Interview mit...

...Andreas Altmann


...zu "Weit weg vom Rest der Welt"

"Ich bin ein leicht reizbarer Mensch und möchte den Leser verführen - ihn in all seinen Sinnen ansprechen."

Mit Booksection im Gespräch: Reiseromanautor Andreas Altmann.

Booksection.de: „Weit weg vom Rest der Welt“ ist Ihre erste Reisereportage in Buchform. Im Rückblick auf die zahlreichen Reisen auf diesem Kontinent: Wie hat sich Ihr Verständnis von Afrika verändert?
Andreas Altmann:
Für eine Neuauflage von 2007 bei Frederking & Thaler wurde ich gebeten, ein Nachwort über die Länder Westafrikas zu schreiben. Wer das Nachwort liest wird zu Recht feststellen, dass Afrika nicht zu helfen ist. Das ist natürlich nur eine Meinung und ich habe nicht die Deutungshoheit über Afrika, aber ich habe als Reporter mindestens eineinhalb Jahre dort auf Reisen verbracht.
Afrika ist ein wunderbarer Kontinent. Er hat das schönste Licht der Welt und außergewöhnlich schöne Einwohner. Der Afrikaner ist anders. Er ist Gott sei Dank anders als wir. Es gibt im Buch ein schönes Beispiel aus Sansibar, wo ein junger Afrikaner vor einem Souvenirladen neben einem Misthaufen sitzt und fröhlich ist - er denkt gar nicht daran den Haufen wegzuräumen. Dem Deutschen wäre das ein Graus. Er würde sofort in eine Depression verfallen, solange dieser Haufen nicht weggeräumt ist. Der Afrikaner hingegen lebt im Hier und Jetzt, denkt nicht an morgen, schmiedet keine Pläne für die Zukunft. Der Deutsche möchte einen Mercedes fahren und ist bereit sich dafür 30 Jahre schlaflos im Bett zu wälzen, um diesen Mercedes abzubezahlen. Der Afrikaner möchte auch einen Mercedes, aber denkt gar nicht daran, dass er 30 Jahre seines Lebens dafür hergeben muss.

Booksection.de: Im weiteren Verlauf von „Weit weg vom Rest der Welt“ beschreiben Sie, wie Sie durch einen geschickten Rollentausch ihrem Gegenüber eine Geschichte entlocken. Wie vollzieht sich dieser Rollentausch?
Andreas Altmann: Ich bin ein Kindskopf und spiele gern. Ich liebe es in eine andere Rolle zu schlüpfen. Immer ich zu sein ist auf Dauer langweilig. Und natürlich habe ich weder Geldsäcke, noch Macht. Natürlich hat auch keiner von ihnen ein Buch von mir gelesen. Für die bin ich einfach ein Typ, der gerade da ist. Letztlich will ich auch was von ihm - seine stories. Und deshalb gehört es zum Talent des Reporters neben dem Schreiben, sich dem anderen anzunähern und auf ihn zuzugehen.
Ein Reporter riecht Geschichten. Man entwickelt eine Nase für gute Geschichten. Das ergibt sich zufällig aus dem Gespräch heraus. Der Reporter braucht dieses Goldgräbersyndrom um dem anderen diese wahnsinnigen und verrückten Geschichten zu entlocken. Ich lade die Leute zum Essen ein um sie zu entspannen. Sicher beichten sie bei mir, aber sie müssen sich dabei nicht hinknien (lacht). Ich bin fasziniert vom Leid anderer Menschen und wie die Leute damit umgehen. Wie sie doch noch versuchen davon zukommen und welche Kraft sie trotz allem entwickeln. Ich reise ja auch für mich, um für mich etwas zu lernen und nicht nur um dem Leser das weiterzugeben, was ich gehört habe. Der Mensch, der mir gegenübersteht, berührt mich auch persönlich.

Booksection.de: Notieren Sie viele Fakten und Episoden während der Reise oder entsteht Vieles auch erst nach der Rückkehr am Schreibtisch?
Andreas Altmann: Nein, das ist alles vorher notiert. Es kann schon sein, dass ein kleines Detail wiederkehrt, das ich nicht in meinen Notizen hatte. Aber ich kann nicht drei oder vier Monate unterwegs sein und aus der Erinnerung heraus schreiben. Das ist sehr schwer. Ich kenne Kollegen die so verfahren. Die Reportagen sind dann aber auch dementsprechend. Die Reisen sind vor allem harte Arbeit. Das hat nichts mit Magie zu tun. Ich schreibe alles auf, woran ich mich nach einem Gespräch erinnere. Zu Hause wähle ich aus meinen Aufzeichnungen aus. Da habe ich dann eine Millionen Anschläge. Ich trage die Informationen zurück und übersetze diese in Sprache. Ich habe einen Steinbruch aus Notizen, aus dem dann eine kleine Statue werden soll. „Schreiben ist weglassen“ nach Max Frisch.

Booksection.de: Sie schreiben beinahe ausnahmslos aus der Ich-Perspektive. Warum?
Andreas Altmann: Es gibt böse Menschen, die nennen mich deshalb einen haltlosen Ego-tripper. Sicherlich habe ich ein Ego (lacht). Sicherlich habe ich wie jeder Autor meine Eitelkeiten. Kein Mensch würde schreiben, wenn er nicht eitel wäre. Ich glaube, dass ich mit der Ich-Perspektive näher und schneller an den Leser herankomme. Leser schreiben mir oft, dass sie durch dieses Stilmittel den Autor vergessen. Ich glaube, dass es dem Leser dadurch leichter fällt sich im Text einzufinden. Sie fragen sich selbst und fühlen sich in die Rolle des Autors ein: Wie wäre ich gewesen? Wie hätte ich an Stelle des Autors reagiert? Im Gegenzug versuche auch ich den Leser zu vergessen. Klar kann die Ich-Form unerträglich sein - zu sehr von sich selbst ergriffen. Ich denke aber schon, dass ich auch ironisch bin in meinen Texten, meine Mittelmäßigkeiten zeige. Ich bin nicht als Held in Afrika unterwegs. Dem Leser fällt durch die Verwendung der Ich-Perspektive der Zugang zum Text leichter. Das ist eben meine Art.

Booksection.de: Es gibt in Ihrem Buch ein Beispiel, indem Sie beschreiben wie ein kleiner Junge, getrieben vom Wissenshunger, Kilometer weit zu einer Dorfschule läuft. Dort angekommen klopft er beim Lehrer an und sagt, dass er ‚lernen‘ möchte…
Andreas Altmann: Das ist ein Junge, der es viel schwieriger hatte als du und ich – wir haben das Glück in einer technisch hoch zivilisierten Welt zu leben. Diese Geschichte über den Jungen hat mich zu Tränen gerührt. Die Freude an Erkenntnis. Die Wissensgier in einem Umfeld von Lethargie.

Booksection.de: Könnte man sagen, dass Sie neben dem Schreiben von klugen Büchern, auch an den Leser appellieren?
Andreas Altmann: Ja, schon ein bisschen peitschen. Schon ein bisschen madig machen. Den Leser dazu verführen, darüber nachzudenken, was er aus seinem Leben macht. Das Buch soll aber auch trösten, soll beschwingen, den Leser mitreißen.

Booksection.de: Primär geht es Ihnen also darum den Leser aus seiner passiven Haltung wachzurütteln. Sehen Sie sich auch in der Rolle eines Kulturvermittlers?
Andreas Altmann: Das wäre mir zu pompös. Sobald ich das Buch loslasse, hat der Leser die Deutungshoheit und kann hineininterpretieren, was er möchte. Er mag das Buch, wenn der Text sein inneres Buch anspricht. Ich bin ein leicht reizbarer Mensch und möchte den Leser verführen - ihn in all seinen Sinnen ansprechen. Ich schreibe so wie ich denke, dass der Leser Freude an der Form, an einem eleganten Stil hat.

Booksection.de: Trotz unzähliger Reisen haben Sie sich den geschärften Blick noch immer bewahrt. Wie schützen Sie sich davor nicht abzustumpfen?
Andreas Altmann: Antworten darauf findet man in meinem vorletzten Buch „Sucht nach Leben“. Mit dem Alter lässt die innere Spannkraft nach. Man wird blasierter, gesetzter. Das ist ein Gespenst, mit dem wir alle kämpfen. Die meisten sind ja bereits mit 25 tot. Die Gefahr ist da, die gehört zum Weltkulturerbe.

Booksection.de: Für Weltreisen gibt es in der Literatur bereits zahlreiche Vorbilder. Was war für Sie persönlich die Motivation diese Reise um den Globus zu unternehmen, die sie in „einmal rund herum“ beschreiben?
Andreas Altmann: Meine Motivation ist immer die Gleiche: Der unbedingte Wille, dem Ranz des Alltags zu entkommen. Kohle zu verdienen. Kluge Männer und Frauen, zu treffen. Stories zu finden. Ein lesenswertes Buch abzuliefern.

Booksection.de: Es ist unvermeidlich, dass Ihre Bücher mit dem Reisefieber infizieren. Sie fordern ja auch sehr vehement dazu auf selbst den Rucksack zu schnüren und sich aufzumachen. Welche Rückmeldungen bekommen Sie dazu von Ihren Lesern?
Andreas Altmann: Alle möglichen. Von den einen die tatsächlich schnüren. Von den anderen die ab sofort infiziert sind und Richtung schüren planen. Und die dritten die nie schnüren, aber immer vom Schnüren reden. Die Ankündigungskünstler eben.

Booksection.de: Vielen Dank für das Interview.


Das Interview wurde am 18.03.2010 durch David Recordon geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 01.05.2010