Das Kindermädchen

Autor: Elisabeth Herrmann
Genre: Krimi
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-46455-5
Erscheinungsdatum (D) 09.10.07 Seiten 480

Das Kindermädchen

Inhalt

Joachim Vernau kann sich eigentlich glücklich schätzen - selbst Anwalt, liiert mit der derzeitigen stellvertretenden Bürgermeisterin Berlins und kurz davor, in die einflussreiche und wohlhabende Familie der von Zernikows einzuheiraten – was will er noch mehr? Sein künftiger Schwiegervater empfängt ihn in der Familie mit offenen Armen, als er erfährt, dass die beiden sich verloben wollen, was sich nicht zuletzt für Sigruns aktuellen Wahlkampf gut macht.
Doch kurz vor der Verlobungsfeier taucht eine alte Frau ukrainischer Abstammung auf, stiefelt auf dem Grundstück der Anwaltskanzlei herum und möchte unbedingt, dass Zernikov senior einen Zettel unterschreibt, der bestätigen soll, dass eine Freundin im Zweiten Weltkrieg bei der Familie als Zwangsarbeiterin beschäftigt war – und zwar als Kindermädchen. Die alte Frau wird kurzerhand vom Grundstück geschmissen und Joachim Vernau kann es nicht fassen, dass sie am nächsten Tag tot aus einem Kanal gezogen wird.
Joachim Vernau ist jedoch längst schon stutzig geworden, nicht zuletzt, weil sein Schwiegervater in spe ziemlich seltsam auf seine Fragen reagiert. Aber genau das bringt ihn dazu, weiterzugraben, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu erkennen, die ihn schon bald auf die Spur lukrativer Geschäfte mit enteigneter Kunst bringen. Und genauso bald muss er auch erkennen, dass sein bisheriges Leben nur eine Fassade war und er nun gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen …

Buchkritik von Angelika  Koch

Viele schreckliche Dinge aus den beiden Weltkriegen sind uns bekannt, an Literatur hierüber mangelt es nicht. Doch hin und wieder verlegen sich Autoren darauf, weniger bekannte Aspekte, Nebenschauplätze sozusagen, in den Mittelpunkt ihrer Geschichten zu stellen und dem Leser näherzubringen. So auch in „Das Kindermädchen“. Elisabeth Herrmann beschäftigt sich hier mit Zwangsarbeiterinnen. Mit diesem Wort assoziiert man eigentlich Arbeiterinnen in Fabriken und in der Landwirtschaft, nicht aber Kindermädchen. Das hört sich irgendwie doch so harmlos an. Aber das ist es ganz und gar nicht. Viele deutsche Familien nahmen sich zum Ende des Krieges hin, russische, ukrainische und polnische Kindermädchen, die teilweise selbst noch halbe Kinder waren und ließen sie von früh bis spät unmenschlich hart arbeiten, bis zur totalen Erschöpfung. Aber noch etwas ist damals oft geschehen: Die Kinder eben dieser Familien haben enge Beziehungen zu diesen Kindermädchen aufgebaut und als diese nicht mehr da waren, verhaftet von den eigenen Landsleuten und als Kollaborateure in Zwangslager gesteckt, ist ihnen etwas enorm Wichtiges genommen worden. Wenige haben später jemals die Möglichkeit bekommen, diese Kindermädchen, die oftmals die Mutterrolle übernommen hatten, wiederzusehen. Diesen Aspekt beleuchtet die Autorin mit viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl und erzählt eine traurige, dramatische und spannende Geschichte, die dem Leser nahegeht, auch, weil die Protagonisten so lebensnah und persönlich erscheinen. Geschickt verwebt Herrmann diese Dinge mit dem immer noch blühenden Handel mit enteigneter Kunst. Kein Mensch weiß so genau, welche Schätze noch heute in privaten Verstecken herumliegen, wie viel andererseits aber auch Menschen im Geheimen horten und sammeln; und welch ein großer Teil unseres Kulturgutes unwiderruflich verlorengegangen ist.
Alles zusammengenommen, ergibt das eine sehr gut recherchierte, konstruierte und gefühlvoll zusammengesetzte Geschichte, deren einziger Haken ist, dass zum Schluss hin die Ereignisse etwas zu dramatisch scheinen und somit ein bisschen unecht wirken. Aber sei’s drum – das tut dem Lesespaß unter dem Strich keinen Abbruch.

Die Joachim Vernau Reihe umfasst folgende Bücher:
Das Kindermädchen
Die siebte Stunde
Die letzte Instanz
Versunkene Gräber
Totengebet

Jan Josef Liefers spielt Joachim Vernau in der gleichnamigen TV-Serie im ZDF.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen