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Kommende Buchkritiken
Das Kind, das vom Ende der Welt träumte
Il bambino che sognava la fine del mondo
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Autor
Antonio Scurati
Genre Roman
Verlag Rowohlt ISBN 978-3498064037 Übersetzung Suse Vetterlein Erscheinungsdatum (D) Juli 2010 Erschienen 2009 Seiten 352 |
Inhalt
Nacht für Nacht geht die Welt des kleinen Jungen im Feuer unter. Das Ende kommt immer und unweigerlich. Die Eltern dürfen das Licht nicht ausmachen, wenn er zu Bett geht, dennoch suchen ihn die Dämonen seiner Träume heim. Dann wandelt der Junge im Schlaf durch die Wohnung oder auch durch die Straßen. Am nächsten Morgen lichten sich die Schatten, doch die diffuse Angst einer Katastrophe bleibt.
30 Jahre später ist aus dem Jungen ein erwachsener Mann geworden. Mit gutem Job, Freundin und geregeltem Leben. Doch dann kommt der heiße Sommer 2007 und der Mann wird Zeuge wie eine ganze Stadt in Hysterie versinkt. Lehrer, Priester, Erzieherinnen – sie alle sollen kleine Kinder sexuell missbraucht haben. Ein ganzer Ring von Pädophilen mitten in Italien und unter dem Deckmantel der Katholischen Kirche. In der aufgeheizten Atmosphäre der Angst und der Verdächtigungen beginnt er auch sich selbst zu hinterfragen. Ist auch er schuldig? Oder gar ebefalls Opfer eines ähnlichen Verbrechens? Immer tiefer sinkt er in den Strudel bis der Auftritt der Mutter des ersten Opfers im Fernsehen eine fast undenkbare Kehrtwende bringt…
Buchkritik von Melanie Frommholz
Antonio Scuratis „Das Kind, das vom Ende der Welt träumte“ gehört zu jenen Büchern, die einen aufgrund ihrer verstörenden Intensität noch lange nach dem das letzte Wort gelesen ist, beschäftigen. Eindrücklich und sich einer drastischen Sprache bedienend, zeichnet er das Bild von kollektiver Angst und deren Auswirkungen. Unweigerlich fragt man sich, wie man selbst wohl reagieren würde, wäre das eigene Kind an einer Schule, an der Lehrbeauftragte des sexuellen Missbrauchs angeschuldigt sind. Mit einer teils erschreckenden Nüchternheit lässt Scurati seinen Ich-Erzähler von den sich zuspitzenden Ereignisse dieser Massenpsychose berichten. Mit zunehmender Fassungslosigkeit verfolgt man, wie die Vernunft abhanden kommt und Gerüchte die Wahrheit ersetzen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die „Innenansichten“ dieser Figur, die von der Angstwelle gepackt und fortgespült wird, sich selbst dabei fast verliert und am Ende sogar selbst denkt, ein Kinderschänder zu sein. In den Zwischenkapiteln öffnet der Autor die Tür in eine gequälte Kinderseele.
Scuratis teils fiebrige Erzählweise verführt den Leser, Teil der Psychose zu werden und der kippenden Balance zwischen zivilisiertem Miteinander und roher Gewalt nachzuspüren. Ebenso fasziniert verfolgt man die Annäherung des Ich-Erzählers an sein Kind-Ich und seine vergrabenen Ängste.
Angesichts nicht abreißender Meldungen von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld erhält das Buch von Antonio Scurati eine aktuelle Brisanz. Es führt vor Augen, wie schnell Anschuldigungen eine alles zerstörende Eigendynamik bekommen und wie wichtig eine faktenbasierte Aufklärung in solchen Fällen ist. Scurati nutzt seine Geschichte auch geschickt dazu, die Rolle der Medien in einem solchen Prozess anzuprangern. Unter dem Deckmäntelchen der Berichterstattung frönen die Journalisten nur allzu oft der Sensationslust und verfüttern mutmaßliche Opfer und Täter gleichermaßen sprichwörtlich an die hungrige Meute.
„Das Kind, das vom Ende der Welt träumte“ - die Chronik einer Hysterie und die Auseinandersetzung mit dem Bösen in der Welt. Keine leichte, aber eine faszinierende Lektüre, die nachhallt.
Wissenswertes
„Das Kind, das vom Ende der Welt träumte“ ist das erste Buch von Antonio Scurati, das ins Deutsche übersetzt wurde.
Antonio Scurati lehrt an der IULM-Universität in Mailand und koordiniert dort das Forschungszentrum für Kirges- und Gewaltsprachen.
