Interview mit...

...Anthony McCarten


...zur Buchkritik von "Hand aufs Herz"

"Als Autor halte ich zwei Hände an die Tatstatur – und das jeden Tag. Das ist auch ein extremer Durchhaltewettbewerb."

Mit Booksection im Gespräch: Autor Anthony McCarten über sein aktuelles Buch "Hand aufs Herz".

Booksection: Haben Sie ihren typischen Leser vor Augen, während Sie an einem Roman schreiben?
Anthony McCarten: Ich weiß, dass die meisten meiner Leser Frauen sind. Das wurde mir von meinem Verleger gesagt. Dennoch schreibe ich meine Bücher nicht für bestimmte Personen, sondern nur nach meinem eigenen Geschmack und über Themen, die mich selbst interessieren. Ich glaube die Liebesgeschichten in meinen Romanen sprechen im Allgemeinen eher Frauen anstatt Männer an. Es gibt in meinen Romanen eben keine Menschen, die mit dem Auto durch die Gegen fahren und Atombomben aus dem Fenster werfen – oder so ähnlich. (lacht) Frauen sind eher an emotionalen Geschichten interessiert, auf jeden Fall mehr als Männer, und solche Geschichten lassen sich in meinen Büchern durchaus sehr häufig finden.

Booksection: Lesen sie die Besprechungen Ihrer Romane in der Presse?
Anthony McCarten: Ich versuche es zu umgehen, aber es gelingt mir nicht immer. Es ist sehr schwierig. Wenn ich zum Beispiel auf einer Party bin und jemand erzählt mir, dass er gerade mein Buch gelesen hat, dann ist es sehr schwierig für mich, nicht nachzufragen, wie ihm das Buch denn gefallen hat.

Booksection: Wie reagieren Sie darauf, wenn die Kritik schlecht ausfällt?
Anthony McCarten: Ich fühle mich missverstanden. Man fühlt sich, als wäre alles falsch. Manchmal merkt man aber, dass die Kritiker mit manchen Dingen auch Recht haben und dann kann man sogar von ihnen lernen. Mein Hauptproblem mit Buchkritiken ist, dass sie meistens uninteressant sind. Sie beschreiben nur den groben Plot des Romans. Die eigentlichen Themen, die in dem jeweiligen Buch behandelt werden, werden dabei aber nicht verdeutlicht. Die Philosophie und die vielen Ideen die dahinter stehen – das alles geht verloren und das ist für einen Autor oftmals sehr frustrierend.

Booksection: Glauben Sie, dass die Kritiker Ihre Bücher nicht richtig verstehen?
Anthony McCarten: Es scheint so zu sein, dass die Leser, gerade von Zeitungen oder Magazinen, einfach nur unterhalten werden wollen. Aber ich glaube, dass man auch unterhalten könnte, indem man etwas tiefer geht und einen penetranteren oder genaueren Blick auf ein Buch wirft. Bei Filmen funktioniert das ja auch. Die meisten Filmbesprechungen sind sehr viel interessanter, als die trockenen Texte über Literatur.

Booksection: „Film“ ist ein gutes Stichwort für die nächste Frage. Zwei Ihrer Romane wurden bereits verfilmt. Wie sieht es mit der Verfilmung von „Superhero“ aus?
Anthony McCarten: Wir sind schon ganz nah dran. Wenn alles gut läuft, können wir im Februar anfangen zu drehen. Es wird jedoch auch einige animierte Szenen geben, so dass viel Arbeit am Computer stattfinden muss. Das alles machen wir in München. „Superhero“ wird auf jeden Fall eine deutsche Produktion werden. Ich bin schon sehr gespannt darauf. Im Moment ist alles sehr aufregend!

Booksection: Für „Hand aufs Herz“ haben Sie sich als Regisseur betätigt. Wie war diese Erfahrung für Sie?
Anthony McCarten: Es war schön die Chance dazu zu bekommen. Aber „Hand aufs Herz“ zu drehen, war schon alleine ein bisschen wie ein Durchhaltewettbewerb. Wir hatten nur 22 Tage, um den Film fertig zu stellen. Wenn man den Film anschaut und in die Gesichter der Schauspieler sieht, dann kann man darin schnell erkennen, was sie eigentlich sagen wollen, nämlich: „Ich hasse Anthony McCarten!“ Ich musste die Schauspieler an ihr Limit treiben und in kurzer Zeit sehr viel von ihnen fordern.

Booksection: Wie schwierig war es, Schauspieler für Figuren zu finden, die man selbst in seinem Kopf hat entstehen lassen?
Anthony McCarten: Wir haben beim Casting nach ganz verschiedenen Typen gesucht. Bei den beiden Hauptdarstellern standen wir vor der großen Herausforderung, dass wir zwei vollkommen gegensätzliche Schauspieler finden mussten. Die weibliche Hauptfigur musste eine sehr nette Person sein, der man ihre Freundlichkeit in den Augen ablesen kann. Für die männliche Hauptfigur habe ich nach einem richtigen Arschloch gesucht – und bin auch fündig geworden. (lacht) Im Grunde ist der Darsteller ein lieber Mensch, aber er versteht es ganz hervorragend vor der Kamera einen arroganten Typen zu spielen. Er hat einen guten Job gemacht.

Booksection: Wird der Film auch in Deutschland in den Kinos laufen?
Anthony McCarten: Das hoffe ich, ja! Die Chancen stehen derzeit auch sehr gut.

