Wir sind dann wohl die Angehörigen: Die Geschichte einer Entführung

Autor: Johann Scheerer
Genre: Erlebnisbericht
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05909-1
Erscheinungsdatum (D) 01.03.18 Seiten 236

Wir sind dann wohl die Angehörigen: Die Geschichte einer Entführung

Inhalt

Es ist eine der spektakulärsten Entführungen in der Bundesrepublik: Ende März im Jahr 1996 wird der Multimillionär Jan Philipp Reemtsma entführt. Sein Sohn, Johann Scheerer, zu dem Zeitpunkt dreizehn Jahre alt, berichtet von den längsten 33 Tagen seines Lebens, in denen sein bisher geborgenes Zuhause sich in eine polizeiliche Einsatzzentrale verwandelt. Er schildert, wie es sich anfühlt, von der Mutter geweckt zu werden und von ihr zu hören, dass der eigene Vater entführt wurde. Die alles verschlingende Sorge um den geliebten Vater, das tatenlose Ausharren, das Warten auf Nachricht von den Entführern – und nicht zuletzt die alles verschlingende Langeweile, zu der der Sohn verdammt ist, der nicht zur Schule gehen oder Freunde treffen kann.

Scheerer schildert die endlos dahintickenden Minuten, die leeren Tage, die irgendwie ausgefüllt werden müssen und die stets präsente Angst, er könne seinen Vater nicht mehr lebend wieder sehen. Er erinnert sich an mehrere gescheiterte Geldübergaben, die unverzeihlichen Pannen der Polizei und den zähen Durchhaltewillen seiner Mutter, die trotz der Sorge um ihren Mann versucht, Johanns Leben so normal wie nur irgend möglich weiterlaufen zu lassen…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Mehr als zwanzig Jahre nach der spektakulären Entführung seines Vaters erinnert sich Johann Scheerer an die schrecklichen 33 Tage, die sein Leben für immer verändern sollten. Er gibt in „Wir sind dann wohl die Angehörigen: Die Geschichte einer Entführung“ einen ebenso erschreckenden wie berührenden Einblick in eine Zeit, die geprägt war von quälender Sorge und alles verschlingender Angst. Ziemlich zu Beginn seines Buches gibt Scheerer zu, davon überzeugt gewesen zu sein, sein Vater würde diese Entführung nicht überleben. Hier wird dem Leser ganz deutlich bewusst, welch verheerende Folgen diese Tragödie für die Familie des Opfers gehabt haben muss. Wenn der Autor von der quälend langsam verstreichenden Zeit berichtet, von seiner kaum zu ertragenden Langeweile und den zahllosen sinnlos totgeschlagenen Augenblicken, wird das ganze Ausmaß dieses dramatischen Entführungsfalles, der damals sämtliche Medien bewegte, deutlich. Auf bewegende Weise gelingt es Scheerer, seine damaligen Gefühle er Hoffnungslosigkeit zum Leser zu transportieren und so die Reemtsma-Entführung aus einer überraschenden Perspektive zu präsentieren.

„Wir sind dann wohl die Angehörigen: Die Geschichte einer Entführung“ ist ein äußerst mitreißendes Buch, dem es gelingt, den Leser trotz des bekannten Ausgangs der Entführung mit jeder Seite mehr zu fesseln. Dabei schafft Scheerer den Balanceakt zwischen dramatischen und humorvollen Momenten und beschreitet damit sicher den schmalen Grat zwischen Tragödie und dem normalen Empfinden eines Teenagers, dessen Denken um Die Ärzte und die heiß ersehnte eigene E-Gitarre kreist. „Wir sind dann wohl die Angehörigen: Die Geschichte einer Entführung“ geht den entscheidenden Schritt weg von einem der spektakulärsten Entführungsfälle der Nachkriegsgeschichte, der damals durch sämtliche Medien geisterte, hin zur absolut persönlichen und echt empfundenen Geschichte eines Dreizehnjährigen.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen