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Interview mit...
...Andrea De Carlo
Andrea De Carlo: Total fesselnd!
"Durante ist wie ein Speer, der diese Harmonie durchtrennt."
Mit Booksection im Gespräch: Roman-Autor Andrea De Carlo über "Als Durante kam".
Booksection.de: „Als Durante kam“ hat mir vor
allem deshalb so gut gefallen, weil zu Beginn eine wohl vertraute Situation
beschrieben wird. Astrid und Pietro sind ein vermeintlich glückliches Paar,
das zusammen ein angenehmes und zufriedenes Leben verbringt. Doch dann kommt
eine dritte Person – Durante – hinzu und plötzlich haben wir
eine hochexplosive Konstellation. Würden Sie sagen, dass „Als Durante
kam“ die klassische Dreiecksgeschichte ist?
Andrea De Carlo: Ich würde nicht sagen, dass es eine
wirklich klassische Geschichte ist. Durante ist jemand, der uns das Gegensätzliche
aufzeigt. Ich wollte nicht mit einem Paar beginnen, das sich offensichtlich
am Ende seiner Beziehung befindet, ich wollte nicht, dass sie augenscheinlich
unzufrieden mit ihrem Leben sind. Deshalb wählte ich diese friedvolle Situation,
in der sich die beiden befinden, ein rundum schönes Leben, das sie zusammen
verbringen. Und dann taucht ein Typ wie Durante auf, der mit der Art, wie er
ist, das alles in Frage stellt. Er ist wie ein Speer, der diese Harmonie durchtrennt.
Booksection.de: Von dem Moment an, an dem Durante in dem kleinen
Ort auftaucht, entstehen Neid und Missgunst unter den Bewohnern. Würden
Sie sagen, dass jeder von uns gerne wie Durante wäre, dass er eine Art
von Spiegel ist, der uns unsere Träume und Hoffnungen widerspiegelt, der
uns zeigt, wer wir eigentlich sein könnten?
Andrea De Carlo: Ja, ich glaube, das ist eine gute Definition.
Er handelt wie ein Spiegel, der das Verhalten der Leute reflektiert. Plötzlich
sehen sie, was nicht stimmt mit ihnen. Sie wären gerne wie er, denn er
ist sehr frei und echt und manchmal auch fast brutal in seiner Ehrlichkeit.
Alle fühlen sich sicher in ihren sozialen Netzwerken und dann kommt Durante
und zeigt ihnen, wie sich ein freies Leben anfühlen könnte –
viele von ihnen können das nicht ertragen.
Booksection.de: Glauben Sie, dass die Probleme, die die Männer
im Roman mit Durante haben, typisch für eine spezielle Generation sind,
oder ist dieser Konflikt in jeder Generation und jeder Altersstufe zu finden?
Andrea De Carlo: Ich würde sagen, dass wir das in jeder
Generation und jedem Alter finden können. Es ist eine sehr animalische
Reaktion auf einen Fremden, von dem keiner weiß, woher er kommt und der
die Balance durcheinander bringt. Es ist quasi eine Verteidigung des eigenen
Territoriums, die männliche Art, den Rivalen loszuwerden.
Booksection.de: Pietro wirkt in seiner Eifersucht und Wut
auf Durante nicht sonderlich sympathisch auf den Leser. In seiner stillen Sehnsucht
nach seiner Schwägerin geht er uns mehr und mehr auf die Nerven und stößt
uns beinahe schon ab…
Andrea De Carlo: Zu Beginn wirkt Pietro ja sehr ausgeglichen
und zufrieden, es scheint so, als würde er genauso leben, wie er sich das
immer vorgestellt hat. Aber tief in ihm sind viele Dinge, die er noch gar nicht
erkannt hat und ich wollte die Frustration zeigen, die in ihm ist, die Wut,
weil er nicht in der Lage ist, das zu tun, was er tatsächlich will.
Booksection.de: Wenn Durante all diese verborgenen Wünsche
und Träume der Menschen ans Tageslicht bringen kann, würden Sie ihn
dann als eine Art Magier bezeichnen?
Andrea De Carlo: Er hat ganz sicher magische Fähigkeiten,
doch die Leute halten ihn für magischer, als er tatsächlich ist. Die
Dinge, die er tut, wirken auf sie fast so, als wäre er ein Gott, doch das
ist deshalb so, weil er einfach ganz anders als sie ist. Sie können sein
Verhalten nicht einordnen und sie wissen nichts über seine Beweggründe.
Für uns ist es wichtig, Leute kategorisieren zu können, zu wissen,
ob man es mit einem Freund oder einem Feind zu tun hat. Doch bei Durante ist
das nicht möglich.
Booksection.de: Die Art und Weise, wie Durante am Ende verschwindet,
ist sehr mysteriös, man weiß nicht, was tatsächlich geschehen
ist. Wollten Sie den Leser bewusst im Ungewissen lassen?
Andrea De Carlo: Ja, für Pietro sollte nicht klar sein,
was wirklich mit Durante und damit auch mit seinem eigenen Leben geschehen war.
Ihm sollte nur klar sein, dass sich sein Leben grundlegend verändert hatte,
aber ob es nun eine Katastrophe oder ein großes Glück für ihn
war, dass er Durante getroffen hatte, sollte ein Rätsel bleiben. Ich habe
noch ein letztes Kapitel geschrieben, das wir dann aber nicht veröffentlichten,
ein Brief, den Pietro schrieb. In dem Brief stand, dass er diese Geschichte
aufgeschrieben hatte, um zu verstehen, was mit ihm passiert war. Diesen Brief
sollte er in der Hoffnung schreiben, dass Durante wieder Kontakt mit ihm aufnehmen
würde, weil er ihm noch so viele Fragen zu stellen habe. Aber dann entschieden
wir uns dafür, dieses letzte Kapitel nicht im Buch zu veröffentlichen,
um das Ende offen zu lassen.
Booksection.de: Ist Durante so, wie viele Männer selbst
gerne wären?
Andrea De Carlo: Ganz sicher. Die weibliche Seite ist bei den
meisten Männern viel weniger ausgebildet als die männliche. Materielles
Denken ist Durante völlig fremd, er braucht kein Haus oder Auto, um glücklich
oder männlich zu sein. Ich glaube, dass jeder sich tief in seinem Inneren
wünscht, so sein zu können.
Booksection.de: Haben Sie eher männliche oder weibliche
Leser?
Andrea De Carlo: Ich würde sagen, es sind mehr Frauen,
die meine Bücher lesen. Auf Durante haben die Frauen komplett anders reagiert,
als die Männer. Die männlichen Leser hassen Durante. (lacht) Vielleicht
ist es Neid? Sie reagieren auf ihn, wie Pietro in der Geschichte. Die Leserinnen
hingegen sind fasziniert von ihm.
Booksection.de: Die Charaktere in dieser Geschichte sind ausgefeilt
und wirken sehr authentisch. Beinahe hat man das Gefühl, als würden
sie einem gegenüberstehen. Studieren Sie andere Menschen, ihre Gesten,
ihr Verhalten und ihre Mimik, um ihre Figuren so genau zeichnen zu können?
Andrea De Carlo: Ich studiere Menschen, das stimmt, und das
habe ich schon gemacht, bevor ich mit dem Schreiben begann. Ich glaube, das
ist ein Verhalten, das jeder Schriftsteller haben muss. Ich beobachte manchmal
stundenlang andere Menschen, starre sie förmlich an. (lacht) Aber ich lasse
in meine Figuren auch Teile von Personen einfließen, die ich tatsächlich
kenne. Aber am wichtigsten ist meine eigene Vorstellungskraft, ich habe das
Gefühl, diese Personen wirklich mit meinen eigenen Augen zu sehen. Das
kommt aber auch daher, dass ich mir die Orte, an denen meine Geschichten spielen,
sehr genau anschaue, dass ich ein Gefühl dafür bekomme.
Booksection.de: Sie leben an einem ruhigen Ort in der Nähe
von Urbino. Brauchen Sie die Ruhe und Abgeschiedenheit, um Ihre Romane schreiben
zu können?
Andrea De Carlo: Wenn ich schreibe, brauche ich die Isolation,
muss ich „weg sein“ vom Rest der Welt. Das ist der Grund, dass ich
unter Menschen sein muss, wenn ich nicht schreibe. Ich liebe es zu reisen, Leute
zu treffen. Wenn ich schreibe, fühle ich mich manchmal wie eine Ratte in
einer Bibliothek – alles, was ich sehe, sind Bücher. (lacht)
Booksection.de: Ein immer wiederkehrendes Thema in Ihren
Büchern ist die Umweltverschmutzung. Wollen Sie so auch auf die Müllpolitik
in Italien aufmerksam machen?
Andrea De Carlo: Die Müllsituation in Italien ist wirklich
katastrophal. In manchen Gebieten liegt der Müll überall auf der Straße
herum. Ich beteilige mich an einer Kampagne, die „Writers for the Forests“
heißt. Wir achten darauf, dass unsere Bücher auf FSC-Papier gedruckt
werden, das ein Gütesiegel für ökologische und sozialverträgliche
Waldwirtschaft hat. So soll dem Handel mit illegal geschlagenem Holz entgegengewirkt
werden.
Booksection.de: Ist es richtig, dass Sie nicht eben viel
von der Politik Silvio Berlusconis halten?
Andrea De Carlo: (lacht) Ja, es ist wirklich befremdlich, dass
er immer noch hier ist und ich denke, dass er auch noch eine ganze Weile bleiben
wird, weil es keine wirklichen Alternativen gibt. Er hält die Macht fest
in seiner Hand und ist dabei ein echt peinlicher Typ. Er hat einen fürchterlich
schlechten Geschmack, macht grässliche Witze über Frauen und Minderheiten
– er ist ein furchtbarer Typ, ein Lügner, aber trotzdem lieben ihn
viele Leute und würden für ihn stehlen.
Booksection.de: Haben Sie je darüber nachgedacht, Italien
zu verlassen und irgendwo anders zu leben?
Andrea De Carlo: Ja, das habe ich, und natürlich verbringe
ich viel Zeit außerhalb von Italien, reise viel und bin ein bisschen wie
ein Ausländer in meinem eigenen Land. Manchmal fühlt sich das unvollständig
an, doch ich kann es nicht aushalten, immer in Italien zu sein. Aber sicherlich
hat manchmal jeder von uns das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein.
Das Interview wurde am 07.10.2010 durch Stefanie Rufle geführt und auch von ihr übersetzt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 14.10.2010