Interview mit Alexandra Burt

"Leser wollen anhand eines Buches Ereignisse durchleiden, die sie in der Realität niemals erfahren würden, wollen sich selbst wirklichkeitsnah in andere Welten hineinversetzen, mitleiden."

Mit Booksection.de im Gespräch: Alexandra Burt, die uns mit "Remember Mia" begeisterte.

Dein Roman „Remember Mia“ handelt vom spurlosen Verschwinden eines Kindes und einer Mutter, die ihren Gefühlen und Gedanken nicht mehr trauen kann. Was hat Dich zu dieser Idee inspiriert? Die Idee ist über viele Jahre hinweg entstanden. Ich hatte postnatale Depressionen, wusste aber nicht, was es war. Als meine Tochter dann zwei Jahre alt war, wohnten wir neben einem Nachbarn, der etwas seltsam war und irrational handelte. ‚Was wäre wenn…‘ war die Frage die ich mir dauernd stellte. Was wäre wenn ein Fremder sich die Meinung bildet, dass jemand keine ideale Mutter ist? Wozu ist eine Mutter mit postnatalen Depressionen unter diesen Umständen fähig? Was wäre, wenn die Mutter sich nicht sicher ist, ob sie schuldig oder unschuldig ist? Ich addierte dann eins und eins zusammen und REMEMBER MIA war das Ergebnis dieser Gedanken.
Dein Roman beeindruckt vor allem durch die eindringliche Figurenzeichnung von Estelle, einer Mutter, deren Kind spurlos verschwindet. Wie hast Du Dich in die Gefühls- und Gedankenwelt dieser Figur hineingefunden? Da ich ja persönliche Erfahrungen mit postnatalen Depressionen hatte, habe ich mich so richtig in Estelle herein gelebt. Ich habe mich auch mit vielen Müttern unterhalten, Mütter die zur Mutterschaft geboren sind und Mütter, denen diese Rolle schwer fällt. Viele haben dunkle Gedanken, die Hormonschwankungen alleine sind ja schon schwierig genug, dann noch der Schlafmangel und die guten Ratschläge, die jeder erteilt, alles in allem ein perfekter Sturm.
Estelle leidet unter einer postnatalen Depression und kann ihren eigenen Handlungen und Gedanken nicht mehr trauen. War es für Dich als Mutter schwierig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen? Ich hatte viel Mitleid mit Estelle, war ihr größter Fan und Cheerleader. Estelle war ja im Grunde genommen ohnmächtig, konnte sich ihre eigenen Gefühle nicht erklären, war aber immer fest entschlossen, eine gute Mutter zu sein. Insofern hatte ich keine negativen Gefühle.
Estelles Gedanken werden zunehmend zwanghaft und die Angst, sie selbst könne etwas mit dem Verschwinden ihres Babys zu tun haben, lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Wie kamst Du auf die Idee, die Mutter eines verschwunden Kindes in den Fokus der Ermittler zu rücken? Es entspricht ja kriminalistisch der Realität: Eltern sind immer die ersten Verdächtigen. Es war entweder ein Rätsel, ob Estelle etwas damit zu tun hat oder eine Jagd nach einem Kidnapper. Verbrechen gegen Kinder sind die schlimmsten Verbrechen die man sich vorstellen kann, und noch schlimmer, wenn man sich vorstellt, dass eine Mutter schuldig ist. Eine Mutter, die ihr Kind verletzt oder umbringt, das ist ein Verbrechen, auf das selbst Kriminalisten und Kriminalpsychologen und psychiatrische Gutachter mit Fassungslosigkeit reagieren.
Es gelingt Dir, den Leser vom ersten Moment an in Deinen Bann zu ziehen und das bis zum Ende durchzuhalten. Wie schaffst Du es, beim Erzählen eine solche Sogwirkung zu erzielen? Ich glaube die Faszination ist, dass der Leser ständig hin und her geworfen wird, das Metronom im Hintergrund laut und deutlich - vertraue Estelle, vertraue ihr nicht. Eine Mutter ist am Tod ihrer Tochter schuldig oder nicht, das ist die einzige Frage, die der Leser sich am Anfang stellt. Estelles konstante und durchaus vorstellbare Verbindung mit dem Verschwinden ihrer Tochter ist ein kompliziertes Puzzle, das man beim Lesen zusammensetzen muss. Leser wollen anhand eines Buches Ereignisse durchleiden, die sie in der Realität niemals erfahren würden, wollen sich selbst wirklichkeitsnah in andere Welten hineinversetzen, mitleiden.
War Dir von Anfang an klar, wie die Geschichte enden wird, oder wurdest Du selbst auch von der einen oder anderen Wendung überrascht? Ich wollte von Anfang an, dass Estelle in juristischem Sinn unschuldig ist. Was zwischen dem Aufwachen im Krankenhaus und dem Ende passierte, war alles offen. Deshalb ist das Schreiben eines Romans so fruchtbringend und lohnend: Alles ist möglich und Überraschungen gibt es auch für mich.
Du bist ja in Deutschland geboren und liest demnach auch deutschsprachige Bücher. Bemerkst Du gravierende Unterschiede zwischen deutscher und englischsprachiger Literatur? Als Kind habe ich viele sonderbare und kuriose Bücher gelesen. Ich wuchs in einem Haus auf mit Klassikern, Dramatikern und Belletristik von Thomas Mann bis Emile Zola. Wie Sprache funktioniert ist kompliziert. Schon in der Schule kam mir English intuitiv vertraut vor. Da sind unterschiedliche syntaktische und die Vokabeln betreffende Strukturen, verschiedene kulturelle und soziale Einflüsse, und ich bin kein Fachmann, deshalb kann ich die Frage nicht so einfach beantworten. Ich liebe einfach beide Sprachen, weder Französisch noch Spanisch gab mir das gleiche Gefühl. Deutsch ist die Sprache meiner Heimat, meiner DNA, meiner Jugend, während English die Sprache eines Landes ist, von dem ich schon immer fasziniert war und wo ich aufgewachsen bin, im Sinne dass ich hier als Erwachsene mein Leben aufgebaut und gelebt habe.
Wann war der Moment, an dem Du für sich selbst erkanntest, dass Du Schriftstellerin werden wolltest? Ich arbeitete freiberuflich als Übersetzerin, wollte aber schon immer literarische Übersetzerin werden. Das hat aber leider nie geklappt. Eines Tages dachte ich dann, dass ich meine eigenen Geschichten erfinden könnte. Es war nicht so einfach, wie es sich anhört, aber vor fünf Jahren setzte ich mich hin und schrieb meine erste Kurzgeschichte. Nicht sehr gut, aber immerhin. Die Möglichkeiten danach waren schrankenlos und unbegrenzt.
Arbeitest Du bereits an Deinem nächsten Roman und wenn ja, kannst Du uns etwas über die Thematik verraten? Sehr gerne! „The Good Daughter“ kommt Anfang 2017 in den USA raus: Eine Kleinstadt in Texas und eine Suche nach der Wahrheit, eine Kindheit im Dunkeln, eine grausame Entdeckung im Wald, ein verlassenes Bauernhaus, Gräber unter einem einsamen Baum und Geheimnisse, die Jahrzehnte zurückreichen. Ich hoffe dass die Leser sich an dieser Geschichte genauso begeistern können wie an „Remember Mia“.
Das hört sich sehr viel versprechend an – wir sind auf das Ergebnis gespannt! Alexandra, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Danke für die Einladung zum Interview und für ein interessantes Gespräch. Jederzeit!
Das Interview durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 15.05.2016

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