Leere"

Booksection.de: Frau Höpfner, „Das Lächeln der Leere“ ist ein autobiographischer Roman, in dem Sie vom Aufenthalt in einer Klinik für Essstörungen aufgrund Ihrer Anorexie berichten. Wann genau ist in Ihnen der Entschluss gereift, über Ihre Essstörung zu schreiben und was war der Grund dafür, Ihre Geschichte in einen Roman zu verpacken?
Anna Höpfner: Ich habe schon immer über die Dinge geschrieben, die mich bewegt haben, dementsprechend auch über die Essstörung. In der Klinikzeit habe ich viel Tagebuch geschrieben und – eigentlich mehr aus Spaß – zu Mitpatienten gesagt, dass ich eines Tages ein Buch darüber schreiben werde. Zwei Jahre später habe ich das Tagebuch heraus gekramt und abgetippt. Dabei habe ich aber selbst noch nicht geglaubt, dass es wirklich ein Buch werden kann.
Ich selbst habe Romane immer lieber gelesen als Autobiografien und ich wollte meine Geschichte grade für jugendliche Leser zugänglich machen, deshalb die Romanform. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass in einem Roman mehr Platz für ein bisschen Fantasie ist; ich wollte ein wenig mit der Sprache und den Figuren spielen können und mich nicht immer strikt an die Realität halten müssen.

Booksection.de: Wie hat Ihr Umfeld und speziell Ihre Familie diesen Entschluss aufgenommen? Gab es da auch Ängste oder Vorbehalte?
Anna Höpfner: Erstaunlicherweise kaum. Meine Familie stand total hinter mir. Natürlich haben sich meine Eltern dann, als das Ganze plötzlich real zu werden schien, mit mir hingesetzt und darüber gesprochen, dass es auch schwierig sein kann und kritisch hinterfragt, ob ich mit negativen Urteilen über das Buch und somit auch meiner Geschichte klar kommen würde und ob ich wirklich dazu bereit bin, dass jeder – auch Lehrer oder Leute, die mir nicht nah stehen – meine Gedanken so nah kennen lernen.
Aber sie wussten, dass dieses Buch – generell ein Buch zu veröffentlichen, bevor ich 18 werde – mein Lebenstraum ist und haben mich dabei unterstützt.

Booksection.de: Essstörung ist ja mittlerweile eines der am meisten diskutierten Themen in den Medien. Dabei geraten vor allem diverse TV-Shows, in denen spindeldürre Mädchen dazu aufgefordert werden, noch mehr abzunehmen immer mehr ins Kreuzfeuer. Glauben Sie, dass Essstörungen speziell bei jungen Frauen tatsächlich dadurch begünstigt werden können?
Anna Höpfner: Ich glaube, dass den Medien beim Thema Essstörungen viel zu viel Schuld zugewiesen wird! Natürlich tragen sie eine Mitschuld, aber sie sind kein alleiniger Faktor. Viel mehr ist es die Gesellschaft, die das Schönheitsideal so fraglos akzeptiert und sich danach richtet. Ich glaube nicht, dass die TV-Shows das Problem sind. Ich glaube das Problem sind alle, die das als einziges Ideal ansehen. Das Problem ist, dass Mädchen mit vier Jahren auf Familienfeiern ankommen und zu hören bekommen, dass sie hübsch sind (ich habe übrigens nie gehört, dass man das zu einem Jungen sagt...) Dass das von Anfang an zählt: Sie sehen gut aus. Frauen hören, dass sie gut aussehen, ob sie abgenommen hätten. Dieser Fokus, der bei jungen Mädchen schon so extrem auf den Körper gelenkt wird, gibt das Gefühl, dass das das einzig Entscheidende ist. Und dass das ihren Wert bestimmt. Ja, die Medien definieren schön gleich dünn – aber was könnten wir verändern, wenn wir den Mädchen von Anfang an beibringen, dass Schönheit ihren Wert nicht definiert?
Natürlich müssen meiner Meinung nach keine stark untergewichtigen Models über Laufstege hopsen, aber vielleicht wäre es viel wichtiger, sich an die eigene Nase zu packen und zu überlegen: Was für ein Bild von Schönheit vermittele ich eigentlich meiner Tochter/meiner kleinen Schwester/dem Nachbarmädchen? Und: Bedeutet für mich Schönheit dasselbe, was es für die Medien bedeutet?

Booksection.de: Glauben Sie, dass man Anorexie „heilen“ kann oder ist es vielmehr so wie bei einem trockenen Alkoholiker, der sich sein Leben lang vom Alkohol fernhalten muss, um nicht wieder rückfällig zu werden?
Anna Höpfner: Anorexie ist ja nicht direkt an eine Substanz gebunden, wie es bei Alkoholikern ist. Und sein Leben lang vom Essen fern halten kann man sich ja dummerweise auch nicht – ich glaube schon, dass es heilbar ist. Mehr noch, ich weiß es, weil ich Menschen kenne, die es vollständig daraus geschafft haben. Vielleicht muss man dann immer noch ein bisschen sorgsamer mit sich sein und sich grade in schwierigen Phasen daran erinnern, dass man das Essen/Nichtessen nicht als Kompensationsmittel missbraucht. Aber wenn man einmal verstanden hat, wo die Wurzeln der Essstörung liegen und wonach man eigentlich wirklich hungert, wenn man lernt, sich selbst auch auf geistiger Ebene gut zu versorgen, mit sich vorsichtig und liebevoll umzugehen, ich glaube, dann kann man wirklich gesund werden.

Booksection.de: Sie waren ja gerade mal achtzehn Jahre alt, als „Das Lächeln der Leere“ erschienen ist. War es schwer, einen Verlag zu finden, der bereit war, ein Buch mit diesem Thema aufzunehmen?
Anna Höpfner: Ich hatte ziemlich viel Glück, irgendwie! Ich habe das Manuskript, das damals nur 100 Seiten lang war, an ein paar Verlage geschickt und habe durch Zufall eine Autorin kennen gelernt, die mich an ihre Agentin weitervermittelt hat. Der war es eigentlich egal, wie alt ich war, ihr hat das Manuskript gefallen. Sie hat mich nach meinem Wunschverlag gefragt und wenige Wochen später hatte ich von cbt dann die Zusage!

Booksection.de: Würden Sie sagen, dass es für Sie auch gewissermaßen einen therapeutischen Effekt hatte, diesen Roman zu schreiben?
Anna Höpfner: Ja. Ich habe sehr viel reflektiert, auch während des Schreibens noch viel über mich und die Zeit verstanden und nicht zuletzt hat er zu sehr viel Ehrlichkeit und Offenheit in meiner Familie und meinem Freundeskreis geführt, mit vielen konnte ich mich zum ersten mal über dieses Tabuthema unterhalten, weil sie gemerkt haben, dass ich dazu bereit bin, etwas davon preiszugeben.

Booksection.de: Wie waren oder sind die Reaktionen auf Ihren Roman? Unterscheiden sich jene von fremden Lesern von denen der Personen aus Ihrem Freundeskreis und Ihrer Familie?
Anna Höpfner: Ja, die Reaktionen unterscheiden sich. Ich kriege viele positive Reaktionen, vor allem über meinen Schreibstil, das freut mich immer besonders. Natürlich gibt es auch Dinge, die kritisiert werden, das gehört ja auch irgendwie dazu und hilft mir, mich zu verbessern! Ich merke aber schon, dass mein Freundeskreis und meine Familie sehr viel emotionaler reagieren, einfach, weil sie die gesamte Zeit miterlebt und mitgelitten haben und da sehr viel wieder hochkommt.

Booksection.de: Haben Sie noch immer Kontakt zu damaligen Mitpatienten oder dem Klinikpersonal oder haben Sie das alles bewusst hinter sich gelassen?
Anna Höpfner: Ich habe keinen Kontakt zum Klinikpersonal, sehr wohl aber zu Mitpatienten, viele haben sich auch selbst ihre Namen ausgesucht und mir bei Erinnerungen an Therapeuten oder ähnliches geholfen. Die Freundschaften sind teilweise auch viel zu eng gewesen, als dass ich sie danach einfach hätte fallen lassen können. Eine schöne Erfahrung war es auch, mit Mitpatienten, mit denen ich nicht mehr in Kontakt stand, wieder Kontakt aufzunehmen und sei es nur um zu fragen, ob ich über sie schreiben dürfte. Dabei sind teilweise stundenlange, sehr vertraute Gespräche entstanden.

Booksection.de: Was sind die schwierigsten Hürden, die größten Probleme, die man nach einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt bewältigen muss?
Anna Höpfner: Man muss aus der „Käseglocke“ Klinik wieder in das normale Leben, in dem man sehr ungeschützt ist. Wo es vielleicht nicht so klare Strukturen gibt und die Menschen im Umfeld nicht alle nett, verständnisvoll und vorsichtig sind. Ich habe mir das immer so vorgestellt, wie vom Verkehrsübungsplatz auf die Straße gehen – das ist auch ein gewaltiger Unterschied, vor allem, wenn die Autofahrer hinter einem dann hupen, wenn man den Motor abwürgt, anstatt verständnisvoll zu nicken.

Booksection.de: Hat „Das Lächeln der Leere“ in Ihnen die Schreiblust geweckt, möchten Sie noch weitere Bücher schreiben?
Anna Höpfner: Ja, möchte ich! Ich bin schon dabei, ein Zweites zu schreiben.

Booksection.de: Wir sind gespannt! Vielen Dank für das interessante Interview.




















"Mit Blick auf Jugendliche erscheint es mir falsch, zwischen bedeutsamen und weniger tragenden Themen zu unterscheiden."

Mit Booksection.de im Gespräch: Romanautor Jürgen Seidel über "Der Krieg und das Mädchen". "

Booksection.de: Herr Seidel, Bücher über den Zweiten Weltkrieg gibt es ja in Deutschland zuhauf, und das ist ja auch gut so. Doch der Erste Weltkrieg führte bisher, vor allem in der Jugendliteratur, eher ein Schattendasein. Worauf führen Sie diesen Umstand zurück?
Jürgen Seidel: Ich glaube, der Grund ist die Verbindung des Zweiten Weltkriegs mit dem Holocaust, der in Deutschland alles andere bedeutungsschwächer erscheinen lässt. In Frankreich und England beispielsweise gibt es zahlreiche Jugendromane über den Ersten Weltkrieg. In diesem Unterschied spiegelt sich das „Nie wieder“ als schulische Zielvorgabe und das hat seine vernünftige Berechtigung. Meine Vorläuferbücher von „Der Krieg und das Mädchen“ nehmen ja auch den Nationalsozialismus aufs Korn: „Blumen für den Führer“, „Die Unschuldigen“ und „Das Paradies der Täter“.

Booksection.de: Auch im Schulunterricht nimmt der Erste Weltkrieg nur wenig Raum ein. Finden Sie, das müsste in Zukunft anders werden?
Jürgen Seidel: Natürlich wäre es wünschenswert, wenn der Geschichtsunterricht die ursächlichen Beziehungen zwischen Erstem Weltkrieg, dem Scheitern der Weimarer Republik und dem fatalen Aufstieg der Nazis in einem großen Bogen darlegen würde. Allerdings sind sich da nicht einmal die Historiker überall einig. Erwähnung findet der Erste Weltkrieg im Unterricht bestimmt immer; ob es der Schule aber gelingt, diesen großen Zusammenhang zu vermitteln, was nötig wäre, weiß ich nicht.

Booksection.de: Was war für Sie der ausschlaggebende Grund, einen Jugendroman zu schreiben, der den Ausbruch des Ersten Weltkriegs behandelt?
Jürgen Seidel: Ich habe, wie alle, auch an die „100 Jahre“ gedacht und dass diese Zeit literarisch immer noch fast ausschließlich von Erich Maria Remarque, Ernst Glaeser oder Arnold Zweig abgedeckt wird. Nun muss man allerdings sagen, dass es sehr schwer und riskant ist, sich als Autor an die Seite von „Im Westen nichts Neues“ oder „Jahrgang 1902“ zu stellen. Die Notwendigkeit, es dennoch zu wagen, lag jedenfalls plötzlich auf der Hand. Allerdings wollte ich keinen „Frontroman“ schreiben und habe das ja auch nicht getan.

