Überall bist du

Autor: Gerhild Stoltenberg
Genre: Roman
Verlag: Atlantik
ISBN: 978-3-455-60059-9
Erscheinungsdatum (D) 11.04.17 Seiten 272

Überall bist du

Inhalt

Auf dem Weg in ein eigenes Leben ist Martha irgendwo stecken geblieben in den ausrangierten Kleidern, Jobs, Wohnungen und Hobbies ihrer älteren Geschwister. Ihren langweiligen Listen-Job, der dazu reicht über die Runden zu kommen, hat sie von ihrer Schwester übernommen. Ihre Wohnung ist die alte Studentenbude ihres Bruders und sogar ihre beste Freundin Anne hat sie irgendwie von ihm „geerbt“. Doch dann lernt Martha Tom kennen und plötzlich gibt es da einen Menschen in ihrem Leben, der ihr ganz alleine gehört, den sie alleine gefunden hat und mit dem alles besser werden soll. Daran glaubt sie mit jeder Faser ihres Körpers.

An einer Ampel trifft Martha die wunderschöne Stella mit ihren drei Kindern. Der fünfjährige Oskar und seine Brüder Nippon und Beppi suchen „Mary Poppins“, und aus einem plötzlichen Impuls heraus beschließt Martha für die drei das zauberhafte Kindermädchen zu sein. Alles könnte perfekt sein, doch dann verlässt Tom Martha ohne Vorwarnung von heute auf morgen. Die Welt liegt in düsteren Scherben und besteht nur noch aus Liebeskummer. Egal wohin Martha auch geht, die ganze Stadt scheint eine einzige schmerzhafte Erinnerung an Tom...

Buchkritik von Melanie  Frommholz

Liebeskummer ist wohl eines der am meisten bemühten Motive in der Literatur. Wir bekommen scheinbar nie genug davon, und so liefert uns der Markt verlässlich Jahr um Jahr mehr davon. Oft haben diese Geschichten jedoch ein oberflächliches Einheitsgesicht. Sie bedienen die gängigen Klischees und Stereotype. Zwischen all dieser, sich immer wieder recycelten Massenware, kommt Gerhild Stoltenbergs Debütroman „Überall bist du“ wie ein funkelnder Lichtblick zu uns. Zugleich poetisch, wahrhaftig und bezaubernd erzählt der Roman von Martha und ihrer zerbrochenen Liebe zu Tom. Es ist eine Geschichte über das plötzliche Ende einer Beziehung, über schmerzhafte Wendepunkte, aber auch über den Glauben an hoffnungsvolle Neuanfänge. Durch das Beziehungsende mit Tom kommt Martha an einen Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich fragt, ob sie tatsächlich weiterhin das abgelegte Leben ihrer Geschwister „auftragen“ oder endlich herausfinden will, was sie selbst davon erwartet. Wenn etwas Altes zu Ende geht, ist plötzlich immer auch Platz für eine neue Idee des eigenen Lebens. Gerhild Stoltenberg taucht mit großer Echtheit in diese Situation ein. In die abgrundtiefe Dunkelheit des Liebeskummers genauso wie in die Melancholie, die sich in einem ausbreitet, wenn man sich der Zwänge des Alltags bewusst wird und in das Staunen, wenn man genau in diesem durch die Augen von Kindern wieder etwas Wunderbares und ganz Einzigartiges erkennt. In manchen Situationen geht eben nichts über die Weisheit eines kleinen fünfjährigen Jungen.

Immer wieder findet Gerhild Stoltenberg eine Sprache, die die Dinge so feinsinnig wie treffend auf den Punkt bringt. Die Autorin fängt die Absurdität mancher Situationen genauso humorvoll ein, wie es ihr gelingt, uns in die vielen Schattierungen der Traurigkeit mitzunehmen. In „Überall bist du“ paart sich Melancholie mit Witz und Hoffnung. Die Weisheiten von kleinen Kindern mit den Theorien von schrullig-liebeswürdigen alten Damen auf Spielplätzen. Es ist diese Mischung, die „Überall bist du“ zu einer unwiderstehlichen Lektüre macht.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen