Interview mit...

...Dr. Carmen Paul


...zur Buchkritik "China verstehen"

"Niemand in meinem Umfeld bleibt gänzlich von meiner Passion verschont.“"

Booksection.de sprach mit einer der Autorinnen von „China verstehen“ über kulturelle Unterschiede und den Gewinn für das eigene Menschsein, wenn man sich auf eine andere Kultur einlässt.

Booksection.de Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich mit Sinologie beschäftigen? Gab es ein einschlägiges Ereignis, das die Initialzündung war?
Carmen Paul: Sprachen, Politik und Geschichte haben mich schon seit meiner Schulzeit interessiert. Als ich dann eine Berufswahl treffen musste, fiel mir die Totenrede von C.G.Jung auf den berühmten Chinakenner Richard Wilhelm in die Hände. Die Metapher "Initialzündung" in Ihrer Frage beschreibt ganz gut, was dann mit mir geschah: Ich wusste blitzartig, dass ich meinen Beruf gefunden hatte. Die Intuition hat nicht getrogen, ich habe mir in den vergangenen Jahren nie einen anderen Beruf vorstellen können.

Booksection.de Haben Sie selbst schon längere Zeit in China gelebt? Wie hat das Sie und ihr Bild von China verändert?
Carmen Paul: Ein Daueraufenthalt in China war und ist mir aus familiären Gründen nicht möglich. Ich fliege jedoch jährlich für einige Wochen nach China und habe bereits einen sehr großen Teil des Landes bereist.
Als Sinologin verfügte ich über ein solides Hintergrundwissen, als ich zum ersten Mal chinesischen Boden betrat. Aber es macht doch einen Unterschied, die Statistiken zu Chinas Wirtschaft zu studieren oder über ökologische und soziale Probleme zu lesen und dann die Realität in ihrer ganzen Vielschichtigkeit mit eigenen Augen zu sehen: Unzählige Riesenstädte, die sich rasend schnell modernisieren mit ihren verstopften mehrspurigen Straßen und ihren Hochhäusern, die mich an einen modernen Stelenwald erinnern… der  landesweite Ausbau von Straßen, modernen Bahnhöfen und Flughäfen… die Solaranlagen zur Warmwassergewinnung, die ich noch auf den ältesten Häuschen im letzten Dorf des hintersten China gesehen habe... der Aufbruch des chinesischen Hinterlandes. Ich bin aber auch in Regionen mit sehr schlechter Luftqualität gekommen und hoffe, dass die ehrgeizigen Umweltschutzziele des neuen Fünfjahresplanes tatsächlich umgesetzt werden.
Unterm Strich war China bei meinem ersten Besuch für mich eine überaus positive Überraschung. Vor allem die Vielfalt und die Lebendigkeit seiner Menschen haben mich berührt. Mittlerweile habe ich Vertreter des ganzen politischen Meinungsspektrums kennengelernt, von systemkritischen Dissidenten über politische Desinteressierte bis zu begeisterten Kommunisten. Gemeinsam war ihnen allen die Offenheit, mit der ich mit ihnen diskutieren konnte – darauf hatte mich meine häusliche Lektüre nicht vorbereitet. Und die vielen chinesischen Parks, wo sich das Volk zum Singen, Tanzen und Spielen trifft, liebe ich ohnehin und habe sie deshalb in unserem Buch beschrieben. Eigentlich wollte ich den Chinesen eigentlich nur zuschauen, doch ruck zuck stand ich oft selbst mitten im Geschehen und "durfte" ein Kunststückchen zum Besten geben. Nun ja, Lachen verbindet…

Booksection.de Sie haben im Fach Sinologie promoviert. War Ihre Dissertation Vorbereitung für ihr Buch?
Carmen Paul: Meine Dissertation hatte das politisch-administrative Kommunikationssystem der Ming-Dynastie (1368-1644) zum Thema. Seither haben sich meine Interessensschwerpunkte auf die klassische chinesische Philosophie und China ab 1800 verschoben. Beim Beurteilen des modernen China sind mir jedoch meine Kenntnisse des kaiserlichen Chinas eine große Hilfe. Außerdem habe ich beim Promovieren wie wohl jeder andere Akademiker auch gelernt, eine Fülle von Stoff methodisch zu durchdringen ohne darüber zu verzweifeln….

Booksection.de Wie lange hat die Arbeit an „China verstehen“ gedauert?
Carmen Paul: Korrekturen inbegriffen- und ich bin sehr korrekturfreudig- ungefähr 10 überaus arbeitsintensive Monate.

Booksection.de Können Sie uns etwas über die Zusammenarbeit mit Ihrer Co-Autorin Liqin Cheng erzählen? War das eine spontane Idee? Wie haben Sie sich „gefunden“?
Carmen Paul: Ich hatte vor einigen Jahren in meinem Wohnort eine Chinesin gesucht, mit der ich die Sprache üben kann. Eine Freundin von mir hat mir dann Liqin vorgestellt. Etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können, denn wir genossen es von Anfang an, stundenlang über China zu diskutieren und wir haben uns dabei prächtig ergänzt. Ihr umfangreiches und aktuelles Wissen beeindruckte mich dabei immer wieder. Da Liqin in China aufgewachsen ist und dort studiert hat, verfügt sie über einen Schatz persönlicher Erfahrungen, den ein Ausländer so eben nie haben kann. Als ich gefragt wurde, ob ich ein Buch über China schreiben wolle, war für mich deshalb von vorneherein klar, dass ich Liqin mit ins Boot hole - und sie hat dann auch keine Sekunde mit dem Einsteigen gezögert. Unsere Zusammenarbeit verlief wunderbar, dafür möchte ich ihr hier danken! Und natürlich hoffen wir beide, dass der Leser von der Autorenkombination aus einer Chinesin und einer Sinologin profitiert.

Booksection.de Ist es Ihrer Meinung nach einem Europäer möglich die chinesische Sprache je perfekt zu beherrschen?
Carmen Paul: Ich kenne einige Deutsche, die ausgezeichnet Chinesisch sprechen, obwohl diese Sprache zweifellos sehr schwierig ist. Den Lohn der Mühen drückt ein schönes tschechisches Sprichwort aus, das ich einmal gelesen habe:"Je mehr Sprachen man spricht, desto mehr Mensch ist man".

Booksection.de Welche gravierenden Unterscheide gibt es Ihrer Meinung nach zwischen der europäischen und der chinesischen Kultur
Carmen Paul: Oh, das ist natürlich ein weites Feld, denn Chinas Kultur ist vielschichtig und Europas Kultur ist vielschichtig.
Vielleicht haben die Chinesen noch eher das Gemeinwohl und die Entwicklung ihres Landes im Blick, vielleicht ist Europa in dieser Hinsicht egoistischer. Chinesen scheinen mir auch generell optimistischer und lockerer zu sein als wir Europäer, aber letzteres ist ja in Zeiten der Staatsschuldenkrisen wenig überraschend.
Doch die meisten Unterschiede sind meines Erachtens nur Unterschiede des Grades und Unterschiede der materiellen Lebensbedingungen, also nicht grundsätzlicher Natur.
Vielleicht sollten wir uns deshalb auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren: Den Wunsch nach Frieden, den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit und einer gesunden Umwelt, den Wunsch auf ein glückliches Leben…

Booksection.de Sie widmen das Buch Ihren Kindern, haben Sie diese bereits mit Ihrer Passion für China angesteckt?
Carmen Paul: Niemand in meinem Umfeld bleibt gänzlich von meiner Passion verschont. Da meine ganze Familie an Geschichte und Politik interessiert ist, gibt es immer mal wieder lebhafte Diskussionen, auch über China. Aber beruflich gehen meine drei erwachsenen Kinder je eigene Wege. Die Jüngste geht noch zur Schule. Sollte sie einmal die Absicht haben, Sinologin zu studieren, hält sie diese noch bestens verborgen.

Booksection.de Was hoffen Sie mit „China verstehen“ zu erreichen und wen möchten Sie insbesondere erreichen?
Carmen Paul: China ist ein Thema, bei dem schnell Emotionen aufkommen, seien es Euphorie oder – häufiger – Angst und Ablehnung. Das tut der Debatte nicht gut. Wir haben daher die sachliche Information der Leserinnen und Leser in den Vordergrund des Buches gestellt, um ihn/sie bei der Meinungsfindung zu unterstützen. Neben Exkursen in die chinesische Geschichte und Kultur stellen wir die allerneuesten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen vor ihrem jeweiligen konkreten und theoretischen Hintergrund dar.
Erreichen möchten wir Geschäftsleute, Touristen oder einfach interessierte Mitbürger, die sich innerhalb eines begrenzten zeitlichen Rahmens möglichst umfassend und zusammenhängend zu China informieren möchten. Daher versuchen wir in einem Werk mit überschaubarer Seitenzahl ein sehr breites Spektrum von aktuellen Themen abzudecken.

Booksection.de Frau Dr. Paul, herzlichen Dank für das Interview.
Carmen Paul: Ebenfalls herzlichen Dank für Ihr Interesse!



Das Interview wurde am 01.12.2011 durch Gabriele Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 11.12.2011