Mister Aufziehvogel

Autor: Haruki Murakami
Genre: Roman
Verlag: btb
ISBN: 3442726689
Erscheinungsdatum (D) 14.09.07 Erschienen 1994
Seiten 766
Übersetzung Giovanni Bandini, Ditte Bandini

Mister Aufziehvogel Nejimaki-dori Kuronikuru

Inhalt

Seit einiger Zeit ist Toru Okada zu hause. Seinen Job in einer Tokioter Anwaltskanzlei hat er aufgegeben, da er gespürt hatte, dass dieser nichts mehr für ihn war. Zum Glück verdient seine Frau Kumiko als Redakteurin gut und das Paar kann sich die Situation leisten. Torus Plan ist es, in Ruhe über einen beruflichen Neuanfang nachzudenken, doch das ist schwieriger als gedacht. Der 30jährige ist ungeduldig und unzufrieden. Als erst sein Kater verschwindet und wenig später seine Frau ihn verlässt, wird er völlig aus der Bahn geworfen.
Toru Okada gerät in einen Wirbel der verschiedenen Wirklichkeiten, die mal bedrohlich, mal sinnlich sind, mal fantastisch und mal lebensgefährlich. Unter der Oberfläche des normalen Alltagslebens brodelt eine andere kraftvolle Welt und diese scheint direkt mit dem unerklärlichen Verhalten seiner Frau Kumiko zusammenzuhängen…

Buchkritik von Melanie  Frommholz

Bei Haruki Murakamis „Mister Aufziehvogel“ verschmelzen phantastische Ideen, Alltagsroutinen und historische Vergangenheitsbetrachtung zu einer spannungsgeladenen Atmosphäre, die seine besondere Geschichte bis zum Schluss trägt. Abgedrehte, ja abstruse Ideen, skurrile Figuren schildert der japanische Autor dabei mit der gleichen Intensität und Dichte wie alltägliche Routinearbeiten. Auch Banalitäten werden bei ihm zu bedeutungsvollen Momenten, und indem er über die scheinbar langweilige Routine des Alltäglichen ganz selbstverständlich hinwegblickt, bindet er das Übernatürliche in seine Geschichte ein, als wäre dies nichts Besonderes. Träumt Toru Okada? Bildet er sich manche Dinge schlicht ein? Oder wird er gar verrückt? Immer wieder balanciert Murakami auf dem schmalen Grat der Wahrnehmungen und fesselt damit auf ganz besondere Art und Weise.

Haruki Murakami lotet das Unerklärbare in unserer Welt aus, begibt sich durch seine Hauptfigur auf Abwege und in psychische Untiefen. Er findet dafür immer großartige Wortbilder. Seine blumige Sprache verleiht facettenreich und poetisch den verschiedenen Gefühlen Ausdruck. Er macht dabei weder vor expliziter Erotik halt noch vor Horrorelementen, und dennoch wirken seine Schilderungen nie reißerisch oder um des Effektes willen geschrieben. Wenn man es schafft, sich auf seinen unaufgeregten und teilweise durchaus ausschweifenden Erzählstil einzulassen, taucht man mit ihm ihn eine andere Welt ein, die nur einen Wimpernschlag entfernt scheint. Nicht immer sind seine Exkurse fesselnd, aber immer versteht er es, davon Bilder in die Köpf der Leser zu projizieren. Märchenhaft verträumt und dennoch eindringlich setzt er sich in „Mister Aufziehvogel“ mit den großen Themen auseinander. Er erzählt von nagender Schuld und bedingungsloser Liebe. Von Urvertrauen, Verdrängung und Machtmissbrauch. Er lotet aus, wie es sich anfühlt, ganz auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Isoliert und an einem Scheideweg im Leben. Nicht immer kann man Haruki Murakami auf seinen Gedankenwegen folgen, aber immer ist man fasziniert von seinem großartigen Erzählvermögen und seinem märchenhaften Realismus.

Die Daten beziehen sich auf die am 14.09.2007 erschienenen Taschenbuchausgabe im btb Verlag.
Der Roman erschien erstmals auf deutsch im Jahr 1997.

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