Booksection.de: Die Geschehnisse im Sommer 1914 aus der Sicht junger Heranwachsender zu erzählen, hat einen ganz besonderen Reiz, weil damit auch deutlich wird, wie die Unschuld der Kindheitstage auf vielen Ebenen verloren geht. Zugleich lassen Sie aber auch Themen wie zart aufkeimende Sexualität, Homosexualität und Rassismus mit einfließen. Sind das nicht zu viele wichtige Themen auf einmal?
Jürgen Seidel: Mit Blick auf Jugendliche erscheint es mir falsch, zwischen bedeutsamen und weniger tragenden Themen zu unterscheiden. Als Erwachsener betrachtet man sie Welt durch einen „Filter“, den sich junge Menschen erst zusammenbauen müssen. Sie tun das, indem sie sich erst mal für alles interessieren und ganz viel ausprobieren. Deshalb verwandeln sich im Roman ein paar der Figuren, wie etwa Wieland Hassel oder sein „Leibtrabant“ Engel. Erwachsene würden mit so etwas vermutlich einiges Misstrauen erzeugen; von ihnen erwartet man eine gewisse „Persönlichkeitsstabilität“. Jugendliche müssen das nicht haben, sie dürfen innerlich mal hierhin, mal dorthin flanieren und probieren. Im Roman hätte das aber nicht funktioniert, wenn nicht viele Bereiche des Lebens Themen geworden wären. Dass jedes von ihnen einen eigenen Roman füllen kann, spielt hierbei keine Rolle; einem Roadmovie wirft auch niemand vor, in vier oder fünf Landschaften zu spielen. Im Zentrum stehen nicht die Themen, sondern die Figuren, die sich (selbstverständlich nicht erschöpfend) mit ihnen auseinandersetzen.

Booksection.de: Es gelingt Ihnen sehr gut, die unterschiedlichen Charaktere in ihrer jeweiligen Besonderheit herauszuarbeiten und ihnen ein authentisches Gesicht zu verleihen. Wie sind Sie an die Zeichnung Ihrer Charaktere herangegangen?
Jürgen Seidel: Jeder Autor greift mehr oder weniger auf sich selbst zurück. Entweder habe ich eine Figurenempfindung selbst einmal erlebt, oder ich muss versuchen, sie mir vorzustellen. Das gelingt nicht immer. Ob ich einen Leser damit erreiche oder nicht, hängt nur zum Teil von mir und dem Text ab. Der Text ist immer nur ein Auslöser für Dinge, die die Fantasie des Lesers in Bewegung bringen können oder eben nicht, insbesondere, was die sogenannte innere Figurenzeichnung betrifft.

Booksection.de: Wie haben sich die Recherchen zu diesem Thema gestaltet, wo haben Sie Quellen aufgetan, um mehr über das Leben speziell von jungen Menschen in diesen Tagen zu erfahren?
Jürgen Seidel: Es gibt, um ein Beispiel zu nennen, das sehr interessante Buch von Peter Englund: „Schönheit und Schrecken“. Darin lässt er Soldaten des Ersten Weltkriegs erzählen, wie sie den Krieg erlebten. Wir erfahren etwa, wie ein Mann allerlei Vorgänge, Märsche, Truppenbewegungen etc. mitmacht und beobachtet, die er gar nicht einordnen kann. Später stellt sich heraus, dass er inmitten einer der Schlachten steckte, die heute einen für Historiker „klingenden“ Namen haben. Als Leser müssen wir also ab und zu „vergessen“, was wir heute wissen, wenn wir die Perspektiven, Gedanken, Gefühle und Handlungen von Romanfiguren verstehen wollen. Ein weiteres Beispiel ist Momme Brodersens „Klassenbild mit Walter Benjamin“, in welchem der Autor eine Charlottenburger Abiturklasse von 1912 unter die Lupe nimmt. Dort habe ich viele wichtige Hinweise gefunden, die ich in den Roman einarbeiten konnte.

