Der Brief

Autor: Carolin Hagebölling
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423261463
Erscheinungsdatum (D) 09.06.17 Seiten 224

Der Brief

Inhalt

Als der Brief ankommt, stellt er Maries Leben von heute auf morgen völlig auf den Kopf. Die Zeilen, die da in ihre Hamburger Wohnung geflattert kommen, stammen von ihrer alten Schulfreundin Christine. Doch diese hat die Post nicht nur an eine falschen Adresse - in Paris - gerichtet, sondern beschreibt auch ein Leben, das Marie so nie geführt hat. Zunächst glaubt Marie an einen makaberen Scherz, dann an einen Rachefeldzug eines Unbekannten. Doch die Briefe machen sie bei aller Angst und Ratlosigkeit auch neugierig. Gibt es da eine zweite Marie, die in Paris eine ganz andere Version ihres Lebens lebt?

Buchkritik von Melanie  Frommholz

In ihrem Romandebüt greift die Autorin Carolin Hagebölling die Frage aller Fragen auf: „Was wären gewesen, wenn…“. Wir alle haben sie uns schon gestellt, diese Frage was gewesen wäre, wenn man an den Weggabelungen des Lebens eben nicht links sondern rechts abgebogen wäre. Nicht in diese oder jene Stadt gezogen wäre? Diesen oder jenen Partner geheiratet hätte oder eben nicht? Nicht gegen die Eltern rebelliert hätte oder aber gerade erst recht. Genau mit diesen Motiven und der Frage nach der „anderen“ Realität spielt „Der Brief“. Der Einstieg macht Lust auf die Geschichte. Die richtige Mischung aus geheimnisvoll und dramatisch zieht einen in das Leben der Hauptfigur Marie und verspricht eine packende Story mit Tiefgang. Doch ab dem Mittelteil merkt man, das Carolin Hagebölling der „nächste“ Brief wichtiger ist als eine tiefergehende Zeichnung dessen, was dieser mit den Figuren und insbesondere mit der Hauptfigur Marie emotional anstellt. Gerade den Gefühlen spürt die Autorin zunehmend nur oberflächlich nach. Es scheint ihr zu reichen, diese in wenigen Sätzen zu benennen, um dann zügig voranzuschreiten in der Story. Nur kurz setzten sich ihre Figuren mit vergessenen Wünschen, verworfenen Lebensentwürfen, Schicksalsschlägen oder verlorenen Freundschaften auseinander, und das empfindet man von Seite zu Seite als immer unbefriedigender.

Carolin Hagebölling sprintet von Ereignis zu Ereignis, und der Leser bleibt dabei trotz allen Interesses auf der Strecke irgendwann stehen und wünscht sich mehr Zeit, in der sich die Dinge auch einmal entwickeln dürfen. Doch das lässt die Autorin nicht zu und opfert so eine wertvolle Dimension der Geschichte, denn gerade Hauptfigur Marie bleibt so immer distanziert.
Am Ende stiehlt sich Carolin Hagebölling mit einem Kniff aus der Story, der es ihr erlaubt all die „Wenns“, „Wiesos“ und „Abers“ weitgehend unbeantwortet im Raum stehen zu lassen. Die Autorin möchte, dass man sich mit der Frage des „Was wären gewesen, wenn…“.weiter auseinandersetzt. Doch wie die Figuren macht man dies am Ende nur kurz und ist mehr enttäuscht darüber, dass eine ambitioniert gestartete Geschichte am Ende so in Leere läuft.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen