42

Autor: Thomas Lehr
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-14270-0
Erscheinungsdatum (D) 01.12.13 Seiten 368

42

Inhalt

Eine bunt gemischte Besuchergruppe des Kernforschungszentrums CERN in Genf tritt nach ihrer Visite wieder an das grelle Tageslicht und findet sich in einer surrealen Wirklichkeit wieder: Das Wetter, die Menschen, die Tiere, Autos, die Zeit – einfach alles – scheint wie eingefroren, erstarrt wie eine Fotografie. Nichts bewegt sich mehr, nichts regt sich, die Zeit ist um 12:47 Minuten und 42 Sekunden stehengeblieben. Menschen haben in ihren Bewegungen in den absurdesten Figuren innegehalten, die Besucher sind die Einzigen, die sich noch bewegen, atmen und reden können.
Große Verwirrung, die sich zunehmend zu einem Schock steigert, macht sich breit. Was ist passiert? Die Zeit bleibt unwiederbringlich stehen. Es wird nicht Abend, nicht Nacht, kein Wind regt sich, keine einzige Fliege belästigt die Besucher mehr. Ein Tag nach dem anderen vergeht, die Besucher können essen, was gerade irgendwo steht, servierfertig war, zubereitet wurde. In ihrer Hand erst erkaltet Essen und Trinken, auch durch ihre Hände fallen die erstarrten Menschen in sich zusammen und nur an ihren Armen ticken die Uhren weiter.
Erklärungsversuche bestimmen die nächsten Tage, aus denen Wochen, Monate und Jahre werden. Auch ein kurzzeitiger zeitlicher Ruck von drei Sekunden kann nur für weitere Verwirrung sorgen. Über Phasen der Verzweiflung, der Depression und der Lethargie hinweg versuchen sie sich nach Jahren an einem letzten Experiment, das die Zeit wieder zurückdrehen soll, doch keiner weiß, was dann wirklich geschehen wird …

Buchkritik von Angelika  Koch

„42“ ist eine zutiefst verstörende, beklemmende und undurchsichtige Geschichte, die im Leser wahre Urängste mobilisiert, deren Verlauf ihn an den Rand des Verstehbaren bringt, doch aber immer im Rahmen des schrecklich Fühlbaren hält. Von dem verzweifelten Wunsch beseelt, genau wie die Protagonisten des Buches, es möge doch eine plausible Erklärung geben und die menschlichen Tragödien nicht so weiterlaufen, wird eine um die andere Seite umgedreht. Doch die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, die Absurdität wird nicht besser, es gibt keinen Knall, nach dem alles einfach „wieder gut ist“.
Und so sehr der Mensch bestrebt ist, für alles Erklärungen zu bekommen, so wenig werden diese vom Autor Thomas Lehr geliefert. In einer unbeschreiblichen Wortgewalt, die oftmals schon fast überfordert, beschreibt er gnadenlos, wie sich die Schicksale der Besuchergruppe entwickeln, wie sich ihr Leben von einer Phase zur nächsten schraubt, wie Menschlichkeit verlorengeht, Misstrauen gesät und Perversität ausgelebt wird. Dabei bleibt der Autor jedoch immer so ernüchternd unspektakulär, dass einem schnell klar wird, dass Menschen sich wahrscheinlich genau so verhalten würden in solch einer Situation, dass es eben nicht immer große Helden und militärische Sondereinsatzkommandos gibt, die alles für alle regeln und dass am Ende der Mensch reduziert auf sich selbst übrigbleibt, ohne Glorie und Heldentum.
Dieses Buch ist nicht geeignet für unbeschwerte Lesestunden, diese Geschichte verlangt vom Leser höchste Konzentration, viel Verständnis und eine gehörige Portion Geduld. Geduld für die Sprache des Autors, Geduld für die dialogarme Erzählung und Geduld für das Verhalten der Protagonisten. Zurück bleibt ein ungutes Gefühl, eine gewisse Traurigkeit über all das Gelesene. Doch es hat keiner gesagt, dass Bücher immer nur gute Gefühle hervorrufen müssen, um selbst gut zu sein. Keine leichte Lesekost, aber gerade deshalb ein überaus lesenswertes Buch.

Die Hardcover-Ausgabe zu diesem Buch erschien bereits 2005.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen