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Kommende Buchkritiken
Cherryman jagt Mister White
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Autor
Jakob Arjouni
Genre Roman
Verlag Diogenes ISBN 978-3-257-06755-2 Erscheinungsdatum (D) 22.02.11 Seiten 176 |
Inhalt
Rick wünscht sich im Grunde nicht viel für sein Leben: Ein Ausbildungsplatz und eine Freundin, mit der er ein glückliches, wenn auch bescheidenes Leben führen könnte, würden ihm gänzlich ausreichen. Als ihm gleich beides wie von heute auf morgen zufällt, könnte sein Leben auch eigentlich perfekt sein. Könnte – denn das Glück kam nicht ganz bedingungslos auf ihn zugerollt. Die Ausbildungsstelle als Gärtner in Berlin hat er nur einer gefährlichen Bande Jugendlicher zu verdanken, die für Rick den Kontakt zu einer dubiosen Organisation hergestellt haben. Um weiterhin als Gärtner arbeiten zu können, muss Rick einige unangenehme Aufgaben erledigen. Gäbe es seine neue Freundin Marilyn und Tante Bambusch, bei der Rick nach dem frühen Tod seiner Eltern aufgewachsen ist, nicht, hätte er schon lange das Weite gesucht. So jedoch ist er stark erpressbar. Sollte sich Rick nicht an die Abmachung halten, würde niemand davor zurückschrecken, gewalttätig zu werden...
Buchkritik von Kathrin Lang
Mit seinem neuen Roman „Cherryman jagt Mr. White“ bringt Jakob Arjouni nach „Der heilige Eddy“ einen Roman der ganz anderen Art in unsere Buchhandlungen. War sein „heiliger Eddy“ noch ein gelassener Lebemann, der sich als Trickbetrüger verdingte, ist der achtzehnjährige Rick von einem ganz anderen Schlag: Sein familiärer Hintergrund und der Ort, an dem er aufgewachsen ist, haben ihn zum Mitglied der großen Masse an Verlierern gemacht. Aus Ricks Perspektive heraus erzählt Jakob Arjouni die Geschichte des ewig unterschätzten Außenseiters und siedelt diese einige Kilometer hinter der Berliner Stadtgrenze, in Brandenburg an.
Die Kleinstadt in Brandenburg steht letztlich jedoch nur exemplarisch und stellvertretend für viele andere Orte in Deutschland. Es ist das mehr oder minder typische Kleinstadtbild, das „Cherryman jagt Mr. White“ nachzeichnet: Ein ländlich gelegener Ort, an dem perspektivlose Jugendliche, von der Langeweile nicht nur angeödet sondern auch angetrieben, keine bessere Alltagsbeschäftigung finden, als zum Alkohol zu greifen und Banden zu bilden. Die gefährlichen Auswüchse eines solchen Lebens werden von Arjouni in aller Form verdeutlicht: Für das elendige Dasein ohne Perspektive sucht man einen Schuldigen. Im Fall von „Cherryman jagt Mr. White“ sind dies die Ausländer, die als Sinnbild für alles Übel herhalten müssen.
Dies ist jedoch nur Antrieb für Arjounis Erzählung und weniger die Kernaussage. Der eigentliche Kniff an der Geschichte ist, dass Protagonist Rick in seinem Außenseiterdasein derart erpress- und beeinflussbar ist, dass er in eine Angelegenheit verwickelt wird, die nicht im Entferntesten etwas mit seinem Wesen zu tun hat. Der herzensgute Rick wird zum wehrlosen Mitschwimmer und letztlich zum schauderhaft bösen Täter. Genau aus dieser Ambivalenz schöpft „Cherryman jagt Mr. White“ all seine Kraft. Auf ergreifende Art entwirft Arjouni mit seinem Protagonisten eine Figur, die eigentlich Täter, insgeheim jedoch Opfer ist. Die Positionierung des Lesers – der Ricks Tat zwar überzogen grausam, aber dennoch gerechtfertigt findet – wird von Arjouni von vorneherein vorgegeben, indem er keinen Zweifel daran lässt, dass sein Rick im Grunde ein durch und durch liebenswerter Mitbürger ist. Schlicht ein Menschen, der zur falschen Zeit, am falschen Ort und unter falschen Bedingungen groß geworden ist.
„Cherryman jagt Mr. White“ ist ein toll erzählter Roman, der eine kluge Kehrtwende im typischen Täter- und Opfer-Profil vollzieht.
