Interview mit...

...Arnaldur Indridason


...zur Buchkritik von "Frostnacht"

"Was mich interessiert, sind die Charaktere."

Mit Booksection im Gespräch: Krimi-Autor Arnaldur Indridason über sein aktuelles Buch, Island und sein Verhältnis zu seinem Kommissar Erlendur.

Booksection: Ihr aktueller Krimi handelt von Ausländerfeindlichkeit in Island. Beim Lesen habe ich den Eindruck gewonnen, dass dieses Thema Ihnen sehr am Herzen liegt. Können Sie uns sagen warum?
Arnaldur Indridason: Es liegt mir tatsächlich sehr am Herzen. In den vergangenen Jahren war Island kein multikultureller Staat, aber mit dem großen Wirtschaftsaufschwung kamen Menschen aus aller Herren Länder nach Island und eben auch der Rassismus. Mir war es daher wichtig zu betonen, dass wir alle friedlich zusammenleben sollten. Die Geschichte handelt außerdem von einem absolut sinnlosen Verbrechen und davon wollte ich auch reden: von sinnloser Gewalt, von unschuldigen Opfern und einem dummen, idiotischen Mord. Dieses Problem haben wir leider in Island und ich habe das Gefühl, dass wir intolerant sind. Das wollte ich zeigen.

Booksection: Sie wollten also ein Zeichen gegen den Rassismus setzen?
Arnaldur Indridason: Ja, ich wollte die Leute zum Nachdenken darüber bringen. Als Autor muss man etwas zu sagen haben, das die Menschen zum Zuhören bringt und dann hoffentlich eben auch zum Nachdenken. Ich kann die Gesellschaft zwar nicht verändern, aber sie vielleicht dazu bringen, manche Dinge anders zu verstehen. Und das versuche ich in all meinen Büchern.

Booksection: Sind die Themen Ihrer Bücher eigentlich typisch isländisch?
Arnaldur Indridason: Nein, sie sind universell. Ich denke Island ist zwar nur ein kleiner Fleck auf der Erde aber trotzdem haben wir hier die selben Probleme mit den selben Menschen wie in Deutschland, den Vereinigten Staaten oder anderswo. Die Themen sind also nicht speziell isländischer Natur, was man auch daran sieht, dass die Bücher weit herumgekommen sind und in 34 Ländern erschienen sind. Man kann tatsächlich als Autor in Island, was ja ein sehr kleines Land ist, ein größeres Publikum erreichen.

Booksection: Aber es ist Ihnen wichtig, dass die Bücher in Island spielen?
Arnaldur Indridason: Ja, absolut. Als Schriftsteller sollte man wissen, worüer man schreibt und ich weiß über Island Bescheid, also versuche ich das in meinen Büchern zu nutzen.

Booksection: Lassen Sie sich für Ihre Bücher von Ereignissen inspirieren, die tatsächlich in Island passieren?
Arnaldur Indridason: Manchmal ja, manchmal nein. Viel Inspiration kann ich aus Diskussionen schöpfen, die in Island aktuell sind. Zum Beispiel in „Nordermoor“, das ja von Gendatenbanken handelt. Tatsächlich hatten wir eine große Debatte darüber, ob eine Gendatenbank in Island aufgebaut werden solle oder nicht. Die Idee für das Buch entstand daraus. Ähnlich war es mit „Todeshauch“, wo ich über häusliche Gewalt schreiben wollte. Mir kommt also die Idee, über diese Themen zu schreiben, sie muss aber dann erst noch ausgearbeitet werden.

Booksection: Wenn Sie eine Idee für ein Buch entwickelt haben, wie gehen Sie dann vor? Sprechen Sie mit Spezialisten bei der Polizei oder mit Psychologen?
Arnaldur Indridason: Wenn ich muss, ja. Wenn es in meinem Buch zum Beispiel um eine Erbkrankheit geht, dann muss ich darüber mit jemandem sprechen, der sich auskennt. Oder wenn ich wissen muss, was genau passiert, wenn die Polizei eine Leiche in einem Haus entdeckt. Trotzdem sind meine Bücher nicht sehr technisch. Diese ganze Polizeitechnik langweilt mich eher. Was mich interessiert, sind die Charaktere. Natürlich muss man manche Fakten einbauen, damit die Geschichte realistisch bleibt.

Booksection: Wie würden Sie Ihre Bücher beschreiben?
Arnaldur Indridason: Sie sind Polizeigeschichten, nicht Thriller wie die großen Geschichten um Dr. Evil oder so. Es sind sehr spezielle Geschichten über immer den gleichen Kommissar, Erlendur, über sein Leben und die Verbrechen, mit denen er sich beschäftigt. Aber ich habe auch Thriller geschrieben, „Gletschergrab“ beispielsweise, und ich finde es manchmal erholsam eine Pause zu machen und etwas ganz anderes zu machen. Danach freue ich mich aber schon wieder, zurück zu Erlendur zu kehren.

Booksection: Auch in den Büchern, die nicht von ihm handeln, „Tödliche Intrige“ etwa, erwähnen Sie Erlendur.
Arnaldur Indridason: Ja und auch in „Gletschergrab“ taucht er in einer kleinen Passage auf. Er ist also überall. (lacht) Es macht Spaß, ihn um mich herum zu haben, auch wenn er selbst eigentlich nicht sehr witzig ist.

Booksection: Können Sie sich vorstellen, eines Tages mal über etwas ganz anderes zu schreiben, keine Krimis mehr, sondern vielleicht eine Liebesgeschichte?
Arnaldur Indridason: Eine Liebesgeschichte? Eigentlich nicht, aber man weiß ja nie. Möglicherweise. In den nächsten zwei Jahren werde ich jedenfalls noch etwas mehr über Erlendur erzählen.

Booksection: Ich frage deshalb, weil ich gelesen habe, dass Sie eher zufällig zum Krimi-Autor geworden sind.
Arnaldur Indridason: Ja, damals hatte ich diese Idee und wollte einfach schauen, ob ich ein ganzes Buch daraus machen könnte. Tja, und jetzt sind wir hier.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 11.10.2007