Interview mit...

...Christoph Marzi


...zur Buchkritik "Memory"

"Der erste Satz kommt zuerst, meist sogar lange vor dem Rest des Romans. Ich beginne nie, solange dieser Satz nicht existiert."

Der erfolgreiche deutsche Fantasy- und Jugendbuchautor Christoph Marzi sprach mit Booksection.de über seine neuen Bücher „Memory – Stadt der Träume“ und „Imagery“.

Booksection.de: Dein neues Buch spielt erneut in London. Was fasziniert Dich so an dieser Stadt, dass Du immer wieder Geschichten dort ansiedelst?
Christoph Marzi: London ist für mich der Inbegriff eines modernen Märchenwalds. Als Kind habe ich sehr viele Geschichten über diese Stadt gelesen, mit Charles Dickens fing es an, und diese Faszination des Mysteriösen hat mich nie mehr verlassen. Darüber hinaus mag ich die englische Sprache und die englische Kultur sehr gerne – das alles hat wohl damit zu tun, dass ich in meinen Geschichten oft dorthin zurückkehre.

Booksection.de: Du verwendest viele konkrete Ortsangaben. Bist Du die Strecken tatsächlich einmal abgelaufen oder planst Du mit dem Stadtplan?
Christoph Marzi: Teilweise kenne ich die Stadt, meistens aber arbeite ich mit Stadtplan und, neuerdings, erschreckend und faszinierend: google street view. Darüber hinaus werden die Texte, wie z.B. bei der uralten Metropole, teilweise von Lektoren überprüft, die in England leben und sich vor Ort sehr gut auskennen (gerade letzte Woche habe ich mit Sarah Lilley, meiner Lektorin bei Orchard Books die englische Ausgabe von HEAVEN durchgearbeitet – und da kamen einige Änderungen zu deutschen Edition hinzu).

Booksection.de: Musik ist erneut ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Rockstar Gaskell ist eine markante Nebenfigur und Jude Finney denkt viel an bestimmte Songs und Musiker. Hörst Du diese Musik beim schreiben, oder brauchst Du die Stille?
Christoph Marzi: Stille? Nie! Ich höre immer Musik beim Schreiben. Bei MEMORY waren das die Songs der Künstler, die im Roman erwähnt werden.

Booksection.de: Du beziehst Dich in „Memory – Stadt der Träume“ auch wieder auf alte Sagen. Was war diesmal Deine Inspirationsquelle?
Christoph Marzi: Ich habe viele englische Geistergeschichten gelesen. Peter Ackroyd hat eine wunderbare Sammlung herausgegeben: „The english Ghost“. Denn so sollte MEMORY von Anfang an sein: wie eine altmodische englische Geistergeschichte.

Booksection.de: Wie schon „Heaven – Stadt der Feen“ hat auch „Memory – Stadt der Träume“ einen kraftvollen ersten Satz. Wie wichtig ist dieser Dir? Ist es immer auch der erste Satz den Du aufschreibst?
Christoph Marzi: Ja, der erste Satz kommt zuerst, meist sogar lange vor dem Rest des Romans. Ich beginne nie, solange dieser Satz nicht existiert – und dieser Satz wird später dann auch nicht verändern.

Booksection.de: Memory – Stadt der Träume“ ist keine wirkliche Fortsetzung von „Heaven – Stadt der Feen“, dennoch gibt es viele Parallelen. Wird es noch weitere Geschichten dieser Art geben?
Christoph Marzi: Geplant ist erstmal keine, aber nachdem ich HEAVEN fertig gestellt hatte, dachte ich ja auch nicht direkt an MEMORY. Im Frühjahr 2012 werde ich meine Romane um die uralte Metropole erneut lesen, dann liegen sie ja im bequemen Taschenbuch vor, und mir Gedanken darüber machen, was mit Emily Laing geschehen ist in den Jahren, die sie ohne meine Aufsicht verbracht hat.

Booksection.de: Mit „Imagery“ hast Du kürzlich auch einen Science Thriller vorgelegt, der ganz anders als Deine bisherigen Romane ist. Wie kam es dazu?
Christoph Marzi: Bei IMAGERY war es so, dass die Thematik die Form diktiert hat. Da ich ja, neben dem Schriftstellerleben, auch noch Wirtschaftslehre und Business Studies unterrichte, ist mir die Beschäftigung mit diesen Inhalten nicht fremd. Die Veränderungen im modernen Leben, diktiert durch neue Technologien und die Social Media Networks, sind sehr interessant und, meiner Meinung, auch beängstigend, weil viele Menschen die Dinge, die sie benutzen, nicht wirklich verstehen. Facebook ist eine davon, die Smartphones eine andere. Keine dieser Technologien ist schlecht oder böse oder gefährlich, aber viele Nutzer wissen einfach nicht wirklich, was sie da tun. Unternehmen nutzen dies aus und dabei bleibt es nicht beim Sammeln von Informationen.

Booksection.de: Wie realistisch ist denn das, was in „Imagery“ geschieht?
Christoph Marzi: Die Unternehmen sind fiktiv, das, was sie tun, nicht. Die Business-Praktiken, die gezeigt werden, sind sehr realistisch. Die Skrupellosigkeit leider auch.

Booksection.de: Hast du deswegen die Form des Thrillers gewählt?
Christoph Marzi: Ich wollte ein äußerst schnelles Tempo in der Geschichte. Die Charaktere sind getrieben und agieren gehetzt. Richard Elliot ist wirklich außer Atem. Es gibt viele Dialoge, fast wie in einem Film, und Handlung, Handlung, Handlung. Kurzum: ich wollte einen Science Thriller schreiben, der sich nicht mit unnötigem Kleinkram aufhält, sondern direkt zur Sache kommt. Der pure Thrill, angereichert mit Informationen über das, was derzeit da draußen geschieht. Ich hoffe, es ist mir gelungen.

Booksection.de: Auf was dürfen wir uns als nächstes von Dir freuen?
Christoph Marzi: Ich arbeite derzeit an einer Novelle für den Arena Verlag; eine Geschichte, die sehr düster ist, aber für Kinder. Und für Heyne entsteht ein neuer Roman. Eine Liebesgeschichte, klassisch und, wie ich hoffe, in vielen Aspekten sehr, sehr neu. Zu beiden Projekten darf ich derzeit aber noch nichts verraten. Außerdem wird es in den Taschenbüchern zur uralten Metropole einige zaghafte Hinweise geben, wie es mit Emily Laing weitergehen könnte (aber – pssst! – das ist noch sehr vage und sehr geheim). Neu erscheinen wird HEAVEN in England, Anfang Februar 2012 ist es soweit. Und bei Arena erscheint eine neue große Graphic Novel für Kinder – Monica Parciak hat wieder die Bilder dazu gezaubert. Ach ja, und im Frühjahr erscheint ein Roman, den mein Schreibkurs verfasst hat – eine tolle Episodengeschichte, zu der es in meinem Blog dann mehr zu erfahren gibt, wenn es soweit ist.



Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 11.12.2011

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