Booksection.de: Was war zuerst da, die Idee, ein Jugendbuch über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu schreiben, oder die Geschichte mit ihren Figuren und Schauplätzen?
Jürgen Seidel: Zunächst war da der Wunsch, nicht das Kriegsgeschehen selbst zu zeigen, den Blut- und Eisenkrieg. Davon verstehe ich nichts. Ich wollte die enorme Kriegsmetaphysik (Ehre, Helden, Vaterland etc.) und die Gefühlsaufrüstung der wilhelminischen Gesellschaft sowie die Vorbereitung einer ganzen Nation auf den Krieg am Beispiel des Gymnasiastenmilieus in Berlin-Charlottenburg zeigen. Der konkrete Krieg ist bei mir „nur“ ein Stahlsplitter im Körper von Fritz Wanlo. Das reicht vollkommen, wie ich finde. Dieser unberechenbare Splitter und die Gefühlswirren rauben Fritz den Lebensmut; er fühlt sich vom Krieg besiegt. Solche Tragödien wiederholen sich heute noch in allen Kriegen der Welt, die ja nur geführt werden können, wenn es Staaten oder parastaatlichen Milizen gelingt, junge Menschen ideologisch zu manipulieren. Die aktuellen Beispiele im Umkreis der zerfallenden Staaten in Afrika muss ich da kaum noch erwähnen. 1914 wurde der Patriotismus missbraucht, heute der Islam oder andere Religionen.

Booksection.de: Welche Reaktionen haben Sie, speziell von jugendlichen Lesern, auf „Der Krieg und das Mädchen“ bekommen?
Jürgen Seidel: Das Buch ist anspruchsvoll. Viele junge Leser scheinen es nicht gewohnt zu sein, dass ein Roman nicht nur spannend und unterhaltsam ist, sondern auch Geduld erfordert und eigenes Mitmachen, Vergleichen, Überprüfen, Nachdenken etc. Ich finde, zu viele Bücher und Filme für Jugendliche beugen sich in ihrer Schlichtheit zu ihnen herunter, um dieses hässliche Bild zu bemühen. Besser wäre es, sie zum Hochrecken aufzufordern wie zu einem literarischen Erwachsenenbuch vom Schlage Frank Wedekind oder Ernst Glaeser. Ich wünsche mir, dass meine Bücher als Brücken zwischen heutigem Mainstream und solchen Klassikern aufgefasst und gelesen werden. Viele junge Leser kriegen das übrigens problemlos hin, deshalb werde ich weiter so schreiben. Ich möchte junge Leser literarisch ernst nehmen und ihnen nicht nur die Zeit vertreiben.

Booksection.de: Gibt es für Sie immer noch Themen, die Sie unbedingt einmal in einen Jugendroman „verpacken“ wollen?
Jürgen Seidel: Den Begriff Jugendroman konnte ich als Jugendlicher nicht gut leiden. Er signalisierte allzu deutlich, dass meine Lesekompetenz offenbar noch eingeschränkt sei etc. – Aber gut, zu Ihrer Frage: Ja, es besteht noch eine Lücke zwischen 1914 und 1936 („Blumen für den Führer“), die ich gerne schließen möchte: Jugendliche lebten inmitten der gefährlichen politischen Gemengelage: die Auswirkungen des Versailler Vertrags, das Wüten der Freikorps und der frühen Nazis und die ersten demokratischen Bestrebungen. Prompt wurden auch da wieder junge Menschen von den sie umgebenden Erwachsenen instrumentalisiert, ideologisch missbraucht und letztlich „verheizt“. – Das ist eigentlich das zentrale Thema aller vier Romane, die ich bislang für den cbj-Verlag geschrieben habe.


















„Wie dumm von der Eule, sie fürchtet sich so, dabei gibt es ihn gar nicht - den Grüffelo“

Der Grüffelo – einer der bekanntesten Figuren der deutschen Kinderbuchgeschichte – wird in diesem Jahr 15. Anlässlich dieses Geburtstages hat sich die Verlagsgruppe BELTZ eine äußerst liebevolle Dekoration einfallen lassen. Der Grüffelo steht als mannshohe Figur vor einem Holztisch, der für die weiteren Tiere des Buches „gedeckt“ ist, Bücher der Geschichte um den Grüffelo und das Grüffelokind zieren die Regale und ein großer Verkaufsständer zeigt, was Merchandising so alles hergibt: Grüffelo-Tassen, Grüffelo-Geldbeutel, Grüffelo-Trinkflaschen, Grüffelo-Schreibblöcke und vieles mehr.

„Das blaue Sofa“, das im Laufe der Messe immer wieder interessante Gäste beherbergt, wird am Freitagnachmittag vom Illustrator des Grüffelo – Axel Scheffler – besetzt. Nach einer überschwänglichen Vorstellung des Interviewers, die dem Zeichner sichtlich peinlich ist, dürfen die Zuhörer miterleben, wie der weltbekannte Illustrator auf ein leeres Blatt Papier innerhalb von Sekunden einen Grüffelo und später noch andere Figuren zaubert. Man ist beeindruckt, kann Scheffler sogar über Kopf zeichnen, sodass das Publikum dabei zusehen kann. Scheffler hat in England studiert und ist dem Land treu geblieben, der Hamburger spricht aber immer noch akzentfreies Deutsch und besticht durch seine ruhige Art und Bescheidenheit. Den weltweiten Erfolg dieser Figur habe er damals, als er den Auftrag bekam für den schon bestehenden Text von Julia Donaldson die passende Figur zu entwerfen, überhaupt nicht erwartet. Obwohl er sich an die Vorgaben des Textes – wie zum Beispiel das „knotige Knie“, die „schwarze Zunge“ und die „Zähne so lang“ -  halten musste, war die Phantasie doch ein wenig mit ihm durchgegangen, was dazu führte, dass der Verlag seinen ersten Entwurf als zu bedrohlich aussehend befand und man ihn bat, die Figur etwas „kinderfreundlicher“ zu gestalten. Auch jetzt noch sei der Grüffelo kein Kuscheltier und Scheffler erzählt, dass er schon öfters von Eltern gehört habe, dass ihre Kinder möchten, dass das Buch des Nachts aus ihren Zimmern entfernt werde.
Doch die Geschichte hat durchaus pädagogischen Wert. Sie erzählt von einer Maus, die bei einem Spaziergang durch den Wald von verschiedenen Tieren bedroht wird und behauptet, sie wäre beim Grüffelo eingeladen. Dabei beschreibt sie sein erschreckendes Äußeres so lebhaft, dass alle Tiere vor ihr fliehen. Schlussendlich aber begegnet ihr die erfundene Figur selbst und die Maus zieht geschickt Nutzen daraus. Axel Scheffler meint hierzu mit einem Grinsen: „Das ist diese klassische David/Goliath-Situation. Man fragt sich wirklich, wer hier nun eigentlich das gefährliche Tier ist. Ich tendiere zur Maus.“

Mit Julia Donaldson habe sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft entwickelt und es gibt auch ein neues gemeinsames Kinderbuch, „Die Vogelscheuchenhochzeit“, das im Zuge des Interviews ebenfalls vorgestellt wird. Scheffler sieht sehr wohl seinen pädagogischen Auftrag, denn er habe erkannt, wie wichtig solche Figuren für Kinder werden können. Allerdings sei er kein „intellektueller Illustrator“ – in erster Linie zeichne er um des Zeichnens willen. Das Illustrieren von Kinderbüchern sei ein hartes Geschäft und dennoch habe er einen tollen Beruf. Das glaubt man ihm aufs Wort; diese Begeisterung springt die jungen, aber auch die älteren Leser beim Betrachten der Bücher direkt an.


Autoren hautnah - Im Lesezelt auf der Frankfurter Buchmesse 2014

Das Lesezelt ist eine Institution auf der Frankfurter Buchmesse. Hier gibt es Autoren zum Anfassen, wenn sie aus ihren neuen Büchern lesen und ihren Lesern ganz direkt Rede und Antwort stehen. 2014 bietet das Lesezelt, das auf der Agora der Messe zwischen den Hallen steht, noch mehr Menschen Platz.

Andreas Eschbach liest aus „Der Jesus Deal“.
„Der Vatikan hat auch nach der Veröffentlichung von ‚Das Jesus Video’ nicht angerufen.“
Bis auf den letzten Platz gefüllt, war das Lesezelt bei der Lesung von Thriller-/Science-Fiction-Autors Andreas Eschbach. Kein Wunder, las er doch aus „Der Jesus Deal“. Über die Quantenphysik mit seinem großen Erfolg „Das Jesus Video“ verschränkt, so bezeichnete Eschbach sein neues spannendes Buch. Es sei weder Fortsetzung noch Vorgeschichte. Man könne es also zuerst oder auch im Anschluss lesen, verriet der erfolgreiche deutsche Autor. 16 Jahre nach dem großen Erfolg des Glaubens-Thrillers knüpft Andreas Eschbach also doch noch einmal an „Das Jesus Video“ an, die Fans hatten das nicht zu hoffen gewagt. Natürlich sei die Versuchung da gewesen, gleich im Anschluss eine Fortsetzung zu schreiben, so Eschbach, aber er habe sich ganz ehrlich gefragt, ob die Welt tatsächlich eine Fortsetzung braucht, doch dann sei da vor ein paar Jahren die Idee mit der Verschränkung der beiden Geschichten aufgekommen. Eine neue Idee, die Andreas Eschbach nicht mehr losließ und die er verwirklichen wollte. Uns wundert das nicht, sind doch Zeitreisen und Verschwörungstheorien durchaus Lieblingsthemen des Schriftstellers, der Jules Verne zu den Autoren zählt, die ihn in der Kindheit mit ihren Geschichten prägten. „Religion ist die stärkste treibende Kraft, die stärkste Unruhe stiftende Kraft.“, schätzte Eschbach ein und beantwortet damit die Frage aus dem Publikum, nach der Faszination für das Jesus-Thema.

Viele Besucher wollten von Andreas Eschbach wissen, wie es denn sei ein Autor zu sein und sich immer wieder neue Geschichten auszudenken. Der Schriftsteller gab bereitwillig Einblicke in sein Tun. So berichtete er, dass er nie an zwei Projekten parallel schreiben könne und dass er auch schon einmal ein Buch in der Mitte abbrechen musste, weil die Geschichte „einfach nicht funktionierte“. Außerdem tauche er immer ganz in seine jeweilige Story ein. „Fragen Sie meine Frau, wie geistig abwesend ich manchmal beim Abendessen sitze“, lachte Eschbach. Im Grunde sei „Autor sein“ ein von außen betrachtet langweiliger Job meinte Andreas Eschbach, abgesehen von Messebesuchen natürlich. Das Spannende spielte sich ja im eigenen Kopf ab.

Eric Berg liest aus „Das Küstengrab“.
„Ich habe immer davon geträumt auch einmal einen Krimi zu schreiben.“
Mit Historischen Romanen erfolgreich geworden, erfüllte sich Eric Berg, der eigentlich Walz mit Nachnamen heißt, 2013 den lang gehegten Traum und schrieb mit „Das Nebelhaus“ seinen ersten Krimi. Die Leser mochten auch den „anderen“ Eric Berg. Das Buch wurde ein Bestseller und nun legte der deutsche Autor 2014 mit „Das Küstengrab“ nach. Bevor er dann kurz und schmerzlos in die Lesung einstieg, ließ er die Zuhörer aber noch wissen, dass Serienkiller, die Leichenteile verstreuen, ihm gar nicht liegen würden und der Leser sich daher in diese Richtung keine Sorgen machen müsste.













„Der Junge muss an die frische Luft“

Keiner gab die Königin Beatrix so genial wie er. Keiner bringt uns als Provinzjournalist Host Schlämmer so zuverlässig zum Lachen. Entertainer Hape Kerkeling ist in der Unterhaltungsbranche mittlerweile das, was man in Deutschland gerne auch schon mal eine Institution nennt. Und ein echter Sympathieträger. Sei es als Komiker, als Moderator, als Schauspieler, als Sänger. Ein vielseitig begabter Mensch, der mit dem Sachbuch „Ich bin dann mal weg“ auch als Autor einen großen Erfolg feiern konnte. 2014 wird Hape 50 Jahre alt und legt seine erste Autobiografie vor. In „Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich.“ berichtet er erstmals auch über den Freitod seiner Mutter, als er acht Jahre alt war, und seine unbekannten Seiten . Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte Hape Kerkeling sein Buch und suchte auch den Kontakt zu seinen Fans.













Krimiautor Oliver Bottini auf der ARD-Bühne

Louise Bonì goes TV. „Mord im Zeichen des Zen“ wird verfilmt!

Auf der Frankfurter Buchmesse ging es auch in diesem Jahr erneut nicht nur um das Buch in gedruckter Form, sondern auch die Fernsehbranche war wieder zahlreich vertreten. ZDF, arte, 3sat und die ARD präsentierten sich auch 2014 erneut mit interessanten Gesprächen auf ihren Bühnen. Unter anderem stellten Krimiautor Oliver Bottini, Drehbuchautorin Hannah Hollinger und Produzentin Ariane Krampe die erste TV-Verfilmung eines Falls der alkoholkranken Kommissarin Louise Bonì vor. 2015 wird sie im Fernsehen in ihrem ersten Fall „Mord im Zeichen des Zen“ ermitteln. Weitere Verfilmungen sind geplant. Bonì-Erschaffer Oliver Bottini zeigte sich mit dem 90minüter sehr zufrieden. Ihm sei natürlich klar gewesen, dass eine 1zu1-Umsetzung des Buches für ein Fernsehformat nicht funktioniert hätte. „Es ist ein anderes Medium und braucht eine andere Struktur“, so der deutsche Autor. So wie Hannah Hollinger das Buch jedoch zum Drehbuch umgebaut hat gefiel Bottini ausgesprochen gut. Genauso gelungen findet er die Besetzung - die Hauptrolle übernahm Melika Foroutan – und die Umsetzung. So schwärmte er von der dichten Atmosphäre und der eigenen Identität der Verfilmung. Regisseurin und Grimme-Preisträgerin Brigitte Maria Bertele habe hier etwas wirklich Besonderes geschaffen. Hannah Hollinger ergänzte, dass der Sender bei dieser Produktion wirklich Mut bewiesen hat, so dass auch das Thema Alkoholismus mit großer Wahrhaftigkeit angegangen werden konnte. Der Drehbuchautorin lag dabei besonders am Herzen zu zeigen, dass trotz der Sucht ein lebenswertes Leben möglich ist.

Wir freuen uns schon auf die Ausstrahlung, die für 2015 in der ARD geplant ist.












„Hautnah dabei!“

Cro-DJ Psaiko.Dino und Labelchef Sebastian Andrej Schweizer erzählen in „Easy Does It" wie alles begann.

An Rapper Cro kommt man einfach nicht vorbei. Auch nicht auf der Buchmesse in Frankfurt. Mit an die 1.000 Fans war die Vorstellung des Buches „Easy Does It" sicherlich eine, wenn nicht die bestbesuchte. Cro-Weggefährte und DJ Psaiko.Dino und Sebastian Andrej Schweizer, einer der Chimperator-Labelchefs, haben einen Teil der Erfolgsgeschichte des Künstlers nun aufgeschrieben. Vom ersten Kennenlernen bis kurz nach der Fertigstellung des ersten Albums reicht das Buch. Man kann die Musik des Rappers nun mögen oder nicht, aber die Tatsache, dass das Label Chimperator den Mut hatte, das „Ding“ mit Cro alleine durchzuziehen ohne Unterstützung eines großen Branchenplayers, ist schon bemerkenswert. Für die vielen Fans des Pandas dürfte das Buch ein gefundenes Fressen sein, denn „Easy Does It" ist weniger Autobiographie denn Erlebnisbericht und damit genau das, was Fans wollen – hautnah dabei sein. Nachdem Psaiko.Dino dann noch seinen ehemaligen Deutschlehrern für die schlechten Noten dankte, ging dann die von vielen heiß erwartete Cro-Show los. Klar hatte der Stuttgarter seine Songs im Gepäck. Der Musiker lieferte eine kleine Musik-Session auf der Bühne und gab davor und danach auch bereitwillig Autogramme.


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