Interview mit Anthony Ryan

"Ich denke, ob ein Buch das Potential hat zukünftige Mythologien zu beeinflussen, ist so weit außerhalb unserer Kontrolle, dass man sich das nicht wirklich zum Ziel setzen kann."

Booksection.de im Gespräch mit Anthony Ryan, dem Autor der erfolgreichen Rabenschatten-Trilogie.

Ihre „Rabenschatten-Trilogie“ mit dem Krieger Vaelin Al Sorna ist ein gewaltiges Epos, das phantastische und mittelalterliche Erzählelemente mischt. Was war Ihr Ausgangspunkt für die Geschichte? Gab es eine Initialzündung? Es ist immer schwierig den genauen Entstehungspunkt einer Idee festzumachen. Die Grundidee zu "Das Lied des Blutes" (Anm. d. R.: Band 1 der Rabenschatten-Trilogie) gärte schon ein paar Jahre in meinem Kopf, nahm aber erst wirklich Gestalt an, nachdem ich ernsthaft begonnen hatte, Geschichte zu studieren. Ich wollte eine epische Fantasygeschichte schreiben, die von Heldentum und Krieg in einer glaubhaften Art und Weise erzählte. Ohne Glorifizierung und die abgenutzten Stereotypen von Gut und Böse. Sicherlich hatten auch die Geschehnisse nach dem 11. September 2001 einen Einfluss, denn zu der Zeit beschäftigte ich mich sehr mit Themen wie religiösen Konflikten und politischen Intrigen.
Gibt es Aspekte in der Geschichte, die Ihnen persönlich ungemein wichtig sind, bei denen Sie aber merken, dass die Leser nicht so darauf „anspringen“? Ich erwartete fast eine positive oder negative Reaktion auf die Einführung von Reva und der Tatsache, dass sie lesbisch ist. Aber die meisten Leser hat das gar nicht interessiert. Die Figur der Lyrna mochte ich immer sehr. Doch viele Leser sahen sie negativ. Nicht gemocht zu werden ist wohl der Preis der Macht.
Krieg und Gewalt ist allgegenwärtig in Ihrer Trilogie, gerade in Band drei. Ihre Figuren gehen mit dem Erlebten ganz unterschiedlich um. Vaelin erträgt es fast stoisch, Reva kämpft im Rausch, und Alornis wird fast wahnsinnig. Was fasziniert Sie an dem Thema, dass Sie es derart in den Mittelpunkt stellen? Ein Satz aus dem Film „Der schmale Grat“, den ich nie vergessen werde, lautet: „Krieg adelt Menschen nicht.“ Gewalt und Krieg sind tiefgreifende Erfahrungen, egal ob man das will oder nicht. Unterschiedliche Menschen reagieren auf solche lebensverändernden Ereignisse in verschiedener Weise. Ich mochte immer Fantasygeschichten, die Krieg ernst nehmen und nicht wie ein großes Abenteuer darstellen. Die Selbstmordrate unter Kriegsveteranen ist ein schrecklicher Indikator für die Schäden, die Krieg in der menschlichen Psyche hinterlässt. Niemand geht aus diesen Konflikten unversehrt hervor. Dies aufzuzeigen, war mir für die Geschichte wichtig.
Eine Trilogie zu entwerfen und zu schreiben dauert seine Zeit, und gerade im Fantasygenre tauchen doch immer wieder die gleichen Themen auf. Macht man sich als Autor da Gedanken, dass Kollegen auf ähnliche Ideen kommen könnten wie man selbst und die eigene Geschichte plötzlich nicht mehr ganz so einzigartig ist? Bestimmte Motive kommen in der epischen Fantasy immer wieder vor, und es ist unmöglich, sie alle zu vermeiden. Ich habe versucht, mir nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen, in wie weit ich von anderen Autoren beeinflusst war. Sonst hätte ich wahrscheinlich nie etwas geschrieben. Natürlich ist es nicht sinnvoll, nur das aufzupolieren, was bereits geschrieben wurde. In den Grenzen des Genres versuche ich immer nach Originalität zu streben. So verändere ich beispielsweise Handlungen oder Figuren, wenn ich feststelle, dass ein anderer Autor ähnliche Ideen hat. Glücklicherweise kommt das nicht häufig vor.
Ist es Ihnen schwer gefallen, ihre Figuren nach dem Ende der Rabenschatten-Trilogie zu verlassen, nachdem sie Sie so lange begleitet haben? Nachdem ich die Trilogie beendet hatte, erlebte ich eine seltsame Mischung aus Traurigkeit und Erleichterung. Meine Figuren waren mir so vertraut geworden, dass der Abschied mich schmerzte. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich sie eines Tages wiedersehen werde. Abgesehen von denen, die ich umgebracht habe, natürlich.
Persönlich fand ich es schade, dass Vaelin gegen Ende nicht mehr ganz so viel Raum in der Geschichte hatte. Kämpfen die Figuren im Schreibprozess bei Ihnen um die Aufmerksamkeit des Autors? Wenn man nur die Wörter zählt, hatte Vaelin mehr Raum als irgendein anderer Charakter in „Die Königin der Flammen“ (Anm. d. R.: Band drei der Rabenschatten-Trilogie). Ich bin bemüht allen meinen Figuren die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wie dem auch sei, die Geschichte steht für mich immer im Vordergrund. Wenn es für den Fortgang der Handlung erforderlich ist, werde ich daher immer einem Charakter auch mehr Raum geben.
Die Vereinigten Königslande erinnern an Großbritannien. Eine gewollte Parallele oder schöpfen Sie auch ganz unbewusst aus dem, was Sie kennen? Es gibt offensichtliche historische Parallelen zwischen Großbritannien und den Vereinigten Königslanden, obwohl ich teilweise auch vom mittelalterlichen Frankreich oder der frühen Renaissance in Europa beeinflusst war. Einer der Vorteile Fantasy zu schreiben ist, dass ich mir Elemente aus der Geschichte frei herauspicken kann, ohne mir Sorgen über konkrete Daten oder geographische Angaben machen zu müssen. Ein weiterer Vorteil ist, dass es keinen Urheberrechtsschutz für Geschichte gibt.
Der Autor J. R. R. Tolkien ist mit seinem Werk angetreten, die Sagenwelt Englands reicher zu machen. Sie haben – wenn ich richtig recherchiert habe - Geschichte studiert. Lag es da für Sie nahe, High Fantasy mit historischem Einschlag zu schreiben? Ich habe keine große Mission, außer Geschichten zu erzählen. Und das will ich tun, so gut ich kann. Die Rabenschatten-Trilogie beschäftigt sich mit Themen, wobei religiöse Konflikte und die Last der Verantwortung die hervorstechendsten sind. Aber es geht mir nicht wirklich darum, darüber hinaus eine tiefergehende Botschaft zu vermitteln. Ich denke, ob ein Buch das Potential hat zukünftige Mythologien zu beeinflussen, ist so weit außerhalb unserer Kontrolle, dass man sich das nicht wirklich zum Ziel setzen kann. Es würde mich überraschen, wenn die Leute meine Bücher auch noch in 50 Jahren lesen, geschweige denn in einigen Jahrhunderten. Aber wer weiß? Folglich kann ich keine geistige Allianz mit Professor Tolkiens Visionen beanspruchen, so sehr ich sein Werk auch verehre.
„Sein Schicksal zu erfüllen“ ist ein wiederkehrendes Thema bei Ihren Figuren. Ist das für Sie einfach ein dankbares Story-Element oder auch eine tatsächliche Überzeugung von Ihnen? Ich persönlich glaube nicht an die Macht des Schicksals. Die Trilogie beweist mehr als einmal, dass Prophezeiungen sich nicht erfüllen. Eines der Schlüsselelemente der Haupthandlung sind plötzliche und unerwartete Veränderungen, sowohl gesellschaftliche wie auch persönliche. Vaelin wird ohne Vorwarnung aus seinem Elternhaus herausgerissen und dem 6. Orden übergeben. Lyrna findet sich in der Stellung der Königin wieder, als das Reich überraschenderweise erobert wird und so weiter. Ungeachtet dessen, dass die Geschichte in einer Welt spielt, in der Magie real ist und bestimmte Personen die Zukunft sehen können, ist das Unerwartete nie weit entfernt. Dennoch ist die Idee eines unausweichlichen Schicksals oder einer Weissagung ein willkommenes Spannungselement, das ich gerne einsetze, selbst wenn die Dinge nachher anders kommen als gedacht.
Der erste Band der Rabenschatten-Trilogie „Das Lied des Blutes“ war Ihr Durchbruch. Was hat sich seither für Sie verändert? Zunächst hatten Sie das Buch ja im Self-publishing veröffentlicht. Im Verlauf der Entstehung von „Der Herr des Turms“ (Anm. d. R.: Band 2 der Rabenschatten-Trilogie) wurde ich zu einem Vollzeit-Autoren. Abgesehen von „Das Lied des Blutes“ erschienen alle meine Romane auf dem „traditionellen“ Weg. Dennoch veröffentliche ich immer noch Kurzgeschichten wie die Novelle „The Lord Collector“ (erscheint bald auch auf Deutsch) im Self-publishing. Nach der Rabenschatten-Trilogie begann ich mit einer neuen Serie - „The Draconis Memoria“. Der erste Band – „The Waking Fire“ – erschien dieses Jahr im Juli auf Englisch. Ich glaube die deutsche Übersetzung erscheint im Laufe des kommenden Jahres bei Klett-Cotta (Hobbit Presse). Ich entferne mich damit ein wenig vom Setting der Rabenschatten-Trilogie. Die Geschichte spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, so dass die Menschen mit Pistolen kämpfen anstatt mit Schwertern. Aber es gibt auch Drachen und Magie, so dass ich hoffe, Fantasy-Fans werden es auch mögen.
Anthony Ryan, herzlichen Dank für dieses Interview. Es war mir ein Vergnügen!
Das Interview durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 02.12.2016

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