Nacht ohne Engel

Autor: Ulrich Woelk
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28111-9
Erscheinungsdatum (D) 08.09.17 Seiten 223

Nacht ohne Engel

Inhalt

Die Frau, die am Tegeler Flughafen in sein Taxi steigt, kommt Vincent vom ersten Augenblick an seltsam bekannt vor. Nach mehreren Blicken in den Rückspiegel ist er sich ganz sicher: Es ist Jule, die er vor fünfundzwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Es war der Tag, an dem überall die großen Demonstrationen gegen den Golfkrieg abgehalten wurden, und Jule und Vincent, zu der Zeit noch blutjung, waren mitten im Geschehen. Die beiden haben damals eine sehr intensive Nacht zusammen verbracht, dann aber den Kontakt verloren. Nun sitzt Jule, die in München lebt, in seinem Taxi, weil sie in Berlin an einem Kongress teilnimmt. Am nächsten Tag schon wird sie wieder zurück nach München fliegen.

Jule und Vincent haben genau einen Tag und eine Nacht, um einander von ihrem Leben und von dem, was damals geschah, zu erzählen. Dabei stellen die beiden fest, wie sehr sich ihre jeweiligen Lebensentwürfe voneinander unterscheiden. Für Jule zählt der berufliche Erfolg, wohingegen Vincent seine persönliche Freiheit am allerwichtigsten ist. Diese intensive Begegnung wirft sowohl Vincent als auch Jule auf das zurück, was sie in ihrem Leben geleitet hat, was ihr ganz individueller Lebensentwurf ist…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Ulrich Woelk erzählt auf nur 223 Seiten die unglaublich fesselnde und sehr intensive Geschichte zweier Menschen, die einmal ineinander verliebt waren, aber nur eine gemeinsame Nacht miteinander verbracht haben, ehe sie sich dann aus den Augen verloren. Jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, begegnen sie sich völlig unverhofft wieder und müssen feststellen, wie gänzlich unterschiedlich ihre jeweiligen Leben verlaufen sind. Dieser Roman lässt dabei vieles unausgesprochen, erzählt aber zwischen den Zeilen davon, wie diese zwei Menschen reflektierend auf ihr bisheriges Leben zurückblicken und es unwillkürlich mit dem des anderen vergleichen. Ulrich Woelk erzählt dabei von einer Generation von Deutschen, die eine so viel größere Freiheit hatte, ihr Leben individuell und an den eigenen Bedürfnissen orientiert zu gestalten, als jede andere vor ihr – und doch ständig das Gefühl hat, nicht angekommen zu sein.

Sowohl Jule als auch Vincent erweisen sich als Charaktere, die immer noch auf der Suche zu sein scheinen und die dabei ständig damit beschäftig sind, ihren Lebensentwurf zu verteidigen. Es gelingt Woelk, diese beiden Figuren gleichzeitig zueinander in Beziehung zu setzen und sie auf der anderen Seite immer weiter voneinander zu entfernen. Anhand von Jules und Vincents Geschichte macht der Autor deutlich, dass wir einerseits die Freiheit habe zu entscheiden, wie wir leben wollen, dass wir aber auch die alleinige Verantwortung für diese Entscheidung übernehmen müssen. „Nacht ohne Engel“ ist ein Roman, der in 223 Seiten erstaunlich viel Inhalt umfasst und vor allem für diejenigen unter uns, die den Mauerfall bewusst miterlebt haben, ein echtes Leseerlebnis bedeutet.

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