Der Besucher

The Little Stranger

Der Besucher

Autor Sarah Waters Genre Roman
Verlag Lübbe Ehrenwirth
ISBN 978-3-8387-0424-1
Übersetzung Ute Leibmann Erscheinungsdatum (D) 21.04.11   
Erschienen 2009  Seiten 573

Inhalt

An einem Sommertag wird der Landarzt Dr. Faraday wegen eines Notfalls nach Hundreds Hall, dem jahrhundertealten Stammsitz der Familie Ayres gerufen. Das einstmals prachtvolle Anwesen ist nun, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verfallen und verwahrlost. Die Witwe Mrs. Ayres lebt hier zusammen mit ihren beiden erwachsenen Kindern Roderick und Caroline, und nur zwei Bedienstete sind noch von der ehemals zahlreichen Dienerschaft übrig geblieben. Es ist für Dr. Faraday kaum zu übersehen, dass es hier nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch an einer starken männlichen Hand mangelt. Offensichtlich trägt der im Krieg schwer verletzte Roderick an seinen traumatischen Kriegserlebnissen und scheint seelisch mehr als instabil zu sein. Caroline hingegen verkörpert das blühende Leben und wandert mit ihrem alten Hund Gyp stundenlang durch die großen Besitztümer.

Doch dann kommt es zu einem schrecklichen Unglücksfall, der das bisher heitere Leben auf Hundreds Hall schlagartig zu verändern scheint. Dr. Faraday fühlt sich wie magisch angezogen von Hundreds Hall und seinen Bewohnern, muss aber auch erkennen, dass in dem Haus offensichtlich seltsame Dinge geschehen. Auf die Panik und beklemmende Angst, die sich allmählich in der Familie breit macht, reagiert er zunächst gelassen – bis auch er seine Augen nicht mehr davor verschließen kann, dass gehandelt werden muss, bevor er zu spät ist…

Buchkritik von Stefanie Rufle

Stefanie vergibt 5 von 5 Bs Es ist ein wundervoll schauriger und unheimlicher Roman, den uns die Britin Sarah Waters mit „Der Besucher“ beschert. Ganz im Stile des viktorianischen Schauerromans erzählt sie uns eine geheimnisvolle und faszinierende Geschichte, in der mehr verheimlicht als aufgedeckt wird. Kryptische Zeichen, die wie aus heiterem Himmel an den Wänden auftauchen, Mobiliar, das ein Eigenleben entwickelt und Brände, die ohne jeden Grund ausbrechen. Immer wieder fühlt man sich während der Lektüre versucht, all das tatsächlich mit Geistererscheinungen zu erklären. Geschickt gelingt es Waters, den Leser im Dunkeln zu halten, ihm die unterschiedlichsten Erklärungsmodelle zu bieten, die aber allesamt nicht recht zu überzeugen wissen. Die Atmosphäre von Beklemmung und Gänsehaut, die die Autorin dabei erzeugt, ist derart gelungen und unheimlich, dass man dieses Buch einfach nicht mehr aus den Händen legen kann.

Waters zeichnet ihre Charaktere voller Leben und schafft es dabei, den Leser stets im Ungewissen über deren wahre Motive und Gedanken zu halten. Selbst der Ich-Erzähler Dr. Faraday bleibt bis zum Ende ein wenig undurchschaubar und mysteriös. „Der Besucher“ erzählt eine hervorragend konstruierte und erschreckende Geschichte, in der nichts ist, wie es zunächst erscheint. Dabei entsteht eine packende Sogwirkung, die dem Leser den Eindruck vermittelt, selbst durch die dunklen Gänge von Hundreds Hall zu irren und dabei stets die Angst im Nacken zu haben, dass sich im nächsten Augenblick eine eiskalte Hand auf seine Schultern legen könnte.
„Der Besucher“ ist ein grandios und intelligent erzählter Schauerroman, den man so schnell nicht wieder vergessen wird.

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