Interview mit Bernhard Hennen

"Die Möglichkeit eines atomaren Krieges lag als Schatten über meiner Jugend."

Bernhard Hennen sprach mit uns zum Abschluss seiner „Drachenelfen“-Saga über Inspirationsquellen, die lauernde Versuchung des Happy End und den Überlebenstrieb der „Russen-Mafia“

Zum Auftakt der Saga um die Drachenelfen – 2011- hatten wir bereits einmal ein gemeinsames Interview. In wie weit haben Ihre Figuren seither den damals für sie vorgesehenen Pfad verlassen und einen eigenen Kopf entwickelt? In Anbetracht der Tatsache, dass die Reihe einmal auf drei Bände geplant war, nun aber fünf umfasst, kann man sich vorstellen, dass es einige Ausreißer gab. Am meisten zu schaffen gemacht haben mir diesbezüglich die beiden Söldner Volodi und Kolja. Ursprünglich sollten sie nur als Nebenfiguren im ersten Band auftreten und dort gegen Ende auch beide abtreten. Sie haben überlebt … Im zweiten Band hatte ich mir dann ganz fest vorgenommen, dass sie die finale Schlacht nicht überstehen. Und wieder kamen sie durch. Intern hatten sie für mich immer den Titel: Die Russen-Mafia. Wer auch nur einen Drachenelfen-Roman gelesen hat, weiß, warum ich sie so nenne. Auf das Konto der beiden geht einer der zusätzlichen Bände dieser „Trilogie“, da sie sich so viel Platz erobert haben. Andererseits sind sie zwei Figuren, die durch und durch voller Leben stecken und den Lesern sicher noch lange in Erinnerung bleiben werden. Ein weiterer Band ist der schieren Größe der Erzählräume geschuldet. Die Drachenelfen-Saga spielt auf drei sehr unterschiedlichen Welten und alle werden ausführlich vorgestellt. Das erfordert Raum …
Sie haben uns damals erzählt, dass nicht nur die Mythen und Sagenwelt, sondern auch unsere eigene Geschichte für Ihre Bücher immer eine reichhaltige Quelle für Ideen ist. Nun spitzt sich in „Himmel in Flammen“ der Krieg zwischen Himmelsschlagen und Devanthar dramatisch zu und beide überbieten sich in der Erfindung und dem Einsatz von Waffen – ein durchaus auch tagespolitisch sehr aktueller Bezug, wenn man sich die Welt momentan ansieht. Bleibt das für Sie einfach eine Inspirationsquelle für eine gute Geschichte oder möchten Sie Ihre Leser durchaus auch zum Nachdenken anregen? Bei der Konzeption habe ich mich an Ereignissen der jüngeren Geschichte orientiert. Allerdings nicht an tagesaktuellen Ereignissen. Vorlage war die Zeit des Kalten Krieges. Vor dreißig Jahren bin ich gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrieren gegangen. Die Möglichkeit eines atomaren Krieges lag als Schatten über meiner Jugend. Später habe ich noch viel darüber gelesen und fand die Vorstellung absurd, dass Militärs noch von einem theoretischen Sieg sprachen, wenn ihr eigenes Land nur zu 80% zerstört war, der Gegner aber vollkommen vernichtet. In Gedankenspiele genau dieser Art verstricken sich in den Drachenelfen-Romanen die Himmelsschlangen und die Devanthar. Und in der Furcht der großen Drachen, dass ein langsamer Verlust der Welt Nangog unausweichlich auch den Untergang Albenmarks nach sich ziehen wird, spiegelt sich die Domino-Theorie der Nato wieder. Konsequent führen diese Ängste zum Wettrüsten der beiden „Supermächte“ in Albenmark und auf der Welt der Menschen. Es kommt zu Stellvertreterkriegen, die zum Teil an die heutigen Ereignisse in Syrien oder der Ukraine erinnern. Und im Gegensatz zu unserer Welt wird der Konflikt bis zum bitteren Ende ausgefochten. Dabei war mir ein großes Anliegen, dass man nicht einfach in die Guten und die Bösen unterscheiden kann. Man kann die Ängste und die einzelnen Schritte jeder Seite sehr gut nachvollziehen. Dies macht den eigentlichen Schrecken aus.
Nicht nur die Handlung, auch viele Ihrer Figuren tragen Licht und Schatten in sich – beim Schreibprozess sicher nicht immer ganz einfach, dem gerecht zu werden. Mit welcher Figur oder welchem Erzählstrang mussten Sie besonders „kämpfen“? Die Ambivalenz der Figuren gehört zu meinem Credo. Ich hoffe, sie so davor zu bewahren, zu leicht durchschaubare Klischees zu sein. Ich hatte mit allen auf unterschiedliche Art und Weise Spaß, während ich sie geschrieben habe. Gerade ihre Unterschiedlichkeit hat meine Arbeit bereichert und abwechslungsreich gemacht. Selbst so düstere Gestalten wie Lyvianne machen eine Entwicklung durch. Auch Bidayn, die den umgekehrten Weg geht und vom gehänselten Mädchen zur skrupellosen Mörderin wird, war spannend zu schreiben. Und von ihr wird man ganz gewiss auch in Zukunft noch lesen.
Die „Dachenelfen“ begleiteten Sie seit gut sechs Jahren. Wie groß war die Versuchung, all Ihren Figuren ein Happy End zu geben? In diese Versuchung bin ich nie geraten. Im Gegenteil, ich habe lange mit mir gerungen, einigen der Hauptfiguren einen Hauch von Happy End zukommen zu lassen. Wie George Martin gehöre ich zu den schurkischen Schreibern, bei denen man stets mit dem Tod auch der nettesten Romanfiguren rechnen muss. Für mich ist dies ein bevorzugtes Stilmittel, um durchgehende Spannung aufzubauen.
Im Zentrum Ihrer Bücher steht – wie am Namen unschwer zu erkennen – das Volk der Elfen. Dennoch leben Ihre Bücher immer auch von vielen anderen interessanten Völkern. Hat sich zwischenzeitlich noch ein anderes fantastisches Volk in Ihr Autorenherz geschlichen, so dass Sie sich vorstellen können für es den Geschichtenerzähler zu geben? Den zweiten Platz hinter den Elfen belegen für mich von Anbeginn der Roman-Reihe die Menschen. So reizvoll Trolle, Kobolde und Kentauren auch sind, fühle ich mich den Menschen doch stets am nächsten. Ich glaube, insgesamt habe ich ihnen in der Elfen-Saga sogar mehr Platz eingeräumt als dem namensgebenden Fantasy-Volk.
Im finalen Band der „Drachenelfen“ bringen Sie viele Erzählstränge zu einem gelungen und oft auch überraschenden Ende. Dennoch bleibt auch einiges in der Schwebe. Ich hätte mir für einige Nebenstorys, wie zum Beispiel der von Frar oder Nandalees drittem Kind, ein etwas erhellenderes Ende gewünscht. Sind wir Leser einfach zu sehr an abgeschlossene Geschichten gewöhnt? Ehrlich gesagt gibt es zwei Gründe für mich, Geschichten nicht ganz aus zu erzählen. Als Leser mag ich es, wenn mir am Ende eines Buches noch ein wenig Spielraum bleibt, um meine eigenen Gedanken um Hauptfiguren weiterzuspinnen. Diese Vorliebe schlägt sich auch in meinen Romanen nieder. Allerdings ist es von Autorenseite auch praktisch, wenn noch etwas Stoff überbleibt, an dem man in nachfolgenden Geschichten anknüpfen kann. Für mich macht das Romanwelten runder, und es erleichtert Lesern den Einstieg, wenn sie sich von Anfang an, zumindest zum Teil, an der Seite vertrauter Figuren wiederfinden. Es wird nach der Drachenelfen-Saga noch einen weiteren Band mit dem Arbeitstitel Elfenmacht geben. Emerelle, Meliander und ihr dunkler Bruder werden darin eine Rolle spielen. Und auch über Frar werde ich einiges schreiben. Allerdings besteht – wie im richtigen Leben – die Gefahr, dass Antworten auch neue Fragen aufwerfen werden.
Mit „Himmel in Flammen“ schließt sich nicht nur der Kreis der „Drachenelfen“-Geschichte, sondern auch ein Stück zum Beginn Ihrer Elfen-Erfolgsstory, die 2005 mit „Die Elfen“ begann. Nun schlagen Sie 2016 mit „Die Phileasson Saga“ ein ganz neues Kapitel auf. Robert Corvus ist hier Ihr Co-Autor. Werden Sie Ihr Lieblingsvolk tatsächlich komplett hinter sich lassen (können)? Wer hat denn das Gerücht ausgestreut, dass es in der Phileasson-Saga keine Elfen gibt? J Auch hier spielen sie eine sehr wichtige Rolle. Allerdings wird dies erst im Verlauf der Geschichte ganz deutlich werden. Mehr kann ich hier leider nicht verraten, ohne schreckliche Spoiler zu verbreiten. Nur so viel noch. Von Anfang an schreibt Robert auch aus der Perspektive eines Elfen (neben anderen Figuren), und ich hatte großen Spaß, mit ihm an diesem Langohr zu arbeiten, das schon sehr anders ist als die Helden meiner Elfen-Saga.
Wenn Sie die Arbeit an den „Drachenelfen“ mit dem Schreiben von „Die Phileasson Saga“ vergleichen – was ist für Sie schöner – die Arbeit alleine oder im Team? Ich liebe die Abwechslung. Schriftsteller zu sein ist ein sehr einsamer Beruf. Es kommt vor, dass ich Tage hintereinander nicht das Haus verlasse und den größten Teil meiner Zeit am Rechner verbringe. Deshalb schätze ich die alle zwei Wochen stattfindenden Arbeitstreffen mit Robert sehr. Wir gehen dann gemeinsam die in dieser Zeit entstandenen Texte und Korrekturen durch und bringen einen Abschnitt des Buches zur Abgabefassung. Meist ist dies verbunden mit einem Abendessen und längeren Gesprächen abseits der Phileasson-Saga. Ich habe diese Treffen – die in aller Regel bis in die späten Abendstunden andauern – sehr schätzen gelernt.
Bernhard Hennen, herzlichen Dank für dieses Interview.
Das Interview durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 30.03.2016

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