Eine Buchmesse in Frankfurt ohne Booksection.de? Das darf nicht sein – und genau deshalb sind wir auch 2012 wieder in Hessens Hauptstadt gepilgert, um mit Autoren und Verlagen zu sprechen, damit wir auch in den kommenden Monaten über die aktuellsten und tollsten Bücher überhaupt schreiben können. Freut Euch auf spannende Interviews mit garantiert großartigen Autoren.

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Top-Interview

















Dass Jussi Adler-Olsen ein internationaler Star-Autor ist, merkt man nur an den zahlreichen Fernsehkameras um ihn herum. Zum mittlerweile dritten Mal traf sich der dänische Autor mit unserer Redakteurin Stefanie Rufle zum Interview. Dieses Mal drehte sich alles um die beiden Bücher „Verachtung“ und „Das Alphabet Haus“.

Jussi im Gespräch mit Booksection.de

"Ich weiß natürlich, wie alles enden wird, das wusste ich von Anfang an. Das Ende bewahre ich in einem Schließfach auf, niemand außer einer Person kennt das Ende, auch meine Frau nicht."

Booksection.de: Die Insel Sprogø, um die es in Deinem Thriller „Verachtung“ geht, gibt es tatsächlich. Wie bist Du auf sie und die schlimmen Dinge, die sich dort einst zugetragen haben, aufmerksam geworden?
Jussi Adler-Olsen: Durch meinen Vater. Er war in den Dreißigerjahren Arzt in einer psychiatrischen Klinik dort in der Nähe und er wusste, dass dort Frauen untergebracht wurden, die aus niederen Gesellschaftsschichten kamen. In den Augen der besser gestellten Menschen hatten sie sich unmoralisch verhalten. In ihren Augen waren sie verdorben, weil sie mit Männern schliefen. Ich denke, viele von ihnen waren auch psychisch krank und hätten deshalb behandelt werden müssen. Um sie loszuwerden, erklärte man sie für debil und damit für unmündig. Sie mussten einen IQ-Test bestehen, doch zu dieser Zeit ging es in den IQ-Tests um Allgemeinbildung, die diese Frauen aber nicht besaßen. Die Frauen, die gegen die Unmündigkeitserklärung protestierten – und das waren wahrscheinlich die intelligenteren unter ihnen – wurden auf diese Insel deportiert. Keine von ihnen wusste, wie lange sie dort würde bleiben müssen und der einzige Weg für sie dort wegzukommen, war in eine Sterilisation einzuwilligen. Das sind die Tatsachen. 8.000 Frauen wurden während der Zeit von 1929 bis 1961 dorthin gebracht und sterilisiert. Die, die einer Sterilisation nicht zustimmten, mussten dort bleiben. Als sie die Anstalt schlossen, war das schon eine andere Gesellschaft, offener und liberaler, und darüber war mein Vater sehr froh. Aber jedes Mal, wenn wir vor der Schließung der Anstalt mit der Fähre an der Insel vorbeifuhren, erinnerte mein Vater mich daran, dass unsere Gesellschaft sehr unnachsichtig und hart sein kann. Er schämte sich für die dänische Gesellschaft und besonders für seine Kollegen, die dagegen nichts unternahmen. „Verachtung“ ist ein Tribut auf meinen Vater, weil er so beschämt war über das, was auf der Insel Sprogø geschah. Und es ist ein Tribut auf die Frauen, die noch immer dort leben. Sie sind jetzt siebzig oder achtzig Jahre alt und ich wollte ihnen mit diesem Buch so etwas wie eine Wiedergutmachung zukommen lassen, eine Entschuldigung für das, was mit ihnen angetan wurde.
Was aus dieser traurigen Geschichte ganz klar hervorgehen soll ist, dass die Dänen die ersten waren, nicht die Deutschen oder andere Staaten. Wir begannen schon in den 1870er Jahren mit solchen Anstalten. Nach den Dänen gründete die Schweiz solche Anstalten, dann Schweden und dann erst Deutschland. Wir sind nicht sehr stolz darüber, aber die meisten Menschen in Dänemark wussten gar nichts davon. Aber bis heute gibt es keine Entschädigungszahlungen für die Opfer, obwohl die Politik sie ihnen versprochen hat.

Booksection.de: Ist es so, dass die Dänen aufgrund von „Verachtung“ heute über diese Dinge sprechen?
Jussi Adler-Olsen: Ja, auf jeden Fall und es gibt auch bereits andere Geschichten über die Geschehnisse damals.

Booksection.de: Wie reagierten die Dänen auf dieses Buch?
Jussi Adler-Olsen: Es war sehr erfolgreich in Dänemark, auch die Kritiken waren sehr positiv. Es gab nur einen Rezensenten, der es langweilig fand. (lacht)

Booksection.de: Kann man in „Verachtung“ auch eine bewusste Provokation sehen, wolltest Du damit Parallelen zu den Geschehnissen im Dritten Reich und zu „Ärzten“ wie Dr. Mengele ziehen?
Jussi Adler-Olsen: Auf jeden Fall gibt es hier Parallelen, natürlich. Aber man kann niemanden mit Mengele vergleichen und vermutlich glaubte er von sich selbst auch nicht, böse zu sein. Er war Wissenschaftler und ich glaube nicht, dass er sich im Spiegel ansah und etwas Böses und Schlimmes in sich sah. Und das war dasselbe in Dänemark. Die Ärzte dort dachten damals auch, was sie taten, sei gut für die Gesellschaft. Sie glaubten, sie hätten das Recht, so zu handeln.

Booksection.de: Wie wichtig sind Dir gesellschaftskritische Töne in Deinen Romanen?
Jussi Adler-Olsen: Diese Frage gebe ich an Dich als Leserin zurück. (lacht) Für mich ist es nicht das erste Ziel, gesellschaftskritisch zu sein. Mir geht es vor allem um die Aspekte des Missbrauchs von Macht und die sind in jedem meiner Bücher andere – sie können sich auf die Gesellschaft beziehen, auf Freundschaften, auf das System oder die Politik. Politiker denken, sie wären unsere Beherrscher, dabei sind sie doch unsere Angestellten. Mit meinen Büchern möchte ich ihnen schon so etwas wie einen Schlag vor den Bug verpassen. Um Machtmissbrauch wird es auch im vierten Fall wieder gehen, das kann ich schon mal verraten.

Booksection.de: Der Wechsel zwischen den brutalen und erschreckenden Szenen und dem flapsigen Humor Carl Mørcks  fällt immer wieder auf. Ist es schwierig, sich beim Schreiben immer wieder auf die wechselnden Stimmungen einzustellen?
Jussi Adler-Olsen: Nein, aber es ist schwierig, in diesem Stimmungszustand zu bleiben. Vor zwei Jahren habe ich „Verachtung“ in Dänemark veröffentlicht und schon nach einem halben Jahr konnte ich mich nicht mehr richtig an die Stimmung des Buches erinnern, mich nicht mehr in die Geschehnisse reinfühlen. Aber der Wechsel zwischen lustigen und rauen Stimmungen ist sehr einfach. Du sitzt für einige Minuten da und bist plötzlich in der bestimmten Stimmung, es ist nur wichtig, sich nicht darin zu verlieren. Ich schreibe meine Bücher immer chronologisch, ich fange mit der ersten Seite an und schreibe dann weiter bis zur letzten, weil es mir sehr leicht fällt, zwischen unterschiedlichen Stimmungen hin und her zu wechseln.

Booksection.de: Wie schwierig ist es, bei einem derart komplexen und vielschichtigen Thema immer alle Fäden in der Hand zu halten und die Handlung logisch voranzutreiben?
Jussi Adler-Olsen: Es ist einfach innerhalb eines Buches, aber sehr schwierig innerhalb der gesamten Serie. Dinge, die im zweiten Fall passieren, haben beispielsweise einen Einfluss auf den fünften Fall. Das ist sehr schwierig, aber ich habe meine Frau, die auf diese logischen Dinge achtet und ich habe auch einen Freund, der mich da unterstützt.
Ich denke zu Anfang über eine Geschichte nach und das ist dann der erste Faden. Dann kann ich den nächsten Faden aufnehmen und dann wieder den nächsten. Aber ich denke, wenn ich die Synopse mache nicht, das ist der eine Faden und das ist der nächste, das mache ich hinterher. Alles kommt, während ich die Synopse mache, ohne sie wäre ich verloren.

