Mit Blick auf See

Autor: Odile Kennel
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28113-3
Erscheinungsdatum (D) 04.08.17 Seiten 271

Mit Blick auf See

Inhalt

Béatrice Sanders, beinahe fünfzig Jahre alt, ist gerade von Berlin in eine alte Mühle an einem See mitten auf dem Land gezogen. Die Umzugskisten stehen noch unausgepackt herum, als es an der Tür klingelt. Béatrice ist verunsichert, kennt sie hier doch niemanden, und der junge Mann, der vor der Tür steht und sich als Alexander Vogler vorstellt, ist ihr gänzlich fremd. Er allerdings behauptet, Béatrice sei einst mit seiner Mutter Helga befreundet gewesen und habe sogar einmal einige Tage hier in der alten Mühle verbracht. Béatrice kann sich an rein gar nichts erinnern, ist sich zunächst sicher, es müsse sich hier um eine Verwechslung handeln. Alexanders sich wiederholende Besuche und die Fragen, die er an sie hat, verunsichern sie immer mehr, lassen sie zunehmend an ihrer Erinnerung zweifeln.

Ist Helga womöglich Hah, die Béatrice einst glühend bewunderte und in die sie sich heimlich verliebte? Was hatte sie selbst damit zu tun, dass Alexanders Mutter Anfang 1977 für drei Jahre spurlos verschwand? War Hah damals Sympathisantin und deshalb gezwungen, in jener hochpolitischen Zeit, die der Deutsche Herbst genannt wurde, unterzutauchen? Mehr und mehr verschwimmen Realität und vage Erinnerungen miteinander, bis Béatrice nicht mehr sicher sein kann, was echte und was eingebildete Erinnerungsbilder sind…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Odile Kennel gelingt es in ihrem Roman „Mit Blick auf See“, eine Atmosphäre der Verunsicherung hervorzurufen, die vor allem den diffusen Erinnerungen ihrer Protagonistin Béatrice geschuldet ist. Was zunächst wie ein Thriller beginnt, in dem ein junger Mann auftaucht und behauptet, etwas aus Béatrice Vergangenheit zu wissen, was sich komplett deren Erinnerung entzieht, entwickelt sich zusehends zum bewegenden Porträt einer Frau, deren Leben von einem gewichtigen Kapitel der Bundesrepublik geprägt ist. Während diese Béatrice damit beschäftigt ist, für ein Buchprojekt Zeitzeugen des Deutschen Herbstes zu befragen, scheint ihr selbst nicht bewusst zu sein, welche Rolle die Ereignisse rund um die RAF und den Baader-Meinhof-Komplex in ihrem eigenen Leben spielte. Mit viel Fingerspitzengefühl und einer zutiefst nuancierten Sprache deckt Kennel Schicht um Schicht einer Vergangenheit auf, bei der bis zum Ende nicht feststeht, ob sie nun tatsächlich Béatrice gehört oder nicht.

„Mit Blick auf See“ ist ein atmosphärisch dichter Roman, der sich mit der Frage beschäftigt, wie sicher und verlässlich unsere Erinnerung tatsächlich ist und wie es uns gelingen kann, uns unserer Vergangenheit und damit auch unserer Geschichte zu stellen. In der Zeichnung ihrer Charaktere bleibt Odile Kennel dabei stets vage, lässt sie geheimnisvoll und teilweise auch wie Randfiguren erscheinen und verstärkt damit noch das Gefühl von Fremdheit – im Innen wie auch im Außen. „Mit Blick auf See“ macht auf eindringliche Weise deutlich, wie mächtig der Deutsche Herbst in der Nachkriegsgeschichte seine Spuren hinterließ – und bis in die Gegenwart nachwirkt.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen