Interview mit...

...Christoph Marzi


...zur Buchkritik "Heaven"

"Der Rest entwickelt sich dann von fast allein."

Mit Booksection im Gespräch: Fantasyautor Christoph Marzi.

Booksection: Im Nachwort verrätst Du, dass der Film „Mary Poppins“ eine Inspirationsquelle für HEAVEN – STADT DER FEEN war. Gab es noch weitere?
Christoph Marzi: Schon als Kind hat mich die Szene, in der Julie Andrews, Dick van Dyke und die Kinder über den Dächern von London herumwandern, fasziniert. Insofern war nur dieses Bild (und das Lied dazu) eine Quelle der Inspiration – und weniger das, was in dem Film geschieht. Darüber hinaus waren die Songs von Glasvegas, Yamit Mamo und The Divine Comedy überaus wichtig, weil sich in ihnen die Atmosphäre widerspiegelt, die mir für die Geschichte vorschwebte. Die Musik ist mir immer sehr wichtig, um in eine Geschichte einzutauchen.

Booksection: Wie hast Du die Figuren, insbesondere David und Heaven, entwickelt?
Christoph Marzi: Davids Vergangenheit und sein Charakter wurden durch die Songs von Glasvegas konkret, Heaven durch den Song „The Stowaway“ von Yamit Mamo. Hinzu kommt, dass Freema Heaven Mirrlees auf Hope Mirrlees anspielt (die Autorin von „Lud-in-the-Mists“) und die Schauspielerin Freema Agyman, die ein ungefähres Vorbild für den Charakter war. Der Rest entwickelt sich dann von fast allein.

Booksection: Das Buch hat eine ungeheuere Dynamik, die einem beim Lesen förmlich mitreißt. Kann man so etwas am „Reißbrett“ planen?
Christoph Marzi: Nein, jedenfalls ist es nicht meine Art, an die Geschichte heranzugehen. Ich schreibe die Geschichte, während meine Charaktere sie erleben (was es für mich auch spannend macht). Storytelling statt Plotting. Wobei ich anmerken muss, dass Lektoren die Arbeitsweise mittels Plotting bevorzugen (sich meine Lektorinnen aber an die Arbeitsweise des Storytellings gewöhnt haben).

Booksection: Bekommen die Figuren bei einer sich überschlagenden Entwicklung der Handlung schon mal ein Eigenleben?
Christoph Marzi: Ja, das passiert immer. Wenn es nicht passiert, dann ist etwas nicht richtig. Wobei Handlung und Eigenleben der Charaktere natürlich eng miteinander verbunden sind.

Booksection: Wird es weitere Geschichten um David und Heaven geben?
Christoph Marzi: Nein. Die beiden sind glücklich und dürfen jetzt ihr Leben leben.

Booksection: Am Ende des Jahres ist Dein neuer Roman „Lyra“ angekündigt. Gibst Du uns schon einmal einen Ausblick, auf was wir uns freuen dürfen?
Christoph Marzi: In „Lyra“ spinne ich die Geschichte um die Familie Darcy aus Ravenscraig weiter. Die Handlung beginnt kurz nach dem Ende von „Fabula“. Danny Darcy ist nach Minnesota zurückgekehrt und seine Frau Soozie will sich von ihm trennen. Der Grund dafür liegt in einer Art Fluch, den Dannys Mutter über Soozie ausspricht. Der einzige Weg aus dieser Situation führt nach Louisiana, in die Bayous, wo zwielichtige Sirenen leben, die als einzige die Macht besitzen, etwas zu tun. Aber alles hat, wie wir wissen, seinen Preis.
Mehr werde ich noch nicht verraten. Die Geschichte jedenfalls ist stark inspiriert von der Musik Bob Dylans und Poeten wie Kerouac und Burroughs und Wolfe. Im Anhang gibt es zwölf englischsprachige Songs, die ich für Dylan`s Dogs, die Band Dannys, geschrieben habe. Eine ganz neue Erfahrung. Mit ein wenig Glück werden die Songs sogar vertont.

Booksection: Noch eine letzte Frage zur Musik. Du hast an einem Musical mitgearbeitet. Kannst Du uns dazu näheres verraten?
Christoph Marzi: In „Phantasma“, das am 7. November seine Weltpremiere am Staatstheater Saarbrücken haben wird, geht es um den absoluten Showstar – Giorgio Phantasma – der sein erstes und letztes Interview gibt. Wir erfahren, dass er einen Pakt mit einer Gestalt, die nicht einmal der Teufel selbst kennt, eingegangen ist – und nehmen Teil an seinem tragischen Schicksal. Es geht um Ruhm und Erfolg und das, was letzten Endes Glück ausmacht. Die Handlung spielt nicht zuletzt auf „Hoffmans Erzählungen an“, wurde von Frank Nimsgern, Aino Laos und Elmar Ottenthal entwickelt (die neun Konzepte, die ich gemeinsam mit Aino Laos vor zwei Jahren dazu geschrieben habe, wurden am Ende zu etwas völlig anderem). Vor einem Jahr kam ich dann (neben FrankFelicetti) als Übersetzter der Liedtexte hinzu und es ist ein cooles Gefühl, jetzt die Songs zu hören (der Soundtrack erscheint mit wunderschönem Booklet Ende Oktober bei Sony). „Entzünde die Sterne“ könnte sogar der Song sein, den Lilith und Lycidas singen. Darüber hinaus erscheint zur Premiere noch eine 80seitige Novelle zum Musical (die, das betone ich ausdrücklich, keine reine Nacherzählung der Bühnenhandlung ist, sondern eine Aufarbeitung der Bilder und Emotionen, die in den Songs vermittelt werden).



Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 23.10.2009

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