Der Zug in die jüngste Nacht

Il treno dell’ultima notte

Der Zug in die jüngste Nacht

Autor Dacia Maraini Genre Roman
Verlag Piper
ISBN 978-3-492-05294-8
Übersetzung Eva-Maria Wagner Erscheinungsdatum (D) 06.09.10   
Erschienen 2008  Seiten 480

Inhalt

Amara, eine junge italienische Reporterin, kennt nur ein Ziel: Sie möchte ihren Freund aus Kindertagen, Emanuele, wieder finden. Es ist das Jahr 1956, der Zweite Weltkrieg rückt mit seinen schrecklichen Erinnerungen immer mehr in den Hintergrund, während der Kalte Krieg Europa weiterhin fest im Griff hält. Amaras Chef hat sie für eine Recherche nach Auschwitz geschickt und sie hofft, dort auf Spuren von Emanuele zu stoßen. Denn nachdem er 1943 aus dem Getto abgeholt wurde, gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Doch ein Bündel von Briefen lässt Amara hoffen, dass er, der immer noch die große Liebe ihres Lebens ist, das Konzentrationslager überlebt haben könnte.

Während dieser langen Zugfahrt lernt Amara den „Mann im Gazellenpullover“ kennen, dem sie hilft, die Grenze zu passieren. Daraufhin bietet er ihr seine Hilfe bei ihrer verzweifelten Suche an. Bald darauf stößt noch ein Dritter zu ihnen, der an ihrem Unternehmen teilhaben möchte, und schließlich landen sie in Budapest, in dem sich Aufständische und Soldaten furchtbare Straßenschlachten liefern. Amara muss erkennen, dass das, was sie so lange gesucht hat, nicht unbedingt mit ihren Träumen und Sehnsüchten übereinstimmt…

Buchkritik von Stefanie Rufle

Stefanie vergibt 5 von 5 Bs Es sind die Traumata eines noch nicht so lange zurückliegenden Krieges und die Wirren eines noch bestehenden, die den roten Faden dieses Romans bilden. Dacia Maraini zeichnet sich durch eine ausgefeilte und einfühlsame Charakterzeichnung und ein großes psychologisches Gespür aus. Behutsam schildert sie die tiefen Verletzungen, die immer noch blutenden Wunden und die niemals heilen wollenden Traumata, die ihre Figuren mit sich herumtragen. Der Krieg ist zu Ende, das Leben geht weiter, alle schauen nach vorne, sind froh, dass sie den fürchterlichen Gräueln entkommen konnten. Und doch ist da noch etwas: Schreckensbilder, die sich auf der Netzhaut eingebrannt haben, furchtbare und nie wieder gutzumachende Verluste und die niemals enden wollende Suche nach denen, die vermisst werden. All das schimmert in „Der Zug in die jüngste Nacht“ zwischen den Zeilen hervor, weckt eine Ahnung davon, wie abgrundtief bitter dieser Krieg tatsächlich war.

Gekonnt und scheinbar ohne jede Anstrengung spannt Dacia Maraini den Bogen vom Zweiten Weltkrieg und dem Grauen der Shoa bis zu den blutigen Straßenschlachten des schließlich niedergeschlagenen Budapester Aufstands. Doch trotz dieser Grausamkeiten zeigt uns die Autorin mit Hilfe ihrer wunderbaren Charaktere, dass es inmitten von Angst und Tod immer wieder Hoffnung und Menschlichkeit geben kann. Gerade in unserer Zeit, in der der letzte Krieg vermeintlich schon so lange zurückliegt, ist es besonders wichtig, dass uns immer wieder bewusst gemacht wird, welche Verletzungen und Traumata ein Krieg in den Seelen der Menschen anrichten kann.

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