Die Frankfurter Buchmesse ist für Bücherfans das, was andere wohl als Suchtmekka bezeichnen würden. Auch für Booksection.de bietet dieses Ereignis jedes Jahr die Möglichkeit, die für uns relevanten Autoren mittels Interviews näher vorzustellen. Neben Messebesuchen an unseren Stammverlagen Loewe, cbj, Piper und Droemer-Knaur, trafen wir uns an zwei Tagen mit sechs Autoren zum Interview. Wir wünschen Euch, dass der Spaß, den wir diese beiden Tage hatten, nun gleich auf Euch überschwappt.


Top-Interview

















Wäre nur jeder international gefeierte und erfolgreiche Autor nur so nett, wie Jussi Adler-Olsen. Der dänische Bestseller-Autor traf sich, wie jedes Jahr, mit Booksection.de zum Interview. Er sprach mit uns über sein neustes Buch, den fünften Fall für das Sonderdezernat Q, „Erwartung“ und über die kommende Romanverfilmung zu „Erbarmen“.

Jussi im Gespräch mit Booksection.de

"Der Unterschied zwischen mir und einem Rock-Star ist, dass er so isoliert leben muss und das würde ich niemals wollen."

Booksection.de: Osteuropäische Bandenkriminalität ist auch in Deutschland ein Problem, das kontrovers diskutiert wird. Wie wird mit diesem Thema in Dänemark, auch vonseiten der Politik, umgegangen?
Jussi Adler-Olsen:: Tatsächlich wird dieses Thema in Dänemark überhaupt nicht diskutiert. Schengen hat natürlich viel bewirkt, aber vielen ist nicht klar, warum die Grenzen auch notwendig sind. Früher war es natürlich großartig, als die Grenzen fielen und man plötzlich jedes beliebige Land bereisen konnte. Heutzutage versucht man immer mehr, die Unterschiede zwischen den Völkern weichzuzeichnen – aber wir sind nun mal unterschiedlich. Die Deutschen und die Dänen vielleicht nicht so sehr, wir sind uns sehr ähnlich, aber es gibt eben auch Nationen, die sich sehr voneinander unterscheiden. Die offenen Grenzen haben sehr viel Kriminalität ausgelöst und ich würde mir diese Grenzen zurückwünschen. Das ist aber nicht aus dem Grund so, weil ich es nicht mögen würde, Europäer zu sein, denn das bin ich mehr als alles andere. Aber Dänemark ist offen für alle und diese Entscheidung, die Grenzen für alle zu öffnen, wurde auf einer falschen Grundlage getroffen. Denn wir können das nicht alleine bewältigen und etwas mehr Aufmerksamkeit auf diese offenen Grenzen wäre vonnöten. Wir haben ein großes Problem mit der Kriminalität, die immer mehr wächst und das ist so ärgerlich, weil wir nicht in Angst leben und getäuscht werden wollen.
Aber davon handelt meine Geschichte nicht, ganz und gar nicht. „Erwartung“ handelt davon, was es bedeutet, auf der untersten gesellschaftlichen Stufe zu leben und doch Erwartungen an das eigene Leben zu haben. Diese Menschen wollen nicht dort sein, wo sie sind und die, die auf der obersten Stufe der Gesellschaft leben, wissen darum. Aber dieses Thema wird nicht diskutiert. Es gibt bei den Einwanderern eine Hierarchie, wir haben Vietnamesen, aber die sind beliebt in Dänemark, vor allem auch wegen ihrer großartigen Küche. Ganz unten stehen die Menschen aus Somalia, weil wir Dänen sie nicht verstehen. Aber noch eine Stufe weiter unten sind – in jedem Land - die Menschen, die keine Zugehörigkeit haben, sie die Roma und Sinti. Indem ich Marco so konzipiert habe, dass er eben kein wirklicher Roma ist, hat er keine Identität mehr, und das ist wirklich die unterste Stufe. Marco hat gute Erwartungen, und ich wollte Dänemark aus seiner Sicht sehen. Außerdem wollte ich in Carls Kopf sein, um zu sehen, wie er Marco sieht. Während ich schrieb, lernte ich viel über meine eigene Gesellschaft und über Carl. Er ist netter, als ich dachte und auch ein bisschen korrupt. (lacht)

Booksection.de: Wie entstand die Idee, dieses Thema mit einem ungeklärten Fall des Sonderdezernat Q in Verbindung zu bringen?
Jussi Adler-Olsen:: Ich weiß es nicht. Ich lese heute kaum noch Thriller anderer Autoren, weil ich viel zu viel Angst davor habe, dadurch beeinflusst zu werden. Wirklich schade, weil ich Thriller liebe! (lacht)  Manche Kritiker sagen,  „Erwartung“ wäre ein moderner „Oliver Twist“ – vielen Dank dafür! (lacht) „Oliver Twist“ ist mein Lieblingsroman, aber ich habe wirklich nicht erkannt, dass Zola Fagin ist und Marco Oliver. Ich hatte nicht vor, diese alte Geschichte neu zu erzählen, es ist einfach passiert. Ausschlaggebend war für mich eine Reise nach Kamerun, wo ich zehn Tage im Dschungel verbrachte. Es war eine sehr gefährliche Reise, die ich da unternommen habe. Wir waren dort, um die Zelte der Wilderer niederzubrennen und hatten nur einen Ranger mit einem Gewehr dabei. Kamerun ist eines der korruptesten Länder der Welt und Dänemark das Land mit der geringsten Korruptionsrate. Ich dachte, es wäre witzig, einen Kriminalfall zu erfinden, der das am wenigsten korrupte Land mit dem korruptesten Land verbindet und dann noch das Bankensystem mit ins Spiel zu bringen. Zu diesen unterschiedlichen Aspekten kommt dann noch hinzu, dass Assad nicht wirklich auf der Höhe ist, weil er im vorigen Fall eins über den Kopf gezogen bekam. Mein Ziel war es, ihn wieder etwas aufzumuntern.

Booksection.de: Anhand von Marcos Geschichte wird deutlich, welche Tragödie es gerade für Kinder und Jugendliche bedeuten muss, Mitglied eines solchen Clans zu sein. Wie hast Du für dieses Thema recherchiert?
Jussi Adler-Olsen:: Ich habe eine Wohnung in Barcelona und dort gibt es einen Typen, der tagsüber immer kurze Hosen trägt. Du kannst Dir nicht vorstellen, an wie vielen Stellen seine Beine bereits gebrochen wurden. Sie wurden ihm von seiner eigenen Familie gebrochen, um einen guten Bettler aus ihm zu machen. Heute ist er 45 oder 46 Jahre alt und hat komplett mit dem Clan gebrochen. Aber seine Beine sehen aus, wie die eines Tieres. Ich mag ihn aus einem bestimmten Grund sehr: Sonntags, wenn er zur Kirche geht, trägt er seinen besten Anzug mit einer kleinen Fliege und weiten Hosenbeinen. Er scherzt mit den Leuten und sieht nicht so aus, als hätte er eine Behinderung. Die Selbstachtung, die er hat, zeigt er sonntags, an den anderen Tagen ist er gehandicapt. Ich kenne sämtliche Tricks der Gangs und weiß, wie rau und barsch es dort zugeht. Das ist schon seit vielen hundert Jahren so. Schon Victor Hugo hat eine Geschichte über einen Mann geschrieben, dem sie das Gesicht aufgeschnitten und verstümmelt haben. Die Geschichte heißt „The Man Who Laughs“ und erzählt, wie dieser Mann, der wie ein Monster aussieht, von seinem Clan gezwungen wird, unter Menschen zu leben und wie ein Zirkusclown um Geld zu betteln. Auch er hat seine Träume, Hoffnungen und Erwartungen und verliebt sich – natürlich in die schönste Frau. Er hat, wie Cyrano de Bergerac, keine Chance. In „The Man Who Laughs“ oder „Oliver Twist“ kann man über diesen Stoff alles lesen, in den Augen der Kriminellen auf der Straße kann man alles sehen – deshalb war es nicht sehr schwer für mich, für diese Geschichte zu recherchieren.

Booksection.de: Marco fasziniert und berührt mit seiner Verletzlichkeit, seiner Entschlossenheit und seinem Sinn für Gerechtigkeit, der ihm trotz des schrecklichen Lebens im Clan nicht abhanden gekommen ist. Wird es für die Leser irgendwann ein Wiedersehen mit ihm geben?
Jussi Adler-Olsen:: Von Zeit zu Zeit triffst Du die Leute aus vorherigen Geschichten wieder. Natürlich werde ich Marco in einer kommenden Geschichte noch einmal erwähnen. Aber das ist mein Geheimnis. Für jedes meiner Bücher habe ich eine kleine Belegschaft, nach der mich aber keiner fragen darf. Vielleicht wird es eines Tages einen Studiengang an der Universität geben, um diese kleinen Hinweise herauszufinden. (lacht)

Booksection.de: Hat der Titel des Romans „Marco effekten“ einen Bezug zum Schmetterlingseffekt?
Jussi Adler-Olsen:: Ja, das Buch handelt vom Schmetterlingseffekt, auf jeden Fall. Ein kleines Ereignis löst eine unüberschaubare Kette von Geschehnissen aus. Wie kann ein kleiner Junge Bankenkorruption stoppen, verhindern, dass Entwicklungsgelder missbraucht werden oder Kinder in Afrika als Soldaten eingesetzt werden? Wie kann er seinen eigenen Clan vernichten? Ich bin froh, dass der dtv-Verlag den dänischen Titel jetzt auch übersetzt und mit auf das Buchcover gesetzt hat. Sie werden das bei den zukünftigen Romanen auch so machen.

Booksection.de: Welche Reaktionen hast Du von Deinen Lesern nach Erscheinen von „Erwartung“ bekommen?
Jussi Adler-Olsen:: Sehr unterschiedliche Reaktionen. Die meisten mögen das Buch, aber viele waren enttäuscht, weil sie es zu lang fanden. Vielleicht hätte es etwas kürzer sein können, aber noch im August fehlten mir 250 Seiten und ich hatte nur noch sieben Wochen Zeit, um den Roman zu beenden. Deshalb arbeitete ich jeden Tag zwölf Stunden, sieben Wochen lang und am Ende fühlte ich mich total erschöpft. Sieben Wochen lang war ich selber Marco, ich war absolut involviert in die Verfolgungsjagden und jedes Mal, wenn er wieder zu Atem kam, weil er seine Verfolger abschütteln konnte, war es, als wäre ich selbst gerade mit dem Leben davongekommen. Das ist der Grund dafür, dass sich eine Verfolgungsjagd an die nächste reiht, was den Roman so lange werden ließ. Aber das war mir egal, weil ich von Anfang wusste, dass „Erwartung“ Kapitel 5 sein würde, nicht Buch Nummer 5. Es war mir wichtig, es in der Erzählweise anders werden zu lassen, als die vorigen Bücher. Meine Bücher handeln immer von Machtmissbrauch in irgendeiner Form und das ist auch bei „Erwartung“ so, und doch ist es auch etwas anderes. Der nächste Roman wird nicht Machtmissbrauch als oberstes Thema haben und es war die Aufgabe von „Erwartung“, die Reihe zu einem neuen Inhalt zu bringen.
In Deutschland wurde das Buch sehr gut aufgenommen, auch von den Kritikern. In Dänemark hatte es gewaltige Verkaufszahlen, in den sechs Tagen vor Weihnachten verkauften wir 250.000 Bücher, und Dänemark ist ein kleines Land.

Booksection.de: Was können wir in Zukunft von Gordon, dem neuen Mitglied des Sonderdezernat Q erwarten?
Jussi Adler-Olsen:: Zuerst will ich Dir erzählen, wieso ich auf den Namen Gordon kam. Einer meiner besten Freunde heißt Gordon Elsie. Im ersten Buch „Erbarmen“ führte ich eine Figur namens Elsie ein, sie ist Carls Schwiegermutter. Als ich nach einem anderen Freund, der Beglaubter heißt, den Staatssekretär in „Das Washington-Dekret“ benannte, kam Gordon zu mir und sagte: „Ich habe eine Beschwerde: Du machst ihn zum Staatssekretär und mich zu einer geilen, alten Frau. Darüber bin ich nicht glücklich.“ Darauf sagte ich: „Okay, dann mache ich aus Dir einen geilen, jungen Mann.“ Und das tat ich dann auch. Gordon ist so etwas wie eine Comic-Figur und das wird er auch in den nächsten Büchern sein.
Rose nimmt sich einfach was sie braucht – armer Gordon! (lacht)

Booksection.de: Immer deutlicher treten die zwei Seiten hervor, die Carl und Assad symbolisieren. Auf der einen Seite ist der lebenslustige Carl mit seinem speziellen Humor, auf der anderen Assad, dessen dunkle, tragische Seite immer mehr zutage tritt. Sind diesen beiden Seiten Dir selber auch sehr vertraut?
Jussi Adler-Olsen:: Ja, das hast Du richtig erkannt. Es ist so, als würden die beiden ihre Charaktere von Zeit zu Zeit vertauschen. Man könnte sie beide als Alter-Ego von mir selbst bezeichnen, Carl ist ebenso mein Alter-Ego, wie Assad. Aber wir sprechen hier über Geheimnisse, stimmt’s? (lacht) Carls Geschichte ist viel umfangreicher, als ich das bisher präsentiert habe. Zu Assads Geschichte gibt es ganz viele Seitenzweige und die Leser denken, sie wüssten, was geschieht. Das wissen sie vielleicht zu zehn Prozent, den Rest können sie nicht wissen. Ich kann verraten, dass Assad in Ordnung ist, er ist ein netter Typ. Aber wie Marco hat auch er seine Vergangenheit, die aus ihm gemacht hat, was er heute ist. Er würde dem gerne entkommen, aber man muss sich mit den dunklen Seiten konfrontieren, um sie loszuwerden. Wir werden das in Band acht machen, mit Rose’ dunklen Seiten werden wir uns in Band sieben befassen und mit Carls in Band neun – und dann werden wir ein richtiges Feuerwerk zünden! (lacht) Die Geschichten von Carl, Assad und Rose habe ich als allererstes konzipiert und sie kein bisschen verändert. Jeder von ihnen hat wegen ihrer Geheimnisse mehr als eine Persönlichkeit. Carl und Assad könnten als Team  langweilig werden, deshalb brauchte ich Rose, den Chaos-Charakter. Jetzt können sie interagieren, wie immer ich das möchte und das bedeutet Freiheit. Das ist es, was ich brauche.

Booksection.de: Glückwunsch zur Verfilmung von „Erbarmen“.
Jussi Adler-Olsen:: Was bedeutet Glückwunsch in diesem Fall? Dass der Film gemacht wurde oder ob ich zufrieden mit der Verfilmung bin? Das sind zwei verschiedene Dinge. (lacht)

Booksection.de: Nikolaj Arcel, der Autor von „Verblendung“, hat ja das Drehbuch geschrieben.
Jussi Adler-Olsen:: Ja, und genau er ist das Problem. Nikolaj Arcel adaptierte Stieg Larssons Roman, nachdem ein anderer Drehbuchautor an der Aufgabe gescheitert war. Die einfachste Sache im Leben ist zu versuchen, etwas Schlechtes ein kleines bisschen besser zu machen. Das hat er gemacht und anscheinend mit Erfolg, wobei ich das nicht beurteilen kann, weil ich das Buch nicht gelesen habe. Auf der Reputation, den Stieg-Larsson-Film gemacht zu haben, ruht Arcel sich jetzt aus, obwohl er ihn gar nicht wirklich gemacht hat. Aber in Dänemark macht er gute Filme. Leider hat er meinen Roman nicht adaptiert, sondern seinen eigenen Film gemacht, denn einen Roman zu adaptieren bedeutet, die Stimmung des Buches wiederzugeben, die Charaktere in ihrer Gesamtheit zu erfassen – und damit war er nicht erfolgreich. Ich versuchte zu intervenieren, aber das war mir nicht erlaubt, was sehr frustrierend war. Ich habe ein Filmstudium gemacht, das ist mein Metier und trotzdem durfte ich keinen Einfluss auf das Drehbuch nehmen. „Erbarmen“ wirkt wie ein guter Film, ist aber sehr kalt. Sämtliche Klischees, die es von Skandinavien gibt, werden darin bedient.

Booksection.de: Wie beurteilst Du die Darsteller?
Jussi Adler-Olsen:: Nikolaj Lee Kaas spielt Carl Mørck. Er ist jung, 40 Jahre alt und Carl Mørck ist in „Erbarmen“ 42. Aber man denkt, er wäre viel älter und Nikolaj Lee Kaas wirkt viel jünger. Aber er ist gut. Wir fanden keine anderen dänischen Schauspieler, die passten und am Ende war ich dafür, ihn zu nehmen. Es sollte jemand sein, der der Geschichte ein Herz verleiht und schlussendlich ist es nicht meine Geschichte, die dem Film sein Herz gibt, sondern Nikolaj Lee Kaas. Das ist schmerzlich genug, aber ich wusste das. Auch Assads Darsteller ist gut, deshalb bin ich glücklich mit dem Regisseur und den Schauspielern aber nicht mit dem Drehbuch. Der Film bekam glänzende Bewertungen, aber keine sechs Sterne. (lacht) Und wenn man eine Geschichte, wie meine, mit fünf Sternen, verfilmt, sollte man sechs Sterne erwarten und nicht vier, wie sie „Erbarmen“ bekommen hat. Ich bin glücklich, wenn der Film gut ankommt, denn das kann ja für das Buch nur von Vorteil sein. Verglichen mit den Wallander-Verfilmungen, die ja richtig schlecht sind, ist der Film halb-schlecht. „Erbarmen“ hatte Weltpremiere in Locarno und bekam Standing-Ovations von achttausend Zuschauern – das ist okay. Vielleicht wird niemand etwas schlechtes über den Film sagen, aber vielleicht über den Plot, dass er zu einfach gestrickt ist – dieser Plot von Jussi Adler-Olsen. Und das ärgert mich!

Booksection.de: Wenn man sieht, wie Du von Deinen Lesern gefeiert wirst, bekommt man den Eindruck, Du wärst so etwas wie ein Rock-Star der Thriller-Literatur. Wie fühlt sich das an?
Jussi Adler-Olsen:: Ich hätte das lieber gehabt, als ich neunzehn war – aus ganz vielen Gründen! (lacht) Ich bin sehr berührt davon, wie die Menschen auf mich zukommen. Es gibt mir unglaublich viel Energie, wenn mir Frauen erzählen, ich habe ihren Mann, der nie ein Buch in die Hand genommen hat, zum Lesen gebracht. Oder Menschen, die mir sagen, dass sie krank sind und meine Bücher sie das für kurze Zeit vergessen lassen. Ich genieße sehr, dass Menschen jeden Alters und Geschlechts auf mich zugehen. Ich habe Leser in einer Altersspanne von dreizehn bis zum Grab. (lacht) Außerdem kann ich sehen, dass Menschen aus jeglicher sozialer Schicht meine Bücher lesen und das beflügelt mich sehr. Vielleicht gewährt das der Entwicklung, dass gedruckte Bücher mehr und mehr den elektronischen Medien weichen, etwas Aufschub.
Ich bin sehr dankbar für die Erfolge meiner Bücher, auch wenn ich mich manchmal frage, warum mir oder einem anderen dänischen Autor das nicht schon viel früher gelungen ist. Als Privatperson gibt mir dieser Erfolg jede Menge Möglichkeiten, die Dinge zu tun, die ich schon immer tun wollte. Ich habe eine Firma gegründet, die Niedrigenergiehäuser baut und zwar nicht nur für Leute, die Geld haben, sondern auch für Menschen, die beispielsweise in Hometowns in Südamerika leben. Wir haben die Prototypen dafür und das Prinzip ist, dass das Haus aufgeklappt und hingestellt wird und dann seine eigene Energie erzeugt.
Wenn ich meine Leser treffe, dann danke ich ihnen innerlich für diese Möglichkeiten. Der Unterschied zwischen mir und einem Rock-Star ist, dass er so isoliert leben muss und das würde ich niemals wollen.

