Interview mit...

...Christoph Marzi


...zur Biographie von Christoph Marzi

"Was mir im Gedächtnis bleibt, wird irgendwann lebendig."

Mit Booksection im Gespräch: Fantasy-Autor Christoph Marzi.

Booksection: Der Erfolg von „Lycidas“ hat Sie bekannt gemacht. Mit „Fabula“ und der „Malfuria“-Trilogie haben Sie sich nun von der Uralten Metropole gelöst. Wie ist es ein solches vertrautes Erzählthema zu verlassen?
Christoph Marzi: Es war ja nicht wirklich ein echter Abschied. Ich habe mir schon früher überlegt irgendwann einmal wieder in die uralte Metropole zurückzukehren. Die beiden nachfolgenden Projekte waren eben mal etwas völlig anders und genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt schreiben wollte. „Fabula“ ist definitiv mein Lieblingsbuch – oder das Buch, das mir am meisten am Herzen liegt (dicht gefolgt von „Nimmermehr“, der titelgebenden Geschichte in meinem Kurzgeschichtenband). Und zu „Malfuria“ - ich wollte nach „Lumen“ fort von diesem winterlichen London und in eine Welt eintauchen, die komplett erfunden war. Mit meiner Familie verweile ich des öfteren in Spanien und da wir Ibiza mögen, ist „Malfuria“ geboren worden. Die erste Szene, in der Catalina hoch über der Stadt sitzt und mit dem Wind redet – das war für uns Eivissa. Ja, ich wollte etwas über Spanien schreiben, über ein warmes Land, mit südlicher Stimmung. Wir hatten auf einem Trödelmarkt einen blau bemalten Stein gefunden und die Verkäuferin hatte uns erklärt, das ist der Wind. Meine Frau schlug dann vor, dass wir den Wind in die Geschichte einbinden könnten. Dies war der Anfang. Der Rest folgte dann sehr schnell. Ich habe Bücher über spanische Mythologie und Sagen gelesen, auch das alles ein wenig fokussiert auf Ibiza. Es gibt dort sehr viele Hexengeschichten und so kam die Idee etwas mit Hexen zu machen, mit Hexen, die etwas entfernt sind vom europäischen Hexenbild, also keine krummen Rücken, keine Buckel und keine Besen. Der Rest der Geschichte hat sich dann so aufgebaut, wie sich jede Story aufbaut. Ich werfe den Ball gegen die Wand, fange ihn auf, werfe erneut. Die Idee zum Setting, also die Geschichte in Barcelona beginnen zu lassen kam von meiner Lektorin Christiane Düring. Und als ich mich für Barcelona entschieden hatte, da sollte Barcelona so aussehen wie von Gaudi erschaffen (Anmerkung der Redaktion: Antoni Gaudi war katalanischer Architekt und Maler und baute Gebäude wie die Sagrada Família in Barcelona). So als hätte Gaudi die ganze Stadt entworfen. Diese Steam-Punk-Mischung, mit den Dampfdroschgen, die es dort gibt, war natürlich eine Anlehnung an die Filme von Miyazaki (Anmerkung der Redaktion: Hayao Miyazaki, japanischen Anime-Regisseurs und Manga-Zeichners, „Chihiros Reise ins Zauberland“). Das war die Stimmung, die ich erschaffen wollte, und es sollte diesmal etwas für Jugendliche sein. Heißt: eine Geschichte mit weniger Gewalt als in „Lycidas“.

Booksection: Kann man bewusst Jungendbücher schreiben oder bewerten Sie das erst nach dem Sie eine Geschichte beendet haben?
Christoph Marzi: „Malfuria“ sollte definitiv harmloser sein. Dadurch, dass ich die ganze Welt erfunden habe, ein fiktives Europa, konnte ich losgelöst von historischen Fakten arbeiten. Anders als bei der Uralten Metropole, wo ich es durchaus mit realen Begebenheiten zu tun hatte, wie die Restaurationszeit oder Jack, the Ripper. Diese musste ich natürlich – Fantasy hin oder her - so schildern, wie sie passiert waren. Bei der „Malfuria“-Trilogie war ich da schon viel freier in dem, was ich mir einfallen lassen durfte. Man kann viel freier fabulieren und hat weniger Grenzen. So entstehen beim Leser bunte Bilder, die keiner Erklärung bedürfen. Bei „Lycidas“ musste ich mich natürlich an all die historischen Fakten halten, weitestgehend, versteht sich.

Booksection: Wobei das Thema Schatten schon recht gruselig ist und auch diese Harlekine…..
Christoph Marzi: Ich finde Clowns prinzipiell sehr gruselig. Hier auf der Messe gibt es auch einen neuen Roman, ich glaube „Hölle“, mit fiesen Clowns, denen jede Mimik fehlt. Die Harlekine sind sozusagen die Botox-Geister in meiner erdachten Welt. Und auch hier auf der Messe sind wieder einige unterwegs ...

Booksection: Seit Stephen King’s „ES“ ist das Thema sowieso eher negativ belegt.
Christoph Marzi: Ja, denke ich auch. Allein durch die fehlende Mimik haben wir es hier, wie eben erwähnt, mit einer märchenhaften Version der Botox-Opfer zu tun. Soviel also zum Realitätsbezug im Märchen. Wenn die Mimik fehlt, dann ist das natürlich auch gruselig für Kinder. Natürlich sollte in einem Jugendbuch ein anderer Ton herrschen, das weniger explizite Gewalt vorkommen sollte, weniger Blutiges.

Booksection: Beim Lesen stellte sich mir schon die Frage, ob die Trilogie nun ein reines Jugendbuch sein soll, oder eher etwas dazwischen.
Christoph Marzi: Nein, eigentlich sollte es kein Crossover sein. Es war definitiv für junge Leser geschrieben worden. Wenn ich meinen kleinen Töchtern Geschichten vorlese und „Hänsel und Gretel“ auf dem Programm steht, dann befinden wir uns ebenfalls im Schattenland. Hey, da geht es um eine zerrüttete Familie, der Vater ist ein Schlappschwanz, die Kleinen sehen, was Kannibalismus ist, die alte Frau wird verbrannt…Wenn man sich einmal überlegt, wie Kinder sich das vorstellen, dann ist das alles doch nur eine kindgerechte Version eines Hardcore-Horror-Roman. Man sieht das als Erwachsener eben ein wenig anders. Oder auch nicht.

Booksection: Mit mehr Abstand?
Christoph Marzi: Ja. Umgekehrt sehen Kinder manche Sache, die man selber als grausam erachtet, als viel weniger grausam an. Sie gruseln sich weniger vor seltsamen Gestallten oder Spinnen oder was immer man da auch nimmt. Da glaubt man doch eher als Erwachsener, dass Kinder vor solchen Dingen Angst haben.

Booksection: „Malfuria“ ist nun eine Trilogie. War das von Ihnen von Beginn an so konzipiert?
Christoph Marzi: Ja.

Booksection: Denken Sie die Trilogie wird sich in der Fantasyliteratur durchsetzen.
Christoph Marzi: Das hat sie doch schon. Und ich hoffe, dass es bald eine Fülle von Romanen geben wird, die in sich abgeschlossene Geschichten erzählen. Als Leser bin mittlerweile sehr ermüdet, wenn ich weiß, es sind immer drei Bände. Bei mir führt das dazu, dass ich mir die Bücher erst dann kaufe, wenn es alle drei Bände gibt. Oder kurz bevor der dritte Band rauskommt. Ich genieße es sehr, wenn ich Einzelbücher zum Lesen finde, wie zum Beispiel die wunderbaren Romane von Marcus Sedgwick oder das einzigartige „Fairwater“ von Oliver Plaschka. Mein nächstes Buch bei Arena wird abgeschlossen sein, ohne Fortsetzung. Es wird rund sein und eine einzige Geschichte mit einem einzigen Ende. In der Länge etwa wie „Malfuria“. Es geht wieder nach London, bzw. eine englische Stadt, die London sehr ähnlich ist. Es wird sehr viel schneien, es wird sehr kalt sein, es spielt in der Gegenwart mit einem Touch Industrialisierung.

Booksection: Aber ohne Figuren der Uralten Metropole?
Christoph Marzi: Ja, ganz ohne Charaktere aus der Metropole.

Booksection: Empfinden Sie es als Autor schwierig eine gute Geschichte in nur ein Buch zu packen?
Christoph Marzi: Nein. Das ergibt sich. Ich hatte kürzlich eine Kurzgeschichte geplant, vor ein paar Wochen. Es sollte 10 Seiten werden, nun sind es 110 und die Geschichte erscheint demnächst bei Arena als kleines gebundenes Büchlein. So passiert das eben. Irgendwann läuft das von alleine. Wenn die Geschichte erzählt ist, dann ist man am Ende.

Booksection: Müssen sich Ihre Figuren mit dem Verlauf der Geschichte erst entwickeln?
Christoph Marzi: Ich brauche sehr lange bis ich die Namen der Figuren habe. Das ist der Prozess, der bei mir am längsten dauert. Wenn der Name stimmt, dann kommt der Rest sehr, sehr schnell. Das war in „Malfuria“ nicht anders. Catalina – den Namen schlug meine Frau vor, und Jordi Mardi ... ist kein seltener Name in manchen Gegenden. Mit Mortimer Wittgenstein war es eigentlich genauso und bei Emily Laing. Emily fand ich als Namen sehr schön. Laing war der Name der Gastfamilie, bei der ich in England wohnte. Wenn der Name stimmt, dann fange ich an zu schreiben, denn dann ist die Person für mich greifbar. Dann zieht die Handlung mich eigentlich mit. Für mich das so, als würde ich selber einen Film anschauen. Ich schreibe mich von Cliffhanger zu Cliffhanger, das ist für mich der interessantere Prozess beim Schreiben. Kein detailliertes Plotting, das würde mir die Luft zum Atmen nehmen.

Booksection: Sie fangen also vorne an und schreiben Sie sich bis zum Ende durch.
Christoph Marzi: Genau, wobei ich bestimmt Schlüsselszenen schon vor Augen habe, oder bestimmt Bilder. Ansonsten schreibe ich von vorne nach hinten, von oben nach unten, von links nach rechts.

Booksection: Und Ihre Ideen nehmen Sie wie bei der „Malfuria“-Trilogie aus dem Urlaub? Gerade hier hatte ich beim Lesen den Eindruck, Herr Marzi war bestimmt dort im Urlaub. Weil Sie es so beschreiben, wie es jemand sieht.
Christoph Marzi: Nun ja, ich hoffe, dass ich die Stimmung, die mir vorschwebte, in Worten eingefangen habe. Das Leben ist voller Ideen. Vor einiger Zeit hatten wir eine Ratte in der Garage. Die Kinder fanden das faszinierend und haben nachgefragt, was es mit dem Tier auf sich habe, und irgendwann ist eine Geschichte über Ratten daraus geworden. Rats without Cats – das ist der Arbeitstitel. Vermutlich wird ein Bilderbuch daraus werden. Erst letzte Woche habe ich meinen beiden kleinen Töchtern eine Geschichte erzählt, sie handelt von einer Prinzessin, die alles besitzt und dann passiert etwas und sie wird im Dschungel beinnahe von einem Tiger gefressen. Ich habe diese Geschichte fünf Abende hintereinander erzählt und jeden Abend veränderte sie sich ein wenig. Vorgestern habe ich es dann aufgeschrieben. Und eigentlich funktioniert sie so, wie sie jetzt ist, sehr gut. Wie gesagt, das Leben ist voller Ideen. Ich schaue mir Leute an, ich beobachte. Was mir im Gedächtnis bleibt, wird irgendwann zum Leben erwachen.

Booksection: Haben Sie Herzensprojekte, die bei Ihnen in der Schublade liegen und wo Sie sagen, die sind noch nicht ganz so weit, dass Sie das aufschreiben möchten?
Christoph Marzi: Ich liebe Kurzgeschichten. Momentan möchte ich etwas sehr gothic-mäßiges für die ganz Kleinen schreiben. Wenn sich die Idee gefestigt hat, dann beginne ich zu schreiben und erzähle es meinen Kindern. Das schiebe ich dann nicht auf, es bleibt also nicht in der Schublade. Wenn ich die Geschichte schreiben will, dann tue ich das auch. Mein Herzensprojekt war „Fabula“. „Fabula“ ist ein sehr persönliches Buch, viel lustiger als „Lycidas“ und es enthält viele Anspielungen auf Dinge, die mich beeindruckt haben, als ich ein Kind war. Und in der Geschichte „Nimmermehr“ habe ich zum Beispiel meine Großeltern verewigt. Natürlich verfremdet, aber für mich ist dies die Story meiner Großeltern, irgendwie.

Booksection: Ist Ihre Familie so ein bisschen auch Ihr Testpublikum? Bekommt sie die Geschichten als erstes zum Lesen?
Christoph Marzi: Die Kindern - ja. Gerade die Geschichten für die ganz Kleinen lese ich meinen ganz Kleinen vor oder erzähle sie ihnen. Katharina ist 13, die hört sich meistens meine Ideen an. Ich erzähle ihr, was in der Geschichte geschehen wird. Sie hat „Malfuria“ gelesen und es hat ihr gefallen. Die „Lycidas-Trilogie“ hat sie nicht gelesen, weil sie vorher schon so viel wusste. Viele Aspekte einer Geschichte bespreche ich auch mit meiner Frau. Gerade, wenn es darum geht, weibliche Protagonistinnen glaubwürdig zu beschreiben, möchte ich ungern auf ihr Urteil und ihren Rat verzichten. Die ganze Geschichte wird für sie damit natürlich abstrakt, weil sie nicht mehr wirklich neu ist. Das ist dann eben einfach das, was ich tue.

Booksection: Gerade bei „Fabula“ habe ich mehrmals herzhaft gelacht beim Lesen, weil die Geschichte so amüsant war. Bei Ihrem letzten Gespräch mit Booksection.de habe Sie erzählt, dass auch „Fabula“ auf mehrere Bände angelegt ist, wenn auch nicht als eng verflochtene Trilogie. Verraten Sie uns was in Band 2 passiert?
Christoph Marzi: Ich bin mit meinem Verlag so verblieben, dass ich, nach dem Jugendbuch, an dem ich gerade arbeite, die Fortsetzung von „Somnia“ in Angriff nehmen werde. Die sollte nächstes Jahr zur Buchmesse dann fertig sein und derzeit führe ich sie unter dem Arbeitstitel „Virginia“. Danach, oder dazwischen werde ich mich mit Danny Darcy beschäftigen. Ich weiß auch schon größtenteils, was mit ihm passiert. Es wird ganz anders sein als „Fabula“, weil es auch in Amerika spielt und Danny ein anderer Typ ist als Colin. Ich finde, dass Danny Darcy ein wenig aussieht wie Joe Hill. Nun ja, es wird mehr so sein, wie die Musik von Bob Dylan. Also ganz anders als „Fabula“. Mir hat von Anfang an keine Trilogie vorgeschwebt, wie man sie kennt. Keine, in der Colin Darcys Geschichte weiter und weiter erzählt wird. Ich erzähle drei unterschiedliche Geschichten, die aber irgendwo eine Schnittmenge haben. Ist doch auch etwas ...

Booksection: „Fabula“ las sich ja schon sehr abgeschlossen.
Christoph Marzi: Die Geschichte ist auch dort zu Ende. Die beiden Hauptfiguren von „Fabula“, Colin und Livia haben ihr Happy End gefunden. Mit Danny steht natürlich noch einiges aus. Wie gesagt – the times they are a-changin`…

Booksection: Hat „Fabula“ etwas mit der Welt der uralten Metropole zu tun?
Christoph Marzi: Hm, ... ein wenig. Man findet in „Fabula“ eine versteckte Verbindung zur Uralten Metropole. Es gibt da ein Krankenhaus, das es nur in Emilys London gibt. Es ist also nicht so losgelöst von den früheren Büchern, wie es den Anschein hat. Mal sehen was daraus wird. Gerade schreibe ich an einer Short Story über Adam Stewart. Viele Fans fragen immer noch, warum sich Emily sicht für Marlowe entschieden hat. Die Frage kommt gerade oft von jüngeren Lesern. Und Leserinnen (schmunzelt). Nun ja, Emily hat sich eben so entschieden, aber ich habe das Gefühl, als wäre ich Adam noch ein anderes Ende schuldig. Auch in „Somnia“ gibt es eine Anspielung übrigens auf ihn. Dort steht irgendwo in einem Haus namens Twin Peaks eine CD von Adam Stewart im Regal. Okay, genug darüber. Ich werde jetzt was über ihn schreiben. Versprochen.

Booksection: Möchten Sie schon einmal einen kleinen Ausblick auf „Somnia“ geben? Das Buch erscheint im Dezember.
Christoph Marzi: In wollte nicht in die Uralte Metropole zurückkehren und einfach nur erzählen, was mit Emily Laing nach den Geschehnissen in „Lumen“ passiert. Als ich die Short Story-Sammlung „Nimmermehr“ geschrieben habe, stellte sich die Frage, ob es noch eine Geschichte aus der Uralten Metropole darin geben sollte. Zwei Geschichten standen für mich zur Auswahl. Ich könnte etwas über Mr. Fox und Mr. Wolf schreiben. Nun ja, diese Story wurde geschrieben und wird in der Special Edition von „Lycidas“ erscheinen, im Februar 2009. Die andere Geschichte sollte etwas mit Wittgenstein zu tun haben. Und irgendwann begann da die Idee zu leben, dass Wittgensteins Kind ein Mädchen ist, mit dieser Liebe zur Natur und Pflanzen. Und dann habe ich die Geschichte über Scarlet Hawthorne geschrieben: „Scarlet“. Mit einem „t“. Und plötzlich wurde diese Figur für mich so plastisch, das ich mehr über sie schreiben wollte. Scarlet ist ganz anders als Emily. Um die Frage vorweg zu nehmen. Emily taucht in „Somnia“ auf, aber da das Buch aus Scarlets Sicht erzählt ist, sehen wir Emily schon mit anderen Augen. Darüber hinaus ist das komplette Setting anders – die Geschichte spielt in New York. Und mehr werde ich noch nicht verraten. Nur soviel: man kann „Somnia“ lesen, ohne die anderen Bücher gelesen haben. Dies war das Schwierige und das Spaßige an der Sache. Wenn man die anderen Bücher kennt, wird man von Anfang an anders lesen. Es werden Orte erwähnt und Episoden, die für Nicht-Lycidas-Leser nur Randbemerkungen sind, aber Signale geben, wenn man die anderen Geschichten kennt. Wittgenstein wird auftauchen. Mehr möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten. Nur noch so viel: Es wird wieder um Engel gehen und der Ton ist erwachsener. Ich habe mir Scarlet immer so vorgestellt wie Hilary Swank. Mittlerweile dürfte bekannt sein, dass Wittgenstein für mich immer wie Alan Rickman aussah. Und Hilary Swank könnte sehr gut die Tochter von Alan Rickman spielen.

Booksection: Das E-Book ist auf der diesjährigen Buchmesse ein großes Thema. Glauben Sie ein elektronisches Buch wird sich auf Dauer durchsetzen?
Christoph Marzi: Ich liebe Bücher! In Papierform. In jeder erdenklichen Papierform. Aber das ist meine Sicht der Dinge. Wenn die Entwicklung dahin geht, dass Leute gerne Text am Bildschirm lesen, dann finde ich ist das keine Tendenz, der man sich verschließen sollte. Um Jeff Goldblum zu zitieren: „Das Leben findet einen Weg.“

Booksection: Bücher lesen hat eben etwas sinnliche. Man fast das Papier an, sitzt zum Beispiel auf dem Sofa oder im Bett und taucht in die Geschichte ein. Das Medium Computer verschließt diesen Weg für mich irgendwie.
Christoph Marzi: Nun ja, erinnern wir uns an die Höhlenmenschen, die Wände bemalt haben. Stellen wir uns ein Lagerfeuer vor. Man sitzt da herum und nagt an einer Keule und jemand erzählt etwas und jemand hört zu. Geschichten gab es schon immer. Insofern hat sich die Form, wie Geschichten weitergegeben werden, auch immer wieder verändert. Wenn nun jemand eine Geschichte am Bildschirm liest, und er hat dabei den gleichen Genuss wie ich ihn beim Lesen eines Buches auf Papier habe, dann ist das für mich o.k. Es ist einfach eine vollkommen neue Welt. In wie weit sich die E-Books für Romane etablieren weiß ich nicht. Sie bei Sachbüchern zu nutzen könnte ich mir eher vorstellen, weil man bei der Recherche schneller ist. Das hat einen Arbeitscharakter und ist ohnehin weniger romantisch. Ich lebe natürlich auch online - finde viele meiner Vorinformationen im Netz. Beim richtigen Recherchieren bevorzuge ich jedoch Bücher. Ich brauche meinen Bücherberg vor mir.

Booksection: Reichen Ihnen Bücher, wie jetzt bei den Recherchen zu New York, oder müssen Sie schon mindestens ein Mal vor Ort gewesen sein, die Atmosphäre in sich aufnehmen?
Christoph Marzi: Nein. Mir genügen die Stimmungen, die ich einfangen kann. Zum Beispiel: London. Das London, dass ich beschreibe ist ja nicht das reale London, sondern eher etwas romantisch verklärt. Die Uralte Metropole ist sehr viktorianisch angehaucht. Insofern ist die Stimmung, die ich in der Geschichte erzeuge, sowieso ein andere. Bei Barcelona, wie gesagt, habe ich mich sehr an die Bilder von Gaudi gehalten. Das New York in „Somnia“ sieht nun auch eher aus wie jenes aus bestimmten Büchern. Ich habe mich hier an amerikanischer Literatur orientiert und man kennt New York ja auch aus Filmen. Mir liegt mehr daran, die Atmosphäre eines Bildes einzufangen. Tania Blixen hat einmal gesagt: „Ein Fantasiereisender braucht sehr wenig Koffer.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Booksection: Lesen Sie privat denn auch gerne Fantasy oder ausschließlich Fantasy?
Christoph Marzi: Ich lese alles. Ich habe viel John Irving gelesen, T.C. Boyle, Michael Crichton – ach ja, und Michael Chabon. Das neue Buch von ihm „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ ist fantastisch. Alles von ihm ist fantastisch. Ich lese alles was mir in die Finger kommt.

Booksection: Was macht für Sie der Reiz beim Lesen aus? Das Abtauchen in eine andere Welt?
Christoph Marzi: Nun ja, ich lese die Bücher meistens an und wenn mich die mich Geschichte packt, dann lese ich sie zuende. Weshalb ich selbst immer wieder ins Phantastische abtauche – keine Ahnung. Es ist wohl das, was ich gerne tue. Ich lese fast keine High-Fantasy. Die einzige High-Fantasy, die ich gelesen habe, war Tolkien und fast alles von Markus Heitz. Tolkien war natürlich einer der Pioniere - da muss man wohl nichts mehr hinzufügen. Die Bücher von Markus Heitz sind wie Rock`n Roll, egal um welches Genre es sich handelt. Ich lese natürlich auch Kinderbücher, ganz toll sind die Geschichten von Tilda Apfelkern und Isabel Abedis „Lucy“-Bücher, weil man diese Geschichten einfach wunderbar vorlesen kann. Es gibt eigentlich keine Art von Geschichte, bei der ich sage, es wäre mir zu doof, es zu lesen. Es gibt bei mir nur die Alternativen „es packt mich und ich lese es“ oder „halt nicht“.  Und wenn Sie einen Tipp möchten: lesen Sie „Fairwater“ von Oliver Plaschka. Rennen Sie in den nächsten Laden und kaufen Sie das Buch, rennen Sie danach in den Supermarkt und kaufen sie genügend Nahrung für ein Wochenende – und lesen Sie (und vergessen Sie nicht, das Handy ins Klo zu werfen und das Telefonkabel aus der Wand zu ziehen).

Booksection: Was bekommen wir als nächstes von Ihnen zu lesen?
Christoph Marzi: Am 10. November, also in drei Wochen, erscheint „Somnia“. Dann wird im Januar das Hörbuch zu „Malfuria – Die Königin der Schattenstadt“ erscheinen, wieder gelesen von Andreas Fröhlich. Irgendwann im Frühjahr wird es die 120 Seiten-Geschichte als kleines Hardcover beim Arena Verlag geben (derzeit nur unter dem Arbeitstitel „Nightingale“ bekannt). Und ganz aktuell – ich schreibe, wie gesagt, an dem Jugendbuch „Rooftops of London“, das irgendwann im Sommer 2009 erscheinen wird. Darüber hinaus werden noch einige Kurzgeschichten in diversen Anthologien erscheinen. Wie gesagt – ich kann die Finger nicht von den kurzen Geschichten lassen ...

Booksection: Herr Marzi, vielen Dank für dieses interessante und kurzweilige Gespräch.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 16.10.2008

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