Eine Geschichte der Wölfe

Autor: Emily Fridlund
Genre: Roman
Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1367-5
Erscheinungsdatum (D) 19.03.18 Erschienen 2016
Seiten 372
Übersetzung Stephan Johann Kleiner

Eine Geschichte der Wölfe History of Wolves

Inhalt

Die vierzehnjährige Linda wächst in den dunklen Wäldern von Minnesota unter mehr als ungewöhnlichen Umständen auf: Sie und ihre Eltern sind die Überbleibsel einer gescheiterten Kommune und leben nun in einem desolaten und heruntergekommenen Anwesen. An der Highschool wird das Hippiekind wie ein Freak behandelt, weshalb Linda den anderen lieber aus dem Weg geht und für sich allein bleibt. Aber beobachten tut sie alles, was sich in ihrem Umfeld abspielt, aufs Genaueste. Vor allem der Skandal, der sich zwischen ihrer schönen Mitschülerin Lily und dem Geschichtslehrer Mr. Grierson anbahnt, erregt Lindas Interesse. In dessen Folge muss Mr. Grierson die Schule verlassen, und Lily ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.

Etwa zur gleichen Zeit zieht eine kleine Familie an den See, die Linda zunächst perfekt und vollkommen erscheint. Der vierjährige Paul scheint all das zu haben, wonach Linda sich immer gesehnt hat: eine Mutter, die ihn liebevoll umsorgt und immer für ihn da ist. Im Haus dieser Familie scheint alles heil und warm zu sein, und als Patra sie bittet, hin und wieder auf Paul aufzupassen, stimmt Linda bereitwillig zu. Sie freundet sich sogar ein klein wenig mit Patra an und ist bald schon ein Dauergast in deren Haus, in dem sie sich auf seltsame Weise angenommen fühlt. Doch dann beginnt Paul sich auf besorgniserregende Weise zu verändern und seine Eltern bleiben angesichts seines Zustands seltsam passiv. Linda weiß nicht, was sie tun soll, denn würde sie Hilfe holen, würde das ja bedeuten, Patra zu verraten. Sie steht vor einer Entscheidung, mit der eine Vierzehnjährige heillos überfordert ist…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Emily Fridlunds Debüt „Eine Geschichte der Wölfe“ erweist sich als äußerst komplexer und vielschichtiger Roman, der von der übergroßen Sehnsucht, geliebt zu werden, erzählt. Ihrer Protagonistin Linda fühlt man sich sofort auf seltsame Weise verbunden, gelingt es Fridlund doch, deren verwahrloste Lebensumstände und die unverzeihliche Vernachlässigung durch ihre Eltern in völlig unprätentiöser Weise so zu schildern, dass es einen bis ins Innerste berührt. Sie erzählt die Geschichte aus Lindas Sicht, für die ihre Art aufzuwachsen völlig normal ist, die aber dennoch genau weiß, was es ist, das sie von ihren Mitschülern unterscheidet und somit auf unüberbrückbare Weise von ihnen trennt. In diesen Zustand der Isolation und Einsamkeit einer Vierzehnjährigen tritt eine fremde Familie, bei der alles genauso zu sein scheint, wie Linda es sich von ihrer eigenen Familie wünschen würde. Es gelingt Fridlund auf eindringliche Weise, Lindas übergroße Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu Patra und ihrem kleinen Sohn Paul deutlich zu machen und zugleich Zweifel an dieser scheinbaren Perfektion einzustreuen und so beim Leser die Ahnung eines drohenden Unheils zu wecken.

„Eine Geschichte der Wölfe“ beschäftigt sich mit der Frage nach Schuld und Verantwortung und weckt im Leser immer wieder aufs Neue den Wunsch, Linda möge im entscheidenden Moment die richtige Entscheidung treffen – obwohl man über den Ausgang des Ganzen schon früh Bescheid weiß. Die Wucht dessen, was sich in den dunklen Wäldern Minnesotas zuträgt, raubt einem hin und wieder fast den Atem, und zugleich ist man bewegt von Fridlunds fast schon poetischer Prosa, die eine herzzerreißend tragische Geschichte auf so anmutige Art zu erzählen weiß.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen