Wo drei Flüsse sich kreuzen

Autor: Hannah Kent
Genre: Roman
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-19979-4
Erscheinungsdatum (D) 01.09.17 Erschienen 2016
Seiten 432
Übersetzung Leonie von Reppert-Bismarck, Anja Kirchdörfer Lee

Wo drei Flüsse sich kreuzen The Good People

Inhalt

Irland, 1826. Die Bäuerin Nóra ist schwer vom Schicksal gebeutelt: Einige Monate zuvor kam ihre einzige Tochter Johanna ums Leben, und nun muss sie sich mit dem plötzlichen Tod ihres Mannes Martin abfinden. Die Witwe ist nun gezwungen, sich ganz allein um ihren behinderten Enkel Micheál zu kümmern, der seit Johannas Tod bei ihr und Martin lebt. Eine Aufgabe, die Nóra zunehmend an ihre Grenzen bringt, weshalb sie sich entschließt, sich eine Magd zu nehmen, die sie bei der schweren Landarbeit und Micheáls Pflege unterstützen soll. Die vierzehnjährige Mary hört zwar schnell von den Gerüchten, Micheál sei ein Wechselbalg, ein Feenkind, das das Gute Volk gegen den richtigen Jungen ausgetauscht habe, doch sie gibt nichts auf das abergläubische Geschwätz. Doch als Nóra von den Gerüchten hört, beginnt in ihr der Same des Misstrauens zu keimen, und in ihrer Verzweiflung reift in ihre eine wahnsinnige Idee: Wenn es ihr gelingt, den Wechselbalg auszutreiben, so glaubt sie, wird sie endlich wieder ihren geliebten Enkel in den Armen halten können.

Sie wendet sich an die kräuterkundige Heilerin Nance, die Erfahrung im Austreiben von Wechselbälgern hat. Die beiden Frauen ersinnen einen aberwitzigen, von Aberglauben bestimmten Plan, der immer abstrusere Züge annimmt. Während Mary, der Micheál mehr und mehr ans Herz wächst, noch versucht, die beiden Frauen zur Vernunft zu bringen, nimmt das Unglück in einer dunklen Winternacht seinen Lauf…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Hannah Kent, die bereits mit ihrem Debütroman „Das Seelenhaus“ mit viel Einfühlungsvermögen ein eindringliches und bewegendes Zeitzeugnis präsentierte, beweist mit „Wo drei Flüsse sich kreuzen“, dass sie eine herausragende Erzählerin ist. Ihr neuer Roman besticht durch akribische und überzeugende Recherchearbeit, der es zu verdanken ist, dass die Ereignisse, die in Irland Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts angesiedelt sind, so authentisch und überzeugend erscheinen. Wie die Autorin selber anmerkt, ist dieser Roman ein fiktionaler Text, der durch einen historischen Fall inspiriert wurde. Kent hat sich intensiv mit dem vom tiefen volkstümlichen Glauben an Geister und Feen geprägten ländlichen Irland vor der Großen Hungersnot auseinandergesetzt und ruft in ihrer Geschichte eine Stimmung hervor, in der jeder Bereich des Lebens der Bevölkerung von Aberglauben und Ritualen beeinflusst ist. Auf eindringliche Weise macht sie so deutlich, wie eine furchtbare Katastrophe ihren Lauf nehmen kann, die drei Frauen in einen nicht mehr aufzuhaltenden Sog zieht.

Hin und her gerissen zwischen Anteilnahme, Mitgefühl und tiefem Unverständnis und Abscheu wird der Leser Zeuge, wie ein Verbrechen im damaligen County Kerry seinen Lauf nimmt, das zugleich schockierend und bewegend ist. Dabei gelingt es Kent, punktgenau den Ton der Zeit zu treffen, einen Alltag zu schildern, der geprägt ist von schwerer körperlicher Arbeit, harten Entbehrungen und dem Glauben an das Feenvolk, das die irischen Landbewohner als „The Good People“ bezeichneten. Die Autorin taucht tief in die Mythen und Bräuche der damaligen Zeit ein und beeindruckt mit stimmungsvollen Schilderungen der kargen und wilden Landschaft. Der Kampf zwischen Aberglauben und Vernunft zieht sich dabei durch jede Zeile dieses bewegenden Romans, der am Ende genau die richtigen Fragen offen lässt.

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