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Kommende Buchkritiken
Wir müssen über Kevin reden
We need to talk about Kevin
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Autor
Lionel Shriver
Genre Roman
Verlag List ISBN 3-548-60742-X Übersetzung Christine Frick-Gerke, Gesine Strempel Erscheinungsdatum (D) 2006 Erschienen 2006 Seiten 560 |
Inhalt
Drei Tage bevor Kevin 16 Jahre alt wird, richtet er in seiner Schule ein Blutbad an. In der Sporthalle hält er einige seiner Klassenkameraden und seine Lehrerin gefangen – und schlachtet sie alle gnadenlos ab - einen nach dem anderen. Durch diese Tat zerstört er innerhalb kürzester Zeit das Leben seiner Mutter, die hinterher für seine grausame Tat geradestehen muss, während sich Kevin im Jugendgefängnis selbst zum Helden ernennt. In Briefen an ihren Ehemann durchlebt sie alles noch einmal. Angefangen bei Kevins Geburt, bis hin zu seiner erschreckenden Tat…
Buchkritik von Kathrin Lang
Hat man es vollbracht die letzte Seite dieses Buches zu lesen, muss man erst einmal richtig laut aufatmen, hat man mit dem letzten Satz von „Wir müssen über Kevin reden“ doch eine sehr anstrengende Geschichte durchlebt. Das Adjektiv „anstrengend“ ist in diesem Kontext jedoch doppeldeutig zu verstehen. Zum einen darf es durchaus negativ ausgelegt werden, ist es doch furchtbar mühsam den Einstieg in diese Geschichte zu schaffen. Seitenlang, kapitellang, schier mehr als die Hälfte dieses fast 600seitigen Buches, ist es nichts anderes als eine Qual den Zeilen von Lionel Shriver zu folgen. Nicht in etwa, weil sie schlecht geschrieben oder gar langweilig sind, sondern weil man diese enorme Boshaftigkeit, die eine Mutter ihrem leiblichen Kind entgegenbringt, kaum ertragen kann. Immer wieder ist man fassungslos und entsetzt über die grausamen Beschreibungen der Protagonistin und hat deshalb keine andere Wahl als das Buch immer wieder für ein paar Tage beiseite zu legen. Erst langsam, wenn man Stück für Stück damit beginnt diese Geschichte zu durchschauen, fällt es leichter den Zeilen der amerikanischen Autorin seine volle Aufmerksamkeit zu schenken - bis man irgendwann so dermaßen gefesselt ist, dass man „Wir müssen über Kevin reden" eigentlich kaum mehr aus den Händen geben will, ohne vorher herausgefunden zu haben, wie die Geschichte endet. Doch selbst während dieser Phase bleibt der bittere Beigeschmack erhalten – Was soll das alles? Mit welcher Rechtfertigung wird hier mit einem solchen Hass seinem eigenen Fleisch und Blut gegenübergetreten? Im Horizont des Lesers gibt es bis kurz vor Schluss keine schlüssige und alles rechtfertigende Begründung für dieses abscheuliche Verhalten der Protagonistin. Doch dann lässt Lionel Shriver die Erklärung wie eine Bombe platzen und zurück bleibt ein schockierter Leser, der fassungslos ist, plötzlich alles verstehen kann und jeden noch so kleinen Ärger, den er während dieser Lektüre in sich hat aufkeimen lassen, beschämt runterschluckt. Es ist nur als fabelhaft und überaus grandios zu beschreiben, wie es der Autorin mit den letzten Seiten ihres Buches gelingt, die komplette Geschichte zu wenden und den Leser damit so dermaßen aus der Fassung zu bringen, dass er lange nicht mehr weiß, wo oben und wo unten ist. Noch nie, wirklich noch nie, habe ich eine solche Leistung erlebt und eine solch intensive Leseerfahrung gemacht – weshalb ich an dieser Stelle nur den Hut ziehen und der Arbeit von Lionel Shriver meinen vollsten Respekt entgegen bringen kann.
Ohne viel Worte: Anstrengend, aber grandios!
Wissenswertes
Die Autorin wurde für das große Wagnis, das sie mit diesem Roman eingegangen ist, mit dem Orange Prize ausgezeichnet, einem der wichtigsten internationalen Literaturpreise.
2011 soll "Wir müssen über Kevin reden" verfilmt werden. Tilda Swinton wird die Hauptrolle übernehmen.
