Unterwegs im Namen des Herren

Unterwegs im Namen des Herren

Autor Thomas Glavinic Genre Erlebnisbericht
Verlag Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-23739-1
Erscheinungsdatum (D) 29.08.11   Seiten 208

Inhalt

Thomas Glavinic und sein guter Freund Ingo wollen es wissen: Was passiert auf einer Pilgerreise, und führt diese tatsächlich zur Erleuchtung? Schon als die beiden in Wien in den Reisebus einsteigen, liegt die Antwort auf die zweite Frage ziemlich klar auf der Hand. Ihr Reiseleiter präsentiert sich als herrischer Mann, der auf seiner x-ten Reise in den kroatischen Pilgerort Medjugorje schon lange das wahre Ziel aus den Augen zu verloren haben scheint. Nach der elend lang erscheinenden Busfahrt, bei der die Pilger immerzu fleißig den Rosenkranz beten, wartet die nächste Enttäuschung auf die beiden Testpilger. Medjugorje entpuppt sich als Touristenabfertigungsort, an dem schon lange nicht mehr viel „Heiliges“ auszumachen ist. Schon bald haben die beiden die Nase gestrichen voll und fliehen – doch wohin in dem ihnen fremden Land?

Buchkritik von Kathrin Lang

Kathrin vergibt 4 von 5 Bs Vor noch nicht all zu langer Zeit war es Hape Kerkeling, der sich „im Namen des Herren“ auf eine Pilgerreise begab, die ihn zuletzt zu sich selbst führte. Ähnliches hatte der praktizierende Atheist Thomas Glavinic wahrscheinlich nicht im Sinn. Was ihn auf den Weg in den kroatischen Pilgerort Medjugorje führte, erscheint zunächst als reine Neugier. Was passiert da, auf so einer Pilgerreise, und vor allem: Wer macht sich warum auf den Weg zur heiligen Erkenntnis? Das sind Fragen, die vor allem zu Beginn von Glavinics Erlebnisbericht zentrale Rollen spielen. Als Ich-Erzähler beobachtet der Autor entlarvend das Geschehen und gibt dem Leser lustige und zum Teil bedenklich erscheinende Einblicke.

„Unterwegs im Namen des Herren“ findet seinen grandiosen Auftakt mit der Beschreibung der unendlich lang erscheinenden Busfahrt, während der dem Leser die immerzu Rosenkranz „bettende“ Pilgergemeinschaft vorgestellt wird. Diese entpuppt sich als überraschender Gesellschaftsmix – reicht von immerzu alles liebenden Amerikanern, bis hin zu stets „jööööh!“-ausrufenden Bäuerinnen und Liliputanern mit Goldkettchen. Selbst wenn sich Glavinic zum Vorsatz macht, die Reise möglichst ernst zu nehmen und sich der Leser diesem Vorsatz wohlwollend anschließt, bleibt einem in der ersten Hälfte des Buches häufig nichts anderes übrig, als immer wieder aufzulachen. Herrlich trocken platziert der Autor seine Pointen und sorgt damit für ein großes Lesevergnügen.
Die Erzählung passt sich jedoch immer der Stimmung des Autors an – und diese wird mit der Länge der Reise zunehmend betrübter. In Medjugorje angekommen, in dem die Pilger als Touristen wie Massenware abgefertigt werden, steuern Glavinic und sein begleitender Testpilger Ingo zunehmend schlechtere Laune an. Die Pilgerreise wird bald nur noch zur Nebensache und das Augenmerk liegt fortan mehr auf dem persönlichen Zustand des Erzählers und seines Begleiters. Damit büßt „Unterwegs im Namen des Herren“ viel von seinem beschwingten Erzählton ein. Dennoch liest man „Unterwegs im Namen des Herren“ bis zur letzten Seite gerne. Ähnlich wie in seinen Romanen überzeugt der österreichische Autor mit seinem grandiosen Erzähltalent und erzählt dabei eine lustige und zum Nachdenken anregende Geschichte direkt aus dem Leben.

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