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Kommende Buchkritiken
Drüberleben - Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein
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Autor
Kathrin Weßling
Genre Roman
Verlag Goldmann ISBN 978-3-442-31284-9 Erscheinungsdatum (D) 03.09.12 Seiten 318 |
Inhalt
Seit sie denken kann, ist Ida traurig, kann keine Freude empfinden und hat Schwierigkeiten, mit dem normalen Alltag klarzukommen. Es gibt einen Moment, in dem sie, allein in ihrer zugemüllten Wohnung, erkennen muss, dass sie sich nicht mehr allein helfen kann, dass all das Grau um sie herum nicht weichen wird. Anstatt ihre Wohnung aufzuräumen, sich mal wieder zu duschen, die längst fälligen Rechnungen zu bezahlen und die unzähligen leeren Weinflaschen wegzubringen, setzt sie sich in die U-Bahn und fährt zu dem Ort, der Hoffnung und Gefängnis zugleich für sie bedeutet – in eine psychiatrische Klinik. Es ist nicht das erste Mal, dass Ida Zuflucht an einem solchen Ort sucht, dass sie als F 32.2 eingestuft wird: schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome.
Die medizinische Bezeichnung für ihren Aufenthaltsgrund in der Klinik ist so glasklar, wie ansonsten gar nichts in Idas Leben. Während sie in den ersten Tagen nur damit beschäftigt ist, das Monster in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen, teilnahmslos vor sich hinzustarren und ihrer Therapeutin klarzumachen, was mit ihr los ist, erkennt sie allmählich, dass sie nicht allein ist, dass da noch andere sind, die ähnliches erleben. Ihr Kopfkino ist keine Privatvorstellung sondern vielmehr ein Blockbuster, den viele andere auch ansehen…
Buchkritik von Stefanie Rufle
Neben all den unzähligen Lebenshilfebüchern und Ratgebern zum Thema Depression erstrahlt Kathrin Weßlings „Drüberleben“ wie ein kleiner heller Stern am dunklen Firmament. Voller Selbstironie, trockenem Humor und ungeschönter Ehrlichkeit erzählt sie vom Weg einer jungen Frau, der exemplarisch für viele andere steht, die mit der Diagnose Depression leben. Es ist ein mutiges Buch, das Weßling uns präsentiert, kann es doch als Erlebnisbericht in Romanform verstanden werden, denn die Hauptfigur Ida ist Weßlings Alter Ego. „Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“, dieser Untertitel erfüllt zunächst mit Befremden, doch je weiter man in Idas Seelenleben und ihre oftmals verquer erscheinenden Gedanken vordringt, desto besser versteht man, was die Autorin damit aussagen will. Auf authentische und völlig unprätentiöse Weise stellt sie klar, dass Menschen, die an Depressionen leiden, keinesfalls selbst schuld oder fehlerhaft sind, sondern vielmehr Menschen wie du und ich. Diese Krankheit kann jeden von uns treffen – das ist eine der Kernaussagen von „Drüberleben“.
Es gelingt Kathrin Weßling mit ihrer so unglaublich echten und sympathischen Protagonistin, ihre Leser im Sturm zu erobern und somit sofort eine rückhaltlose Offenheit für die Thematik zu erlangen. „Drüberleben“ strotzt in vielen Szenen nur so vor Situationskomik und augenzwinkerndem Humor, was dazu führt, dass man Ida und ihrer Geschichte blind folgen will. Zugleich macht die Autorin deutlich, welche Dimensionen diese Erkrankung tatsächlich hat, dass eine Therapie von kleinen Fortschritten und großen Rückschlägen geprägt ist, dass nicht einfach ein, zwei Dinge im Leben verändert werden können und damit alles wieder in Ordnung ist. „Drüberleben“ schafft den Spagat, ein unglaublich wichtiges und ernstes Thema authentisch zu transportieren, ohne den Leser in seiner Ernsthaftigkeit abzuschrecken oder gar zu erdrücken.
Wissenswertes
„Drüberleben“ ist Kathrin Weßlings erster Roman, zuvor hatte sie in ihrem Blog „drüberleben“ über das Thema Depression geschrieben und wurde zum Bloggermädchen 2010 gewählt. Drei Monate nach Start des Blogs hatten fast 100.000 Menschen „drüberleben“ angeklickt. Kathrin Weßling, die schon zahlreiche Poetry-Slams gewonnen hat, schreibt zurzeit an ihrem zweiten Roman.