Booksection.de: Jussi, wir danken Dir für dieses tolle Gespräch, es ist immer wieder ein Genuss, sich mit Dir zu unterhalten!

















Es war ein ergreifender Moment für unseren Redakteur Thomas Ays, als er dem Mann gegenüberstand, mit dem irgendwie alles angefangen hat. Die erste Geschichte um „Bartimäus“ war eine der ersten Kritiken, die er für Booksection.de geschrieben hatte und eines derer Bücher, die die Höchstwertung einfuhr. Umso erfreulicher, dass Jonathan Stroud genauso sympathisch war, wie sich das unser Redakteur gewünscht hatte.

Jonathan Stroud hautnah in Frankfurt

"Spaß und Grusel zu mixen funktioniert, und am Ende will eine Zutat die andere besser machen.“

Booksection.de: Der vierte Band um „Bartimäus“ erschien 2010. Mir hat Nathanael gefehlt, der die dunkle Komponente der Geschichte ins Spiel gebracht hat. Existiert nur eine minimale Chance, ihn eines Tages wiederzusehen?
Jonathan Stroud: (lacht) Du bist nicht der erste, der mich das fragt. Ich denke, es wäre ein Fehler, ihn zurückzubringen. Es gibt einige, die mir Wege vorschlugen, um ihn  wieder in die Geschichte zu bringen und ich glaube auch, dass es möglich ist, ein Setting zu schaffen, das nach „Die Pforte des Magiers“ (Band 3) spielt. Allerdings nur mit Bartimäus und Kitty. Nathanael wird hier nur durch Erinnerungen eine Rolle spielen können. Sein Wesen, sein Opfer, wird ein Teil der Geschichte sein können.

Booksection.de: ...aber er ist ein Zauberer. Da geht das doch sicher irgendwie...
Jonathan Stroud: (lacht) Ich denke, dass einer der Gründe, warum diese drei Bücher so erfolgreich wurden, der ist, dass die Balance zwischen Bartimäus und Nathanael stimmt. Sie sind so verschieden und gleichzeitig auch ähnlich in ihren Kräften. Das ist schwer, wieder einzufangen. Würde Nathanael jetzt zurückkehren, was für eine Art Mensch wäre er dann?

Booksection.de: Nathanael war nun mal eine fantastische Figur.
Jonathan Stroud: Auf eine Art war er die Hauptfigur. Bartimäus ist der Mächtige, der Charismatische und Nathanael ist eben einer von uns. Er will das Richtige tun, aber... 

Booksection.de: Kommen wir zu Deinem neuen Buch, „Lockwood & Co.“. Erst ein Dschinn, jetzt wird es gruselig.
Jonathan Stroud: Es war wichtig für mich, mir zu beweisen, dass ich auch noch etwas anderes kann als „Bartimäus“. Und wieder wird es lustig, actionreich und wieder durfte ich eine Welt erschaffen, in der tolle Figuren leben und die die Leser auch wirklich besuchen wollen. Es war eine interessante Frage, ob ich es nochmal schaffe, Leser für meine Welt zu begeistern.

Booksection.de: Wie schwer ist es eigentlich, Humor und gruselige Atmosphäre zu vereinen?
Jonathan Stroud: „Bartimäus“ zeigte mir sehr eindrücklich, dass es Bücher gibt, die lustig und gleichzeitig sehr ernst sein können. Oder gruselig. Oder abenteuerlustig. Du  kannst das Ganze dann sehr effektiv mischen, wenn Du vorsichtig mit den Zutaten umgehst. Wie in „Bartimäus“ gibt es auch in „Lockwood & Co.“ gruselige Sequenzen, die voll von Horror und Angst sind. Spaß und Grusel zu mixen funktioniert, und am Ende will eine Zutat die andere besser machen. Die lustigen Stellen machen die gruseligen noch gruseliger und umgekehrt, so dass jeder in der Geschichte auch wieder entspannen kann.

Booksection.de: In „Lockwood & Co.“ gibt es nur einen Erzähler und nicht, wie üblich, mehrere Erzählstränge. Warum ist das so?
Jonathan Stroud: Es gibt immer diese Versuchung, Dinge erneut so zu verwirklichen, wie man das schon in vergangenen Büchern tat und in „Bartimäus“ war das auch sehr gut, mehrere Figuren zu haben, die ihre Sicht auf die Situation schildern. Ich wollte es nicht wieder genau gleich machen. Ich wollte es etwas einfacher gestalten und es war total spannend, nur aus Lucys Sicht zu erzählen. Es macht die Mysterien um Lockwood noch interessanter. Was es mit ihm auf sich hat, wird in den kommenden Abenteuern noch enthüllt.

Booksection.de: Ist es nicht schwer, nicht wieder in alte Geschichten zu rutschen, aus Versehen Dinge zu benutzen, die man schon einmal benutzt hat oder sich gar in Figuren hinein zu fühlen, die es in anderen Büchern gab?
Jonathan Stroud: Manchmal ist das in der Tat sehr schwierig. Manchmal will man an einem gewissen Punkt eine Geschichte von einer anderen Warte beleuchten, ich wollte hier aber bewusst ganz geradlinig arbeiten, weil ich glaube, dass eine Geistergeschichte mit einem Protagonisten, der in Geisterhäuser gehen muss, genug wirkt. Wenn man zwischen den Figuren hin und her schwenkt, könnte die Atmosphäre auf der Strecke bleiben.

Booksection.de: Wie viele Bücher wird diese neue Reihe umfassen?
Jonathan Stroud: Ich denke, es werden mindestens vier Bücher werden, vielleicht auch fünf.

Booksection.de: ...und dann? „Bartimäus“?
Jonathan Stroud: Ich glaube, dass auch er zurückkehrt, ja. (grinst) Ich habe eine kleine „Bartimäus“-Akte auf meinem Schreibtisch liegen und manchmal, wenn mir ein guter Witz, eine lustige Situation einfällt, schreibe ich das da rein. Ich habe ein paar Ideen für ihn, aber ich glaube, dass es hier sehr wichtig ist, nicht wieder das Gleiche zu machen. Das wird auf Dauer langweilig – für den Leser und für mich.

Booksection.de: Das klingt nach einem Licht am Ende des Tunnels. Was macht Dir eigentlich am meisten Angst?
Jonathan Stroud: Ich habe schon ein wenig vor Geistern Angst. Ich glaube zwar nicht wirklich an sie, wenn ich aber allein in der Nacht an meinem Schreibtisch sitze und komische Geräusche höre, werde ich doch manchmal nervös und riskiere ein Blick über meine Schulter. Genau deswegen wollte ich auch darüber schreiben, weil ich meine eigenen Ängste gut dazu verwenden konnte.
Ich habe aber auch Angst, keine Ideen mehr zu haben. Ich habe „Lockwood & Co.“ begonnen, ohne wirklich zu wissen, wie alles enden wird. Ich habe Fragen in dieses erste Buch gepackt, ohne die Antwort darauf zu kennen. Das ist so wichtig für mich, es genau so zu machen, weil ich dadurch nervös und zum Denken angeregt werde.

Booksection.de: Du bist also nicht wie J.K. Rowling, die ja immer wieder gesagt hat, dass sie die ganze Geschichte um „Harry Potter“ im Kopf hatte.
Jonathan Stroud: Vielleicht hatte sie das Gerüst der ganzen Geschichte im Kopf. Sie wusste, es würde sieben Bücher geben und sie wusste auch, welche großen Ereignisse in welchem Buch stattfinden würden und so weiter... Das kann ich glauben, aber ich glaube nicht, dass sie alle Details kannte. Wenn Du schreibst, kommen Dir Ideen, Figuren kommen Dir in den Sinn, die plötzlich sehr viel mehr Platz in der Geschichte fordern, als das geplant war. Ich glaube daher, dass auch sie improvisiert hat. Du hast als Autor meistens zwei Herzen. Der eine Teil plant alles, ein bisschen wie Nathanael, der immer wissen will, wie etwas funktioniert und weitergeht. Der andere Teil ist der Bartimäus-Teil. Kreativ und experimentierfreudig. Wenn Du beides zusammenfügst, kannst Du gute Bücher schreiben.

Booksection.de: Gibt es in England eigentlich die klassische Geister-Kultur?
Jonathan Stroud: Ich habe mal gehört, dass wir in England mehr Geister haben, als in jedem anderen europäischen Land. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Habt ihr hier in Deutschland viele Geistergeschichten?

Booksection.de: Eigentlich nicht.
Jonathan Stroud: Oh, wirklich? In England stolpert man ständig über solche Geschichten. Viele Menschen haben Geschichten über ihre Verwandten sofort auf Lager, wenn man sie fragt. Irgendeine Tante hat immer irgendwas gesehen. (lacht)

Booksection.de: Gibt es ein Thema, eine Sparte über die Du bald schreiben willst?
Jonathan Stroud: Oh, eine gute Frage. Ich mag die Idee, eine Science-Fiction-Geschichte zu schreiben. Da habe ich eine weitere Akte, die neben der von Bartimäus steht. Vielleicht schreibe ich die eines Tages. Vor Jahren, als ich „Bartimäus“ schrieb, wollte ich unbedingt eine Geistergeschichte schreiben und es brauchte viele Jahre, um aus der Idee ein Buch zu machen. Vielleicht schreibe ich auch mal eine reine Erwachsenengeschichte, wobei ich ja glaube, dass meine Bücher für Jugendliche und Erwachsene geeignet sind. Es macht Spaß, nicht zu wissen, was als nächstes kommt.

Booksection.de: Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Interview, Jonathan.
Jonathan Stroud: Es war mir eine Ehre, vielen Dank!

















Der israelische Autor Eshkol Nevo stand uns am dtv-Stand Rede und Antwort und erzählte über seinen neuen Roman „Neuland“.

Faszinierend: Eshkol Nevo

„Es ist nicht einfach, das eigene Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen.“

Booksection.de: „Neuland“ ist ein wundervoller Roman, der mich tief berührt hat.
Eshkol Nevo: Oh ja, ich kann an Deinen Augen sehen, dass das wirklich stimmt. (lacht)

Booksection.de: „Neuland“ handelt vom Aufbruch in ein neues Leben, von einem Neuanfang, der die Zukunft noch einmal neu schreiben könnte. Glaubst Du, dass wir Altes hinter uns lassen müssen, um neue Wege für uns zu entdecken?
Eshkol Nevo: Ich denke, der erste Schritt für einen Neuanfang ist ein sehr mutiger und ich wollte meinen Charakteren die Möglichkeit geben, sich selbst frei zu machen. Meine Geschichten handeln immer von einem Neuanfang und ich war neugierig was passieren würde, wenn ich die Geschichte in Südamerika ansiedele. Das war auch für mich selbst ein Abenteuer.
Meni hat sich entschieden, wegzugehen, sein Sohn Dori hingegen muss gehen. Inbar entscheidet sich ganz bewusst, einen ersten mutigen Schritt in ein neues Leben zu gehen. Meni hat nach dem Tod seiner Frau alles hinter sich gelassen aber Dori kann das nicht, denn er hat immerhin ein Kind, das er nicht einfach zurücklassen kann. Meni gründet Neuland, hat aber noch viele Kriegserinnerungen und ist durch und durch israelisch in seinem Denken.

Booksection.de: Die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ein selbst bestimmtes Leben ohne Krieg und unter menschenwürdigen Lebensbedingungen möglich ist, ist in Deinem Volk ganz tief verankert. Obwohl wir in Deutschland schon lange Jahre in Frieden leben und diese Sehnsucht nicht so elementar ist, bewegt uns Dein Roman tief. Wie entstand die Idee zu „Neuland“?
Eshkol Nevo: Die Idee zu „Neuland“ bekam ich schon vor vielen Jahren. Vor zwölf oder dreizehn Jahren kam mir der Gedanke an einen sechzigjährigen Mann, der in Südamerika verschwindet und dessen Sohn nach ihm suchen geht. In Israel gibt es viele Geschichte von jungen Männern, die in Südamerika verschwinden und deren Väter nach ihnen suchen. Vor zwölf Jahren kam mir die Idee, diese Geschichte einfach mal umzudrehen.
Die Erfahrung, wie das Leben in anderen Ländern ist, das „normale“ Leben und auch die Erfahrung, wie andere Völker Israel sehen, war sehr prägend für mich. Wir sehen das Leben und uns selbst oft nur aus der eigenen Perspektive und diese Erfahrungen, Israel mit den Augen der Europäer zu sehen, hat mir förmlich die Augen geöffnet. Ich habe dadurch sehr viel gelernt, und das findet auch in „Neuland“ Ausdruck.

Booksection.de: Fiel es Dir leicht, Israel mit den Augen Europas zu sehen, oder würdest Du eher sagen, dass das schwer für Dich war.
Eshkol Nevo: Es war sehr schmerzhaft. Vor einigen Jahren war ich auf Lesereise in Berlin und sah im Fernsehen Nachrichten über Israel. Es ging um einen Konflikt im Gaza-Streifen, aber Israel war für mich in diesem Moment ganz weit weg. Als ich nach Israel zurückkehrte und mit Leuten über diesen Konflikt sprach, schilderten sie mir das Ganze aus einer komplett anderen Perspektive. Das war sehr verwirrend für mich und bis heute weiß ich nicht, welche Perspektive die richtige war.
Es ist nicht einfach, das eigene Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. So geht es auch Dori im Buch. Er sieht selbst nicht, wie schwierig seine Beziehung zu seinem Sohn tatsächlich ist, dass er ihn viel zu sehr behütet und auch, dass die Dreiecksbeziehung zwischen ihm, seinem Sohn und seiner Frau nicht funktioniert.

Booksection.de: Es ist ungemein faszinierend, durch „Neuland“ einen Einblick in Dein Heimatland zu bekommen, das in Europa vor allem wegen der blutigen Auseinandersetzungen in den Medien ist. Ist es Dir ein Anliegen, die vielen unterschiedlichen Facetten Israels in Deinen Romanen für andere Kulturen zugänglich zu machen?
Eshkol Nevo: Das ist nicht mein vordergründiges Ziel, denn ich schreibe, weil ich schreiben möchte. Aber es freut mich natürlich, wenn meine Leser ein anderes Bild von Israel bekommen, wobei das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel zusehends aufblüht. Als ich in Berlin war, habe ich mit sehr vielen Leuten Freundschaft geschlossen und das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Sehr viele Deutsche kommen nach Israel – wart Ihr schon mal dort?

Booksection.de: Nein, leider nicht,
Eshkol Nevo: Oh, Ihr müsst unbedingt mal kommen! (lacht)
Aber es ist wirklich so, dass ich mich in Deutschland nicht fremd fühle, so wie etwa in Skandinavien oder England. Die Beziehungen zu Deutschland sind einfach lebendig.

Booksection.de: Das ist schön zu hören. Aber im Buch gibt es ja eine Episode, in der Inbar in Berlin in der S-Bahn der Unterhaltung von Deutschen zuhört und sich vorstellt, sie würden antisemitische Äußerungen machen. Ist es tatsächlich so, dass auch junge Israelis immer noch solch starke Ressentiments gegenüber uns Deutschen hegen?
Eshkol Nevo: Ja, aber das sind Assoziationen, die sie haben und die kann man nicht kontrollieren. Sie sind so stark geprägt von ihrer Bildung, der israelischen Identität, die ganz eng mit den Holocaust-Erlebnissen verbunden ist. Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, hatte ich auch meine Assoziationen, aber dann lernte ich das Leben und die Leute dort kennen und alles relativierte sich. Wenn ich heute nach Berlin, München oder Frankfurt komme, ist das völlig anders, als beim ersten Mal, meine Erlebnisse mit den Menschen haben mich verändert.

Booksection.de: Was ist für Dich der größte Unterschied zwischen Deutschland und Israel?
Eshkol Nevo: Israelis sind bekannt dafür, sehr direkt zu sein, ihren Gefühlen in Gesprächen schnell Ausdruck zu verleihen. Ich habe in Deutschland sehr viele Menschen kennen gelernt, die auch so sind, was mir in Frankreich oder den USA nie so gegangen ist. Der Unterschied ist bestimmt der, dass Deutschland ein sehr großes Land ist, und Israel kannst Du mit dem Fahrrad durchqueren. (lacht) Aus diesem Grund gibt es in Deutschland auch sehr viel mehr Leser – was natürlich sehr gut für einen Autor ist! (lacht)

Booksection.de: Wie ist denn Dein Deutsch?
Eshkol Nevo: Wunderbar. (lacht) Aber es wird besser und bei jeder Lesung in Deutschland liest ein Schauspieler einige Stellen auf Deutsch. Und was mache ich während dieser Zeit? Ich höre gut zu und versuche, so viel wie möglich zu lernen.

Booksection.de: Du erzählst von der Vergangenheit, der Gegenwart und einer möglichen Zukunft des Volkes Israel. Wie stark fühlst Du Dich mit Deinem Volk und seiner Geschichte verbunden?
Eshkol Nevo: Die Verbindung ist sehr stark. Ich wuchs in einer politisch stark engagierten Familie auf, mein Großvater war der dritte israelische Ministerpräsident, und das machte meine Identität für mich sehr klar. Ich bin sehr stark mit Israel verbunden, aber trotz alledem kann ich es genießen, für ein paar Monate im Ausland zu sein. (lacht) Die nachfolgende Generation empfinde ich als globalisierter, was sicherlich auch mit den vielfältigen Möglichkeiten der Kommunikation zusammenhängt – und das finde ich gut.

Booksection.de: In „Neuland“ erzählst Du Deinen Lesern eine sehr hoffnungsvolle Geschichte. Welche Hoffnungen und Wünsche hast Du, wenn Du an Dein Land und die Menschen, die dort leben, denkst?
Eshkol Nevo: Es freut mich sehr, dass Du in „Neuland“ eine hoffnungsvolle Geschichte sehen kannst, denn das ist sie für mich auch. Nicht alle meiner Leser in Israel sahen die Hoffnung, aber genau das ist es, was ich mir für mein Volk wünsche.

Booksection.de: Du erzählst uns in „Neuland“ eine wunderschöne, bewegende Liebesgeschichte, und doch bleibt bis zum Ende alles offen.
Eshkol Nevo: Was hättest Du Dir denn gewünscht, wie die Geschichte ausgehen soll? (lacht)

Booksection.de: Ich hätte mir gewünscht, dass Inbar und Dori zusammengefunden hätten.
Eshkol Nevo: Ich mir auch. Ich bin ganz auf Deiner Seite. (lacht) Ich habe Gerüchte gehört, dass sie jetzt zusammen sind. (lacht)
Ich bin überzeugt davon, dass ich den Lesern nicht vorgeben kann, wie sie meine Geschichten lesen und verstehen. Sie können das Ende meiner Bücher so gestalten, wie sie das gerne hätten. Ich kann nicht erwarten, dass sie mich auf die Reise durch ein 700 Seiten langes Buch begleiten, nur um am Ende wieder an dem Punkt zu sein, wo alles begonnen hat. Aber ich bin ganz auf Deiner Seite. (lacht)

Booksection.de: Einen wichtigen Part im Buch nimmt Doris starke Liebe zu seinem fünfjährigen Sohn ein. Was fasziniert Dich an diesem Thema?
Eshkol Nevo: Es ist nicht die Liebe zu seinem Sohn, die mich an erster Stelle fasziniert, sondern vielmehr, dass er versucht, es besser zu machen als sein Vater. Sein Vater ist sehr weit weg und sein Sohn ist sehr, sehr nah. Er ist überbehütend und seinem Sohn viel, viel zu nah. Als er weggeht muss er erkennen, dass er seinem Kind damit einen Gefallen tut, dass es ihm damit besser geht. Das wirft ihn völlig aus der Bahn, denn er hat doch wirklich sein Allerbestes gegeben und jetzt geht es seinem Sohn besser ohne ihn!
Was ich auch thematisieren wollte, war das Dreiecksverhältnis zwischen Dori, seiner Frau und seinem Sohn. Ein Dreiecksverhältnis ist immer problematisch, es funktioniert nicht. Durch seinen Weggang bekommt Dori die Chance, sein Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen und es zu überdenken.

Booksection.de: Was können wir von Deinem nächsten Roman erwarten?
Eshkol Nevo: Oh, es wird in jedem Fall kürzer sein. Es ist unglaublich, „Neuland“ ist mein erstes gebundenes Buch!

Booksection.de: Wirklich?
Eshkol Nevo: Ja, in Israel gibt es keine gebundenen Bücher. Und das hier ist so schwer! Wenn jemand zwei Bücher kauft, muss er ja einen Lieferservice engagieren! (lacht) Also, es wird in jedem Fall kürzer sein – und witzig. Aber mehr werde ich dazu nicht sagen. (lacht)

Booksection.de: Eshkol, vielen Dank für dieses witzige und anregende Gespräch!
Eshkol Nevo: Ich danke Euch!

















Markus Heitz als einen „alten Bekannten“ in den Messeberichten von Booksection.de zu bezeichnen, wäre zwar korrekt, aber doch zu kumpelhaft. Denn Heitz gehört zu den besten Fantasyautoren unserer Zeit, weswegen wir auch weiterhin fest an seiner Seite stehen. Durch sein Talent, gleichzeitig in unterschiedlichen Genres zuhause zu sein, wird es unserem Redakteur Thomas Ays auch garantiert nicht langweilig.

Immer spannend: Markus Heitz

„Zwerge 5 wird kommen.“

Booksection.de: Mit „Totenblick“ kam dieses Jahr nun Dein erster Thriller. Zufrieden?
Markus Heitz: Ich bin sehr zufrieden, wobei es sehr schwer war, alle Vampire und Werwölfe herauszulassen, weil Leipzig nun für mich schon die Heimat von so manch anderen Büchern ist. Aber die Universen sind bewusst getrennt. Es wird bei Oneiros / Totenblick auch keine Überschneidung zu den anderen Werken geben.

Booksection.de: Wobei Konstantin Korff, Dein Bestatter aus „Oneiros - Tödlicher Fluch“, ja schon vorkommt. Das mit dem Nicht-Vermischen hat also nicht ganz geklappt.
Markus Heitz: Er ist ja auch bewusst getrennt, weil die Todesschläfer einfach zu mächtig sind, um sie an die Vampire anzukoppeln. Wer die Mysterybücher von mir mag, der wäre vermutlich auch ein bisschen enttäuscht gewesen, wäre jetzt nirgendwo eine bekannte Figur vorgekommen. Außerdem fand ich es sehr nett, Konstantin als eine Art Cameo-Aufritt durchs Bild laufen zu lassen, ohne dass die Mystery in den Vordergrund rückt.

Booksection.de: Wie sieht es mit einer Fortsetzung zu „Totenblick“ aus?
Markus Heitz: Es kommt erst einmal wieder ein Mystery-Buch. Die bekannte Welt von Werwölfen und Vampiren wird um einen Aspekt erweitert und das macht jetzt schon tierisch Spaß.

Booksection.de: Was für einen Aspekt?
Markus Heitz: Nö, das sag ich nicht!

Booksection.de: Ach, komm schon!
Markus Heitz: Es ist ein bekannter Aspekt, der die Menschheit -ähnlich wie der Tod- schon sehr lange beschäftigt und sogar in Märchen behandelt wird. Aber die Situation und die Darreichungsform dürfte neu sein. Hoffe ich.

Booksection.de: Glitzernde Vampire?
Markus Heitz: Hey, das ist eine super Idee.

Booksection.de: Könnte man dann auch verfilmen. Ich hätte da auch schon den richtigen Schauspieler...
Markus Heitz: Meinst Du das geht mit den Special-Effects? Ist das nicht zu kompliziert?

Booksection.de: Ach... Heutzutage... Zurück zum Interview. Was hat es eigentlich mit Deiner Faszination von Leipzig auf sich?
Markus Heitz: Ich finde diese Stadt einfach phänomenal, weil es diese Mischung beinhaltet. Von krach-neu bis zu ganz alter Bausubstanz, alles vorhanden. Und genau diese Mischung ist total spannend, weil die einfach unglaublich viel möglich macht. Wenn man unterwegs ist, gerade im etwas raueren Osten der Stadt, kann man den Test machen und einfach mal eine Türklinke herunterdrücken und siehe da: Du stehst in einem alten, verlassenen Haus. Deshalb ist es auch so glaubhaft, dass sich genau dort ein Serienkiller versteckt, ohne dass die Polizei den jemals findet. Und nein, das war kein Aufruf zum Hausfriedensbruch!

Booksection.de: Wie bist Du denn auf die Idee zu „Totenblick“ gekommen?
Markus Heitz: Ich bin auf einen wissenschaftlichen Artikel zu einem alten Mythos gestoßen, der sich bei Versuchen als durchaus wahr erwies, jedenfalls unter bestimmten Voraussetzungen – mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Wenn die Grundidee und wie sich alles danach entwickelt, erst einmal da ist, dann geht der Rest von ganz allein.

Booksection.de: Im März 2014 kommt der vierte Band Deiner „Albae“-Reihe. Willst Du uns schon irgendwas verraten?
Markus Heitz: Es spielt zeitlich direkt im Anschluss an den vierten Band der „Zwerge“. Es wird angerissen, was im Geborgenen Land passiert, nachdem die Herrschaft der Albae mehr oder weniger vorbei ist. Es dreht sich darum, wie man gegen die Albae vorgeht und was die Völker danach tun. Wieder ganz anders, als die Bände vorher und das hat als Autor sehr viel Spaß gemacht.

Booksection.de: Inwiefern anders?
Markus Heitz: Die Albae haben sich weiterentwickelt. Die Einigkeit untereinander ist wegen verschiedener Ereignisse -man denke an das Schicksal der Unauslöschlichen- verschwunden, man hat sich bekriegt und erschlagen, und nun sind nur noch einige wenige übrig geblieben. Die wiederum hatten einige Zyklen Zeit, sich zu verändern oder sie veränderten sich dadurch, weil sie sich an einem bestimmten Ort niedergelassen haben.

Booksection.de: „Die vergessenen Schriften“, die ja nun Mitte Oktober in einem gesamten Band erscheinen, könnten da helfen, das alles besser zu verstehen...
Markus Heitz: Oh ja! Wer die gelesen hat, ist klar im Vorteil.

Booksection.de: Teilweise sind „Die vergessenen Schriften“ ja schon als E-Book erschienen...
Markus Heitz: Ja genau. War geplant als eine Art Countdown bis zum nächsten Albae-Band. Die erste Frage, die daraufhin kam, war nicht „Was kosten die?“, sondern: „Wann kommt das als gedrucktes Exemplar?“. Fand ich total lustig. Für den Piper-Verlag und für mich war das eine Art Testballon, um zu erfahren: Was ist an diesem E-Book-Hype eigentlich dran? Man glaubt ja, wenn man die Berichterstattung verfolgt, dass es bald keine Bücher mehr gibt. Für uns hat es gezeigt: Ja, es macht einen gewissen Anteil aus, aber Hype? Nein. Ich glaube, es wird weiterhin Bücher geben. Weil ich sicher bin, dass Leser in Büchern blättern wollen.

Booksection.de: Zwerge 5...
Markus Heitz: Oh, gute Frage!

Booksection.de: Eigentlich war es noch gar keine Frage...
Markus Heitz: Doch, doch. Am Ende des Satzes ging der Ton so nach oben, eindeutig Frage. Also „Zwerge 5“ wird kommen und zwar vermutlich Frühjahr 2015. Man sollte dazu vielleicht „Albae 4“ lesen – muss man nicht, aber man könnte. (grinst). Es ist hilfreich.

Booksection.de: Wie immer ein Vergnügen mit Dir, Markus, vielen Dank!

















Der deutsche Autor Wulf Dorn unterhielt sich mit unserer Redakteurin Stefanie Rufle über seinen neuen Thriller „Phobia“, der Anfang September bei Heyne erschien.

Wulf Dorn im Interview

"Das Spannende ist dann der Moment, wenn beim Schreiben ein Protagonist von innen gegen den Bildschirm klopft.“

Booksection.de: Nach drei sehr erfolgreichen Thrillern, die alle in Deutschland angesiedelt waren, lässt Du „Phobia“ in London spielen. Wie kam es zu diesem Entschluss?
Wulf Dorn: Das war etwas, was die Geschichte selbst verlangt hat. Das Thema, das ich in „Phobia“ behandle, hat mit einem Ereignis zu tun, das sich in London abgespielt hat. Ich will aber im Vorfeld nicht zu viel verraten. Es war mir auch ein persönliches Anliegen, einmal über London zu schreiben, weil ich dort eine Weile gelebt habe. Die Schauplätze, die ich in „Phobia“ beschreibe, sind Orte, die ich persönlich kenne. Im King's College beispielsweise habe ich einige Zeit lang für ein psychiatrisches Forschungsprojekt gearbeitet und hatte dort, wie auch Mark im Roman, ein Zimmer im Wohnheim. Und ich habe eines Nachts dort das gesehen, was auch Mark im Roman sehen wird ...

Booksection.de: Da erübrigt sich ja die Frage, wie aufwendig die Recherche, was die Schauplätze anbelangt, war.
Wulf Dorn: Vieles war da schon gegeben, wie zum Beispiel die Szenen, die sich in Forest Hill abspielen. Dort habe ich für ein paar Monate gewohnt und das Haus, in dem ein Großteil der Geschichte spielt, stand direkt in der Nachbarschaft. Skurrilerweise wurde es von dem Architekten um einen Baum herum gebaut, was ich aber im Buch nicht so schreiben wollte, denn das hätte mir wohl kein Mensch geglaubt.

Booksection.de: Es ist „Phobia“ anzumerken, dass die Schauplätze wirklich authentisch sind. Bei deutschen Büchern, die im Ausland angesiedelt sind, kommt es leider oft vor, dass sie unecht oder inszeniert wirken, weil die Lokalitäten nicht gut recherchiert wurden.
Wulf Dorn: Ja, die sind manchmal sehr beeinflusst von Fernsehsendungen oder den Beschreibungen aus Reiseführern, und das wollte ich auf gar keinen Fall. Ich habe mir zwar auch Freiheiten genommen, aber eben nur, wenn es die Dramaturgie erfordert hat. Dadurch, dass ich auch Familie in England habe, hat das die Recherche zusätzlich erleichtert.

Booksection.de: Es sind immer wieder psychisch gestörte Figuren, die Deine Bücher besiedeln, Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung zu Tätern werden. Was fasziniert Dich an diesem Thema?
Wulf Dorn: Die menschliche Seele ist sehr ambivalent und auch fragil. Oftmals genügt schon ein kleiner Auslöser, der etwas Großes in Gang setzt. Ich habe für „Phobia“ das Thema Angst gewählt und wollte die Angst in ihren verschiedenen Facetten darstellen. Da jeder Protagonist auch ein Stück Angst mit in die Geschichte bringt, wollte ich das miteinander kombinieren, damit ein großes Ganzes daraus entsteht.

Booksection.de: Immer wieder gelingt es Dir, mit Deinen Geschichten die Urängste Deiner Leser anzusprechen. Woher weißt Du so gut um diese tief verborgenen Ängste?
Wulf Dorn: (lacht) Darauf gibt es, glaube ich, zwei Antworten. Zum einen ist es so, dass ich selbst ein ängstlicher Mensch bin und somit auch über meine eigenen Ängste schreibe. Man gibt als Autor seinen Protagonisten auch immer etwas von sich selbst mit. Angst ist bei mir ein sehr präsentes Thema, das sich durch alle meine Romane zieht.
Zum anderen fließt auch meine Psychiatriearbeit mit ein. Ich war zwanzig Jahre lang in diesem Bereich tätig und hatte mit sehr vielen Ängsten und den unterschiedlichsten Facetten der menschlichen Psyche zu tun. Das ist ein überaus faszinierendes Thema – eben weil es jeden von uns betrifft.

Booksection.de: Es gibt ja eine unglaublich umfangreiche Palette an psychischen Erkrankungen. Hast Du irgendwo zuhause eine Liste, die Du nach und nach abarbeiten möchtest?
Wulf Dorn: Eigentlich nicht, nein. Bei mir ist es so, dass zuerst ein Thema im Raum steht und ich mir dann die Geschichte dazu überlege. Dementsprechend statte ich die Protagonisten immer mit etwas aus, was in dieser Situation am allerwenigsten nützlich sein kann, um Konfliktpotential für die Geschichte zu schaffen. Den Gedanken, dass Sarah eine schwierige Situation auflösen muss und dabei selbst unter starken Ängsten leidet, das fand ich bei dieser Figur eine tolle Herausforderung.

Booksection.de: Genügt Dir bei der Recherchearbeit Dein eigener beruflicher Hintergrund oder stellst Du noch weitere Nachforschungen an?
Wulf Dorn: Man kann sagen, dass ich einen Großteil der Recherchen aus dem eigenen Erfahrungsschatz beziehe, und bei den anderen Dingen, wo ich mir nicht ganz sicher bin, frage ich Fachleute. Ich habe Psychiater und Psychologen im Freundeskreis, mit denen ich über solche Themen sprechen kann. Außerdem lese ich viel Fachliteratur und Fallstudien, und aus all diesen Quellen beziehe ich dann meine Informationen. Und natürlich verlasse ich mich auch auf die Intuition und den gesunden Menschenverstand, indem ich mich frage, wie ich mich selbst in einer bestimmten Situation verhalten würde.

Booksection.de: Bekommst Du auch Rückmeldungen von Lesern, die sich in Deinen Geschichten selbst in irgendeiner Form wieder gefunden haben?
Wulf Dorn: Ja, ich bekomme in diesem Zusammenhang tatsächlich viele Zuschriften. Das freut mich ganz besonders, weil ich bei diesen Lesern eine ganz bestimmte Saite anschlagen konnte und sie sich mit den Figuren besonders intensiv identifizieren konnten. Hin und wieder nimmt das zwar auch mal skurrile Züge an, zum Beispiel wenn ich per Email um eine psychologische Beratung gebeten werde, aber in solchen Fällen rate ich dann eben zu einer professionellen Hilfe. Es ist in jedem Fall so, dass meine Thriller Leser ansprechen und viele sich in gewissen Situationen wieder finden. Für mich ist es ein tolles Erlebnis, wenn ich merke, dadurch eine realistische Situation geschaffen zu haben, auch wenn es sich um Fiktion handelt.

Booksection.de: In „Phobia“ gibt es ja ein Wiedersehen mit dem Psychiater Mark Behrendt, den wir schon aus „Trigger“ kennen. Passiert es manchmal, dass Du plötzlich das Gefühl hast, eine Figur aus einem früheren Buch muss wieder zum Einsatz kommen, oder ist das eher eine bewusste Entscheidung?
Wulf Dorn: In dem Fall war es eine bewusste Entscheidung, die durch die Leser bedingt war. Ich bin von so vielen Lesern gefragt worden, was denn eigentlich aus Mark geworden ist. Irgendwann dachte ich mir: „Okay, lass uns mal nachsehen.“ Als ich das Thema zu „Phobia“ hatte und wusste, dass ich in „Trigger“ noch sehr wenig von Mark erzählt hatte, er war ja eine Nebenfigur, dachte ich mir: „Warum ihn nicht mal zur Hauptfigur machen?“ So bin ich darauf gekommen, dass Mark englische Wurzeln hat.

Booksection.de: Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass zwischen Sarah und Mark eine Romanze entstehen könnte, was ja dann aber doch nicht geschieht. Hat sich diese Entwicklung während des Schreibens ergeben oder wusstest Du das schon von Anfang an?
Wulf Dorn: Das wusste ich von Anfang an. Das ist auch ein Spiel mit den Lesererwartungen, was ich ja bei „Phobia“ in mehreren Punkten sehr gezielt mache. Es gibt mittlerweile sehr viele Klischees oder Handlungsstränge, die immer wieder auftauchen. Das wollte ich durchbrechen, indem ich etwas andeute, was sich dann aber ganz anders entwickelt.

Booksection.de: Hat der Mark Behrendt, den Du selbst aus „Trigger“ kennst, sich beim Schreiben von „Phobia“ für Dich verändert. Hat er plötzlich neue Züge bekommen, die Du selber gar nicht kanntest?
Wulf Dorn: Ich glaube, das ist wie im wirklichen Leben auch, wenn man alte Bekannte wieder trifft und bei ihnen völlig neue Züge entdeckt. So ist es auch beim Arbeiten mit Romanfiguren. Ja, Mark hat zwischenzeitlich eine Veränderung durchgemacht. Immerhin sind zwischen den beiden Büchern mehr als vier Jahre vergangen. Bei Jan Forstner war es ähnlich. Auch er hat sich mit den Büchern auf eine bestimmte Weise verändert. Je mehr man sich mit seinen Figuren beschäftigt, desto mehr neue Wesenszüge entdeckt man an ihnen. Und dasselbe gilt für die Schauplätze. Auch Fahlenberg hatte sich über die ersten drei Romane verändert. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, dass es für die Stammleser Wiedererkennungswerte gibt, was aber für den Erstleser nicht unbedingt ein Hindernis sein muss. Durch diese Verknüpfung entsteht ein eigenes kleines Universum, in dem man sich selber als Autor auch gerne bewegt.

Booksection.de: Würdest Du sagen, dass Du Dich als Autor quasi in Deiner eigenen Parallelwelt bewegst?
Wulf Dorn: Auf jeden Fall, ja. Und es kommt auch zu einer gewissen Überschneidung mit der Realität. Wenn ich an Figuren arbeite, bleiben sie für mich präsent, wenn ich mich in meinem Alltag bewege. Ich nehme sie mit in mein privates Leben und frage mich beispielsweise beim Einkaufen, ob die Figur das jetzt auch kaufen würde oder ob etwas ganz anderes im Einkaufswagen liegen würde. Ich versuche, mit diesen Figuren zu leben und sie so real zu halten, dass sie auch für den Leser lebendig werden.

Booksection.de: Wie steht es denn um die Verfilmung von „Trigger“? Vor zwei Jahren sagtest Du, dass noch Sponsoren für das Projekt fehlen würden.
Wulf Dorn: Ja, leider ist das ganze Projekt inzwischen an der Finanzierung gescheitert. Dabei war man an den "Trigger"-Film ursprünglich mit großem Enthusiasmus herangegangen. Das Drehbuch war fertig, die Cast stand schon zum Großteil fest und der Regisseur wartete bereits in den Startlöchern. Aber am Ende fehlte den Geldgebern dann doch der Mut. Ursprünglich war „Trigger“ ja fürs Kino konzipiert worden, ehe man schon einen Schritt zurückgetreten war und eine Fernsehproduktion daraus machen wollte. Dann wurde das Projekt schließlich ganz abgeblasen. Offenbar traut man sich in Deutschland an das Thema Thriller immer noch nicht so richtig heran. Stattdessen setzt man lieber auf bisherige Erfolgskonzepte ... Komödien, Dramen, Historisches usw. Das ist enttäuschend, aber ich gebe deswegen noch lange nicht auf. Mittlerweile ist meine Agentur mit ausländischen Filmfirmen im Gespräch. Im europäischen Ausland ist man in puncto Thriller offenbar mutiger. Siehe zum Beispiel in Skandinavien.

Booksection.de: Ähnlich ist das ja auch in der Literatur, was das Thema deutsche Thriller anbelangt. Lange ist dem deutschen Thriller ja der Ruf angehaftet, behäbig und bieder zu sein. Erst mit Autoren wie Dir, Arno Strobel oder auch Sebastian Fitzek ist eine neue Generation von Thriller-Autoren entstanden, die dem deutschen Thriller zu einem neuen Image verholfen hat.
Wulf Dorn: Wir sind deshalb zu Anfang auch stark angegriffen worden, weil es hieß, wir würden nur irgendwelche anglo-amerikanischen Autoren imitieren. Irgendwann hat man dann aber festgestellt, dass wir durchaus unseren eigenen Stil haben und inzwischen konnten wir uns etablieren. Jeder auf seine eigene Weise. Und durch die vielen Übersetzungen in andere Sprachen zeigt sich, dass der deutsche Thriller mittlerweile auch eine internationale Akzeptanz hat. Der deutsche Thriller wird in Europa zunehmend salonfähig. Sogar in England, das ja wirklich eine Insel ist, was seine Literatur betrifft. Bisher waren gerade die skandinavischen Thriller bekannt für ihre Qualität und nun zieht der deutsche Thriller nach, das ist schon ein wichtiger Schritt.

Booksection.de: Was glaubst Du, war der Auslöser für diesen Durchbruch des deutschen Thrillers?
Wulf Dorn: Vielleicht liegt es daran, dass wir uns vom typischen Regionalkrimi loslösen und überregionale Themen angehen. Ich will den Regionalkrimi damit nicht schlecht reden, aber mit regionalen Themen kann man im Ausland nun mal nicht so viel anfangen. Das ist aber nur meine Mutmaßung, ich kann es nicht wirklich erklären.

Booksection.de: Wird der Druck beim Schreiben größer, je erfolgreicher man wird? Steigt die Angst, nicht mehr an die vorigen Erfolge anknüpfen zu können, die Leser zu enttäuschen?
Wulf Dorn: Meine größte Angst ist, auf eine bestimmte Art von Geschichte festgenagelt zu werden und dadurch ständige Wiederholungen abzuliefern. Deshalb beschreite ich mit „Phobia“ sowohl vom Erzähltechnischen und auch von der Thematik her einen neuen Bereich. Nicht komplett neu, aber ich denke, ich habe mein Territorium mit diesem Roman erweitert. Dementsprechend war „Phobia“ das Buch, vor dessen Erscheinen ich am meisten gezittert habe, wie es bei den Lesern ankommen wird. Weil es wirklich nochmal anders ist als meine bisherigen Romane. Um so mehr bin ich erleichtert, dass die Resonanz nun so positiv ausfällt. Da ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. Mir liegt viel an diesem Roman, am Inhalt und seiner Hintergrundgeschichte. In "Phobia" spielt die menschliche Vergänglichkeit eine bedeutende Rolle. Gerade in Thrillern wird viel über Mord und das Sterben erzählt, und ich wollte einmal vom Gegenteil sprechen. Welche Bedeutung hat der Tod für unser Leben? So geht „Phobia“ zum Teil in eine philosophische Richtung, wenn auch eher unterschwellig. Man kann sie entdecken, wenn man möchte, muss aber nicht. Selbstverständlich soll der Unterhaltungswert im Vordergrund stehen. Insofern würde ich nicht unbedingt von Leistungsdruck sprechen. Mir geht es vielmehr um die Frage, wie man trotz der Treue zu einem Genre möglichst breit gefächert bleiben kann.

Booksection.de: Hast Du ein Buch, das Dir ganz besonders viel bedeutet, weil da ganz viel von Dir selbst drinsteckt, oder bedeuten Dir alle Deine Bücher gleich viel?
Wulf Dorn: Oh je, das ist wie die Frage nach dem Lieblingskind. (lacht) Mir bedeuten sie alle viel, jedes aus einem unterschiedlichen Grund. Beispielsweise empfinde ich viel Sympathie für Jan Forstner in „Kalte Stille“. Seine Figur hat durchaus autobiographische Züge. Doro in „Mein böses Herz“ war auch so eine Figur, die mir sehr am Herzen lag. Bei ihr musste ich in eine völlig neue Rolle schlüpfen. Aus der Perspektive einer Sechzehnjährigen zu erzählen, ist für einen Vierundvierzigjährigen schon eine Herausforderung. (lacht) Aber gerade durch das Erlebnis, dass sie sich irgendwann selbst beschrieben hat und ich den Eindruck hatte, sie steht neben mir, erzählt mir ihre Geschichte und ich muss nur noch mitschreiben, war das auch ein ganz besonderes Erlebnis. Bei „Phobia“ ist es die Tatsache, dass der Roman auf mehreren wahren Begebenheiten beruht, was ihn auf gewisse Weise noch erschreckender macht, und dass ich wieder eigene Erlebnisse und Erfahrungen einfließen lassen konnte. So hat jedes Buch eine besondere Bedeutung für mich.

Booksection.de: Weißt Du immer schon zu Beginn eines Buches, wie dieses enden wird oder landest Du manchmal an einer ganz anderen Stelle, als ursprünglich geplant?
Wulf Dorn: Ich gehe bei der Planung einer Geschichte meistens von einer Ausgangssituation aus, überlege mir dann ein passendes Ende und arbeite danach den Handlungsverlauf aus. Bei „Phobia“ war die Ausgangssituation, dass Du in die Küche kommst, und da steht eine völlig fremde Person, die sich für deinen Partner ausgibt. Wenn ich eine Idee für das Ende und den groben Ablauf der Geschichte habe, erstelle ich ein Kapitelexposé. Erst dann beginne ich mit dem Schreiben. Das Spannende ist dann der Moment, wenn beim Schreiben ein Protagonist von innen gegen den Bildschirm klopft und sagt: „Nee, nee, mein Freund! So würde ich mich nie verhalten in der Situation!“ (lacht) Das ist der Moment, wo du an deiner Figur neue Seiten entdeckst und dich noch einmal mit ihr auseinandersetzen musst, um herauszufinden, wie es dann tatsächlich weitergehen wird. Damals bei „Trigger“ war es so, dass es ursprünglich eine andere Schlussszene gab. Die Hauptfigur brachte mich dann aber darauf, dass ich nochmal umsteuern und das Ende ändern muss. Bei „Mein böses Herz“ hatte ich anfangs ebenfalls eine andere Idee für den Schluss und als ich dann ziemlich nahe ans Ende herangekommen war, ist mir klar geworden, dass ich noch etwas anders machen muss. Ich rief dann meine Lektorin an und fragte sie, ob diese Wendung zu krass für einen Jugendroman sei. Aber auch sie fand das neue Ende konsequenter als das, was ich ursprünglich geplant hatte. Kurzum, die Idee für das Ende ist da, aber ich bin trotzdem flexibel für Veränderungen.

Booksection.de: Wahrscheinlich macht das die Thriller aber dann doch so glaubwürdig. Auch bei „Phobia“ gibt es ja die eine oder andere überraschende Wendung, die aber immer glaubhaft und schlüssig wirkt.
Wulf Dorn: Bei „Phobia“ kommt dazu, dass die Geschichte eben nur teilweise erfunden ist. Einiges davon hat sich tatsächlich zugetragen, wenn auch nicht in der selben dramatischen Weise, die ich im Buch schildere. Zum Beispiel der unbekannte Eindringling ... Während meiner Psychiatriezeit hatte ich mit einem Mann zu tun, der unter einer paranoid-schizophrenen Störung litt. In einem Wahnschub war er in ein Haus eingebrochen und hatte dort eine Mutter und ihre beiden Kinder bedroht. Er hatte sie gezwungen, mit ihm zu Abend zu essen. Er saß mit ihnen am Esstisch und die Frau hatte höllische Angst um ihre Kinder. Nach dem Essen hat er die Frau aufgefordert, die Polizei anzurufen, und sich anstandslos abführen lassen.
Das andere war die Geschichte eines befreundeten Ehepaars, die morgens aufwachten und feststellten, dass der ganze Schlafzimmerboden voller Kleidungsstücke lag. Als sie ins Erdgeschoss gingen, sahen sie, dass in der Nacht eingebrochen worden war. Die ganze Wohnung war ausgeräumt und auch im Schlafzimmer wurde offenbar nach Wertsachen gesucht, während sie schliefen. Das war für die beiden natürlich ein Riesenschock, weil sie sich gefragt haben, was wäre passiert, hätten wir in dieser Nacht nicht so tief geschlafen. Es ist der absolute Albtraum, wenn Du in Deinen eigenen vier Wänden nicht mehr sicher bist. Diese Dinge wollte ich in die Geschichte mit einfließen lassen.

Booksection.de: Kannst Du schon etwas über einen neuen Thriller verraten?
Wulf Dorn: Ich arbeite gerade an meinem nächsten Jugendroman, der kommendes Jahr im Herbst erscheinen soll. Aber mehr verrate ich noch nicht. (lacht)

Booksection.de: Vielen Dank für dieses nette Gespräch.
Wulf Dorn: Auch Euch vielen lieben Dank!

















Unser letzter Termin auf der diesjährigen Buchmesse gehörte der 30jährigen Britin Anna Stothard, die uns bereits mit „Pink Hotel“ begeisterte und mit der wir nun über ihr neustes Buch „Die Kunst, Schluss zu machen“ sprachen.

Richtig sympathisch: Anna Stothard

"Beide sind aus einem kleinem Moment erwachsen, in dem ich mir gewünscht habe, jemand anderer zu sein.“

Booksection.de: Für Deine Protagonistin Eva Elliot in „Die Kunst, Schluss zu machen“ ist der wichtigste Moment in einer Beziehung der, wenn sie mit einem Partner Schluss macht. Wie kamst Du auf eine solche Idee?
Anna Stothard: Wenn ich an meine eigenen Beziehungen denke, dann weiß ich nur noch wenig davon, wie sie begannen. Aber jeder einzelne Moment einer Trennung ist mir noch ganz genau im Gedächtnis. Meine erste Beziehung endete auf einem New Yorker Gehweg vor einer Bäckerei. Ich aß gerade einen Cupcake, und ich kann bis heute keine Cupcakes mehr essen. Eine andere Beziehung endete auf dem Los Angeles International Airport auf dem Weg nach London. Bei jeder Beziehung ist das Gefühl, sich zu verlieben ein ganz ähnliches, aber nachdem sie geendet hat, blickt man darauf zurück und sieht alles viel klarer als zu Anfang.

Booksection.de: Obwohl Eva offenbar seelisch nicht ganz im Gleichgewicht ist, ist sie einem vom ersten Moment an sympathisch und vertraut. So war das auch schon bei der Protagonistin von „Pink Hotel“. Wie bist Du an die Zeichnung dieser Figuren herangegangen?
Anna Stothard: Obwohl beide sehr unterschiedliche sind, sind sie definitiv Versionen von mir selbst. Sie sind erdachte Figuren und haben tragen trotzdem Teile meiner eigenen Identität in sich. Sie sind Teil von mir, obwohl ich das eigentlich gar nicht will, sie haben mich einfach damit konfrontiert. (lacht) Ich glaube, dass ich mich einfach frage, wie es sich anfühlt, jemand anders zu sein, in einem anderen Leben zu agieren. Ich denke, beide sind aus einem kleinem Moment erwachsen, in dem ich mir gewünscht habe, jemand anderer zu sein.

Booksection.de: Die Zeichnung der Charaktere und das punktgenaue Darstellen von Schauplätzen ist Deine große Stärke. Führst Du das darauf zurück, dass Du zwei Jahre lang Drehbuch studiert hast?
Anna Stothard: Ja, beim Drehbuchschreiben ist ein Schauplatz sehr ausschlaggebend. Jedesmal, wenn man ein Drehbuch schreibt, selbst wenn das nur für einen Kurzfilm ist, überlegt man sich, an welchem Ort der Film spielen soll. Aber schon vorher war ich sehr an Orten interessiert. Ich bin sehr geprägt von den vielen unterschiedlichen Städten, in denen ich schon gelebt habe, von den Leuten, die ich getroffen, die ich geliebt und gehasst habe. Mit L.A. hatte ich so etwas wie eine romantische Beziehung, ich verliebte mich und habe es dann gehasst. Als ich L.A. verließ, vermisste ich es ganz furchtbar. London ist meine Heimat, Soho ist so voller Leben und auch zu diesen Orten habe ich eine ganz tiefe Verbindung.

Booksection.de: Du hast mal gesagt, dass Du Dich sofort in L.A. verliebt hast, als Du es zum ersten Mal sahst, es aber am Ende der zwei Jahre, in denen Du dort lebtest, gehasst hast. Wie stehst Du heute zu L.A.?
Anna Stothard: Ich habe L.A. schon gehasst, als ich dort ankam. Ich vermute, weil es so oberflächlich ist, die Menschen sind oberflächlich, sie liegen dort in ihren Bikins in der Sonne. Und ich bin so hellhäutig, ich fühlte mich völlig fehl am Platz. Aber dann erkannte ich, dass jeder dort davon besessen ist, Geschichten zu erzählen, jeder hat eine ganz klare Vorstellung davon, wie sein Leben zu verlaufen hat und das hat mich sehr angesprochen.
Dann kam ich eines Tages zu meiner Wohnung und überall war Polizei. Um meine Wohnung herum war alles mit Polizeiband abgesperrt. Ein Mensch war in viele kleine Stücke geschnitten und überall in meiner Nachbarschaft verteilt worden. Da erkannte ich, dass ein wirklich furchtbarer Mord, den es sonst nur im Kino gibt, vielleicht der Auslöser für mich sein sollte, Los Angeles zu verlassen. (lacht)
Aber ich war erst kürzlich wieder in L.A. und übernachtete im „Pink Hotel“ in Venice Beach. Ich fühlte mich dort wie zuhause, es war, als würde ich in meiner eigenen Vorstellung umherwandern. Als ich aber die Gäste dort sitzen und trinken sah, fragte ich mich: „Was machen diese Leute in meinem Hotel?“ (lacht)

Booksection.de: „Die Kunst, Schluss zu machen“ erzählt eine außergewöhnliche und auch ziemlich abgefahrene Liebesgeschichte. Was fasziniert Dich an diesem Thema?
Anna Stothard: Was mich an einer Liebesgeschichte fasziniert? (lacht)
Booksection.de: Was Dich an außergewöhnlicher Liebe fasziniert…
Anna Stothard: Liebe ist außergewöhnlich. Ich weiß nicht…alles was ich sagen könnte, klingt irgendwie komisch. (lacht) Wir wünschen uns für unser Leben doch immer eine Entwicklung zu etwas ganz Besonderem hin. Eva wünscht sich eine außergewöhnliche Liebe ohne den Mittelteil, der so gewöhnlich für sie ist. Sie will Liebe, Drama, Leidenschaft und landet dann bei einer eher traditionellen Art der Liebe. Mit dieser erwachsenen Liebe kommt sie nicht klar.

Booksection.de: Sicherlich laufen in einer Millionen-Metropole jede Menge Menschen herum, die genauso sind wie Eva, die Angst vor zu viel Nähe und vor Emotionen haben. Hast Du den Eindruck, mit Deinem Roman den Nerv vieler Leser getroffen zu haben?
Anna Stothard: Ich habe viele Emails bekommen, und es war wirklich interessant, Emails über das Ende von Beziehungen zu bekommen. Es war schön, dass mir Leute ihre Beziehungsgeschichten erzählt haben. Ich habe versucht, meine Realität von London einzufangen und da gibt es wirklich viele Leute, die so sind wie Eva.

Booksection.de: Während der Lektüre von „Die Kunst, Schluss zu machen“ hat man immer wieder das Gefühl, sich inmitten eines abgedrehten Films zu befinden. Kannst Du Dir vorstellen, dass der Roman verfilmt wird?
Anna Stothard: Ich wünsche mir, dass es verfilmt wird. Zu „Pink Hotel“ wird es einen Film geben und es wäre toll, wenn das auch bei „Die Kunst, Schluss zu machen“ wahr werden würde, ich würde gerne das Drehbuch schreiben.

Booksection.de: Hollywood hat sich ja bereits die Filmrechte zu „Pink Hotel“ gesichert. Gibt es bereits konkrete Pläne zur Verfilmung?
Anna Stothard: Anna Paquin aus „True Blood“ schreibt das Drehbuch, und sie lebte selber in Venice Beach, ganz in der Nähe des echten Cadillac-Hotels.

Booksection.de: Weißt Du auch schon etwas über die Besetzung?
Anna Stothard: Sie wollen sich in England nach Schauspielern umsehen und versuchen aber auch, jemand Berühmtes zu gewinnen.

Booksection.de: Den Namen der Heldin in „Pink Hotel“ erfährt man ja bis zum Schluss nicht. Warum hast Du Dich für diese gewisse Anonymisierung Deiner Hauptfigur entschieden?
Anna Stothard:: Niemand nennt sie bei ihrem Namen, sie hat irgendwie keine Identität, keine Wurzeln, weiß nicht, wer sie ist. Sie ist irgendwie verloren in ihrem Leben. Es war nie so, dass sie von mir verlangt hat, ihr einen Namen zu geben, sie brauchte keinen Namen.

Booksection.de: Bereits das erste Drehbuch, das Du geschrieben hast, wurde preisgekrönt. Wie geht man in so jungen Jahren mit einem derartigen Erfolg um und welche Auswirkungen hat das auf das weitere Leben?
Anna Stothard: Stimmt, das mit dem Drehbuch hat ja noch nie jemand erwähnt. (lacht) Davor habe ich schon einen Roman geschrieben, da war ich neunzehn. Er erzählt eine wunderbare Geschichte und ich bin froh, dass ich ihn geschrieben habe. Aber ich war neunzehn, sehr unerfahren und schüchtern und wusste nicht so recht, wohin mich mein Weg führen soll. Danach wollte ich keinen Roman mehr schreiben, ich beschloss, Drehbuchautorin zu werden und wollte auch nicht mehr in England leben. Ich kann mich nicht mehr so recht erinnern, wie sich der Erfolg mit dem Drehbuch angefühlt hat, bestimmt war ich damals sehr glücklich – aber ich habe es niemandem gesagt. (lacht)

Booksection.de: Was sind Deine Pläne für die Zukunft, bist Du eher eine Romanautorin oder möchtest Du Drehbücher schreiben? Oder kannst Du Dir vorstellen, beides zu machen?
Anna Stothard: Gerade schreibe ich an einem Roman, aber eines Tages würde ich auch gerne wieder ein Drehbuch schreiben. Ich liebe das Drehbuchschreiben wirklich.

Booksection.de: Was kannst Du uns denn über Deinen neuen Roman verraten?
Anna Stothard: Ich bin gerade nach Berlin gezogen und der Roman wird in Berlin spielen. Die Hauptfigur wird wieder eine Frau sein.

Booksection.de: Dann ist Dein Deutsch bestimmt schon hervorragend…
Anna Stothard: (lacht) Mein Deutsch ist furchtbar, aber das ist die Schuld von Berlin, denn dort sprechen alle ein großartiges Englisch. (lacht)

Booksection.de: Anna, vielen Dank für das wunderbare Gespräch!
Anna Stothard: Ich danke Euch.


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