Zu blaue Augen

Autor: Mira Magén
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-26129-6
Erscheinungsdatum (D) 10.02.17 Erschienen 2012
Seiten 384
Übersetzung Anne Birkenhauer

Zu blaue Augen Eynayim Kchulot Miday

Inhalt

Mit ihren drei Töchtern, der siebenjährigen Enkelin und ihrer rumänischen Pflegerin Johanna lebt Hannah Jona in ihrem großen Jerusalemer Haus. Hannah ist siebenundsiebzig Jahre alt, ihr Mann schon lange tot, und seit neuestem färbt sie sich ihr Haar schwarz und trägt schreiend bunte Kleider. Nachts betrinkt sie sich mit fremden Männern in Bars und überrascht und erschreckt ihre Töchter und Johanna mit immer exzentrischeren und verrückteren Einfällen. Keine von ihnen weiß Hannahs Verhalten so richtig einzuordnen – gibt sie sich lediglich übermütigen Launen hin oder zeigen sich hier ernstzunehmende Hinweise fortschreitender Demenz?

Doch nicht nur Johanna und den Töchtern bereitet Hannahs Verhalten Sorgen, auch der neue Untermieter Rafi beobachtet deren Eskapaden mit Unbehagen. Denn das prachtvolle Haus der alten Dame wird von manch einem Spekulanten begehrt, und einer von ihnen ist der mächtige Auftraggeber des angeblichen Dichters Rafi. Er vermutet hinter jedem Besucher im Hause Hannahs und in all den Typen aus den Bars potentielle Interessenten für das Haus, das er seinem Auftraggeber zuschanzen soll. Rafis Auftrag entwickelt sich zusehends zu einem Desaster, und auch das Leben von Hannahs Töchtern gerät mehr und mehr aus den Fugen…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Der Bruch mit Konventionen jeglicher Art ist das große Thema von Mira Magéns Roman „Zu blaue Augen“. Eine siebenundsiebzigjährige Frau, die bereits den Tod an die Tür klopfen hörte, hat genug davon, als alte, gramgebeugte Witwe ihrer letzten Stunde entgegen zu dämmern. Von einem Tag auf den anderen färbt sie ihre grauen, langen Haare pechschwarz, zieht bunte, von großen Blumenmustern übersäte Kleider an und trinkt abends in einer Bar mit fremden Männern viel zu viel, so dass ihr am nächsten Tag der Schädel brummt. Diese Hannah ist Dreh- und Angelpunkt von Magéns Geschichte, von ihr geht eine Stärke und ein Widerspruchsgeist aus, der ihre drei Töchter blass und farblos erscheinen lässt. Dieser Mangel an Kraft und Eindringlichkeit der Charaktere ist leider auch der große Schwachpunkt von „Zu blaue Augen“, fühlt man sich doch keiner der Figuren wirklich nahe, fühlt weder mit, noch lässt sich von ihnen mit in die Geschichte reißen. Die Distanz zwischen den Hauptfiguren und insbesondere die der Erwachsenen zu Hannahs Enkelin, die alle nur als „die Kleine“ bezeichnen, verhindert, dass dieser Roman wirklich in die Tiefe geht und damit den Leser in irgendeiner Form berührt. Fast scheint es, als stünden die Protagonisten nicht einmal annähernd in Beziehung zueinander, was sie deshalb dem Leser bis zum Ende seltsam fremd erscheinen lässt.

Mira Magéns außergewöhnlicher Erzählstil hingegen verleiht diesem Roman eine besondere, schwermütige und zugleich freche Note, die den Leser sehr für sich einzunehmen weiß. Sie lässt das vergnügliche und amüsante Bild einer skurrilen Wohngemeinschaft entstehen, die sich gegen windige Immobilienhaie zur Wehr setzt. Zugleich erzählt Magén auch die Geschichte von drei Frauengenerationen einer Familie, die allesamt in irgendeiner Form an ihren Lebensentwürfen gescheitert sind, beziehungsweise, im Fall von Hannahs Enkelin, Opfer der Lebensentwürfe anderer wurden. Trotz dieser interessanten und teilweise gekonnt umgesetzten Thematik versteht Mira Magén es bis zum Ende nicht, ihre Leser mit Haut und Haar an ihre Geschichte zu fesseln.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen