Interview mit...

...Dan Wells


...zur Kritik "Mr. Monster"

"Ich glaube daran, dass es in dieser Welt böse Kräfte gibt."

Mit Booksection im Gespräch: Thriller-Autor Dan Wells.

Booksection.de: Um ehrlich zu sein, bin ich absolut fasziniert von Ihren beiden Bücher „Ich bin kein Serienkiller“ und „Mr. Monster“. Ich finde es wirklich erstaunlich, wie Sie den Charakter des John präsentieren und was ich – und ich denke die meisten Ihrer Leser auch – gerne wissen würde, ist, wie Sie es geschafft haben, sich in die Gedankenwelt eines Soziopathen einzufühlen. Haben Sie einfach viel darüber gelesen oder wie sind Sie vorgegangen?
Dan Wells: Die Sache bei John ist die, dass es erstaunlich einfach ist, mit ihm zu fühlen, für die Leser genauso wie für mich als Autor. Weil er keine Empathie empfinden kann, kann er nicht verstehen, wie andere Menschen fühlen oder warum sie so fühlen und warum ihn niemand versteht. Er fühlt sich einfach anders und alleine und abgesondert. Das ist sehr soziopathisch, aber es ist ebenso eine klassische Beschreibung für die pubertäre Phase. Wir können mit John mitfühlen, weil wir alle schon mal an dem Punkt waren, an dem wir uns gefragt haben, wer wir sind und wer alle anderen sind und warum man diese Welt so schwer verstehen kann und man sich so gar nicht an sie anpassen kann.

Booksection.de: Obwohl John ein Soziopath ist, hat er schlussendlich den Kampf gewonnen, den er in seinem Inneren auszutragen hatte. Hatten Sie auch die Möglichkeit in Erwägung gezogen, Mr. Monster gewinnen zu lassen?
Dan Wells: Woher wissen Sie, dass Mr. Monster nicht doch gewonnen hat? John sagt ein paar noble Dinge und kommt zu einigen großartigen Rückschlüssen, welche wahr sein könnten ODER die vielleicht nur sein dunkles Verhalten rationalisieren, was wiederum seine Handlungen mit dem Deckmantel der Moral überzieht. Sie müssen wohl das dritte Buch lesen, um mehr darüber zu erfahren.

Booksection.de: Waren Sie nicht ein bisschen beunruhigt darüber, wie Ihre Familie und Freunde auf Ihre Bücher reagieren könnten? Irgendwie scheint Ihre Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken eines Serienkillers zu beschreiben, etwas Angst einflößend.
Dan Wells: Meine Familie und Freunde sind in der Tat mehr über meine Bücher irritiert als die allgemeine Öffentlichkeit es war. Meine Schwester las das erste Buch und dachte: „Was ist beängstigender? Das Buch an und für sich oder die Tatsache, dass es meine Bruder geschrieben hat?“ Die beste Reaktion kam aber von meiner Schwiegermutter, die, nachdem sie Mr. Monster beendet hatte, meine Frau anrief, um zu fragen, ob sie sich zu Hause denn noch sicher fühle. Aber sie kennen mich alle und wissen, dass ich im richtigen Leben so nicht bin. Ich habe mir nie große Gedanken über die Reaktionen der Leute gemacht, weil ich für niemand anderen schreibe, ich schreibe für mich selbst – ich schreibe über das, was mich interessiert und wenn andere das mögen, dann ist das natürlich großartig.

Booksection.de: Welche Reaktionen haben Sie überhaupt auf Ihre Bücher bekommen? Waren Sie von manchen doch etwas überrascht?
Dan Wells: Die meisten Leute scheinen sie zu lieben, was natürlich großartig ist. Andere wiederum mögen sie nicht besonders, was in Ordnung ist und das habe ich auch erwartet, ich bin niemals davon ausgegangen, dass sie von allen bewundert werden würden. Die einzige Reaktion, die mich wirklich überrascht hatte, war die eines Bekannten, der sagte, er möge das Buch nicht, weil John keine magischen Fähigkeiten habe. Ich weiß nicht, warum er erwartet hatte, dass dem so wäre oder warum er das so wollte, aber gut. Ich kann es nicht jedem recht machen.

Booksection.de: Woher kommt es, dass Sie so viel über die Arbeit eines Leichenbestatters wissen? Wie haben Sie in dieser Sache recherchiert?
Dan Wells: Die Sache mit den Leichenbestattern nahm einen Großteil meiner Recherche in Anspruch. Ich wusste schon viel über Serienmörder und deren Methoden und Psychologie, was der Grund dafür ist, warum ich in erster Linie diese Bücher geschrieben habe, aber was die Leichenbestattung angeht, das war alles neu für mich. Ich musste tonnenweise lesen und viele Bilder suchen. Ich habe sogar versucht, in Leichenhallen reinzukommen, um diese Dinge aus erster Hand zu sehen, aber jeder Leichenbestatter, den ich diesbezüglich angesprochen hatte, war recht zugeknöpft und niemand lies mich irgendwas untersuchen. Das war zu schade, aber dann habe ich versucht, einen Teil dieser Geheimnistuerei in meiner Darstellung von Johns Familie einzubauen, so war es wenigstens für etwas von Nutzen.

Booksection.de: Wie kamen Sie darauf, über Dämonen zu schreiben?
Dan Wells: Eine weit verbreitete Auswirkung der Soziopathie ist ja, dass sich der Betroffene von anderen Menschen separiert oder gar außerirdisch oder unmenschlich fühlt. Ich dachte, es würde Spaß machen und zugleich faszinierend sein, John, der sich ja unmenschlich fühlt, mit jemandem zu konfrontieren, der im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich ist und trotzdem bessere Verbindungen zur Außenwelt hat, als er selbst. Das war der gedankliche Anstoß für diese Idee, aber je länger ich mich damit beschäftigt hatte, merkte ich, dass der Gebrauch eines übernatürlichen Bösewichts mir unendlich viele Möglichkeiten gab, Dinge über John und menschliche Verbindungen im Allgemeinen zu sagen, die ich anders nie hätte sagen können. Das zweite und dritte Buch verdanken dieser Entscheidung sehr viel, weil ich dort noch die Möglichkeit hatte, andere Teile von Johns Persönlichkeit auf eine ziemlich abgefahrene und gruselige Art und Weise zu erkunden.

Booksection.de: Glauben Sie an Dämonen und wenn ja, auf welche Art und Weise?
Dan Wells: Ich glaube daran, dass es in dieser Welt böse Kräfte gibt, aber ich sehe sie nicht so, wie die klassischen katholischen oder wie die verdrehten, nichtkirchlichen Dämonen in Johns Welt. Was ich wirklich glaube, und was auch in meinen Büchern reflektiert wird, ist, dass welche übernatürlichen bösen Kräfte es auch in dieser Welt geben mag, sie eifersüchtig und parasitär in Bezug auf uns und unsere Gesellschaft sind. Sie haben die Dinge, die wir haben (wie z.B. Körper, Familien, Beziehungen) nicht und so versuchen sie, diese zu stehlen oder zu zerstören wann immer es ihnen möglich ist. Im Gegensatz zu John allerdings, bin ich ein ziemlich religiöser Mensch, was auf meine Auffassung vom Bösen und auf die Art und Weise, wie ich damit umgehe, abfärbt.

Booksection.de: Haben Sie vor ein drittes Buch mit denselben Protagonisten zu schreiben oder wollen Sie nun etwas komplett Neues schreiben?
Dan Wells: Das dritte Buch heißt „Ich will Dich nicht töten“ und erscheint diesen Herbst. Es ist mein Lieblingsbuch in dieser Serie, weil es meinen Lieblingsprotagonisten präsentiert (nach John natürlich) und es die ganze Triologie zu einem ziemlich spektakulären Ende führt. Das nächste Buch ist das, das ich gerade beende. Es ist ein weiterer psychologischer Thriller, aber mit einer ganz anderen, unfassbaren Grundvoraussetzung. Wenn alles gut geht, wird es irgendwann nächstes Jahr erscheinen.

Booksection.de: Welche Art von Büchern lesen Sie persönlich. Bevorzugen Sie einen bestimmten Autor?
Dan Wells: Ich lese viel, oftmals ein Gemisch aus Fantasy und Science fiction, aber am liebsten lese ich Historische Romane und hier ist mein Lieblingsautor Bernard Cornwell. Ich könnte das Zeug tagelang lesen und mich niemals langweilen, manchmal muss ich mich sogar daran erinnern, zurück an meine Arbeit zu gehen und zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich jemals einen historischen Roman schreiben werde, auf jeden Fall aber keinen reinen historischen Roman, weil ich immer geneigt sein werde, in irgendeiner Weise das übernatürliche Grauen mit einzubinden. Irgendwann vielleicht

Booksection.de: Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben!


Das Interview durch Angelika Koch geführt und wurde auch von ihr übersetzt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 03.06.2010

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