Booksection.de: Die Rollen von Assad und Rose wandeln sich merklich in diesem vierten Fall des Sonderdezernats Q. Auf was dürfen wir uns in Zukunft gefasst machen?
Jussi Adler-Olsen: Oh, Ihr könnt Euch auf noch viel mehr Wandel gefasst machen! Assad und Rose haben schöne Geschichten, wie auch Carl Mørck. Ich weiß natürlich, wie alles enden wird, das wusste ich von Anfang an. Das Ende bewahre ich in einem Schließfach auf, niemand außer einer Person kennt das Ende, auch meine Frau nicht.
Rose wird in Zukunft ihren Job etwas ernster nehmen. Bei Assad wird sich im nächsten Buch einiges verändern, aber am Ende wird er wieder zu sich selber finden. Ich werde die Geschichte um Assad etwas beschleunigen. Als ich anfing, über Assad zu schreiben, musste ich in seinen Kopf eindringen und dadurch ging etwas von der Magie verloren. Vielleicht wird es im siebten Fall zu einer entscheidenden Veränderung kommen, ich bin mir aber noch nicht ganz sicher. In vierzehn Tagen muss ich die Entscheidung treffen, denn wenn ich von Frankfurt zurückkehre, werde ich den fünften Fall beenden, ich habe noch fünf Kapitel zu schreiben. Dann werde ich vierzehn Tage nicht schreiben und dann weitermachen, denn diesmal kann ich nicht zwei Jahre warten. Ich werde den ganzen Winter über schreiben und werde im Sommer nach Deutschland kommen. Schließlich habe ich auch noch ein Familienleben. (lacht)

Booksection.de: Wie sieht es mit der Verfilmung von „Erbarmen“ aus?
Jussi Adler-Olsen: Ich möchte nicht so gern über den Film sprechen, weil ich dazu nicht die Erlaubnis habe. Er ist anders geworden, als wir ihn eigentlich machen wollten. Vielleicht kann ich Dir in einem Jahr mehr dazu sagen. Aber im Moment sind sie gerade am Filmen, heute drehen sie die Szenen auf der Fähre aus „Erbarmen“. Der Erfolg wird davon abhängen, wie sie die Geschichte umsetzen und die Personen beschreiben.

Booksection.de: In Deutschland hat „Das Alphabet Haus“ die Leser förmlich in zwei Lager geteilt: Die einen lieben es, die anderen hassen es. War das in Dänemark ähnlich?
Jussi Adler-Olsen: Ja, ich weiß das. In Dänemark war das schon auch ähnlich, „Das Alphabet Haus“ wurde dort wie ein Krimi gelesen, aber das ist es nicht, es ist ein Thriller, es hat alle Elemente eines Thrillers. Vielleicht würde ich es heute etwas anders schreiben, etwas leichter, etwas schneller und vielleicht auch etwas lustiger. Trotzdem liebe ich das Buch sehr. Es ist in zwei Teile unterteilt, die in ganz unterschiedlicher Art und unterschiedlichem Tempo geschrieben sind. Natürlich bin ich immer traurig, wenn jemand nicht mag, was ich schreibe, weil die Leute dann ihre Zeit vergeuden, um mich zu lesen. Ich bin traurig darüber, dass es Leser gibt, die das Buch nicht mögen, aber bisher konnte mir noch keiner von ihnen erklären, warum er es nicht mag.

Booksection.de: Wie kam es dazu, dass Du den Zweiten Weltkrieg als Rahmenhandlung für einen Roman wähltest, der sich mit dem Thema Schuld und Sühne beschäftigt?
Jussi Adler-Olsen: In erster Linie wählte ich es, weil ich erklären wollte, wie es möglich war, dass Psychopharmaka die Welt eroberte. Das ist für mich die eigentliche Story. Viele Patienten im Krankenhaus meines Vaters waren noch in Käfige eingesperrt. Ich bedauerte sie, weil sie krank waren und mein Vater half mir zu verstehen, dass unsere Gesellschaft sie wegsperrte, weil sie nicht wie wir waren. Dann überflutete Psychopharmaka Dänemark und es war sicherlich auch hilfreich, aber niemand wusste so richtig, wo es herkam. Klar, man wusste, dass manche Medikamente aus den USA kamen, denen deutsche Studien zugrunde lagen. Ich wusste, dass sie die Medikamente nicht in den KZs getestet hatten, warum sollten sie auch? Sie testeten sie an den Soldaten, die von der Ostfront zurückkehrten. Manche SS-Offiziere wurden mit der Spritze getötet, aber das war eine teure Angelegenheit und kostete viel zu viele Offiziere. Deshalb versuchten sie, sie wieder fit zu machen, damit sie an die Ostfront zurückkehren und dort auf „angemessene“ Weise getötet werden konnten.
Ich kann natürlich nicht sagen, dass es ganz genauso abgelaufen ist, aber ich habe viele Leute interviewt und besonders einer von ihnen erzählte mir unglaublich viel über das, was in diesen Anstalten während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. Das hat mich mehr und mehr davon überzeugt, dass es wahr ist und deshalb siedelte ich „Das Alphabet Haus“ in Freiburg an, denn wenn ich davon erzählen wollte, wie das Psychopharmaka Einzug in der Welt hielt, musste ich das in Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs tun.
Um daraus einen Thriller zu machen, musste ich die Leser in den Kopf einer Person blicken lassen, sie etwas über diese Person wissen lassen, was die selber nicht weiß. Der Leser weiß, dass etwas passieren wird, was diese Person noch nicht weiß und das macht ihm Angst. Somit ist alles da, was ein Thriller braucht – Suspense, die Stimmung von Ungewissheit und Angst.

Booksection.de: Könnte man sagen, dass „Das Alphabet Haus“ eine Verarbeitung Deiner eigenen Kindheit und Jugend in den Nervenheilanstalten Deines Vaters ist?
Jussi Adler-Olsen: Ja, absolut

Booksection.de: Warum mussten wir in Deutschland so lange auf die Veröffentlichung dieses Buches warten, das ja in Dänemark schon 1997 erschienen ist?
Jussi Adler-Olsen: Wir versuchten damals, einen Verlag in Deutschland zu finden, aber mein Agent glaubte, das Buch würde in Deutschland nicht ankommen, es wäre eher etwas für den lateinamerikanischen Raum. Er fand niemanden, der das Buch lesen wollte, es wurde in Deutschland nie gelesen. Vielleicht war es zu sehr schwarz und weiß, ich würde es heute vielleicht etwas mehr „grau“ machen. (lacht)

Booksection.de: Jussi, vielen Dank für dieses interessante und wie immer angenehme Gespräch!


















Ebenso wie Jussi Adler-Olsen darf auch ein Gespräch mit unserem Fantasy-Autor Nummer 1, Markus Heitz nicht fehlen. Dieses Jahr sprachen wir mit ihm über „Oneiros – Tödlicher Fluch“, der bereits im Mai bei Knaur. erschien, als auch über „Die Legende der Albae – Dunkle Pfade“, der im August bei Piper veröffentlicht wurde.

"Und plötzlich krachte eine Eingebung in die nächste."

Booksection.de: Wie kamst Du denn auf diese großartige Idee zu „Oneiros – Tödlicher Fluch“, die Du, wie gewohnt, eindrucksvoll umgesetzt hast?
Markus Heitz: Danke, danke für die Blumen!
Bei einem langweiligen Zombie-Film.
Unfassbar, oder?!
Mein Kreativbereich sprang an, anstatt weiter den Film zu verfolgen, und ich dachte: Zombies sind arme Gestalten. Theoretisch unsterblich, aber sie verwesen zu schnell...
Und da huschte mir durch den Kopf, dass es doch Menschen geben könnte, die NICHTS, aber auch gar nichts davon haben, unsterblich zu sein. Sie altern normal, werden krank, heilen nicht in Sekundenbruchteilen... sie werden einfach nur älter und älter und runzeln.
Und plötzlich krachte eine Eingebung in die nächste.
Danach folgte die Recherche in allen möglichen Themen, von Tod bis Thanatopraxie und Transplantation.

Booksection.de: „Oneiros“ wurde spannend, packend und ideenreich. Gibt es eine Fortsetzung?
Markus Heitz: Der Kniff bei ONEIROS ist -abgesehen von der Jagd etc.- auch, dass der Leser komplett vom Szenario und dem unbekannten Sujet der Todesschläfer überrascht wird.
In einer Fortsetzung wieder mit einem solchen Hammer aufzuwarten, das ist schwierig.
Es wäre demnach "nur" eine neue Geschichte mit Korff, Marna und Todesschläfern, die sich um irgendwas streiten oder etwas verhindern müssen oder Ähnliches. Es gäbe thematisch jedoch keine Steigerung, und ich weiß nicht, ob ich mir das ruinieren will.
Ich tendiere dazu, KEINE unmittelbare Fortsetzung zu schreiben.
Doch ich kann verkünden:
Nächstes Jahr im Spätsommer folgt ein Thriller bei Knaur von mir, mit einem extrem geringen Mystikanteil von... sagen wir.... 5%. Es können auch nur 2% sein.
Ansonsten ist es ein reinrassiger Thriller mit allem, was man so braucht.
Und in diesem Buch (sorry, aber Knaur muss Details selbst verkünden) ist Korff auch vertreten, in einer kleinen Nebenrolle und einem extrem starken Auftritt, der viel Laune beim Schreiben machte.

Booksection.de: Die Figuren sind erneut unverwechselbar - eine Deiner Stärken. Wie machst Du das nur immer wieder?!
Markus Heitz: Äh ... gute Frage.
Aber leider muss ich darauf antworten: Ich denke sie mir aus. Das klappt eben einfach so.

Booksection.de: Na gut. Wir bemängeln in unserer Kritik das Fehlen eines Ermittlers, warum hast Du Dich dagegen entschieden?
Markus Heitz: Der Ermittler kommt dann ja nächstes Jahr im Thriller. Nur für euch.
Nein, ein Ermittler wäre NOCH eine Figur in den diesem großen Szenario gewesen, und sie hätte den Roman auch nicht vorangebracht. Ich hätte sie nicht als Katalysator benötigt, sondern sie wäre eher bremsend tätig, da ich den Ermittler ständig staunen lassen müsste. Es hätte zu sehr von Todesschläfern abgelenkt.
Dazu noch die nicht ganz einfachen Themen von Thanatopraxie, Transplantation und mehr ... nein, das war meines Erachtens genau richtig so.

Booksection.de: Uns ist in „Die Legenden der Albae: Dunkle Pfade“ besonders die Figur ins Auge gesprungen, die Du homosexuell gezeichnet hast. Wie kam es denn dazu?
Markus Heitz: Du möchtest wissen, ob ich meine Orientierung erweitert oder gewechselt habe?
Well, well, ich war bei den Pfadfindern und bei der Bundeswehr, und ich kann sagen, dass ich nackte Männer nicht attraktiv finde... Das findet man sehr schnell bei den zwei Vereinen heraus.
Abgesehen davon bin ich ja nicht der Erste, der in einem Roman einen Protagonisten homosexuell auftreten lässt.
Die Geschichte lehrt uns, dass mit dem Thema zu anderen Zeiten anders umgegangen wurde, mal restriktiver, mal entspannter. Da Homosexualität nun mal Fakt und weder Krankheit noch mentale Verwirrung ist (auch wenn es diese merkwürdigen Behaupter immer noch gibt), warum sollte sie nicht in einem Fantasy-Roman Einzug halten?
Nicht belehrend oder besonders betont, sondern einfach als selbstverständlich. Das kann ich mir als Autor durchaus leisten. Solange es Gesetze gibt, die sogar verbieten, über Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit zu reden, ist das sogar subversiv. Ich kann wohl davon ausgehen, dass dieser Band zB in Russland nicht erscheint.

Booksection.de: Die Albae sind ja eigentlich die Bösen - zumindest in Deinen anderen Romanen. Ist das schwer, das während des Schreibens zu berücksichtigen oder sind sie in Deinem Schreibprozess wirklich diejenigen, als die sie sich selbst sehen?
Markus Heitz: Ich versuche bewusst, die Albae aus deren Sicht zu schreiben, sie als "normal" darzustellen.
Das gelingt meistens sogar recht gut, bis es zu Szenen kommt, wo der Leser sehr schnell merkt, dass es eben NICHT normal ist, wie der Alb mit seinem Gegenüber umgeht.
Es gab bereits einige Leser, die zu mir sagten: "Die Albae sind im 3. Band aber weniger böse, gemein ...."
Als ich ihnen dann aufzählte, was die Drillinge alles anstellen, die Nebenfiguren planen, wie perfide gelogen und betrogen wird ... da sah man das Erwachen in den Augen der Leser und die Erkenntnis: "Verdammt! Ich bin schon im Denken ebenfalls ein halber Alb!" Jaha, hütet euch!

Booksection.de: Die Elben kommen ja, wenn sie zum Tragen kommen, ja nicht gut weg...
Markus Heitz: Exakt. Ist eben immer eine Sichtweise.

Booksection.de: Also hast Du keinen Hass auf die schönen Spitzohren, die alles doch so wunderbar können? :)
Markus Heitz: Kein Stück. Meine Schwarzaugen sind mindestens genauso schön und können alles viel wunderbarer - und dabei auch noch böse.

Booksection.de: Tungdil ist in diesem Buch dann doch anders gezeichnet. War das Absicht?
Markus Heitz: Selbstverständlich. Hier ist die Schwarze Schlucht, die Verbannung, das Böse lauert überall, und selbst der Imperator aus StarWars wäre hier unten allenfalls der Nachwuchsstar.
Tungdil wird von den ihn umgebenden Kreaturen manipuliert, mit Worten, mit Gedanken, mit Tränken, mit Zaubern - wer würde sich da nicht verändern?
In unserer Welt reicht schon ein Besuch in DisneyWorld, und das Trauma ist perfekt. Wie muss da erst diese unterirdische Welt auf meinen Helden wirken? Schlimm, schlimm...

Booksection.de: Was gibt es Neues an der "Neue Bücher"-Front? Gibt es vielleicht etwas zu einem neuen Zwerge-Band zu sagen? :)
Markus Heitz: Die Bücher für 2013 sind bereits alle geschrieben. Der Nachschub kann zumindest rollen. Die Welt geht sowieso nicht unter. Ich habe noch Buchverträge bis 2015.

Konkret:
Im Februar 2013 kommt "Collector II - Operation Vade Retro" (Heyne) oder so ähnlich. Der Verlag muss sich da noch Gedanken zum Untertitel machen.
Im August 2013 kommt besagter Thriller, doch den soll Knaur erst offiziell beim Namen nennen, bevor ich mehr verrate.
... dann habe ich noch mehr vor, aber dazu kann ich leider noch nichts sagen.
Außer: Es bleibt spannend. Versprochen. Es sieht nur scheinbar nach einem fantasylosen 2013 aus. Dinge bewegen sich... und wenn es klappt, bin ich auf die Resonanz gespannt.

Im Januar 2014 ist Albae IV angesagt, danach mache ich mich an Zwerge V, und danach folgt der dritte Band aus der Abteilung "Drachenkaiser".
So ziehen die Jahre ins Land.

Sollte es mit dem Musical weiterhin zügig vorangehen (mein Job ist getan, die Arrangeure sind an der Reihe), könnte die Aufführung von TIMM THALER im 2. Halbjahr stattfinden.
Wann und wo, das muss die Musicalagentur dann verkünden. Ich erzähle es dann aber sofort weiter.

Booksection.de: Vielen Dank Markus. Es war wieder ein Fest.


















Bereits zum dritten Mal nach 2007 und 2009 traf sich unsere Redakteurin Kathrin Lang mit dem Neuseeländischen Autor Anthony McCarten zum Interview. Dieses Mal lag der Schwerpunkt auf dem im September 2012 bei Diogenes erschienen Roman „Ganz normale Helden“.

Anthony McCarten vor seinen Büchern

"Ich schreibe zu Beginn immer aus dem Standpunkt eines Unwissenden!"

Booksection.de: Neuseeland ist in diesem Jahr Gastland auf der Buchmesse in Frankfurt. Bist du stolz darauf, ein Vertreter dieses Ereignisses zu sein?
Anthony McCarten: Absolut, es ist eine tolle Möglichkeit für das weit entfernte Neuseeland, mit weltweiten Kulturen in Kontakt zu kommen. Und vor allem für neue Stimmen, um gehört zu werden.

Booksection.de: Kennst du deine neuseeländischen Kollegen, die hier in Frankfurt vertreten sind?
Anthony McCarten: 16 sind hierher gekommen und ich kenne vier davon. Ich gehe mittlerweile eben nur noch ein Mal im Jahr nach Neuseeland, weil ich seit 20 Jahren in London oder Los Angeles lebe.

Booksection.de: Als jemand, der viel reist und schon seit sehr vielen Jahren in London lebt: Wie stark ist deine Verbindung zu deinem Heimatland Neuseeland tatsächlich?
Anthony McCarten: Sie ist sehr stark, weil die ersten zwanzig Jahre des Lebens einen definieren und die Art und Weise wie man denkt stark von dem Heimatland geprägt ist. Wenn ich an Neuseeland denke, denke ich wie ein Kind daran. In diesem Sinne sehe ich mich selbst nicht unbedingt als neuseeländischen Autor, aber als ein Autor, der dort geboren wurde. Meine Geschichten sind auch nicht nur von Neuseeland geprägt und spielen nicht immer dort. Ich bin viel gereist und lebte an sehr vielen verschiedenen Orten, was dafür gesorgt hat, dass meine Geschichten zumeist in großen Städten spielen. Hauptsächlich wegen den menschlichen Phänomenen, die man in Megametropolen wie beispielsweise London beobachten oder erleben kann. Das, was dort passiert, hat mich in letzter Zeit stark beeinflusst und inspiriert. Es ist aber durchaus möglich, dass mein nächster Roman wieder in Neuseeland spielt. Unmöglich ist das nicht…

Booksection.de: Was ist in diesem Buchmessejahr anders für dich, als in den anderen?
Anthony McCarten: Ich habe deutlich mehr Aufmerksamkeit. In meinem Tagesprogramm war in den letzten Jahren immer sehr viel Platz für eine Tasse Tee zwischendurch. Dieses Jahr muss ich meinen Tee zu den Terminen mitbringen (lacht). Ich glaube jedoch nicht, dass das nur an Neuseeland liegt, sondern auch an dem Thema meines aktuellen Romans „Ganz normale Helden“. Ich hatte dieses Jahr die größte Lesereise meines Lebens. Ich war in 36 Städten in Deutschland, Schweiz und Österreich in nur 37 Tagen. Das war sehr intensiv, denn die Leute sind sehr an dem Thema der „digitalen Revolution“ interessiert.

Booksection.de: Dein neuer Roman “Ganz normale Helden” beschäftigt sich stark mit den neuen Medien und den neuen Möglichkeiten, die sie eröffnen. Es macht den Anschein, als ob dich die digitale Revolution stark beeinflusst. Wie ist dein persönlicher Standpunkt zu der aktuellen Entwicklung?
Anthony McCarten: Wenn ich ein Thema finde, das mich interessiert und über das ich noch nicht viel weiß, dann merke ich immer, dass das ein guter Ausgangspunkt ist, um einen Roman zu schreiben. Ich schreibe zu Beginn immer aus dem Standpunkt eines Unwissenden. Der Prozess des Schreibens bedeutet für mich dann die Entdeckung dieses Themas und die allmähliche Festlegung meines Standpunktes dazu.

Booksection.de: Wie also die Figuren in deinem Roman, die auch allmählich die Möglichkeiten der neuen Medien für sich entdecken…
Anthony McCarten: Genau. Der Vater, der das Medium „Internet“ ganz neu für sich entdeckt. Die Ehefrau, die eine intensive Beziehung zu jemandem eingeht, den sie nicht kennt und den sie auch nie kennenlernen wird. Und Jeff, der das Internet und ein Rollenspiel nutzt, um seine wahre Persönlichkeit zu entdecken. Das klingt verrückt, aber er versucht dies tatsächlich.

Booksection.de: Glaubst du wirklich, dass das verrückt ist?
Anthony McCarten: Es klingt zumindest erst mal verrückt für jemanden, der es nicht selbst probiert hat. Die meisten denken eben, dass ein Onlinespiel Fantasy ist. In dem Roman geht es um die Erforschung der Extreme der neuen Technologien. Es geht darum herauszufinden, welche Antworten die neuen Medien geben können und wo die Grenzen liegen. Und der Roman stellt die Frage, an welchem Punkt es für die Menschen gefährlich wird und wann eine Lösung gesucht werden muss.

Booksection.de: Hast du jemals „World of Warcraft“ oder ein vergleichbares Computerspiel gespielt?
Anthony McCarten: Ich habe mal “James Bond 007” gespielt, weil meine Kinder es über das Wochenende dagelassen haben. Also habe ich es mal ausprobiert, wurde jedoch sofort getötet. Meine Kinder können das sehr viel besser. Letztlich hat es drei Tage gedauert, bis ich ein Level geschafft habe. Aber das Spiel hatte mich gleich voll am Haken. Für drei Tage war ich vollkommen besessen. Die Emotionen, die ich in dieser Zeit hatte, waren sehr stark und sehr real. Das war der Beginn dieses Romans. Die Aufgabe bestand darin herauszufinden, wie das Internet unser Realitätskonzept herausfordert.

Booksection.de: Von den Inhalten für deine Romane abgesehen – wie beeinflusst dich die digitale Entwicklung in deiner Tätigkeit als Autor?
Anthony McCarten: Ich bin ein großer Fan von den neuen Technologien. Ich liebe es zu „googeln“ und ich schlage alles bei Wiki nach. Ich war auch einer der ersten, der sich dem Internet als neues Medium angenommen hat, als es erfunden und jedermann zugänglich gemacht wurde. „Ganz normale Helden“ ist also eine konstruktive Kritik an etwas, das ich liebe.

Booksection.de: Nach dem Lesen deines Romans, war ich mir nicht mehr sicher, welche Position du selbst zu den Möglichkeiten der neuen Medien hast…
Anthony McCarten: Ich bin es selbst nicht mehr. Ich hoffe, dass der Leser nach dem Roman ebenso zweigespalten ist und die guten ebenso wie die schlechten Seiten sehen kann. Was ich möchte ist, dass ein Gefühl dafür entsteht, dass das Internet fantastische neue Dimensionen eröffnen kann. Dass es aber auch das Potential dazu hat, uns sehr faul und unsozial zu machen. Mein Fazit nach dem Schreiben ist, dass Technologie als solche nicht gefährlich ist, sondern uns nur erlaubt Dinge zu tun, für die wir zuvor kein Medium hatten. In anderen Worten: Computer verwandeln uns nicht in etwas Schlechtes. Sie erlauben uns nur auf sehr leichtem Weg etwas zu sein, das wir immer sein wollten. Wenn man Menschen die Wahl zwischen einem schweren und einem leichten Weg gibt, werden sie immer den einfachen Weg wählen – das ist menschlich. Technologien bieten die Möglichkeit, viele Dinge sehr viel einfacher zu machen. Man muss nichts mehr riskieren und im Grunde auch nichts mehr lernen. Man verliert sehr leicht den Kontakt zu den Menschen.

Booksection.de: Man fühlt sich aber so, als hätte man den Kontakt.
Anthony McCarten: Ja, eine Illusion von Kontakt.

Booksection.de: Warum hast du dich einige Jahre nach „Superhero“ dazu entschlossen, in deinem neuen Roman erneut über die Familie Delpe zu berichten?
Anthony McCarten: Eigentlich wollte ich keine Fortsetzung schreiben. Ich hatte nur die Idee der Vater-Sohn-Geschichte. Das war ein langsamer Prozess, weil mir erst sehr spät klar geworden ist, dass ich ja die Delphys aus „Superhero“ dazu benutzen könnte. Als ich die Idee jedoch zum ersten Mal hatte, fand ich sie gleich sehr interessant, weil der Roman letztlich auch sehr stark davon profitiert. Die Ereignisse in „Superhero“ haben mir einen guten Grund dafür gegeben, weil die Familienmitglieder nicht miteinander sprechen. Leute fragen mich schon, ob es noch einen dritten Teil über die Familie geben wird. Für mich ist jedoch klar, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass es jedoch auf dieselbe Art und Weise passieren muss wie bei „Ganz normale Helden“.

Booksection.de: Herzlichen Glückwunsch auch zu der finalen Umsetzung des Films “Am Ende eines viel zu kurzen Tages” ? Wie gefällt dir das filmische Ergebnis?
Anthony McCarten: Vielen Dank! Mir gefällt der Film sehr gut. Als wir den Film zu Ende gebracht haben, hatte ich dieselben Emotionen wie damals, als ich den Roman beendet habe. Auf Gefühlsebene sind sich Film und Buch sehr ähnlich, aber in der Struktur sind sie sehr unterschiedlich. Meine Herangehensweise an Adaptionen ist die, dass ich davon ausgehe, dass die Überführung in ein neues Medium nur aus den Ruinen des Originals entstehen kann. Man muss das Original in lauter Einzelteile zerlegen und es dann komplett neu zusammenbauen.

Booksection.de: Dein neuer Roman “Brilliance” ist im englischsprachigen Raum bereits erschienen. Kannst du uns etwas über das Buch erzählen?
Anthony McCarten: “Brilliance” erzählt etwas über die Freundschaft zwischen dem ersten großen Banker J.P. Morgan und Thomas Edison, der die Glühbirne erfunden hat. Edison hat die Vision einer Welt, in der jeder die Birne in seinem Haus hat und Morgan hatte den Wunsch nach einer Welt, die nicht von Politikern regiert wird, sondern von lauter Bankern, die auf uns alle aufpassen und denen wir allen vertrauen können. Über hundert Jahre später wissen wir, wie gut diese Idee funktioniert hat… (lacht) Letztlich ist es eine Geschichte, die darüber erzählt, wie Ideale zerstört werden können.

Booksection.de: Wann wird es in Deutschland veröffentlicht?
Anthony McCarten: Wir wissen noch nicht, wann es veröffentlicht wird. Gerade haben wir die amerikanischen Rechte verkauft, was ich sehr spannend finde. „Brilliance“ erzählt nämlich eine sehr amerikanische Geschichte. Sie spielt in New York. In diesem Sinne geht die Geschichte nach Hause, was ich sehr spannend finde.

Booksection.de: An was arbeitest du gerade?
Anthony McCarten: Ich schreibe gerade eine Geschichte über das Lachen und über die Frage, warum wir die einzigen Lebewesen auf der Welt sind, die Lachen brauchen. Es geht dann viel darum, wie das Leben ohne das Lachen wäre. Ich habe den Roman schon bis zur Hälfte fertig. Möglicherweise wird Diogenes dieses Buch noch vor „Brilliance“ im deutschsprachigen Raum veröffentlichen.

Booksection.de: Lieber Anthony, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!


















Zum ersten Mal traf Booksection.de die Autorin E.L. Greiff, die in Frankfurt ihren Roman „Zwölf Wasser – Zu den Anfängen“ vorstellte.

"Manchmal sind meine Figuren klüger als ich."

Booksection.de: Im Klappentext erfahren wir das „Zwölf Wasser – Zu den Anfängen“ Ihr Romandebüt ist. Ist das Schreiben tatsächlich eine neue Leidenschaft von Ihnen?
E.L. Greiff: Nein überhaupt nicht, ich habe schon immer geschrieben. Wenn man es ehrlich nimmt, habe ich beruflich nie etwas anderes gemacht. Natürlich in verschiedenen Bereichen, aber die Arbeit mit Texten war dabei immer zentral.

Booksection.de: In wie weit hat Ihnen Ihre Erfahrung vom Theater beim Schreiben geholfen?
E.L. Greiff: Es ging auch dort um Sprache, wobei das Schreiben am Theater etwas sehr szenisches hat und dort die Dialoge im Vordergrund stehen. Ich habe am Theater auch viel mit den Schauspielern mündlich am Text gearbeitet. Wenn ich schreibe, höre ich auch was ich schreibe, weshalb ich nebenbei beispielsweise keine Musik hören kann. Ich brauche totale Stille, damit ich die Figuren sprechen hören kann. Ich denke, dass das sehr vom Theater beeinflusst ist.

Booksection.de: „Zwölf Wasser – Zu den Anfängen“ ist, finde ich, ein ungeheuer kraftvolles Buch geworden. Wann ist für Sie eine Geschichte eine gute Geschichte?
E.L. Greiff: Wenn die Geschichte nicht einfach nur Plot ist. Eine gute Geschichte funktioniert für mich, wenn sie emotional angebunden ist. Kafkas „Verwandlung“ wäre so ein Beispiel. Da gibt es im Grunde keine Handlung, sondern nur eine sehr innere Geschichte. Ich brauche also keine Handlung, die immer weitertreibt. Die Spannung kann aus ganz vielen verschiedenen Richtungen kommen. Letztlich ist eine gute Geschichte für mich eine, die etwas Neues erzählt oder einem einen neuen Aspekt nahebringt. Als Leserin bin ich selbst immer auf der Suche nach einer Horizonterweiterung. Das kann auch nur ein kleiner Blick auf ein kleines Detail sein, das letztlich das Besondere an der Geschichte ausmacht.

Booksection.de: Das Fantasy-Genre ist ein heiß umkämpfter Markt mit vielen, teils inflationären, Neuerscheinungen. Hatten Sie Angst mit Ihrer Geschichte unterzugehen?
E.L. Greiff: Eigentlich nicht, aber natürlich war es ein Wagnis, das ist klar. „12 Wasser“ ist eben nicht so leicht zu lesen und fordert den Leser. Dass man in der Masse der Neuerscheinungen nicht untergeht, ist ja außerdem schon kaum mehr möglich. Im Grunde gehen wir alle unter – außer vielleicht die absoluten Toptitel. „12 Wasser“ unterscheidet sich jedoch von anderen Büchern im Genre, dass es seine Leser hoffentlich findet. Das Buch hat sich bislang auch ganz gut verkauft und der Verlag hat mich gut unterstützt.

Booksection.de: In der High Fantasy ist es schwer „das Rad“ neu zu erfinden. Haben Sie bestimmte Inspirationsquellen oder haben Sie bewusst versucht sich davon frei zu machen?
E.L. Greiff: Gar nicht, um ehrlich zu sein. Natürlich lese ich auch Fantasy, aber eher Klassiker und selten aktuelle Veröffentlichungen. Gerne mache ich auch Ausflüge in das Horrorgenre. Da lese ich beispielsweise sehr gerne King (Anmerkung der Redaktion: Stephen King).
Was mich als Leserin weniger interessiert sind Bücher aus den Bereichen „All-Age“ oder „Young Adult“, wo sich ja sehr viel im Fantasygenre abspielt.
 
Booksection.de: Einige Ihrer Kollegen spiegeln in ihren Geschichten auch aktuelle Probleme der wirklichen Welt. Schon heute ist nicht nur in Afrika der Zugang zum Trinkwasser eine Frage des Überlebens. War das eine Problematik, die Sie beim Schreiben begleitet hat?
E.L. Greiff: Das Interessante an der Fantasy, insbesondere der High-Fantasy, ist ja, dass sie das Menschliche verdeutlicht, indem sie es verfremdet. Das Alltägliche bekommt ein fantastisches Aussehen. Letztlich sind es jedoch menschliche Probleme, die hinter einer Maske verborgen liegen. Bei meinem Buch ist das auch so. Die Wassergeschichte hatte einen ganz realen Aufhänger. Ich habe mich über den vielen Kalk im Wasser geärgert und fand das plötzlich wahnsinnig arrogant. Ich mache den Hahn auf und es kommt Wasser heraus und ich hatte nichts anderes zu tun, als mich darüber zu ärgern, dass es nicht perfekt ist. Im Wasser ist also Kalk gelöst – was, wenn da noch viel mehr aufgelöst ist? Wenn das Wasser von allem, was es durchströmt, etwas mitnimmt? Das war der ausschlaggebende Punkt, er eine Funke, der die Geschichte entzündet hat. Letztlich sollte „12 Wasser“ kein politisch korrektes Buch werden, das war nicht mein Ziel. Aber meine Inspiration ist immer die Realität.

Booksection.de: War es Ihnen wichtig, den gesellschaftskritischen Aspekt in Ihrem Buch verankert zu haben?
E.L. Greiff: Es war mir wichtig, weil ich in dieser Gesellschaft lebe und weil ich mit offenen Augen und Ohren durch die Welt laufe. Da fließt das eben mit ein, aber didaktisch möchte ich nicht sein. Ich möchte viel lieber gut unterhalten. Wenn der Leser aber anfängt, durch meine Geschichte über die Trinkwasserproblematik nachzudenken, ist das natürlich toll.

Booksection.de: Sie knüpfen in Ihrer Geschichte die Attribute der Menschlichkeit an den Stoff des Lebens - das Wasser. Was steckt für Sie persönlich hinter dieser Verbindung?
E.L. Greiff: Das Buch stellt die Frage nach „Was ist der Mensch und was macht uns aus?“. Das war gewissermaßen der zweite Funke der Initialzündung zu „12 Wasser“ - einmal das Wasser und als zweites die Auseinandersetzung mit der Menschlichkeit: Ich habe Nachrichten geguckt, jemand war angeklagt wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Das hört man so und es rauscht an einem vorbei. Als ich darüber nachgedacht habe, fand ich es jedoch irre, denn eigentlich ist Menschlichkeit etwas sehr Abstraktes. Wie kann ich mich daran vergehen? Was ist Menschlichkeit denn nun genau? Die Verknüpfung mit dem Wasserthema lag sehr nahe, hat aber dennoch sehr lange gedauert.

Booksection.de:
Wie lange haben Sie an der Geschichte gearbeitet?
E.L. Greiff: Sehr lange – insgesamt so an die fünf Jahre, inklusive des Schreibens am ersten Band. Jetzt wird es etwas schneller gehen, weil ich nun alles geplottet habe. Ich habe jedoch auch immer wieder viel verworfen, zum Teil ganze Stränge, weil es nicht mehr gepasst hat.

Booksection.de: Wie wurde aus den beiden Ideen für die Geschichte letztlich ein Fantasyroman?
E.L. Greiff: Weil alle Fragen, die ich mir gestellt habe, sehr gut in einem Fantasybuch zu untersuchen sind. Es dreht sich ja auch viel darum, wie eine Welt aussehen würde, aus der beispielsweise die Freundschaft komplett verschwunden ist und was der Mensch dadurch verliert. Die Frage „Wer sind wir?“ wollte ich nicht in einem Essay beantworten. Darauf gibt es letztlich ja auch keine Antwort – eigentlich kann man nur die Frage stellen und nichts anderes ist das Buch.

Booksection.de: Am Schluss kann darauf ja auch jeder seine eigenen Antworten finden…
E.L. Greiff: Ja, jeder kann darüber nachdenken, was ihn selbst ausmacht. Wenn man sich aber vorstellt, alle Eigenschaften zu haben, die den Quellen zugeordnet sind – dann wäre man heilig! Niemand hat all diese positiven Eigenschaften, wir sind schließlich Menschen. Wichtig ist auch die Auseinandersetzung mit den negativen Eigenschaften. Ich persönlich versuche das zumindest immer mal wieder. Man muss nicht perfekt sein. Wenn man sich auch im Alltag immer wieder bemüht, im besten Sinne „menschlich“ zu handeln, ist schon viel gewonnen.

Booksection.de: „Zwölf Wasser – Zu den Anfängen“ hat nicht nur eine interessante Grundidee sondern auch starke Figuren, denen man gerne folgt. Wie haben Sie Ihre Charaktere entwickelt?
E.L. Greiff: Manche Figuren kommen von selbst und andere sind konstruiert, weil ich bestimmt Aspekte erzählen möchte und dafür Figuren brauche, die bestimmte Eigenschaften haben, damit die Geschichte weitergeht.
Felt beispielsweise hat eine Beziehung und das ist auch sein Problem, denn die Helden machen sich auf die Heldenreise, doch Felt hat eine Familie: Zwei Kinder und Estrid, seine Ehefrau. Geplant war das Übliche: Der Held macht sich auf den Weg und sagt „Auf Wiedersehen, mein Schatz, ich bin in zehn Jahren wieder da!“. Normal wäre, dass Estrid nun weiterhin Hausfrau ist und wartet. Sie verschwindet also aus der Handlung. Sie stand jedoch da und hat einfach „Nein!“ gesagt. Das war wirklich irre, hat mich völlig überrascht. Estrid hat sich Felt angeschlossen, hat die Heimat verlassen und plötzlich hatte die Figur eine ganz neue Bedeutung für die Geschichte. An dem Punkt musste ich einfach sagen: „Okay Estrid, wir machen das nun so wie du es willst!“. Manchmal sind meine Figuren klüger als ich und ich muss ihnen folgen. Aber man muss auch aufpassen, dass sie kein zu starkes Eigenleben entwickeln. Das ist im Grunde wie am Theater, da möchten die Schauspieler auch immer ganz vorne an der Rampe stehen und möglichst viel Text sprechen.

Booksection.de: Ist eine Figur Ihnen besonders nahe?
E.L. Greiff: Immer mal wieder einen andere – zur Zeit Belendra. Sie hat im ersten Band nur einen kleinen Auftritt, aber das ändert sich im zweiten Band. Da wird sie viel mit Estrid zu tun haben. Das zu Schreiben hat sehr viel Spaß gemacht.

Booksection.de: „Zwölf Wasser“ wird eine Trilogie werden – was dürfen wir von den beiden noch folgenden Bänden erwarten?
E.L. Greiff: Band Zwei wird schneller werden als der erste Band, da schon viel etabliert ist, kann ich nun die Handlung beschleunigen. Stilistisch wird sich aber wenig ändern. Die anderen Reisegruppen werden stärker in den Fokus rücken – alle müssen wirklich schlimme Dinge durchleiden. Aber, wie es so ist bei den Menschen: je tragischer es wird, desto romantischer werden sie … es gibt Romanzen angesichts des Schreckens! Und Band Drei? Das müssen Sie mich in einem Jahr noch mal fragen ...

Booksection.de: Sehr geehrte Frau Greiff, vielen Dank für das Gespräch.
E.L. Greiff: Ich danke Ihnen für die interessanten Fragen, hat mir Spaß gemacht!


















Im Booksection.de-Interview: Der US-amerikanische Autor Patrick Ness und Illustrator Jim Kay aus Großbritannien. Mit ihnen sprachen wir über das frisch ausgezeichnete Jugendbuch "Sieben Minuten nach Mitternacht".

"Der beste Weg, ein Buch zu schreiben, egal welches, ist, so zu tun, als würde es niemand lesen."

Booksection.de: Die Idee zu “Sieben Minuten nach Mitternacht“ stammt ursprünglich von der britischen Schriftstellerin Siobhan Dowd, die 2007 ihrem schweren Krebsleiden erlag. War es da schwierig dem Druck standzuhalten, eine Geschichte zu schreiben, deren Idee jemand hatte, der nicht mehr da ist?
Patrick Ness: Ich dachte über etwas anderes nach. Ich war besorgt, dass die Geschichte nicht eigenständig wachsen konnte, weil ich daran glaube, dass eine Geschichte nur dann eine Chance hat, wirklich gut zu werden. Aber ihre Geschichte war so stark und lebendig, dass ich begann, Ideen zu entwickeln, die sich fast unverzüglich verselbständigten. Und dann weißt du, wie eine Geschichte Leben und Dynamik bekommt. Für mich stellte sich die Frage nicht, hauptsächlich, weil ihre Idee an sich schon so gut war. Es fühlte sich eher wie ein lustiges Spiel an, das wir spielten.

Booksection.de: Du hast bereits unter anderem einen Costa Children’s Book Award gewonnen. Da kommen ja auch Erwartungen auf Dich als Autor zu. Ist es schwierig, dem entgegenzuwirken und dem schlussendlich auch gerecht zu werden?
Patrick Ness: Der beste Weg, ein Buch zu schreiben, egal welches, ist, so zu tun, als würde es niemand lesen. Tust du das, kannst du frei schreiben und die Geschichte dorthin ziehen lassen, wohin sie gehen muss. Manchmal kann das den Erfolg ein wenig schwieriger machen, aber ehrlich: Das ist nichts, worüber ich mich jemals beschweren würde. Ich mache es, wie ich es immer gemacht habe: Ich versuche, so ehrlich wie möglich eine Geschichte zu erzählen ohne daran zu denken, was die Leute denken. Manchmal ist das schwerer, manchmal einfacher, aber so solltest du es tun.

Booksection.de: Auf der Frankfurter Buchmesse wurde dieses Buch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 ausgezeichnet. "’Sieben Minuten nach Mitternacht’ ist ein unglaublich beeindruckendes Buch. Es handelt von der Verschlossenheit und Zerbrechlichkeit eines Jungen, der einen möglichen Verlust nicht akzeptieren will", urteilt die Jugendjury über ihr Preisbuch 2012. Hast Du diesen großen Erfolg erwartet?
Patrick Ness: Auf keinen Fall! Das kann man nie. Wenn du es doch tust, endest du damit, dass du Bücher wegen der falschen Gründe schreibst und du wirst nie wieder so gut sein. Es ist schön, aber ich zähle niemals auf den Erfolg.

Booksection.de: Was sind Deine kommenden Projekte?
Patrick Ness: Ich habe meinen ersten Erwachsenenroman seit zehn Jahren fertig geschrieben, der 2013 heraus kommt. Ein neues Jugendbuch ist ebenfalls für Ende des Jahres geplant. Bitte Daumen drücken, damit beides funktioniert.

Booksection.de: Tun wir. Herzlichen Dank für das Interview!

Booksection.de: Wie schwierig ist es, Bilder zu einer Geschichte zu erschaffen, die man selbst nicht erzählt?
Jim Kay: Das kann sehr schwierig sein, weil, sobald du die Geschichte gelesen hast, du sofort die Ideen dazu hast, wie die Figuren aussehen könnten oder wie die Landschaften sind, es aber natürlich nicht den Vorstellungen entsprechen könnte, die der Autor oder der Leser hat. Ich versuche dabei beide zu erreichen, den Autor und mich selbst, versuche aber nicht zu sehr an den Leser zu denken, der das Buch lesen wird, weil du hier niemals jeden zufriedenstellen wirst. Wenn du das versuchst, wirklich jeden zu erreichen und zufriedenzustellen, scheint es so, als verlieren deine Bilder etwas und ich wollte nicht, dass meine Bilder langweilig werden oder den Eindruck erwecken, dass sie auf Nummer sicher gehen. Es gibt natürlich Wege, Bilder zu erschaffen, die sicherstellen, dass sie auf den Leser sympathisch wirken. Beispiel: Ich zeichnete niemals das Gesicht von Conor, weil wir wollten, dass der Leser sich sein eigenes Bild davon macht, wie Conor aussehen könnte. Letztlich musst du deine eigene, emotionale Antwort in den Bildern finden und versuchen ehrlich und wahrhaftig mit den Bestrebungen des Autors umzugehen.

Booksection.de: Deine Bilder sind wirklich großartig! Hast Du Dich mit Patrick vorher über die Atmosphäre der Geschichte und Deinen kommenden Bildern unterhalten oder hast Du alles selbst entschieden?
Jim Kay: Vielen Dank! Nun, das Lustige ist, dass ich Patrick erst getroffen habe, als das Buch bereits veröffentlicht war. Wir arbeiteten zusammen, in dem uns über den künstlerische Leiter, Ben Norland, austauschten. Der künstlerische Leiter ist sehr wichtig, weil er ein Auge darauf hat, wie das Endprodukt aussehen wird, während ich ja nur auf meine kleinen Bilder fokussiert bin. Also glaube ich, dass die Atmosphäre durch mich erschaffen wurde. Ben und Patrick haben sich durch das visuelle Design des Buches hineingefühlt. Es ist gefährlich, das Tempo und den Rhythmus der Bilder in ein Buch einzuarbeiten, ein guter künstlerischer Leiter stellt hier aber sicher, dass eine gute Balance geschaffen wird. Und natürlich stoppt ein künstlerischer Leiter jedwede Diskussion zwischen uns.

Booksection.de: Was sind Deine nächsten Projekte?
Jim Kay: Ich wollte als nächstes auf jeden Fall etwas komplett anderes machen, als meine Bilder in “Sieben Minuten nach Mitternacht”. Also arbeitete ich an einem Pop-Up-Buch über Spinnen und Käfer für kleine Kinder („Bugs“ von Dr. George McGavin).
Ich habe auch gerade damit begonnen, an einer großen Ausstellung zu arbeiten, die im Victoria and Albert Museum in London nächstes Jahr ausgestellt werden soll. Das ist etwas, was ich zuvor noch nie getan habe und ich bin sehr nervös. Eine Gruppe von verschiedenen Künstlern zeichnet ein Buch in Form einer Ausstellung, die es den Besuchern ermöglicht, durch die Geschichte zu wandern. Es wird ein großes Ding werden, was ein wenig an ein religiöses Altarbild erinnert, bedeckt mit goldenen Blättern, dekoriert mit Öl-Gemälden.
Ich glaube nach „Sieben Minuten nach Mitternacht“ haben die Menschen erwartet, dass ich etwas ähnliches machen werden, aber ich mag Patricks Geschichte so sehr, es würde sich falsch anfühlen, die Geschichte von jemand anderem in der gleichen Art und Weise zu illustrieren. Ich hoffe, dass das Sinn macht?

Booksection.de: Auf jeden Fall! Vielen Dank für das Interview, Jim!


















Wir sind jedes Mal sehr begeistert, wenn wir mit Zoran Drvenkar sprechen. Nicht nur, weil er unglaublich gute Bücher in ganz unterschiedlichen Gebieten veröffentlicht, sondern auch, weil ein Gespräch mit ihm unheimlich viel Spaß macht.

"Das ist mein Job. Herausfordern."

Booksection.de: Auf Deiner Homepage ist zu lesen, dass die Idee zu DER LETZTE ENGEL jahrelang in der Schublade "herumlag". Wie ist denn DER LETZTE ENGEL entstanden?
Zoran Drvenkar: „Der letzte Engel“ war eigentlich eine Kurzgeschichte. Simple Idee schnell runtergeschrieben: Ein Junge bekommt eine Mail, die ihm mit Bedauern mitteilt, dass er nach dem Aufwachen tot sein wird. Der Junge lacht darüber, wird aber etwas nervös, versucht die Nacht durchzumachen und schläft doch ein. Als er aufwacht ist alles wie immer, bis er im Bad vor dem Spiegel steht und die Flügel auf seinem Rücken sieht. Tara!
Ich fand, das war ein guter Einstieg für eine Geschichte. Alle meine Bücher haben so einen Zünder, der meistens aus zehn Seiten besteht und sich irgendwann in einen Roman verwandelt. Ich hatte am Anfang nicht einmal einen Namen für den Jungen. Irgendwann begriff ich, wie müde der Kerl am Tag und wie munter er in der Nacht ist und so kam er zu dem Namen Motte. Anfangs sollte es eine kleine Komödie sein - Motte ruft seinen besten Kumpel an, die beiden ziehen los und erleben Abenteuer, die man so erlebt, wenn man Flügel auf dem Rücken hat. Daraus wurde ja was ganz anderes. Zum Glück machen meine Geschichte, was sie wollen. Manchmal verbinden sie sich auch.
Drei Jahre nachdem ich die ersten Seiten von „Der letzte Engel“ geschrieben hatte, schrieb ich über einen Mann (Esko) und ein Mädchen (Mona), die auf einer Tankstelle halten und einem toten Mädchen begegnen, das ihnen den Weg weist. Es gab keinen Zusammenhang zwischen dem Engel und diesen Leuten. Der Zusammenhang ergab sich erst, als ich die Tankstellenszene vor die Motteszene packte und einen Zusammenhang herstellte. Ich verband die Geschichten, ließ Mona und Esko nach Motte suchen und hatte dabei zwar keine Ahnung, was sie von ihm wollten, aber ich begriff sehr schnell, dass es mehr als nur eine Feder aus seinem Gefieder war.
Als ich dann vor zwei Jahren einen neuen Verlag suchte, warf ich diese zwei Kapitel in einen Topf und sagte: „Leute, das wird einmal ein Roman, was haltet ihr davon?“ Der Verlag biss an und ich begann die Welt des letzten Engels zu erforschen. Planlos, chaotisch, unermüdlich.

Booksection.de: Die Art dieser "360 Grad-Erzählung" ist unglaublich faszinierend. Benutzt Du dieses Stilmittel oft?
Zoran Drvenkar: Ich drehe mich gerne, aber viel lieber verdrehe ich dem Leser den Kopf, lasse ihn unerwartet an einer Ecke stehen, um ihn kurz darauf auf 2000 Meter Höhe zu bringen - ohne Netz, ohne Fallschirm. Mir ist wichtig, dass mir der Leser ganz und gar vertraut. Ich würde das am liebsten vor jeden Romananfang schreiben: „Vertrau mir. Beste Grüße, dein Autor.“ Mich wundert es immer wieder, dass sich so wenige Schreiber in unsere Zeit aller Genres bedienen und nur aus einem Topf naschen. Es ist ein höllischer Spaß. Wir wissen so viel, wir haben so viel gelesen, gesehen und gehört. All das in die Arbeit einzubringen, das ist für mich Schreiben. Sicher lehnt sich der Leser gerne zurück und freut sich auf einen gestandenen Krimi, wo mal wieder jemand mordend durch die Straßen zieht, weil ihm vor vierzig Jahren die Oma auf den Fuß getreten ist. Aber ich denke, der Leser wird auch gerne herausgefordert. Das ist mein Job. Herausfordern.

Booksection.de: Wie viele Fortsetzungen wird es geben?
Zoran Drvenkar: Wenn ich das wüsste, würde ich ruhiger schlafen. Nein, das war eine Lüge, ich schlafe prima, aber ich habe keine Ahnung, wie weit der Engel noch gehen muss, bevor ich mit ihm fertig bin. Ich kenne das Finale und wichtige Stationen, ich weiß nur nicht, wer von meinen Charakteren mich dorthin führen wird.

Booksection.de: Was ist für Dich der Unterschied zwischen einem Fantasy-Jugendbuch und einem Thriller?
Zoran Drvenkar: Keiner. Ein Buch ist ein Buch, es kommt immer darauf an, was der Leser daraus macht. Wenn ich schreibe, schreibe ich für niemanden. Ich schreibe, weil ich was zu erzählen habe, weil mich Gedanken herumtreiben und nicht ruhen lassen. Und weil ich was zu sagen habe. Ein Stempel kommt immer auf die Bücher, das ist gut für den Verkauf. Die Verlage haben es da nicht leicht mit mir, weil ich Stempel nicht mag und ungreifbar sein will. Du hättest mal ihre Gesichter sehen müssen, als sie die ersten 100 Seiten vom Engel hatte. Meine Lektorin ist 800 Kilometer angereist, um mich zu fragen, wohin das alles führen soll. Unberechenbarkeit ist eine gute Waffe. Sie wird nie stumpf. Sie hält wach. Und sie kostet den Autor eine Menge Nerven, weil er nie weiß, ob er es packen wird einen Sinn in dieser verfluchte Unberechenbarkeit zu bringen.
„Der letzte Engel“ ist so sehr ein Fantasy-Jugendbuch wie „Du“ ein Thriller ist. In „Du“ sind fünf Sechzehnjährige die Hauptpersonen. Das müsste ein Jugendbuch sein, wenn da nicht noch ein durchgeknallter Typ rumlaufen würde, der wie nebenbei ein ganzes Dorf vernichtet. Wenn Du Dir das Ensemble in „Der letzte Engel“ ansiehst, hast du eine witzige Mannschaft an Genres - historischer und phantastischer Roman geben sich die Hand, der Thriller schubst sie zur Seite und lässt das Blut gefrieren, dann ist da noch die Komödie, die es nicht lässt und den Leser zum Grinsen bringt, und natürlich groß und breit im Tor die stinknormale Geschichte eine Freundschaft, die keinen Ball durchlässt. Es kommt immer auf den Blickwinkel des Betrachters an. Als ich meinen Verleger auf der Messe traf, hat er die Faust in die Luft gestreckt und gesagt: „Endlich haben wir Belletristik im Programm.“
So kann man „Der letzte Engel“ auch nennen.

Booksection.de: Die Freundschaft zwischen Motte und Lars ist großartig. Gibt es da ein Erfolgsrezept?
Zoran Drvenkar: Wahre Freundschaft und Liebe zu den Freunden ist da das einzige Rezept. Wenn Du Dir alle meine Bücher anschaust, wird Dir auffallen, dass Freundschaft immer ein Thema ist. Ob zwischen Männern, Frauen, Jungs oder Mädchen. Es ist die wärmende Ader, die durch alle Seiten läuft. Das kleine Stück Hoffnung, dass mit der Freundschaft alles gut geht.
Booksection.de: Hast Du in DER LETZTE ENGEL oder überhaupt in Deinen Büchern oftmals Lieblingsfiguren, Figuren, die Dir näher stehen als andere?
Zoran Drvenkar: Ich liebe sie alle. Die dunklen Charaktere, weil ich immer hoffe, dass sie etwas Licht finden. Die hellen Charaktere, weil sie mich mit ihrem Licht erleuchten. Und jetzt klinge ich schon wie ein Irrer, der jeden Sonntag mit seinen Charakteren am See sitzt und Enten füttert. Hand aufs Herz: ich liebe sie alle und bin ihnen dankbar, dass sie sich zeigen und eine Geschichte zu erzählen haben. Auch wenn diese Geschichten oft wehtun, so kann ich das wegstecken. Ich bin ja keine zarte Seele.

Booksection.de: Hast Du bei diesem Buch (oder generell) ein methodisches Vorgehen?
Zoran Drvenkar: Nicht wirklich. Ich entdecke die Geschichte beinahe so, wie der Leser sie entdeckt, wenn er sie das erste Mal liest. Komme ich an eine Sackgasse, schaue ich aus einer anderen Perspektive, wie es weitergehen könnte. Manchmal wechsele ich die Zeit, weil es an der Zeit ist die Zeit zu wechseln. (Was für ein Satz!) Und manchmal fahre ich den Computer herunter und meckere ein paar Tage vor mich hin, weil die Geschichte zu sperrig ist und ich nicht weiß, wohin sie will. An solchen Tagen denke ich: Werde clever, mach einen Plan, mach es dir leichter. Aber insgeheim weiß ich, wenn ich einen Plan hätte, wenn ich gnadenlos clever wäre, würde die Überraschung sich in heiße Luft auflösen, dass Schreiben würde nicht denselben Spaß machen und ich könnte den Leser nicht mehr so verführen. Also Blut und Schweiß und etwas Kurzsichtigkeit müssen sein. Am Ende ist es wichtig, den Überblick zu haben. Am Ende ist wichtig, sich seiner sicher zu sein, dann klappt das schon.

Booksection.de: Was sind Deine kommenden Projekte?
Zoran Drvenkar: Es sind ihrer viele. Bei einem Kaffee habe ich vor einem Jahr meiner Lektorin gegenüber ein paar Projekte erwähnt, die schon am Laufen sind. Ich glaube, ihr schwirrt noch immer der Kopf. Es wäre gut, zehn Zorans zu haben, die hier und da wohnen und vor sich hinschreiben. Dieser eine Zoran packt das alles nicht, aber er meckert nicht, er fragt sich nur, wann er das alles schreiben soll.
In Planung sind der vierte Teil der Kurzhosengang; eine Fortsetzung zu „Du“ und die Vorgeschichte zu „Du“, die elegant „Die süßen Schlampen“ heißen wird; der nächste letzte Engel ist schon dabei, die Flügel auszubreiten; zwei Drehbücher stehen an; ein Gedichtband mit Photos; ein dunkler Roman über den ich nichts sagen darf; ein Bilderbuch mit Ole Könnecke und der zweite Teil von JanBenMax, der „Die tollkühne Rückkehr von JanBenMax“ heißt und im Frühjahr 2013.
Dies und vieles mehr bald auf Deinem Tisch.

Booksection.de: Vielen Dank für das Interview, Zoran. Es war wie immer ein Fest!


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