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Interview mit...
...Brigitte Riebe
"Das Gleichzeitige des Ungleichzeitigen - das ist für mich ein großes Faszinosum an Hildegard!"
Mit Booksection im Gespräch: Romanautorin Brigitte Riebe.
Booksection: Ihr neuester Roman „Die Prophetin vom Rhein“
beschäftigt sich mit Hildegard von Bingen. Was fasziniert Sie an dieser
historischen Persönlichkeit?
Brigitte Riebe: Alles! „Und tausend Jahre sind für
sie wie ein Tag“ – dieses Motto passt für Hildegard von Bingen
bestens. Sie war Visionärin, Naturwissenschaftlerin, Politikerin, Komponistin,
Managerin eines, später sogar zweier Klöster, erfüllt von enormer
Willenskraft und tiefer Frömmigkeit, die sich in sehr eigenen Bildern und
Visionen ausgedrückt hat. Kein liebes „Kräuterweiblein“,
wie es uns die Eso-Welle so gern weismachen möchte, sondern eine Persönlichkeit
mit vielen Ecken und Kanten, die anderen auch unbequeme Dinge direkt auf den
Kopf zusagen konnte – auch, wenn es Erzbischöfe, Päpste oder
der Kaiser war. Manches in ihren Schriften – über die menschliche
Sexualität zum Beispiel – mutet sehr frei, fast modern an- und doch
ist sie ein Kind ihrer Zeit, das u.a. die Kreuzzüge leidenschaftlich befürwortete
und in ihrem Kampf gegen die Ketzersekte der Katharer vor nichts zurückschreckte.
Das Gleichzeitige des Ungleichzeitigen – das ist für mich ein großes
Faszinosum an Hildegard!
Booksection: Speziell zu „Die Prophetin vom Rhein und
auch im Allgemeinen: Wie sieht die Recherche aus, bevor Sie mit dem Schreiben
eines neuen Buches beginnen? Wie viel Zeit nimmt sie in Anspruch?
Brigitte Riebe: Ich bin bekannt für meine gründlichen
Recherchen (als gelernte Historikerin kann ich gar nicht anders), muss aber
gestehen, dass sich mein enzyklopädischer Tick immer mehr ausweitet. Hinter
jedem meiner Romane stehen mehrere hundert Bücher an Sekundärliteratur,
die durchforste, wenngleich auch nicht immer von der ersten bis zur letzten
Seite lese. Man kommt stets vom Generellen zum besonderen – also von allgemeinen
Werken über das Hochmittelalter bis zu detaillierten Schilderungen der
Ermordung Erzbischofs Arnolds-, um nur ein Beispiel herauszugreifen. In der
Regel dauert die Recherche circa ein Jahr, aber auch während des Schreibens
muss ich immer mal wieder „tiefer“ einsteigen und neu zu suchen
beginnen, weil ich dann leider feststelle, dass ich an dieser Stelle einfach
noch nicht genug weiß.
Immer dann, wenn ich denke, „so, jetzt hast du alles“, stoße
ich auf die wirklich interessanten Dinge … das ist für mich schon
fast wie ein Gesetz.
Ich mache das gerne und mit großer Leidenschaft. Ich möchte nicht
nur einen Unterhaltungsroman schreiben, in dem Irgendetwas „Historisches(?)
steht, sondern durch gute, spannende und gründlich recherchierte Geschichten
GESCHICHTE erzählen …
Ich liebe Geschichte, seitdem ich 7 bin!!!
Booksection: Ihr neuer Roman erzählt parallel die Geschichten
mehrerer Figuren – da wären Hildegard von Bingen und auch Theresa
und Gero von Ortenburg. Ist Ihnen eine der Figuren besonders ans Herz gewachsen?
Brigitte Riebe: Ja, und ich muss gestehen, es ist Gero. Anfangs
mochte ich ihn nicht einmal besonders gern, so neunmalklug und mit seinem Rittertick,
um es mal flapsig zu sagen. Doch als sich dann seine Leidenszeit beim fiesen
Sarwürker herauskristallisierte, er fliehen musste, sich allein durchschlagen
und schließlich seinen großen Mentor Freimut findet, wuchs er mir
immer mehr ans Herz.
Dieser „Abgesang“ ans Rittertum ist übrigens nicht mein erster
Versuch in diese Richtung. Auch in meinem Roman „Liebe ist ein Kleid aus
Feuer“ bürste ich die Ritter schon einmal ordentlich gegen den Strich.
Das sollten auch andere historische Romane wagen: wird Zeit, endlich ein ungeschöntes,
realistisches Ritterbild zu zeichnen …
Booksection: Als Leser bekommt man den Eindruck, dass Theresa
von Ortenburg mehr im Vordergrund steht, obwohl der Buchtitel „Die Prophetin
vom Rhein“ sich auf Hildegard von Bingen bezieht. Steckt eine bestimmte
Intension dahinter?
Brigitte Riebe: Die Titelfindung findet stets im Einklang zwischen
Verlag und Autorin statt. So ist es auch hier geschehen. Uns hat gefallen, dass
Hildegard von ihren Zeitgenossen „Prophetin vom Rhein“ genannt wurde.
Das erschien uns authentisch und historisch „echt“. Natürlich
erzählt der Roman viel über Theresa, die als fiktive Person ja mehr
Freiheiten erlaubt. Aber stets wird die Verbindung zwischen diesen beiden sehr
unterschiedlichen Frauen beschrieben – auch in der Zeit, wo eben keine
besteht -, und die Geschichte Theresas wäre ohne den Bezug auf Hildegard
gar nicht denkbar.
Mir hat es gefallen, mich auf die Jahre von Hildegards großem Selbstbehauptungskampf
gegen die Männerwelt zu konzentrieren, der zudem mit ihrem Kampf gegen
die Katharer zusammenfällt. Das alles ist historisch verbürgt, was
ich umso spannender fand.
Einen weiteren Roman über Hildegards Leben von der Wiege bis zum Tod wäre
ich nicht angegangen. Denn in der tollen Biographie von Barbara Beuys „Denn
ich bin krank vor Liebe“ steht diesbezüglich alles, was man wissen
muss …
Booksection: Die Geschichten Ihrer historischen Romane sind
zumeist im Alten Ägypten oder im Mittelalter angesiedelt. Haben Sie eine
besondere Affinität zu bestimmten Epochen oder glauben Sie, dass dort die
besten Geschichten zu finden sind?
Brigitte Riebe: Ja, da haben Sie mich ertappt – das
Alte Ägypten liebe ich ganz besonders! Aber ich war auch schon einmal auf
Kreta „Palast der blauen Delphine“ und im Barock „Die Hüterin
der Quelle“ …
Warum immer Mittelalter? Die Leute lesen es gern und ich schreibe gerne darüber.
Auch hier sind so viele Vorurteile und Irrmeinungen unterwegs, die ich gerne
sanft korrigiere.
Z.B. Nein, es waren nicht nur „dunkle Zeiten“, sondern Zeiten, in
denen sehr vieles erfunden wurde. Oder: nein, es gab nicht dauernd Massenvergewaltigungen,
schon gar nicht von Rittern. Die wollten nämlich, dass ihre verfilzten
Bäuerinnen lieber die Felder bestellen, weil sie sonst gar nicht in den
Krieg ziehen konnten. Und zum dritten Mal nein: Mittelalter war nicht nur eine
Zeit des Aberglaubens. Bis weit ins 13. jahrhundert wehrte man sich erfolgreich
gegen den Hexenglauben … diese schrecklichen Verfolgungen starten erst
im 15. Jahrhundert und kulminieren im Barock … Sie sehen also, es gibt
noch viel zu erzählen und aufzuklären!
Booksection: Der Buchmarkt ist inzwischen geradezu überfüllt
mit historischen Romanen. Haben Sie Angst, dass Ihre Bücher in dieser Masse
untergehen? Und versuchen Sie bewusst, Ihre Geschichten von den anderen abzuheben?
Brigitte Riebe: Ich mache diesen Job jetzt seit 20 Jahren
und bin stolz und glücklich auf meine Fangemeinde. Wer Historisches lesen
will, das auch „stimmt“ (und trotzdem spannend ist), der ist bei
mir gut aufgehoben. Ich denke, das weiß auch der Buchhändler. Ich
bin überzeugt, meine LeserInnen sind klug genug (aber ich habe auch einen
großen Prozentsatz an Männern darunter, über den ich mich sehr
freue!), das zu erkennen.
Untergehen? Ich hoffe doch nicht – hab noch so viele Ideen im Kopf!
Booksection: Nicht nur in Ihren, sondern auch in anderen
Historienromanen sind die Hauptfiguren meist weiblich. Glauben Sie, solche Geschichten
würden weniger gut mit männlichen Protagonisten funktionieren?
Brigitte Riebe: Frauen sind für mich einfacher zu erzählen,
weil ich selber eine Frau bin. Was wir denken, fühlen, fürchten –
erscheint mit leichter zugänglich. Außerdem hatten wir jetzt lange
genug „his-story“. Jetzt können wir noch jahrelang „her-story“
erzählen, ohne übersättigt zu sein.
Anderseits bin ich bekannt für meine starken, interessanten Männerfiguren
(wenn Willem van Gent auch ausnahmsweise einmal nicht dazu gehört). Ich
denke, das eine geht nicht ohne das andere (wie im wirklichen Leben). Nur in
der Spiegelung und der Auseinandersetzung der beiden Geschlechter entsteht Spannendes
– in der Literatur, wie auch in der Realität!
Booksection: Wie sehen ihre Pläne für die Zukunft
aus? Arbeiten Sie an einem neuen Buch?
Brigitte Riebe: Ich bin gerade im Endspurt meines zweiten
historischen Jugendromans „Die Nacht von Granada“, der im Herbst
2010 bei cbj erscheint. Danach freue ich mich auf ein wunderschönes Thema,
an dem ich schon seit drei Jahren diverse Vorarbeiten und Studien gemacht habe.
Ein paar Stichworte: Assisi … San Damiano .. Armut … Gefährtenlegende
… Und wieder diese Frauen! Jetzt dürfen Sie raten!
Booksection: Vielen Dank für dieses Interview!
Das Interview wurde durch Karolin Kullmann geführt. Veröffentlicht und freigegeben von der Autorin am 09.04.2010
