Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Autor: Lori Ostlund
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28077-8
Erscheinungsdatum (D) 26.08.16 Erschienen 2015
Seiten 416
Übersetzung Pieke Biermann

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort After the Parade

Inhalt

Als Aaron beschließt, seinen Partner, mit dem er zwanzig Jahre zusammengelebt hat, zu verlassen, umfasst sein „Klagenkatalog“ 149 Einträge, die deutlich machen, warum er die Beziehung beenden will. In San Francisco will Aaron ein neues Leben beginnen, durch eine Bekannte hat er dort auch schon einen Job als Lehrer für Erwachsene und kommt in einer umgebauten Garage unter. Doch schnell wird ihm klar, dass es nicht so ganz einfach ist, sein altes Leben hinter sich zu lassen, wie er sich das zunächst vorgestellt hatte. Aaron wird von Erinnerungen eingeholt, die vor allem mit seiner Kindheit, dem frühen Tod des Vaters und dem plötzlichen Verschwinden seiner Mutter zu tun haben. Die Jahre, als er als Außenseiter in einem Provinznest in Minnesota zubrachte, in ständiger Angst vor seinem gewalttätigen Vater, passieren in Aarons Kopf Revue und immer drängender wird die Frage, warum seine Mutter ihn ohne ein Wort einfach verließ. Diese so liebevolle aber auch zutiefst labile Frau brannte eines Nachts mit dem Dorfpfarrer durch und meldete sich nie wieder bei ihrem Sohn.

Doch waren da auch immer Menschen auf Aarons Weg, die wie er Außenseiter und Eigenbrötler waren und ihn ein Stück begleiteten. Einer von ihnen ist der Privatdetektiv Bill, mit dem Aaron sich in San Francisco anfreundet und der ihm hilft, die verschollene Mutter zu finden. Plötzlich steht Aaron vor der Frage, ob er tatsächlich bereit ist, sich seiner Vergangenheit zu stellen…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Auf welch wundervolle Weise es Lori Ostlund doch gelingt, die bewegende Geschichte des Außenseiters Aaron so zu erzählen, dass sie dem Leser ohne jeglichen Kitsch oder Tand direkt ans Herz geht! Mit schlichter, ja, fast karger Sprache erzählt Ostlund von einem Mann, der es tunlichst vermeidet, menschliche Nähe zuzulassen und der dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – zutiefst berührt. Vor allem die Schilderungen aus Aarons Kindheit sind, gerade weil Ostlund jegliche Gefühlsduselei vermeidet, besonders intensiv. Es gelingt ihr, das Leben eines Jungen zu beschreiben, dessen Kindheit alles andere als glücklich oder normal ist, der den Jähzorn des Vaters, die Angst der Mutter vor dem Leben und sein Außenseitertum aber als gegeben hinzunehmen scheint. Auch die Auswirkungen dieser Kindheit auf sein späteres Leben werden von Ostlund als reine Tatsachen dargestellt, nur hin und wieder schimmert die wahre Tragödie dieses Mannes durch.

Großes Feingefühl, eine fast schon zerbrechlich Zartheit und großer Respekt vor den Figuren und ihrer Geschichte zeichnen diesen Roman aus, der in seiner ganzen Dimension auf schmerzhafte Weise schön ist. Vor allem die tragikomischen Momente sind die ganz große Stärke von „Das Leben ist ein merkwürdiger Ort“, spiegeln sie doch das wirkliche Ausmaß dessen, was Aaron in seinem Leben erdulden musste. Lori Osterlund hat hier einen Roman erschaffen, der das Leben mit all seinen Facetten zeigt und vor allem deshalb tief berührt und noch lange nachhallt.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen