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Kommende Buchkritiken
Über Bord
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Autor
Ingrid Noll
Genre Roman
Verlag Diogenes ISBN 978-3-257-06832-0 Erscheinungsdatum (D) 01.08.12 Seiten 336 |
Inhalt
Im so genannten „Nonnenkloster“, einer schon etwas maroden Villa aus Familienbesitz, leben drei Generationen unter einem Dach: die verwitwete Hildegard mit der geschiedenen Tochter Ellen und Enkelin Amalia. Männliche Mitbewohner sind hier weitestgehend unerwünscht, würden sie doch die vermeintliche Idylle der drei Frauen nur stören. Während Amalia das ungeschriebene Gesetz der Hausgemeinschaft hin und wieder übertritt und ihren Freund Uwe mit ins „Nonnenkloster“ bringt, sehnt sich die nicht mehr ganz junge Ellen nach dem sagenhaften Märchenprinzen, der sie aus ihrem tristen Alltag retten soll.
Als eines Tages der gut aussehende Gerd auftaucht und behauptet, Ellens Halbbruder zu sein, stört das den häuslichen Frieden aufs Empfindlichste. Verschiedene Gentests bringen so manches Familiengeheimnis ans Tageslicht, was für Ellen und Amalia die Einladung auf eine Mittelmeer-Kreuzfahrt nach sich zieht. Während Bernds trinkfeste Frau Ortrud sich unaufhaltsam ins Delirium säuft, scheint sich Ellens Traum von der großen Liebe schließlich doch noch zu erfüllen – bis am Ende nicht nur der über Bord geht…
Buchkritik von Stefanie Rufle
Mit „Über Bord“ beweist Ingrid Noll, die Grand Dame des deutschen Kriminalromans, erneut ihren wunderbaren und bitterbösen Humor, nach dem ihre Leser regelrecht süchtig sind. Es ist einfach unmöglich, einen Ingrid Noll-Krimi zu lesen, ohne dabei gute Laune zu bekommen. Ihre zynischen Charakterzeichnungen lassen uns ein ums andere Mal in die Abgründe unserer lieben Mitmenschen – und damit auch unweigerlich in unsere eigenen – blicken, was einfach nur grandios komisch ist. Nolls Spezialität sind die mörderischen Auswege ihrer Protagonistinnen aus Lebens- und vor allem Liebeskrisen, was auch in „Über Bord“ wieder exzessiv zelebriert wird. Auch wenn der schwarze Humor der Autorin sich über die Jahre etwas abgemildert zu haben scheint, bekommt man hier wieder eine gewaltige Brise davon ab, so dass am Ende kein Auge trocken bleibt.
Die Idee zu diesem Roman ist einfach, bietet aber im Verlauf der Handlung genügend Möglichkeiten für Verstrickungen und unerwartete Wendungen. Dabei sind es vor allem die nur allzu menschlichen, manchmal liebenswerten, meistens hingegen eher zweifelhaften Charakterzüge, die wir schnell wieder erkennen, die Noll meisterhaft in Worte fasst. Man kann einfach nicht anders, als mit Ellen auf die Erfüllung der großen Liebe zu hoffen, auch wenn ihre Motive alles andere als edel sind. Am Ende gelingt es Ingrid Noll, uns mit einem gänzlich unerwarteten und perfiden Schluss zu überraschen, der kaum Wünsche offen lässt.