Booksection: Wie gefallen Ihnen ihre eigenen Filme?
Anthony McCarten: Zunächst mag ich sie immer sehr und bin auch sehr euphorisch. Mit etwas Abstand fallen mir aber immer mehr Kritikpunkte daran auf. Es ist wie in einer Beziehung – die werden mit der Zeit ja auch immer schwieriger. (lacht)

Booksection: Zurück zu Ihren Büchern. Mit „Superhero“ haben sie große Erfolge gefeiert. Wie sind Sie mit dem Erwartungsdruck umgegangen, als sie damit begonnen haben Ihren nächsten Roman zu schreiben?
Anthony McCarten: „Hand aufs Herz“ zu schreiben, fiel mehr sehr schwer. Aber nicht wegen dem hohen Erwartungsdruck. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Erwartungen an mich selbst. Es war viel mehr schwierig, weil die ganze Zeit über nicht sonderlich viel passiert. Da die Figuren an einem Auto stehen und lediglich ihre Hand daran halten, konnte ich nur ihren äußeren Zustand darstellen, sie einige Dialoge führen lassen und ihre Gedankenwelt beschreiben. Wirkliche Action gibt es aber nicht. Umso glücklicher bin ich, dass mir die Herausforderung dennoch gelungen ist.

Booksection: Die Figuren mussten eben stark genug sein…
Anthony McCarten: Ja, genau. Das war sehr wichtig. Außerdem lag die Herausforderung für mich darin, dass sich die Figuren im Laufe der Zeit verändern müssen. Immerhin schlafen sie einige Tage nicht. Es war mir sehr wichtig zu zeigen, welche Veränderungen eine solche Extremsituation bei einem Menschen hervorrufen kann. Ich habe versucht das zu verdeutlichen, indem ich ihre Sprache verändert habe und immer wieder ihre Sätze und Gedankengänge einfach abrupt habe abbrechen lassen.

Booksection: Wie kamen Sie überhaupt auf die Geschichte?
Anthony McCarten: Ich habe von einem solchen Durchhaltewettbewerb in der Zeitung gelesen. In einer kleinen Stadt in Neuseeland hat eine ähnliche Challenge tatsächlich einmal stattgefunden. Diese Form eines Wettbewerbs hat mich sofort interessiert.

Booksection: Welcher Aspekt hat Sie an dieser Geschichte am Meisten gereizt?
Anthony McCarten: Das Wichtigste für mich war, die Antwort auf eine zentrale Frage zu finden: Aus welcher Motivation heraus, nehmen die Leute an einem solch extremen Wettbewerb teil? In „Hand aufs Herz“ habe ich 40 Teilnehmer versammelt und damit einhergehend 40 vollkommen unterschiedliche Beweggründe. Ich fand es sehr spannend herauszufinden, welcher der vielen Beweggründe am Schluss der Stärkste sein wird, um tatsächlich als Sieger aus diesem Wettbewerb hervorzugehen. Muss man nett sein, um zu gewinnen oder eher aggressiv? Ist der Teilnehmer am Stärksten, der an dem Wettbewerb für jemanden anderen teilnimmt. Für jemanden den er liebt und der den Gewinn ganz dringend braucht? Oder ist der Teilnehmer, der mit eisernem Willen einfach nur das Geld haben will, stärker? Welcher Beweggrund gibt am Meisten Kraft, welcher Grund ist letztendlich der Stärkste? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen war sehr spannend.

Booksection: Haben Sie jemals an einem vergleichbaren Wettbewerb teilgenommen?
Anthony McCarten: Nein, noch nicht an einem wie er in „Hand aufs Herz“ beschrieben wird. Aber als Autor halte ich zwei Hände an die Tatstatur – und das jeden Tag. Das ist auch ein extremer Durchhaltewettbewerb (lacht).

Booksection: Haben Sie zur Vorbereitung für den Roman ausprobiert wie es ist, wenn man mehrere Tage ohne Schlaf verbringt?
Anthony McCarten: Nein, aber ich habe viel darüber gelesen, wie sich wenig Schlaf auf Menschen auswirkt. Erst arbeitet das Gehirn nicht mehr frei und später bricht der Körper zusammen. Es besteht auch die Gefahr, dass man an Schlafmangel stirbt, weil der Mensch ganz natürlich Schlaf braucht. Wenn wir den nicht bekommen, gibt unser Körper irgendwann einfach auf. In meinem Buch habe ich aber eher Wert auf die Veränderungen der Gedankengänge gelegt.

Booksection: Auf welche Geschichte dürfen wir uns als Nächstes von Ihnen freuen?
Anthony McCarten: Im Moment suchen wir noch nach einem Titel für meine neue Geschichte. Das Problem ist, dass Benedict Wells mit „Spinner“ den ursprünglichen Titel für mein neues Buch geklaut hat (lacht). Aber die Geschichte steht schon: Es geht um ein Mädchen, das in einer Fabrik gearbeitet hat und nun seit 24 Stunden vermisst wird. Als sie plötzlich wieder nach Hause zurückkommt, erzählt sie jedem, dass sie von einem Raumschiff entführt wurde. Natürlich glaubt ihr keiner und alle denken, dass sie Scherze macht. Doch dann ist sie schwanger, obwohl sie noch Jungfrau ist. Es stellt sich heraus, dass sich irgendwas in der Stadt verändert und es geht nun darum herausfinden, was genau passiert ist.


Das Interview wurde am 15.10.2009 durch Kathrin Lang & Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht am 30.11.2009

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