Interview mit...

...Arabella Kiesbauer


"Wunder Dich nicht, wenn Dir die Kinder „Obruni“ nachrufen."

Mit Booksection im Gespräch: Arabella Kiesbauer.

Booksection: „Mein afrikanisches Herz“ befasst sich mit Ihren Wurzeln. Wie kommt man auf die Idee, seine ganz persönliche Geschichte nieder zu schreiben?
Arabella Kiesbauer: Es ist ja eine Spurensuche nach meinen afrikanischen Wurzeln und hat im Privaten begonnen. Erst einmal mit vielen Fragen, die ich mir gestellt habe, gerade im Bezug auf meinen Vater, der 1999 gestorben ist:  Wie viel von ihm hab ich in mir? Was war er für ein Mensch? Darauf konnte ich alleine keine Antworten finden, so habe ich mich an meine Mutter gewandt. Leider  waren die Gespräche auch nicht so ergiebig, weil meine Mama ja nur von 1967 bis 1972 ihm  zusammen war – Dann haben sich die beiden getrennt. Danach gab es viele weiße Flecken auf der Landkarte im Leben meines Vaters. Nachdem ich ihn dann nicht mehr selbst fragen konnte, kam der Entschluss, die Familie zu suchen. Als ich sie gefunden habe, bin ich nach Ghana gereist. Während der Reise entstand der Wunsch, alles niederzuschreiben, weil ich doch gemerkt habe, dass, auch wenn die Thematik mit dem Afrikahintergrund nicht so viele betrifft, die Thematik ohne  ein Elternteil aufzuwachsen, aufgrund von Trennung, oder Scheidung, das diese Last doch von vielen getragen wird.

Booksection: Haben Sie als Kind schon gespürt, das da irgendwie eine Hälfte von Ihnen fehlt?
Arabella Kiesbauer:Eigentlich nicht, nein. Ich habe mich wirklich erst später auf die Suche nach meinem Vater begeben. Als Kind hab ich nicht soviel vermisst. Ich bin sehr behütet und mit viel Liebe aufgewachsen – Meine Großmutter hat mich großgezogen und ich habe auch ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mama gehabt. Da hat mir eigentlich nichts gefehlt. Erst jetzt, mit dem Älterwerden, gerade wenn man selbst Nachwuchs erwartet, kommen die Fragen. Da will man seine Familiengeschichte aufschreiben. Ich habe mir auch lange Vorwürfe gemacht, weil ich diese wunderbaren Geschichten meiner Großmutter, die Sudetendeutsche war und gegen Ende des Krieges fliehen musste, nicht aufgeschrieben habe. Da hab ich mir wirklich gedacht: Das passiert mir hier aber nicht und bin mit einem Aufnahmegerät zu meiner Mama und hab gesagt: „So jetzt erzählst Du aber!“

Booksection: Als Sie in Ghana ankamen, was war das für ein Gefühl?
Arabella Kiesbauer: Erstmal war ich von den Eindrücken überwältigt. Es ist schon eine ganz andere Welt, in die ich da eingetaucht bin. Was ja noch hinzukommt: Ich  war  nicht nur Touristin, sondern auch Familienmitglied, d.h. ich hab auch gleich mit der Familie gewohnt, hab da sicherlich noch mal ganz urige Seiten kennen gelernt. Ich habe bemerkt, dass ich diese afrikanische Seite in mir habe. Ich hab mich in vielen Dingen wieder gefunden und viele Dinge haben mir sehr gut gefallen. Die Herzlichkeit der Menschen zum Beispiel, die Qualität, die dort auch Beziehungen haben. Das ist eine andere Art von Luxus, bei uns bezieht sich das ja meist auf materielle Dinge. In Afrika geht es wirklich um die Qualität der Beziehungen unter den Menschen. Da können wir sicher von lernen.
Aber natürlich bin ich überwiegend Europäerin und an viele unserer Annehmlichkeiten gewöhnt..

Booksection: Wie war das mit der „Sprachbarriere“? Man sieht so aus, wie alle, und doch spricht man die Sprache nicht.
Arabella Kiesbauer: Im Vorfeld hab ich mir über die Sprache keine großen Gedanken gemacht. Hätte zum Problem werden können, aber der Großteil der Familie spricht sehr gut Englisch. Bis auf eine Tante, die spricht nur fanti, das ist die Sprache meines Stammes. Das mit der Kommunikation war eigentlich kein Problem.
Nur, wenn Sie sagen, ich sehe aus, wie die anderen dort: Ich sehe natürlich nicht so aus, wie die anderen dort. Ich bin ein Mischling und habe eine ganz andere Hautfarbe. Mein Onkel hat mir gleich am ersten Tag gesagt: „Wunder Dich nicht, wenn Dir die Kinder „Obruni“ nachrufen.“ Darauf fragte ich, was das bedeute. „Weiße!“ Ich hab dann zu ihm gesagt, dass ich wirklich alles bin, aber doch nicht weiß. Darauf sagte er: „Doch, für die Kinder hier bist Du eine Obruni. Du hast nicht unsere Hautfarbe!“ Daraufhin hab ich ihn gefragt, wie das mit meiner Mutter ist, die mich ja begleitet hat und weiße Haut und graue Haare hat, wie sie denn heißt: Daraufhin bekam ich die Antwort: „Sie ist ein Alien!“. Also etwas, was es eigentlich gar nicht geben kann. Als wir unterwegs waren, haben die Kinder beim Anblick meiner Mama auch wirklich geweint und sich gefürchtet. Bei mir waren sie dann zutraulich, aber bei meiner Mutter ging es dann wirklich: „Uuaaahhh!!“
Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Schwarz- Weiß Malerei gerade in Rassismus Fragen nur im Auge des Betrachters liegt.

Booksection: Ist Ghana nun zu einer Art Heimat geworden, durch diese Reise?
Arabella Kiesbauer: Ich habe sicherlich durch diese Reise viel dazu gewonnen. Früher habe ich diese afrikanische Seite in mir verleugnet. Das tue ich heute nicht mehr.

Booksection: Wenn man als Moderatorin ein Buch schreibt, wird man dann von Autoren-Kollegen belächelt und / oder ernst genommen?
Arabella Kiesbauer: Ich selbst sehe mich nicht als Schriftstellerin. Eher als jemand, der etwas sehr persönliches niedergeschrieben hat. Wenn man ein Buch geschrieben hat, ist man noch lange keine Schriftstellerin und ich werde mich auch sicher nicht um den Literaturnobelpreis bewerben. Es ist einfach ein persönliches Statement, das etwas länger ausgefallen ist, als ein normaler Artikel.

Booksection: Wie war das, ein Buch zu schreiben?
Arabella Kiesbauer: Ich habe, als ich in Ghana war, ja erst einmal alles in Tagebuchform aufgeschrieben und später erst überarbeitet. Es war eine für mich neue Erfahrung. Es war nicht unbedingt das erste Buch, das ich geschrieben habe, aber das erste in dieser Form und die Zeit des Schreibens war schon eine ganz andere Situation, wie die, die ich sonst erlebe. Es ist eine sehr einsame Zeit. Am Anfang hab ich das sehr genossen, je länger es aber gedauert hat, man ist ja total abgeschottet, umso schwieriger ist es mir dann auch gefallen.

Booksection: Wird es weitere Bücher geben?
Arabella Kiesbauer: Dieses Buch ist meine persönliche Geschichte. Den Wunsch, jetzt auch fiktive Romane zu schreiben, habe ich eigentlich nicht. Aber es war eine tolle Erfahrung, und ich kann mir gut vorstellen, wieder mal ein Buch zu schreiben.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 12.10.2007

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