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Kommende Buchkritiken
Ein französischer Roman
Un roman français
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Autor
Frédéric Beigbeder
Genre Roman
Verlag Piper ISBN 978-3-49205-414-0 Übersetzung Brigitte Große Erscheinungsdatum (D) September 2010 Erschienen 2009 Seiten 254 |
Inhalt
„Ein französischer Roman“ beginnt in einer gewöhnlichen Pariser Partynacht. Zwei Bohèmians der literarischen Szene ergreifen nach einer gesnifften Linie Koks auf einer Motorhaube die Flucht vor der Polizei. Die Ordnungshüter nehmen die beiden gegen drei Uhr morgens im 8. Arrondissement fest und beschlagnahmen zwei Beutelchen des weißen Pulvers. Als sich auf dem Kommissariat herausstellt, dass es sich bei einem der beiden Provokateure auch noch um den prominenten Schriftsteller Frédéric Beigbeder handelt, wird die Affäre unangenehm. Ein Exempel wird statuiert: Leibesvisitation, verbale Schikanen, U-Haft für 17 Stunden, dann Verlegung in das „Depot“. Den gefeierten Autor erwartet auf Anweisung des Staatsanwaltes eine weitere Nacht im Gewahrsam: die kalten Katakomben im Untergrund der Stadt, gleich hinter dem Justizpalast, sind wenig einladend, versifft und menschenunwürdig. Die Presse wird informiert. Ein gefundenes Fressen für den Pariser Kulturbetrieb. Während zwei Jahre zuvor noch der Leinwanderfolg „39,90“ gefeiert wurde, zu dem Beigbeder mit seinem exzessiv koksenden Werber die literarische Vorlage bot, so holt ihn sein romaneskes alter ego in diesen schlaflosen Nächten im Kerker ein. Ohne Stift und Lektüre begibt sich Beigbeder auf eine Reise in die Vergangenheit: Seine Kindheit in großbürgerlichen Verhältnissen und die adelige Familie seiner Mutter werden episodenhaft wiederbelebt. In seiner frühen Jugend erfolgt der Bruch zwischen den Eltern. Die Scheidung wird totgeschwiegen. Sein Vater, ein Lebemann und erfolgreicher Headhunter; die Mutter versucht als Übersetzerin von Groschenromanen ihre beiden Söhne durchzubringen. Beigbeder betont die Zerrissenheit, die allen Scheidungskindern anhaftet und macht das Thema zu einem Generationenproblem. Auch die Beziehung zu seinem Bruder kommt nicht zu kurz. Als sich der Erfolgsautor im Knast mit dem eigenen Scheitern seines letzten Exzesses konfrontiert, steht seinem älteren Bruder, der sich als innovativer Unternehmer profilierte, der Ritterschlag der französischen Ehrenlegion bevor. Ob das enfant terrible Beigbeder diesem Ereignis beiwohnen wird, löst sich im weiteren Verlauf des Romans auf.
Buchkritik von David Recordon
Beigbeder lässt seine Protagonisten Octave Parango und Marc Maronnier aus vorhergehenden Roman-Universen zurück und bedarf nicht länger eines Vorwands, um sich selbst zum Thema seiner Romane zu machen. „Ein französischer Roman“ überrascht mit einem umfassenden Familienporträt, das intime Einblicke gewährt ohne dabei schmutzige Wäsche zu waschen. Die einzige Abrechnung, die Beigbeder im Sinn hat, bezieht sich auf den Wandel der Gesellschaft zwischen einer behüteten Kindheit in Neuilly-sur-Seine, im Aufbruch des Mai 1968, und der snobistischen bourgeoisen Pariser Kreise bis in die 1990er Jahre hinein. Beigbeder legt den vermeintlichen Rebellen in sich ab. Ein widersprüchlicher Autor, der sich gegen alles auflehnt, was seine Herkunft ausmacht und doch Teil von ihm ist. So stellt er ausgiebig den Überfluss und den frönenden Luxus, den er selbst lange zu schätzen wusste in Frage und skizziert kritisch den elitären französischen Zeitgeist, der als Auslaufmodell für die ganze westliche Hemisphäre fungieren könnte.
„Ein französischer Roman“ gibt uns auch Einblicke in die verletzliche und melancholische Seele eines Schriftstellers, der sich direkt an sein Publikum wendet - um geliebt zu werden; wie er selbst im Buch eingesteht. Ein Komplex, den die literarischen Genies des 20. Jahrhunderts nur zu gerne kultivierten und der zur leidvollen Inspiration für ihr Schaffen wurde. Eine Prise Proust liest man in den Erinnerungsskizzen Beigbeders, der sich zwar nicht anmaßt, ein spannenderes Leben zu führen als gewöhnliche Zeitgenossen, jedoch selbstbewusst darauf verweist, dass er das Talent hat, dieses aufzuschreiben. Nicht zuletzt handelte ihm dies 2009 den begehrten Prix Renaudot ein.
Mit diesem Buch ist dem Autor eine Liebeserklärung an seine eigene Familie, die Eltern, seinen Bruder und an seine 10-jährige Tochter Chlöé gelungen. Die Grenzen zwischen persönlicher Vita und Romanfiktion werden durch die verschwommenen Erinnerungen in den zwei Nächten in Gewahrsam aufgehoben. Ein bewegendes Buch, das mit seinen ehrlichen Aussagen entwaffnet und an der Sympathie für den geläuterten Rebellen keine Zweifel lässt: Der bisher reifeste Roman von Frédéric Beigbeder.
Es bleibt die Frage was folgt, wenn aus dem Reservoir an autobiografischem Material alles ausgeschöpft zu sein scheint. Eins steht fest, auf den nächsten Roman dürfen wir gespannt sein.
Auf dass der beste Wurf von Beigbeder noch kommen mag.
Wissenswertes
Nach der Veröffentlichung des neuen Romans von Frédéric Beigbeder im vergangenen Herbst in Frankreich, liegt nun auch hierzulande die lang ersehnte Übersetzung des vielversprechenden Buches im Deutschen vor.
