Tage der Nacht

Autor: Yorck Kronenberg
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28060-0
Erscheinungsdatum (D) 21.08.15 Seiten 256

Tage der Nacht

Inhalt

Zusammen mit seiner zweiten Frau Franziska verbringt der pensionierte Literaturwissenschaftler Anton den Großteil seiner Tage in seinem Haus an der Küste Englands, die Wohnung in Frankfurt nutzen die beiden kaum noch. Doch seitdem Anton und Franziska Opfer eines Überfalls wurden, fühlt er sich in dem Haus an der Küste nicht mehr richtig wohl. Das Gefühl der eignen Ohnmacht, als die maskierten Täter seine Frau aus dem Zimmer führten und er halbnackt in einem Sessel sitzend zusehen musste, plagt ihn noch Wochen nach dem Überfall. Obwohl Franziska nichts zugestoßen ist und auch nur wenig gestohlen wurde, findet Anton nicht mehr zu seinem eigenen Selbst zurück, zu dem, der er vor dem Überfall gewesen war.

Zunehmend beschleichen ihn Erinnerungen aus seiner Kindheit, Erinnerungen, die er all die Jahre weggedrängt hatte. Es muss ein Zusammenhang bestehen zwischen jenen drei Maskierten, die in sein Haus eingedrungen sind und jenem schrecklichen Tag, an dem drei Unbekannte seinen Vater abführten, den er danach nie wieder sah. Sein Vater, ein arbeitsloser Geigenspieler, verabscheute den Nationalsozialismus und litt zunehmend darunter, dass dieses Regime von allen in seiner Umgebung gefeiert wurde. Die Schuldgefühle, die Anton seither plagen, vermischen sich mit den Ereignissen in der jüngsten Vergangenheit, und eines Nachts verlässt Anton das Haus und wandert an der Küste entlang, um sich den eigenen Dämonen zu stellen…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Yorck Kronenberg erzählt in seinem Roman „Tage der Nacht“ die Geschichte eines alten Mannes, der fast am Ende seines Weges angelangt ist, als er schließlich von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt wird. Das Gefühl von Schuld, das ihn fast sein ganzes Leben lang begleitet hat, das er aber nie wirklich anschauen konnte, wird durch ein traumatisches Ereignis in der Gegenwart derart brutal an die Oberfläche katapultiert, dass er nicht mehr anders kann, als sich seiner Vergangenheit zu stellen. Auf äußerst einfühlsame und zugleich nüchterne Weise zeigt Kronenberg auf, dass das Wegdrängen vergangener Traumata lediglich dazu führt, dass sie irgendwann mit gewaltiger Macht über uns hereinbrechen. Meisterhaft verknüpft der Autor dabei den erschreckenden Überfall in der Gegenwart mit der Verhaftung von Antons Vater und macht die Verbindung dieser Ereignisse an der Symbolik der drei Fremden, die jeweils darin verwickelt waren, deutlich.

Wenn Kronenberg seinen Protagonisten sagen lässt, er fühle sich wie ein Glasmensch, der nie wirklich menschliche Nähe zugelassen habe, zeigt das eindrücklich, wie sehr das Verdrängen von alter Schuld, von traumatischen Erlebnissen uns daran hindert, wirklich zu leben und Bindungen einzugehen. Doch Anton stellt sich dem Schrecken seiner Kindheit, was der Autor ihn auf elementare Weise durch eine nächtliche Wanderung an der Küste vollziehen lässt – eine Wanderung, die wie eine Läuterung sein könnte.
„Tage der Nacht“ ist ein wichtiger Roman, der auf eindringliche Weise dafür plädiert, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, sondern vielmehr endlich das Schweigen zu brechen. Für die Menschen, die die Schrecknisse des Dritten Reichs noch miterleben mussten, aber auch für deren Nachkommen kann sich dadurch eine Tür öffnen – zum Verstehen und Verzeihen.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen