Interview mit Frank Goldammer

"Daran muss man doch als guter Mensch verzweifeln!"

Frank Goldammer erzählt im Interview mit uns über die ungebrochene Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich, die Kunst sich in die Vergangenheit hineinzuversetzen und wie schwer es ist, immer "Der Gute" sein zu wollen.

Es ist Ihnen sowohl in "Der Angstmann" als auch in "Tausend Teufel" unglaublich gut gelungen, die Stimmung und Atmosphäre der jeweiligen Zeit einzufangen. Wie intensiv mussten Sie dazu recherchieren und was waren Ihre Quellen? Es gibt ja immer noch sehr viele Augenzeugenberichte in Büchern oder Mediendateien, auch wenn es kaum noch Augenzeugen gibt. Ich habe auch meine eigenen Großeltern noch, die zwar nicht in Dresden gelebt haben aber trotzdem wissen, wie es damals war. Ich habe eine kleine "Chronik der Kriminalfälle" aus unserer Stadt gefunden, in der teilweise ganz erschreckende Fälle geschildert werden, bei denen man gar nicht glauben kann, dass die wirklich passiert sind, vermutlich sogar vereinzelte Fälle von Kannibalismus. Wenn man damals auf dem Schwarzmarkt ein Stück Fleisch bekommen hat, war es besser nicht zu fragen, was das war. Es könnte eine Katze gewesen sein aber auch etwas viel Schlimmeres. Die Leute haben sich auch noch im Jahr 47 wegen einem Sack Kartoffeln die Schädel eingeschlagen. Solche Details sammle ich für mich, und wenn ich behaupten kann, ein Talent zu haben dann das, dass ich mich gut in Situationen hineinversetzen kann, und das verwende ich für meine Bücher.

Beim "Angstmann" ist es ja auch so, dass man kaum glauben kann, dass der Fall, den Sie dort schildern, tatsächlich hätte stattfinden können. Ja, wenn wir gerade beim "Angstmann" sind, in dem Zusammenhang hatte ich ein ganz tolles Erlebnis bei der Buchpremiere in Dresden. Ich hatte damals schon Angst, welche Reaktionen möglicherweise kommen könnten, weil ich ja von den Bombardierungen erzählt habe. Es gab auch Kritiker, die mir gesagt haben, Serienmorde hätte es damals doch gar nicht gegeben. Nach meiner Lesung in Dresden kam eine ganz alte Dame auf mich zu, die sich erstmal bei mir bedankte, weil sie das Buch ganz toll fand. Sie war in der Bombennacht selber dabei und fand es gut, dass man die Menschen noch mal daran erinnert, und wenn es dann eben in einem Kriminalroman sei. Dann hat sie mich gefragt, ob ich mich an dem echten Mörder orientiert hätte, denn offenbar hat es in den Nachkriegsjahren tatsächlich jemanden gegeben, der nachts Frauen in die Ruinen gelockt und dann umgebracht hat.

Gerade die Passagen, in denen Sie von der brisanten Nahrungsmittelknappheit, dem verzweifelten Kampf um Nahrung und Feuerholz und dem Mangel an den nötigsten Medikamenten berichten, sind besonders eindringlich. Wie ist es Ihnen gelungen, das derart authentisch zu schildern? Ich weiß nicht, wie ich das mache, ich fühle mich, wie gesagt, sehr hineinversetzt. Man sagt immer so leicht: "Die hatten halt nichts zu essen.", und tut es damit ab. Aber wenn man mal versucht, sich ganz ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was das tatsächlich bedeutet, wenn man sich wirklich in diese Lage hineinversetzt, dann bekommt das eine andere Bedeutung. Ich bin letzte Woche wegen des Sturms in Hamburg festgesessen und kam dort nicht weg. Letztendlich hat dann doch alles geklappt, und ich war spätabends wieder in Dresden, aber da wurde mir mal bewusst, was es heißt, wenn man einfach weggeschickt wird. Die Deutschen wurden damals ja aus Schlesien, aus Pommern und Tschechien vertrieben, die gingen los mit einem Handwagen, mit einem Koffer und wussten nicht, wo sie hinkommen, ob sie in derselben Nacht überhaupt irgendwo unterkommen. In diese Dinge kann ich mich schon sehr gut hineinversetzen und versuche dann, das in den richtigen Worten zu übertragen. An manchen Textpassagen muss ich lange herumschrauben, denn es darf ja auch nicht zu pathetisch klingen.

Es muss ja auch immer die Sprache der jeweiligen Zeit getroffen werden? Ja, da passe ich schon sehr auf. Ich habe selber mal einen Roman gelesen, in dem es um James Cook und die Weltumsegelung ging, den Namen des Autors verrate ich jetzt hier nicht. Ich war zuerst sehr interessiert, habe das Buch aber nach einer Weile weggelegt, weil der Autor genau das meiner Meinung nach nicht geschafft hat. Er hat die Sprache und auch die Moralvorstellungen unserer Zeit in dieses 16. Jahrhundert hineinprojiziert - und das hat nicht funktioniert. Und so etwas ärgert mich. Ich streite mich hin und wieder sogar mit meiner Lektorin, weil ich manchmal Worte verwende, von denen sie zwar weiß, was ich meine aber mir sagt, dass das heutzutage niemand mehr verstehe. Das führt dann immer zu einem kleinen Disput und der Frage, was denn nun authentisch sei. Wir versuchen dann, einen Mittelweg zu finden. Es gibt ja auch Worte, die zwar heute noch verwendet werden aber mittlerweile eine ganz andere Bedeutung haben. Wenn jemand heute sagt, dass etwas "geil" ist, bedeutet das heute was ganz anderes als früher. Das war jetzt natürlich ein etwas drastisches Beispiel. (lacht)

Hatten Sie schon immer eine Affinität zu der Zeit, in der Ihre Kriminalromane spielen? Nein, ganz im Gegenteil, ich hatte anfangs sehr großen Respekt davor. Als vor einem Jahr "Der Angstmann" erschien, hat man das auch an der Reaktion verschiedener Zeitungsredakteure bei uns in Dresden gesehen. Die haben das Buch bekommen und dachten: "Ach, noch so einer!", und genau das dachte ich eigentlich auch, jetzt komm ich auch noch und versuch das so. Ich bin eigentlich durch meinen Großonkel darauf gekommen, der kurz vor seinem Tod anfing, sein ganzes Leben aufzuarbeiten. Zuerst wollte er es selber aufschreiben, hat dann aber gemerkt, dass er daran scheitert und hat mich gebeten, das für ihn zu machen. Ich habe ihm dann einfach ein Diktiergerät hingelegt - und so hat er mich inspiriert. Ich habe dann festgestellt, dass ich selber auch ignorant gewesen bin, ich habe mir selber auch nie Gedanken über diese Zeit gemacht. Mein Großonkel ist selber im Winter 47 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und hat davon erzählt. Das war für mich die Initialzündung, um mal darüber nachzudenken. Natürlich gebe ich zu, dass ich dann schon überlegt habe, wo ich dramaturgisch am besten ansetze, wo der Fixpunkt ist. Das war beim "Angstmann" dann eben diese Bombennacht, weil das einfach der geschichtliche Fixpunkt unserer Stadt ist. Jeder in Deutschland kennt das und weiß davon, obwohl unzählige Städte in Deutschland bombardiert wurden, ist eben immer Dresden in aller Munde.

Sie haben es ja schon angesprochen, Kriminalromane, die in dieser Zeit spielen, erfreuen sich momentan großer Beliebtheit. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür? In meinem Fall war die Intention die, dass all die Bücher und Filme, die es schon gibt, immer die westlichen Besatzungszonen betreffen. Mir wäre es für meine Recherche sogar recht, wenn es mehr Material über die sowjetische Besatzungszone oder die junge DDR gäbe, aber das war eben nicht der Fall. Was dann später aus der DDR kam, war ja in gewisser Weise oft schon verfälscht oder verklärt, und darauf konnte man nicht richtig aufbauen. Genau diese ersten Jahre, nach 45, bis zur Gründung der DDR und noch etwas darüber hinaus, sind noch gar nicht so bedient. Ich recherchiere für jede neue Etappe immer in die jeweilige Zeit hinein. Der dritte Roman erscheint ja nächstes Jahr, aber ich bin bereits im übernächsten Buch und im Jahr 1951 angelangt und arbeite mich da gerade hinein. Die Leute sind offenbar doch immer noch interessiert daran, und viele wollen vielleicht auf diesem Weg herausfinden, wie es damals wirklich war.

Die Generation, die den Krieg selber miterlebt hat, wollte ja oftmals auch gar nicht über diese Dinge sprechen, sie im Gegenteil lieber vergessen. Vielleicht sind wir ja auch jetzt die Generation, die das alles aufarbeiten möchte? Schön wäre es ja. Ich habe gerade bei jungen Lesern festgestellt, dass ich da auf ganz viel Unwissen stoße. Die wissen von der Hitlerzeit, dass da irgendwie Krieg war, den wir verloren haben, dass so und so viel Juden ums Leben gekommen sind, aber dann hört es auch schon auf. Ich finde, der Geschichtsunterricht wird da auch falsch aufgezogen, da geht es nur um Faktenschinderei. Ich saß mal in Augsburg vor einer Berufsschulklasse, die waren so zwischen fünfzehn und achtzehn, und erzählte denen von meiner Recherchequelle in Dresden, Viktor Klemperer. Der hat in Dresden Tagebuch geschrieben, er war konvertiert, galt aber unter den Nazis als Jude. Als ich dann erzählte, was das für ihn damals bedeutet hat - er durfte keine Schreibmaschine mehr besitzen und konnte deswegen nicht mehr schreiben, er durfte keine Katze mehr besitzen, weshalb er seine Katze einschläfern lassen musste - saßen die alle mit offenem Mund da, weil sie das nicht gewusst haben. Ich schreibe keine Lehrbücher, aber wenn man es auf diese Art ein bisschen transportieren kann, dann ist das ja gar nicht so schlecht.

Meine Frage wäre auch gewesen, ob Sie sich Dresden als Schauplatz ausgesucht haben, weil das eben Ihre Heimatstadt ist oder ob es Ihnen auch darum ging zu zeigen, wie dann nach dem Krieg die DDR entstanden ist. Das hat sich tatsächlich ergänzt. Mein Vorteil ist, dass ich dort geboren bin, und man muss einfach sagen, dass das DIE Stadt im Osten ist. Dresden ist ja Beispiel gebend für vieles, was dann geschehen ist.

Woher beziehen Sie Informationen über die kriminaltechnischen Besonderheiten jener Zeit? Da habe ich das große Glück, den Polizeiarchivar von Dresden kennengelernt zu haben. An den ist zwar immer extrem schwer ranzukommen, weil er terminlich immer so eingebunden ist. Meistens erreiche ich ihn nur telefonisch, aber wenn ich ihn dann mal dranhabe, dann beschieße ich ihn mit allen möglichen Fragen. (lacht) Ich frage ihn dann immer ganz gezielt nach dem jeweiligen Jahr, und wenn er dann zu erzählen anfängt, dann kann ich nur noch mitschreiben, mitschreiben. (lacht) Von ihm weiß ich, dass die Polizeiarbeit wirklich sehr, sehr beschränkt war. Es gab damals junge Polizisten, die einen vierwöchigen Schnellkurs machten und dann Kriminalpolizisten waren. Die waren auch schon marxistisch/stalinistisch konditioniert, ob sie alle tatsächlich auch so gedacht haben, ist natürlich eine andere Frage, aber sie haben eben mitgemacht. Es war nur eine sehr geringe Truppenstärke und sie waren nur schwach bewaffnet. Man liest ja auch in "Tausend Teufel", dass es so gut wie unmöglich war, einen Fotoapparat oder eine Schreibmaschine, Benzin oder neue Autoreifen zu bekommen. Man kann es sich nicht ausmalen, aber es war tatsächlich so.

Ich stelle es mir sehr schwierig vor, einen solchen Ermittlungsfall ohne die ganzen kriminaltechnischen Details zu schreiben, die wir heute kennen. Genau das Gegenteil ist der Fall, es ist sehr viel einfacher! Ich habe ja früher für einen kleinen Verlag Krimis geschrieben, die in unserer Zeit spielen. In meinen jetzigen Romanen wird viel Spannung durch die Unwissenheit der Protagonisten aufgebaut, dadurch, dass erstmal einer zum Revier rennen muss oder versuchen muss, per Funkapparat jemanden ans Telefon zu bekommen. Dadurch entstehen Lücken, in die man Spannung einbauen kann. Heutzutage hat immer jeder ein Telefon dabei, was die Sache viel schwieriger macht. Gerade in diesen "CSI"-Serien geht das ja immer so (schnippst mit den Fingern) und zack ist der Fall gelöst - und zu recherchieren, wie das funktioniert, ist viel komplizierter. Mir macht das die Sache viel leichter, und ich kann das dadurch auch viel menschlicher gestalten, weil sich der Heller dann beispielsweise sagt, dass ihm das jetzt suspekt erscheint und er deshalb selber hingeht und es sich anschaut, auch wenn er dazu gar keinen Auftrag hat.

Max Heller ist ja ein außerordentlich integrer Mensch, der an seinen Moralvorstellungen festhält und auch sehr hohe Anforderungen an sich selber hat. Was hat Sie zu dieser Figur inspiriert? Ein bisschen ich. (lacht) Ich bin ein Mensch, der sich über alles Mögliche Gedanken macht und versuche immer, den richtigen Weg zu finden. Es gibt ja heutzutage so viele Diskussionsthemen, ich nehme jetzt nur mal die Flüchtlinge als Beispiel. Da sagt man als guter Mensch, oder als Gutmensch, dass man denen helfen muss. Andererseits weiß man zum einen, dass man nicht allen helfen kann und dass darunter auch Menschen sind, denen man gar nicht helfen muss. Das ist ein ganz heikles Thema, und wenn man das für sich selbst ausmachen will, stellt man ganz schnell fest, dass man keinen richtigen Weg findet. War die Bombardierung von Dresden beispielsweise notwendig? Die war nicht notwendig. Dann denkt man aber daran, dass ja der Bahnhof als Hauptverkehrsknotenpunkt zerstört wurde und muss sagen, dass es eben doch notwendig war. Dann fragt man sich wiederum, ob man die Bombardierung nicht gezielter hätte durchführen können und muss auf der anderen Seite sehen, dass es ja die Wehrmacht war, die damit angefangen hat, Städte zu bombardieren. Schlussendlich war das ein Krieg, der mit allen Mitteln geführt wurde, aber man kommt nicht zu dem Punkt, wo man entscheiden kann, ob das richtig oder falsch war. Und so strauchelt auch Heller immer wieder. Der will immer alles richtig machen und stößt immer wieder an einen Punkt, wo er merkt, dass es so nicht geht. Als ihm sein Sohn Klaus beispielsweise gesteht, was er im Gefangenenlager gemacht hat, weiß Heller einerseits genau, dass sein Sohn richtig gehandelt hat, dass es andererseits aber auch nicht hätte sein müssen. Man kann es einfach nicht genau richtig machen, und Heller hat sich insoweit damit arrangiert, dass er für sich sagt, dass er das macht, was er kann. Er trägt schon etwas von mir selber in sich, wobei ich zugegebenermaßen nicht so konsequent bin wie er. Hätte die DDR weiterexistiert, wäre ich bestimmt irgendwann in die SED eingetreten, um beispielsweise studieren zu können. Das war halt so, man wollte was erreichen und trat deshalb in die SED ein. Dass Max Heller so konsequent ist, das nicht zu tun, ist historisch schon grenzwertig. Aber deshalb habe ich auch verschiedene Figuren aufgebaut, die ihn dann decken, später wird ihm auch Klaus zu Hilfe kommen, aber da will ich jetzt nicht zuviel verraten. (lacht) Klaus hat viel mitgemacht im Krieg, was in ihm Dinge ausgelöst hat, die sich in den späteren Romanen noch zeigen werden.

Wie gehen Sie insgesamt bei der Zeichnung Ihrer Charaktere vor? Was ist Ihnen dabei wichtig? Bei meiner vorigen Krimireihe war der Kommissar so eine gängige Klischeefigur: abgewrackter Typ, geschieden, am Leben gescheitert. Bei Max Heller war mir wichtig, dass dieses Klischee, das ich ja selber bedient hatte, nicht zutrifft. Das sollte ein Mensch sein, von dem man sagen kann, der ist gut, der soll mein Bruder oder mein Vater sein. Dazu brauchte ich auch seine Frau Karin, mit der er in einer gefestigten Beziehung lebt und die nicht immer nur zurücksteckt, sondern ihm auch mal sagt, was ihre Bedürfnisse sind. Den SS-Mann Klepp aus dem "Angstmann" habe ich anfangs absichtlich klischeehaft gezeichnet, mache aber im Verlauf des Buches deutlich, dass er auch eine weiche Seite hat und nicht nur das personifizierte Böse ist. Er hat sich ja in eine Frau verliebt und hat für sie etwas getan, was er eigentlich mit seiner Ideologie nicht vereinbaren konnte.

Das hat mir auch gut gefallen, weil es diese Schwarz-Weiß-Malerei, die in diesem Zusammenhang oft betrieben wird, so ja gar nicht funktionieren kann. Ja, das ist meine Einstellung zum Leben. Um noch mal auf die Flüchtlingsproblematik zurückzukommen, da kann man auch nicht sagen, jetzt kommen 2 Millionen Menschen zu uns und alles ist gut. Aber die Diskussionskultur zu diesem Thema ist mittlerweile so zerstört, dass man nicht mehr sachlich darüber sprechen kann. Man muss beispielsweise ganz ehrlich sagen, dass das Frauenbild des Islam nun wirklich nicht in unsere Welt passt. Aber das kann man in der Öffentlichkeit nicht sagen, weil man ansonsten von dem einen Lager sofort eingenommen wird, was man gar nicht will, und von dem anderen Lager sofort zurückgestoßen wird. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, das ist einfach so.

Sie haben es vorher ja schon angesprochen, dass Sie in "Tausend Teufel" auch die Veränderungen thematisieren, die der Krieg bei den Menschen hervorgerufen hat. Bei Max Heller sind die eher subtil zu spüren, bei seinem Sohn sehr viel gravierender. Ist es Ihnen wichtig, Ihren Lesern deutlich zu machen, was Krieg für die Menschen bedeutet? Ja, und in meinem dritten Roman werde ich noch sehr viel deutlicher darauf eingehen und es auf einer sehr viel subtileren Ebene behandeln. Da geht es um Männer, die nach zehn Jahren aus Kriegsgefangenschaft heimkehren und ihre Frau mit einem neuen Mann antreffen, mit dem sie möglicherweise schon Kinder hat. Was für ein Dilemma! Sie dachte, ihr Mann sei längst tot und jetzt steht er plötzlich vor ihr. Auch das ist so ein Thema, über das nicht gesprochen wird, genauso wie all die Kinder, die eigentlich gar nicht da sein dürften, die aus Vergewaltigungen resultierten. Alle wussten, dass das ein Russenkind ist, und das Kind selber konnte doch gar nichts dafür. Man kann gar nicht in Worte fassen, wie viele Schichten die Nachwirkungen dieses Kriegs tatsächlich beinhalten. Max Heller weiß beispielsweise, dass ein Staatsanwalt, der mittlerweile rehabilitiert und in der SED ist, früher Mitglied der NSDAP war. Daran muss man doch als guter Mensch verzweifeln! Dann sagt ihm aber wiederum jemand, dass man diese Leute braucht, weil ansonsten der ganze Apparat nicht mehr funktionieren würde - und schon ist er wieder am selben Punkt angelangt.

Können Sie uns etwas über Max Hellers nächsten Fall verraten? Das mache ich sehr gern! Es ist Sommer 48, ein sehr heißer Sommer. Es war eine sehr unruhige Zeit, in der in den westlichen Zonen über Nacht die D-Mark eingeführt wurde. Damit wurden die Sowjets und die Menschen in der sowjetischen Besatzungszone überrascht. Man durfte nur ein gewisses Kontingent der Reichsmark umtauschen und der Rest ist so gut wie verfallen, Sparguthaben wurden beinahe aufgelöst, was eine Inflation zur Folge hatte. Sämtliche Händler haben ihre Geschäfte geschlossen, weil sie keine Ware für Geld verkaufen wollten, das morgen schon nichts mehr wert sein würde. Ein Drittel der Bevölkerung war nicht bei der Arbeit, sondern rannte auf die Banken, um Geld abzuheben oder einzuzahlen. Am 24. Juni wurde die D-Mark in West-Berlin eingeführt, was zur Berlin-Blockade geführt hat. In dieser Zeit spielt also mein nächster Roman, es ist eine Zeit der großen Unruhe, mit der Max Heller nicht so recht umzugehen weiß. Karin macht ihm Druck und will wissen, ob sie das Geld nun zur Bank bringen soll oder nicht. In dieser Zeit wird Heller zu einem ziemlich drastischen Todesfall gerufen, der zunächst wie ein Unglück erscheint. Dann gibt es aber einen zweiten Toten, einen Vierzehnjährigen, bei dem es zunächst den Anschein hat, als sei er von einem Kran gestürzt. Als Heller ihm aber die Kleidung auszieht, muss er feststellen, dass der Tote am ganzen Körper blaue und schwarze Flecken hat. Als er die Familie des Toten aufsucht, lernt er eine völlig verschreckte Mutter kennen, die noch drei jüngere Kinder hat, die alle Anzeichen von körperlicher Misshandlung aufweisen. Dann kommt ein völlig betrunkener Vater nach Hause, der sich als extrem gewalttätiger Kriegsheimkehrer erweist. Das löst in Heller etwas aus, und das zieht sich dann durch das ganze Buch, etwas kommt in ihm hoch, das schon seit fünfundzwanzig Jahren in ihm vergraben ist. Die Veränderung, die plötzlich mit Heller vor sich geht, löst sich dann auch erst im letzten Kapitel des Buches auf. Eine sehr emotionale Geschichte, und meine Lebensgefährtin, die meine Bücher immer als erste liest und auch meine erste Stimme, die das Rohmanuskript gelesen hat, haben beide gesagt, das wäre von allen drei bisherigen Büchern das beste.

Darauf sind wir natürlich sehr gespannt! Herr Goldammer, vielen Dank für dieses spannende und unterhaltsame Gespräch!
Das Interview wurde durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 17.10.2017

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