Das verlorene Mädchen

Autor: Heather Young
Genre: Roman
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-48580-2
Erscheinungsdatum (D) 21.08.17 Erschienen 2016
Seiten 477
Übersetzung Marie-Louise Bezzenberger

Das verlorene Mädchen The Lost Girls

Inhalt

Minnesota im Sommer 1935. Wie in jedem Jahr verbringt die Familie Evans ihren Urlaub in einem Ferienhaus am See. Paradiesische und sorglose Tage für die drei Schwestern Emily, Lucy und Lilith, die allerdings in einer Katastrophe münden: Am Tag vor der geplanten Heimreise verschwindet die sechsjährige Emily, Augenstern ihrer Mutter, spurlos und taucht nie wieder auf. Ein Verlust, an dem die Familie zerbricht, nur Emilys Mutter hofft verzweifelt darauf, dass ihre Jüngste wiederkommt – bis zu ihrem Tod. Die ganze Familie wohnt von nun an in dem kleinen Ferienhaus am See, doch Emilys ältere Schwestern Lucy und Lilith wissen, dass die Kleine nie wieder zurückkommen wird.

Vierundsechzig Jahre nach dem schrecklichen Ereignis lebt Lucy immer noch im Haus am See, ihre Eltern und Lilith sind verstorben. Beinahe ihr ganzes Leben lang hat sie das schreckliche Geheimnis um Emilys Tod mit sich herumgetragen. Nun spürt sie, dass sie nicht mehr lange leben wird und beginnt deshalb, die Geschichte ihrer kleinen Schwester in ein Notizbuch zu schreiben, das sie, zusammen mit dem Haus am See, ihrer Großnichte Justine vererbt. Nach Lucys Tod zieht Justine mit ihren beiden Töchtern in das Haus am See – und kommt nach und nach einem Geheimnis auf die Spur, das auch ihr eigenes Leben in seinen Grundfesten erschüttern könnte…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Auf äußerst angenehme Weise unterscheidet sich „Das verlorene Mädchen“ von den zahllosen Romanen mit ähnlicher Thematik, die dunkle Familiengeheimnisse oftmals nur als Vorwand für wildromantische Geschichten mit zuckersüßem Happy End benutzen. Heather Young hingegen hat sich ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt, welche Auswirkungen gut gehütete Familiengeheimnisse auf das Leben der nachfolgenden Generationen haben können. Ihr Roman macht deutlich, wie eng Justines Leben mit dem ihrer Großtanten verknüpft ist, ohne dass sie etwas von deren schrecklichen Schicksal geahnt hätte. Gekonnt entfaltet die Autorin dabei eine Geschichte, die von Schuld und Sühne handelt, von nicht gelebten Sehnsüchten und von Verstrickungen innerhalb der Familie, die manchmal kaum wieder zu lösen sind.

Das, was in der Nacht von Emilys Verschwinden tatsächlich geschehen ist, bleibt lange Zeit unausgesprochen und schwingt wie eine dunkle Ahnung in jeder Zeile dieses Romans mit. Zugleich wird aber auch deutlich, dass Justines Leben von etwas Unaussprechlichem gelenkt wird, von dem sie nur allmählich eine Ahnung zu bekommen beginnt. Die wirkliche Dimension des Schicksals von Justines Großtanten wird nur in kleinen Schritten erkennbar und entfaltet sich am Ende wie ein grauenvolles und zugleich stimmiges Bild vor dem inneren Auge des Lesers. „Das verlorene Mädchen“ ist ein klug konstruierter und einfühlsam erzählter Roman, der das Ereignis, das eine Familie zerstören sollte, von allen Seiten beleuchtet und am Ende deutlich macht, dass das Unheil schon sehr viel früher seinen Lauf nahm. Ein bewegender und aufwühlender Lesegenuss!

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